Vom Klingelbeutel der Schulen zum Arbeitgeber

Wenn drei zusammenkommen, gründen sie einen Verein. In Thüringen gründen sie verstärkt Schulfördervereine an Ganztagsschulen. Diese Schulfördervereine koordinieren die zahlreichen Angebote der Schuljugendarbeit - ein unverzichtbarer Bestandteil des ganztägigen Lernens in Thüringen. Angesichts der Herausforderungen, vor denen Schulen in Deutschland stehen, wollen und können sie mehr tun.

Ein stimmungsvoller Grillabend am See bei Sonnenuntergang, Kuchen für das Schulfest, neue E-Gitarren für die Schulband - Schulfördervereine sind gut für das Schulklima. Doch Schulfördervereine sind längst nicht mehr nur dazu da, die Schulseele durch die Finanzierung von Grillabenden zu massieren. Sie sind ihren Kinderschuhen als private Geldquelle entwachsen. Angesichts der Herausforderungen, vor denen Schulen in Deutschland stehen, können sie mehr tun und wollen mehr tun.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer

Denn während Staat und Kommunen sich in Finanzkrisen bewegen, wachsen den Fördervereinen neue ungekannte Spielräume zu. Aufgaben und Anzahl der Fördervereine wachsen. Die Vielfalt der Angebote - Arbeitsgemeinschaften, Hausaufgabenbetreuung, Projektarbeit, Sprachförderung - machen die Fördervereine zu einem wichtigen Element des chullebens. Die Serviceagentur "Ganztägig lernen" in Thüringen hat diese Dynamik aufgegriffen. Die Tagung "Schulfördervereine als Unterstützungssystem in, an und um Schule" am 23. und 24. Juni 2006 in Erfurt war vollkommen ausgebucht. "Mit diesem Arbeitsschwerpunkt haben wir ins Schwarze getroffen", sagt Rosa Maria Haschke von der Serviceagentur "Ganztägig lernen" in Thüringen. Daher wird es im Dezember dieses Jahres eine weitere Tagung zum Thema geben. Das Interesse für das Engagement an Ganztagsschulen ist in Thüringen besonders ausgeprägt.

Einer Untersuchung über Schulfördervereine zufolge gibt es in Deutschland rund 20.000 Fördervereine mit insgesamt zwei Millionen Mitgliedern. Die Vereine verfügen über insgesamt 72 Millionen Euro und im Durchschnitt hat jeder Verein rund 3.600 Euro in der Kasse. In Nordrhein-Westfalen hat jede zweite Schule (57 Prozent) einen Förderverein, in Baden-Württemberg (32 Prozent) jede Dritte und in Bayern jede fünfte Schule (19,4 Prozent), so Anne Kreim, die Vorsitzende des Landesverbands der Schulfördervereine (LSFV) in Baden-Württemberg. Die meisten Schulfördervereine finden sich an Grundschulen und Gymnasien, ganz wenige hingegen an Hauptschulen.

Die Initiative zur Gründung eines Schulfördervereins kann von Eltern oder vom Lehrerkollegium ausgehen. Wenn Lehrkräfte mit im Boot sind, ist zumindest die Akzeptanz innerhalb der Schule garantiert. Kennzeichnend für die Stellung der Fördervereine in den Schulen ist die Kooperation mit allen Gremien, die für die Bildung, Erziehung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen bedeutsam sind. Innerhalb der Schule sind dies Schulleitung, Kollegium, Sekretariat, Schülervertretung, Elternbeirat und außerhalb Kommune, Schulträger, Ämter, Betriebe, Vereine und interessierte Bürger.

Schulförderverein - mehr als nur ein Masseur für die Schulseele

Fördervereine sind eine institutionalisierte, auf Dauer gestellte Form der Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am Schulleben. Sie bilden das "institutionelle Bindeglied zwischen Schule und Gesellschaft", sagt Rosa Maria Haschke, die auch Vorsitzende des Schulfördervereins "Christliche Schule Jena e.V." in Jena ist. Fördervereine ergänzen die staatlichen Angebote, ohne sie zu ersetzen. Sonst würden sie von Schulleitung und Kollegien als Konkurrenz wahrgenommen.

Als Vereine verpflichten sie sich auf das Ziel der Gemeinnützigkeit und legen Rechenschaft über ihr Handeln ab. Sie unterstützen die Schulen bei der Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen mit den Mitteln des Vereins, dessen Wirkung mit der Anzahl seiner Mitglieder steht und fällt. Je mehr Mitglieder, umso mehr Mittel und Hände, um Entwicklungsarbeit in Bildung und Erziehung zu leisten.

Fördervereine brauchen ein Ziel oder in der Fachsprache: einen Vereinszweck. Das Förderziel sollte klar umrissen und nicht zu eng gefasst zu werden. Der Förderverein der Regelschule Stadtilm legt sich auf drei Punkte fest: Förderung von talentierten Schülerinnen und Schülern in Sport, Musik, Kunst oder Informatik, Förderung von sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern, Prüfungsvorbereitung und sonderpädagogische Förderung.

Fördervereine schließen Schulen auf

Ines George

"Ohne Fördervereine kann eine Ganztagsschule nicht funktionieren", behauptet Ines George, Lehrerin und Ganztagsschulkoordinatorin an der Staatlichen Regelschule Stadtilm. Vielmehr sind die Schulfördervereine so etwas wie ein privates Investitionsprogramm Bildung und Betreuung engagierter Eltern, Lehrer und Bürger vor Ort, ein Förderprogramm, das auch zur Öffnung von Schule zum Umfeld beiträgt. Die Besonderheit bei dem Förderverein der Regelschule: das Ineinandergreifen des schulischen und privaten Handelns des Fördervereins.

"Die Aufgaben des Schulfördervereins und diejenigen der Ganztagsschulkoordinatorin sind identisch", sagt Ines George. Gilt es, ein Schulfest zu planen, Schüleraustauschprogramme zu starten, Busfahrzeiten mit dem Nahverkehr auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler abzustimmen, Geldquellen zum Sprudeln zu bringen, Lehrmittel anzuschaffen, mit der Kommune zusammenzuarbeiten - stets hat der Fördervereine seine Finger mit im Spiel.

Mehr noch: Der Förderverein ist auch "Maßnahmeträger" an der Ganztagsschule in Stadtilm. Über ihn beschafft die Schule Arbeitsgelegenheiten für 1-Euro-Jobs, stellt Mitarbeiter für den Schülerclub, der von 10 bis 16 Uhr geöffnet ist, oder Musiker für die Schulband. Die ganze Freizeitschiene wäre in dem Umfang nicht möglich ohne den Förderverein.

In Thüringen setzen Ganztagsschulen auf die Angebote der "Schuljugendarbeit". Schuljugendarbeit in Thüringen ist "außerunterrichtliche, freiwillige und verlässliche Jugendarbeit an und in Verantwortung der Schule. Sie ist charakterisiert durch bedarfsorientierte, außerunterrichtliche Betreuungs- und Förderangebote für alle Schüler an Regelschulen, Gymnasien, Gesamtschulen und in Ausnahmefällen in Förderzentren auf der Basis eines pädagogischen Gesamtkonzepts der Schule und gegebenenfalls in Kooperation mit externen Partnern" (Thüringer Kultusministerium) Sie baut auf dem elterlichen Erziehungsauftrag auf und soll diesen ergänzen und soziale Ungleichheiten abbauen.

Staatliche Verantwortung ergänzen, nicht ersetzen

Da Schulen keine rechtsfähigen Institutionen sind und somit keinen Antrag auf Zuwendungen zur Jugendarbeit von sich aus stellen können, springen in Thüringen vermehrt Vereine, vor allem Schulfördervereine in die Bresche. Sie verwandeln sich zu Trägern von Maßnahmen der Jugendarbeit. Denn Landesmittel zum Aufbau einer ganztägigen Betreuung durch die Jugendhilfe landen bei den Schulfördervereinen. Früher seien Fördervereine "Geldgeber" gewesen, heute seien sie "Arbeitgeber", so bringt es Anne Kreim auf den Punkt. Die Fördervereine könnten die finanzielle Verantwortung des Schulträgers nicht ersetzen, aber wohl ergänzen.

Rosa Maria Haschke

Der Förderverein ist "ein Instrument, mit dem die Ganztagsschule schnell und flexibel auf die Anforderungen des Umfelds reagiert", so Rosa Maria Haschke von der Serviceagentur "Ganztägig lernen". Beim Förderverein der Christlichen Schule Jena e.V. machen Personalkosten bereits die Hälfte des Gesamtbudgets aus, das zudem Mittel für Ausstattung mit Lehrmaterialien und für Projektarbeit beinhaltet. Der Förderverein hat ein "Mitspracherecht und Gestaltungsmöglichkeiten bei allen die Entwicklung der Schule betreffenden Entscheidungen". Der Bedeutungswandel der Fördervereine rechtfertigt auch die "Unterstützung der inhaltlichen Entwicklung" der Schulen, so Haschke, allerdings müssten die Fördervereine bei dieser Frage mit Fingerspitzengefühl agieren und sich im Zweifel den Entscheidungen der Schulleitungen unterordnen.

Fördervereine in den Niederungen des Alltags

"Bei uns ist das so", unter diesem Titel trafen sich Eltern sowie Lehrerinnen und Lehrer nach den Referaten von Anne Kreim, Ines George und Rosa Maria Haschke in Arbeitsgruppen. Diese führten in die Niederungen des Vereinsalltags mit seinen Höhen und Tiefen. Der Alltag ist für viele geprägt von Unsicherheit durch Schulzusammenlegungen. Es gibt immer weniger Schülerinnen und Schüler in Thüringen und so manche Schule bangt um ihr Überleben. Das lässt auch die Arbeit in den Schulfördervereinen nicht unberührt. Eine Teilnehmerin hatte den Eindruck: "In Thüringen stehen wir auf einem Ruinenfeld." Ein Lehrer gab zu Protokoll, wie er die Arbeit des Fördervereins vor 20 Schulklassen darstellte. Das Interesse war "ernüchternd". Zum geringen Interesse bei Eltern kämen bremsende Schulleitungen, geringes öffentliches Interesse und Eltern, die als Hartz-IV-Empfänger die Beiträge für den Förderverein nicht aufbringen können.

Auf der anderen Seite gibt es die Lust, neue Tätigkeitsfelder für die Fördervereine zu entdecken. Neue Möglichkeiten an Geld zu kommen, die attraktiver sind als Spenden sammeln: Sponsorenläufe. Dabei suchen sich die Fördervereine Sponsoren, die für jeden gelaufenen, geschwommenen, verstehe ich nicht einen ausgemachten Betrag bezahlen. Je mehr Kilometer zusammenkommen, umso mehr Geld kommt für bessere Schulen zusammen. Das bringt natürlich auch der lokalen Wirtschaft Vorteile. Fördervereine für eine gesündere Verpflegung, Fördervereine für entspanntes Lernen, Fördervereine für Ausbildungsperspektiven, Fördervereine für Kunst und Kultur - Ideen für die Ausweitung des Aktionsradius der Vereine gibt es viele.

Außer Ideen brauchen Schulfördervereine auch Rechtskenntnisse. Nach Steuerberater Thorsten Lingmann aus Jena braucht jeder Förderverein eine "Vereinsverfassung", also eine Satzung. Er empfahl, den Vereinszweck "so weit wie möglich zu fassen", Einschränkungen gebe es nach der Eintragung des Vereins von Seiten des Finanzamtes. Etwas knifflig ist das Steuerrecht. Es gibt Tätigkeiten eines Fördervereins, die steuerrechtlich bedeutsam sind und andere nicht. Auch Schulfördervereine müssen in einer Steuererklärung ihre Einnahmen deklarieren.

Schulfördervereine vernetzen

Wer handelt, haftet. Der Vorstand eines Schulfördervereins haftet mit seinem Privatvermögen, so Anne Kreim, "die Vereinshaftpflichtversicherung ist daher ein Muss", rät die Vorsitzende des LSFV in Baden-Württemberg. Eine Umfrage per Handzeichen unter den Thüringer Fördervereinsaktivisten auf der Tagung ergab: Kaum ein Förderverein im Lande hat eine Versicherung abgeschlossen. Vor dem Hintergrund, dass die Thüringer Fördervereine auch manche staatliche Aufgabe (z. B. Jugendhilfemaßnahmen) übernehmen, sollten die Fördervereine in Thüringen mit dem Haftungsrisiko nicht allein gelassen werden, meint Rosa Maria Haschke.

Baden-Württemberg, Berlin und Saarland. Diese Länder stehen für drei gegründete Landesverbände der Schulfördervereine. Thüringen könnte der vierte Landesverband werden. Warum ein Landesverband, wenn es schon einen Bundesverband gibt? Landesverbände können die Mitglieder in der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft auf kommunaler und auf Landesebene wirksamer vertreten. Sie kennen die Schulfördervereine des eigenen Bundeslandes besser und können diese auch leichter miteinander vernetzen. Sie können die Wege der öffentlichen und privaten Gelder in Thüringen besser verfolgen und Beziehungen zu Geldgebern aufbauen. Notwendig, sei ein Landesverband der Schulfördervereine in Thüringen, lautet der Tenor des Votums der Tagungsteilnehmerinnen und - teilnehmer.

Udo Große, Lehrer an der Janisschule in Jena, einer Schule, die unter dem Joch des Vandalismus, Alkoholkonsums und der Perspektivlosigkeit ächzt, bringt es auf den Punkt: "Ich finde die Gründung des Landesverbandes wichtig, um Zeichen gegen die Entsolidarisierung in der Gesellschaft zu setzen."

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