Die Basis ist Vertrauen

"Schule gemeinsam gestalten - Partizipation an Ganztagsschulen" lautete das Motto des 5. Ganztagsschulkongresses, der am 12. und 13. September 2008 in Berlin stattfand. Und das hieß auch: Nicht nur Beiträgen über Beteiligung an Ganztagsschulen zuzuhören, sondern sich auch selbst in den zahlreichen Foren und Workshops zu Wort zu melden - zu Themen wie Elternpartizipation, Feedback-Kultur und Chancengleichheit.

Form und Inhalt sollen sich idealerweise ergänzen und widerspiegeln. Betrat man auf dem diesjährigen Ganztagsschulkongress den Kuppelsaal des berliner congress centrums (bcc), bekam man diesen Zusammenhang vor Augen geführt. "Partizipation an Ganztagsschulen" lautete das Kongressthema, und Partizipation in Schulen kann auch bedeuten: Weniger Frontalunterricht. Auf den Kongress umgemünzt hieß das im Vergleich zum vergangenen Jahr: Weniger Vorträge, mehr Diskussionsrunden.

Nach den Eröffnungsreden sorgten fleißige Helfer dafür, dass während der Mittagspause die Stuhlreihen des Plenums aufgelöst und zu vielen kleinen Stuhlkreisen neu arrangiert wurden. In drei jeweils 75 Minuten langen offenen Foren wurden am Nachmittag drei unterschiedliche Themen kontrovers diskutiert: "Sinnvolles Elternengagement", "Spickmich.de" und "Bildungsfern gleich Beteiligungsfern".Moderiert von der Fernsehjournalistin Inka Schneider und dem Radiojournalisten Volker Wieprecht gaben zunächst jeweils drei Expertinnen und Experten ihre Einschätzungen zum Thema. Daraufhin waren die Zuhörerinnen und Zuhörer selbst gefragt. Anhand von je drei Leitfragen sollten sie ihre Eindrücke und Fragen zum Thema untereinander in Kleingruppen diskutieren. Zum Abschluss bestand die Möglichkeit, mit den Expertinnen und Experten ins Gespräch zu kommen, indem man sich auf freie Stühle in der Saalmitte um den "Diskussionstisch" setzte.

Diskussionsrunden im Forum

Um "Sinnvolles Elternengagement im Schulbereich" drehte sich das erste offene Diskussionsforum. Der Bildungsjournalist Christian Füller stieg gleich frontal in die Diskussion ein: "Eltern sind doof, egoistisch und wichtig", lautete seine Eingangsthese. "Doof" seien sie deshalb, weil sie Frontalunterricht aus dem Schulmuseum immer noch für die einzig wahre Unterrichtsart hielten - "Eltern benötigen hier Aufklärung", forderte Füller. "Egoistisch", weil sie natürlich das Wohl ihres Kindes über das aller anderen stellten, damit aber falsche Strukturen zementierten. "Der Staat ist nicht dazu da, die vermeintlichen Schmuddelkinder von den Kindern dieser Eltern fernzuhalten", positionierte sich der Journalist. Aber trotz allem seien Eltern wichtig, weil "niemand anders als engagierte Eltern es besser vermögen, die Strukturen des bürokratischen Monsters Schule aufzubrechen".

Eltern unterstützen Eltern

Auch Mario Dobe, Schulleiter der Hunsrück-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, an der Schülerinnen und Schüler aus 18 Nationen lernen, befand, dass man Eltern als Fordernde gegenüber der Politik und Verwaltung brauche, um Veränderungen anzuschieben. Aber neben der Mitarbeit in Gremien könnten Eltern auch Eltern unterstützen. An der Hunsrück-Grundschule betätigten sich Eltern zum Beispiel als Sponsoren für andere Eltern, die sich keine Instrumente für den Musikunterricht leisten könnten.

Gemeinsame Workshops von Eltern und Lehrern sind laut Dobe ein Mittel, um ein gemeinsames Bildungs- und Erziehungsverständnis herauszubilden. Und "um Eltern abzuholen, muss man sie da abholen, wo sie stehen", erklärte der Schulleiter. An seiner Schule bedeute dies, Dolmetscher bei Veranstaltungen dabeizuhaben. Ziehe das die Termine nicht zu sehr in die Länge, lautete da eine Nachfrage? "Ich finde, dass die meisten Veranstaltungen auch in rein deutscher Sprache schon zu lang sind - da kann man von vornherein eine Veranstaltung verkürzen, die dann halt mit Dolmetschern etwas länger wird", so Dobe.

Im baden-württembergischen Weinheim wirkt Khadija Huber seit drei Jahren als Koordinatorin der Elternbegleiterinnen und der Multiplikatorinnen für Migranteneltern im Projekt "Rucksack". Einmal in der Woche treffen sich türkische Eltern in einer Elterngruppe, um über die Schule zu diskutieren und über das in Kenntnis gesetzt zu werden, was ihre Kinder am Vormittag durchnehmen. Das Interesse der Eltern zeigt Ergebnisse: "Die Leiterin einer Grundschule hat mir zurückgemeldet, dass alle türkischen Eltern für ihre Kinder mit Hauptschulempfehlung einen Antrag auf den Test für die Realschulteilnahme gestellt haben."

Ist der Unterricht sakrosankt?

Doch wie weit darf und soll Elternengagement gehen? In einer Diskussionsrunde zeigten sich unterschiedliche Auffassungen beim Thema Unterricht. Während beispielsweise ein hessischer Grundschulleiter und eine Mutter aus Bremen meinten, Eltern hätten sich nicht in den Unterricht einzumischen, erklärte Sabine Heinbockel, Leiterin der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Bremen, den Unterricht für "nicht sakrosankt" - und es sollten nicht nur Lehrerinnen und Lehrer unterrichten. Auf Methoden, aber nicht auf Inhalte des Unterrichts, könnten Eltern Einfluss nehmen, lautete eine Kompromissformel der Diskussion. "Eltern sollen sich nicht in den Unterricht einmischen, sondern lieber Fördervereine gründen", fand Christian Füller.

"Eltern können grandios in der Arbeit mit Kindern scheitern", schilderte Mario Dobe Erfahrungen an seiner Schule mit Eltern, die Arbeitsgemeinschaften angeboten hatten. "Die Ganztagsschule braucht die Kooperation, besonders durch Eltern. Manchmal braucht es aber mehr als einen Versuch, bis ein Vater oder Mutter das richtige Angebot findet." Eine Mutter aus Nordrhein-Westfalen ergänzte, es sei auch wichtig, die Eltern einzubinden, weil sie dann auch einen anderen Blick auf die Kinder bekämen.

Und wie motiviert man Eltern überhaupt mitzumachen? Die persönliche und permanente Ansprache sei wichtig, hatte eine Mutter aus Nordrhein-Westfalen erfahren. "Der Punkt ist Offenheit, ein Sich-willkommen-Fühlen", umschrieb Dobe die notwendige Atmosphäre, die an einer Schule herrschen müsse, die Eltern ansprechen wolle. Feste, Stammtische, Elterncafés seinen die richtigen Orte und Zeitpunkte, um Eltern anzusprechen - "formalistische Einladungen bringen nichts". Die Basis für die Zusammenarbeit sei Vertrauen, so der Schulleiter.

Mit Schülern in eine Debatte kommen

Corinna Harfouch (l.) und Ullrich Matthes lasen aus dem Roman "Tag und Nacht und auch im Sommer" von Frank McCourt

Beim Thema "Spickmich" sehen manche Lehrerinnen und Lehrer diese Basis der vertrauensvollen Zusammenarbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern entzogen. Sie finden die Bewertungen ihrer Arbeit und Person auf der Internet-Plattform despektierlich und gehen teilweise auch mit juristischen Mitteln dagegen vor. Wie ist es um die "Feedback-Kultur des 21. Jahrhunderts" bestellt, fragte das nächste Diskussionsforum. Helfen anonym veröffentlichte Noten im Internet wirklich, etwas an Schule und Unterricht zu verbessern?

Die Diplompsychologin Oggi Enderlein, die im Rahmen des Begleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" die Werkstatt "Schule wird Lebenswelt" leitet, verteidigte die Plattform: "Schülerinnen und Schüler werden täglich von Lehrern gedemütigt - sie ziehen nicht vor Gericht und haben oft niemanden, bei dem sie sich beschweren können. Es ist ein Verdienst von Schülerinnen und Schülern, dass wir hier überhaupt über Feedback-Kultur diskutieren. Und es ist richtig, dass das, was in Schulen passiert, an die Öffentlichkeit gebracht wird."

Ein weiteres Thema, das im dritten Diskussionsforum diskutiert wurde, war das der Chancengleichheit: "Bildungsfern gleich beteiligungsfern?" lautete hier die Ausgangsfrage. Schnell drehte sich hier die Diskussion um die so genannten Totalverweigerer, die jegliches Unterrichtsgeschehen blockieren oder sabotieren. Doch Prof. Benedikt Sturzenhecker von der Universität Hamburg meinte, dass es gar keine nichtmotivierten Schülerinnen und Schüler gebe: "Man muss nur ihre Motive finden. Selbst wüste Beschimpfungen kann ich als Anstoß für einen Diskurs nutzen, in eine Debatte kommen, in denen diese Schüler Träger einer Meinung werden."

Einfluss auf Unterricht steigert die Motivation

Dr. Christine Biermann, die didaktische Leiterin der Laborschule Bielefeld, erklärte, Partizipation von Schülerinnen und Schüler müsse auch den Einfluss auf Unterrichtsinhalte umfassen - "dann steigt auch die Motivation". Schülerinnen und Schüler mahnten in der Diskussion um dieses Thema den Beginn von Beteiligung schon für den Kindergarten an. "Die Methodenarbeit muss schon in der 1. Klasse beginnen. Es muss mehr Gruppenarbeit geben. Schüler bringen Schülern etwas bei, und Lehrer arbeiten mit den Schülern auf einer Ebene zusammen", forderte ein anderer Schüler. "Studentinnen und Studenten lernen in ihrer Lehrerausbildung nichts über Partizipation."

"Die Schule muss sich wandeln", forderte Christine Biermann. "Wenn Schule nur auf die Leistung schaut, ist das eine Farce. Wir machen an der Laborschule seit 35 Jahren die Erfahrung, dass der Mitzieheffekt größer ist: Bildungsferne Kinder lernen von den leistungsstarken Schülerinnen und Schülern."

Schule werde sich nicht durchdemokratisieren lassen, gab Sturzenhecker zum Abschluss zu bedenken, das beiße sich mit ihrem Auftrag des Qualifikationserwerbs. "Es wird in der Schule immer erwachsene Macht geben. Deshalb müssen Rechte für Schülerinnen und Schüler klar in einer Verfassung geklärt werden, damit sie von diesen Rechten auch Gebrauch machen können. Und besser weniger Rechte, die dann aber richtig!"

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