Lernen mit dem biographischen Rucksack

Lernen in kultureller Vielfalt betrifft Kinder und Erwachsene. Wer mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund erfolgreich arbeiten möchte, sollte besonders gut auf kulturelle Differenzen vorbereitet sein. Die Tagung "Lernen in kultureller Vielfalt" am 18. und 19. Mai 2006 in Witten an der Ruhr wollte Lehrerinnen und Lehrern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Jugendhilfe Informationen vermitteln, die es erleichtern, Personen aus anderen Regionen der Welt besser einzuschätzen.

Der tamilische Junge, der in einer nordrhein-westfälischen Offenen Ganztagsgrundschule lernt, brachte seine Essgewohnheiten mit: Am Mittagstisch aß er mit den Fingern, höchstens mit einem Löffel. Er klaubte auch Essensreste aus dem Mülleimer - zum Amüsement seiner Mitschüler, die ihn deswegen auslachten. Als Außenseiter ohne echte Freunde buhlte er fortan als eine Art Klassenclown um die Gunst der anderen. Die wiederum nutzen das aus, sie stachelten ihn an, Sand ans Schulgebäude zu werfen oder Handtücher in Toiletten zu stopfen.

Dieses Beispiel eines Anerkennung suchenden Kindes wurde von einer Lehrerin in einer Arbeitsgruppe auf der Tagung "Lernen in kultureller Vielfalt - Individuelle kulturelle Vielfalt in der Offenen Ganztagsschule - Kompetenz zur interkulturellen Förderung" am 18. und 19. Mai 2006 in Witten an der Ruhr berichtet. Und es stellten sich die Fragen: Wie geht man mit Kindern in solchen Fällen um? Wie mit den Reaktionen der Klasse? Was steckt hinter diesem Verhalten, und wie sensibilisiert man Pädagogen und Kinder für kulturelle Erfahrungen, die ihnen fremd erscheinen?

Auf Klassen, die überwiegend von Kindern mit Migrationshintergrund besucht werden, und Schulen, an denen Kinder und Jugendliche aus 20 verschiedenen Nationen aus der ganzen Welt lernen, bereitet das Lehramtsstudium nicht vor. Rund 40 Lehrerinnen und Lehrer und Jugendhilfemitarbeiterinnen und -mitarbeiter nutzten daher die Veranstaltung des Instituts für soziale Arbeit (ISA) und des Landesjugendamts des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL), um pädagogische Impulse für das Lehren und Erziehen in so genannten multikulturellen Klassen zu erhalten und sich gegenseitig über ihre Arbeit auszutauschen.

Andere Kulturen kennen und anerkennen

Dr. Béatrice Hecht-El Minshawi

Die Seminargestaltung hatten Irmgard Grieshop-Sander vom Landesjugendamt und Uwe Schulz vom ISA einer Interkulturellen Trainerin, Dr. Béatrice Hecht-El Minshawi, übertragen. Béatrice Hecht, die selbst aus einer interkulturellen Familie stammt, ist Mitglied des Bremer Netzwerks "Interkultur - Interkulturelle Kompetenz" und seit 33 Jahren interkulturelle Trainerin. Ihr Netzwerk bietet unter anderem für Unternehmen interkulturelles Coaching und Vorbereitung auf Auslandsaufenthalte an, um die "interkulturelle Handlungskompetenz von Personen in Arbeits- und Lebenssituationen zu stärken und zu erweitern".

Die Ganztagsschule hält Dr. Hecht für ein "spannendes Thema": "Die Offene Ganztagsschule ist wichtig, weil sie zur Selbstständigkeit erziehen will. Sie ist aber nicht interkulturell gedacht." Institutionen wie die Schule müssten andere Kulturen anerkennen und Integration nicht zu schnell erwarten. "Identität ist wie eine Haut, die Kinder sind kulturell geprägt und bringen ihren eigenen biographischen Rucksack mit", erklärte die Trainerin. Wenn man in ein fremdes Land komme, überschreite man nicht bloß eine Landes-, sondern auch eine Identitätsgrenze. Das lasse sich nicht so einfach übergehen, sondern erfordere viel Arbeit mit den Kindern.

Gerade im Umgang mit Kindern aus stark hierarchischen Gesellschaften, wie zum Beispiel der Türkei, sei konsequentes Handeln durch die Lehrerinnen und Lehrer wichtig. "Die Kinder brauchen jemanden, der ihnen sagt, wo es langgeht. Viele türkische Jungen zum Beispiel akzeptieren nur eine klare Ansprache", so Dr. Hecht. Bedauerlich sei, dass die Politik in Deutschland so lange geschlafen habe, während zum Beispiel in Australien im öffentlichen Dienst Beschäftigte interkulturell geschult, Integrationskonzepte aufgelegt würden und Sprachförderung für Immigranten verpflichtend sei.

Kompetenzen der Kinder wahrnehmen

Aber nicht nur die Migranten sollten mit Hilfe von Sprachkursen auf die Aufnahmegesellschaft zugehen, auch die Schule müsse die Erfahrungen der Kinder aufgreifen. "Wir sehen die Kinder viel zu reduziert, dabei sind wir alle vielfältig in uns selber. Eine Lehrkraft kann die jeweilige individuelle Kompetenz eines Kindes nutzen und ihm damit Respekt zollen", meinte die Seminargestalterin. Ein Ziel der Tagung sei daher auch, die Frage aufzuwerfen, was eine Persönlichkeit alles mitbringe.
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Zu diesem Zweck begann die Tagung im Georghotel auch mit der persönlichen Einbeziehung aller Anwesenden. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stellten sich nach "kulturellen" Kriterien vor: Nach der Herkunft von Stadt und Land, der Religion und der Familiensituation beispielsweise. Dazu kamen Fragen nach der Prägung durch bestimmte Personen oder nach der Eigenschaft, die einem bei sich selbst am wichtigsten erscheint. Damit wurde der Blick für den "biographischen Rucksack" bereits geschärft. Diese Sichtweise erweiterte Dr. Hecht dann auf die Kultursysteme der Welt.

So spiegeln sich Sozialisationsaspekte in Kulturen geringer oder starker Machtdistanz in unterschiedlichem Verhalten der Schülerinnen und Schüler im Unterricht. Während Kinder, die ermutigt werden, ihren eigenen Willen zu haben, mit einer schülerzentrierten Erziehung, bei der sie die Initiative ergreifen sollen, gut zurechtkämen, sei für autoritärer erzogene Kinder ein lehrerzentrierter Unterricht, in dem eine feste Ordnung vorgegeben werde, vielfach gewohnter. Bei ersteren dürfe der Lehrer auch schon mal eine Antwort schuldig bleiben, während letztere vom Lehrer auf jede Frage eine Antwort erwarteten.

Das Wort "Elternarbeit" vermeiden

Türkische Eltern erwarteten von den Lehrerinnen und Lehrern, ihr Kind kompetent zu lehren und zu erziehen, wie in der von Uwe Schulz moderierten Arbeitsgruppe "Elternengagement für die Offene Ganztagsgrundschule" berichtet wurde. Sie delegierten diese Aufgabe oft komplett an die Schule und seien irritiert, wenn Probleme mit ihren Kindern auftauchten. Im Umkehrschluss hielten sie dann die Lehrer für inkompetent. "Als Lehrer sollte man gegenüber den Eltern niemals gleich zu Beginn eines Gesprächs Defizite des Kindes in den Vordergrund rücken oder eingestehen, nicht weiter zu wissen", erklärte Dr. Hecht. Statt dessen müsse mit den Eltern gemeinsam der Grund für ein bestimmtes Verhalten gesucht werden.

Doch wie gewinnt man Migranteneltern als Partner in der Offenen Ganztagsschule, so wie es beispielsweise in Neuseeland Eltern-Lehrer-Teams gibt? Die Arbeitsgruppe war sich einig, dass Schulleitung und Kollegium ein Konzept entwickeln müssen, um zum Beispiel das Ziel einer "bunten Schule" zu verwirklichen und die Mitarbeit von Eltern als Bereicherung und nicht als Schwierigkeit zu empfinden. Das Wort "Elternarbeit" solle möglichst vermieden werden. Eine Lehrerin berichtete: "Die Elternarbeit kostet am Anfang Kraft, sie muss langsam wachsen, man kann nichts erzwingen, aber wenn der Kontakt erst einmal hergestellt worden ist, kann man an einem gemeinsamen Strang ziehen." In der Jahnschule im westfälischen Hamm zum Beispiel  kochten türkische Mütter für die Offene Ganztagsgrundschule.

Um Schwellenängste vor der Schule abzubauen, könnten die Schulen einen Elternraum einrichten oder ein Elterncafé. Es stelle sich die Frage der Finanzierung, wenn man die Eltern morgens, wenn sie ihre Kinder zur Schule gebracht haben, bewirten wolle. Hier könne beispielsweise der Förderverein einspringen, berichtete ein Lehrer, an dessen Schule dieses Konzept erfolgreich eingeführt worden ist.

"Was kann ihr Kind besonders gut?"

Eine intensivere Kooperation mit den Eltern hielt auch die Arbeitsgruppe "Schwierige Kinder - schwierige Pädagogen" für erstrebenswert. Es seien dazu aber bessere Personalressourcen und mehr Lehrerstunden im Offenen Ganztag notwendig, um sich auch den Schülerinnen und Schüler besser widmen zu können. Letztendlich würde die gebundene Ganztagsschule die Verschränkung von Schule und Jugendhilfe optimieren. Fortbildungen im interkulturellen Lehren und Lernen sollten für Lehrer und Erzieher verpflichtend werden.

Tagungsteilnehmer bei einer Übung

In der Arbeitsgruppe "Konzepte und Strategien interkultureller Arbeit an der Offenen Ganztagsgrundschule" formulierte man ein "Bündnis für Erziehung" von Lehrern, Erziehern und Eltern. Diese Trias müsse sich in den Mitwirkungsstrukturen der Schule spiegeln, die transparent gestaltet sein sollten. Schulen müssten Räume für Begegnungen mit den Eltern schaffen. Eine vertrauensbildende Maßnahme könnten Befragungen der Eltern sein, "was ihre Kinder gut können". Wünschenswert sei auch ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch auf kommunaler Ebene zwischen Ganztagsschulen und der Jugendhilfe, wie er in Dortmund mit "Ganztagsschullehrer und Erzieher diskutieren" stattfindet.

Die Schule müsste sich über den Sprachkenntnisstand der Eltern informieren und gegebenenfalls Einladungen und Informationen in der jeweiligen Herkunftssprache versenden. Zweisprachige Coaches und Fachkräfte mit Migrationshintergrund könnten zwischen den Kulturen vermitteln. Zur Sprachförderung dienten muttersprachlicher Unterricht, Schreibwerkstätten, Lesezirkel, der Einsatz von Ehrenamtlichen für Leseangebote und Sprachkurse für Eltern.

Und wie kann man dem tamilischen Jungen helfen? Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten verschiedene Ideen: Die Schülerinnen und Schüler können in einem Projekt Kulturinformationen über Sri Lanka sammeln oder "Esskulturen in anderen Ländern" untersuchen. Sie könnten sich gegenseitig von ihren "biographischen Rucksäcken" erzählen. Dadurch lernen die Kinder andere Kulturen konkret kennen. Die Lehrer und Erzieher könnten darüber hinaus Spiele einführen, die Schülerinnen und Schüler erleben lassen, was Integration ist.

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