Eltern erwünscht!

Mit Eltern zusammenarbeiten, gemeinsam Ganztagsschule gestalten, sie an den schulischen Erfahrungen der Kinder beteiligen - dies kann ein weiterer Baustein sein, Schule zu einem Lebensort zu machen, der sich Erfahrungen und Impulsen von außen öffnet. Ganztagsschulen können die Kompetenzen und Interessen der Eltern nutzen. Wie aber kann die Beteiligung von Eltern in der offenen Ganztagsschule aussehen? Was gibt es für Formen, Methoden und Konzepte, um Eltern einzubinden?

Im Jahr 2002 bewarb sich das Fontane-Gymnasium im brandenburgischen Rangsdorf um eine Beteiligung am BLK-Programm "Demokratie lernen & leben". Die Schule sah einen Entwicklungsbedarf, die Schul- und Unterrichtskultur mehr darauf auszurichten, dass Schülerinnen und Schüler Verantwortung für ihr Lernen, aber auch für die Gestaltung ihrer Schule als Lebensraum übernehmen. Dabei wurde man sich bewusst, dass eine veränderte Verantwortungsübernahme von Schülern auch eine veränderte Rolle von Lehrern und Schulleitung voraussetzt. Als ein bedeutendes Instrument zur Erreichung dieser Ziele wurde ein Unterrichts-Feedback von Schülern an Lehrer gesehen und als fester Baustein etabliert.

Schulleitung, Lehrer und Schüler kamen im Laufe dieses Prozesses zur Einsicht, dass zu einer vollständigen Feedback-Kultur die Meinung von Eltern zur Schule gehöre. Gewünscht wurde auch eine Übersicht darüber, wie sich Eltern an der Gestaltung der Schule beteiligen könnten. Deshalb entwickelte die Steuergruppe noch ein Elternfeedback mit Fragebogen und Elternkooperationsbogen. Nachdem man die Elternvertreter frühzeitig einbezogen, das Vorhaben in der Gesamtelternkonferenz und auf Elternabenden vorgestellt sowie alle Eltern angeschrieben hatte, beteiligten sich zwei Drittel der Eltern an der Befragung und boten der Schule diverse Unterstützung beispielsweise für die Zusammenarbeit in Arbeitsgemeinschaften an.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung

Um diese Angebote der Eltern für die Lehrer leicht abrufbar zu machen, wurde von den Eltern eine Datenbank entwickelt und eingerichtet. Diese Datenbank wird von den Lehrerinnen und Lehrern jetzt zum Beispiel bei der Durchführung von Projekten genutzt und von einer Elterngruppe gepflegt und aktualisiert. Durch diese Unterstützung werden schnell Berührungsängste abgebaut, es entwickelt sich eine andere Art der Identifikation mit der Schule und das Gefühl, dass alle Beteiligten gemeinsam an einem Strang ziehen.

In der Datenbank bieten 36 Prozent der Eltern des Fontane-Gymnasiums ihre aktive Unterstützung an. Darunter sind 36 mögliche Beiträge zur Unterrichtsgestaltung, Praktikantenplätze, 45 Stunden Bibliotheksaufsicht und auch Sach- oder Geldmittel für verschiedene Aktivitäten. Die Bibliothek konnte überhaupt nur durch dieses Engagement wieder eröffnet werden.

Logbuch als Kommunikationsmittel mit dem Elternhaus

"Von einer solchen Elternbeteiligung können viele andere Schulen nur träumen", findet Jürgen Bosenius von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Für ihn ist das Rangsdorfer Beispiel aussagekräftig: "Elternpartizipation wird oft dann erfolgreich verwirklicht, wenn sie gar nicht primär angestrebt wurde, sondern quasi durch die Hintertür im Schlepptau anderer Projekte Eingang ins Schulprogramm findet."

Ähnliches geschah an der Paul-Gerhardt-Schule im westfälischen Werl. Diese offene Ganztagsgrundschule, die schon länger mit Wochenplänen arbeitete, hatte sich durch die Erfahrungsberichte der schwedischen Futurum-Schule anregen lassen, Logbücher für die Schülerinnen und Schüler einzuführen, in welche diese ihre Lernziele für den Tag beziehungsweise die Woche eintragen und reflektieren. Dazu erhalten die Kinder noch die Möglichkeit, durch Smileys, Zeichnungen oder auch per Text auszudrücken, wie sie die Woche empfunden haben. Im 3. und 4. Schuljahr werden die Lernaufgaben eines jeden Tages in die Logbücher eingetragen. Schüler und Schülerinnen sowie Lehrkräfte und Erzieherinnen kommentieren durch kurze Einträge täglich, wie sich der Lernprozess entwickelt.

Für Schulleiter Wilhelm Barnhusen und sein Kollegium war es nur folgerichtig, das Logbuch nicht nur als Kommunikationsmittel zwischen den Pädagoginnen, sondern auch mit dem Elternhaus zu nutzen. "Die Eltern sehen hier täglich, wie der Schultag für ihr Kind gewesen ist", berichtet Barnhusen. Viele hätten sich positiv dazu geäußert. Es bringt für die Eltern aber auch die Verpflichtung mit sich, diesen Prozess im Auge zu behalten: "Der Terminplan eines Schuljahrs ist im Logbuch enthalten, und die Eltern müssen am Ende einer Woche unterschreiben, dass sie die Einträge gelesen haben. Niemand kann sagen, er hätte etwas nicht mitbekommen", so Barnhusen. "Und wenn die Eltern oder wir Beratungsbedarf sehen, dann wird das im Logbuch vermerkt. Alle können das Buch als Kommunikationsmittel nutzen."

Das Logbuch dient nicht nur als Kommunikationsmittel, als Mittel zur individuellen Förderung und zum eigenverantwortlichen Lernen, sondern es macht auch den Lernprozess für Schüler wie für Eltern transparent. Diese Transparenz ist Voraussetzung für eine gute Zusammenarbeit von Schule und Elternhaus. "Viele Eltern erleben Schule als Ort, wo es heißt ,Eltern müssen leider draußen bleiben'", beschreibt Ilse Kamski das Dilemma. "Ob dem wirklich so ist, sei dahingestellt, aber das Gefühl ist da."

Jede Schule sucht sich das Passende heraus

Die Diplom-Pädagogin Ilse Kamski hielt das Hauptreferat "Elternbeteiligung in der offenen Ganztagsschule - Bedingungen, Ziele und Formen" auf der Fachtagung "Partizipation von Eltern in der Offenen Ganztagsgrundschule" am 21. und 22. August 2007 in Münster, die das Institut für soziale Arbeit und das Landesjugendamt Westfalen veranstalteten. "Eltern benötigen Informationen", meinte sie. "Oftmals sind aber die Hausaufgaben der einzige Kontakt zur Schule." Es sei zunächst wichtig, die gegenseitigen Erwartungen zu klären und die üblichen Vorurteile zu überwinden. "Die Elternarbeit in der Ganztagsschule dient der Unterstützung und Förderung der sozialen und schulischen Entwicklung des Kindes und stellt die Nahtstelle zwischen Familien und Ganztagsschule dar", führte die Diplom-Pädagogin aus. Ziel müsse der Aufbau einer tragfähigen Beziehung zwischen Eltern und den in der Schule Mitarbeitenden sein.

Ein Fahrplan zur Erreichung dieses Ziels könnte folgendermaßen aussehen: Mit Hilfe von Briefen oder Infoabenden vermittelt die Schule grundlegende Informationen. Elternabende, Gespräche oder Hausbesuche helfen beim Kennenlernen. Durch eine regelmäßig angebotene Gesprächszeit, Telefonkontakte, Kontakte über das Hausaufgabenheft oder eine Infoecke entstehen ein regelmäßiger Austausch und die Entwicklung einer Vertrauensbasis. Feste und Schulcafés ermöglichen die Teilnahme am Lern- und Lebensort der Kinder. Durch Fragebögen werden Mitwirkung und Beteiligung sichergestellt. Elterngespräche und Themenabende unterstützen die Eltern in Erziehungsfragen.

Jede Schule muss das für sie Passende herausfinden. Während an einer Schule Sprechzeiten einmal im Monat überhaupt nicht angenommen wurden, brachten dafür an Eltern versandte Informationen die gewünschten Kontakte. An einer anderen Ganztagsgrundschule etablierte sich die feste Beratungszeit dagegen erfolgreich.

Ganztagsschulen müssen mit einer Stimme sprechen

Gegenseitiger Respekt, Wertschätzung, Offenheit und das Ernstnehmen der Eltern sind Voraussetzungen für eine Atmosphäre, in der eine Zusammenarbeit gelingen kann. Das Rollenverständnis der verschiedenen pädagogischen Professionen muss dazu im Team thematisiert werden und es muss gemeinsam an einem Strang zu gezogen werden. Wenn die Schulleitung den Eltern andere Signale gibt als die pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Nachmittagsbereich, dann ergeben sich zwangsläufig Frustrationen.

So hat die pädagogische Mitarbeiterin einer Grundschule im Ruhrgebiet mit Eltern zu kämpfen, die ihre Kinder aus dem Ganztagsbetrieb abholen möchten, wann es ihnen passt. Weil die Schulleitung dieser eigentlich dem Ganztagsschulerlass des Landes Nordrhein-Westfalen widersprechenden Praxis keinen Riegel vorschiebt, ist es allein der Fachkraft überlassen, sich mit den Eltern immer wieder auseinanderzusetzen, um einen völlig zerfaserten Nachmittag zu verhindern. In manchen Kommunen handeln die Schulen in dieser Frage unterschiedlich, sodass Eltern kein Verständnis aufbringen, wenn ausgerechnet an ihrer Ganztagsschule das Kind bis 15 Uhr in der Schule bleiben soll. Eine gemeinsame Linie könnte hier Konfrontationen vorbeugen.

Keine Gespräche zwischen Tür und Angel

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wünschten sich gemeinsame Konferenzen, Teambesprechungen und Fortbildungen, um die Zusammenarbeit zu erleichtern, die Atmosphäre zu verbessern und den Eltern gegenüber mit einer Stimme auftreten zu können. "Ich habe mein Kollegium angewiesen, keine Gespräche mehr zwischen Tür- und Angel zu führen", erklärte Schulleiter Barnhusen, "denn das geht ja auch auf Kosten des Unterrichts und bringt einfach Unruhe in die Schule hinein."

Um nicht deutschsprachige Eltern zu erreichen, sollten Ganztagsschulen  "Dolmetscher" und Sprachrohre suchen, viel mit Symbolen arbeiten und wichtige Informationen in der Landessprache anbieten.

Dass Eltern bereits erfolgreich in Ganztagsschulen mitarbeiten - sei es als "Lesemuttis", als Hilfen in der Hausaufgabenbetreuung, oder dass sie Schülerinnen und Schülern ihre Berufe zeigen, sie in die Firmen einladen oder ein Förster mit den Kindern in den Wald geht - zeigt, dass eine regelmäßige Partizipation möglich ist. Um diese Kooperation an noch mehr Schulen zu verankern, ist vor allen Dingen grundsätzlich eines nötig: miteinander reden.

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