Eltern als Experten für ihre Kinder

Elternabende, zu denen niemand kommt, oder geplatzte Gesprächstermine mit Eltern – vielen Schulen dürften diese Zustände bekannt sein. Wie man die Kommunikation mit Eltern anbahnt und aufbaut, war Thema der Fortbildung „Elternarbeit” der Serviceagentur „Ganztägig lernen” Nordrhein-Westfalen am 10. und 11. Juni 2008 in Münster. Als gutes Beispiel wurde dort das westfälische Hamm vorgestellt, wo seit vielen Jahren erfolgreich verschiedene Formen der Elternarbeit praktiziert werden.

Gabriela Kreter und Matthias Bartscher sind alte Hasen, was die Elternarbeit angeht. Gabriela Kreter ist Direktorin der Karlschule, einer Hauptschule in Hamm, und der Diplompädagoge Bartscher ist der Kinderbeauftragte der Stadt Hamm, Stadtteilkoordinator für Hamm-Norden und systemischer Berater. Zusammen bilden sie „ein Beispiel, dass die Zusammenarbeit Schule und Jugendhilfe funktionieren kann”, wie die Schulleiterin erklärt. Seit vielen Jahren arbeiten die beiden zusammen und haben seit 2000 mit der Elternschule Hamm ein wegweisendes Projekt zur Elternarbeit entwickelt.

Teilnehmerrrunde

Beide waren also bestens als Referenten für die Fortbildung „Elternarbeit” der Serviceagentur „Ganztägig lernen” Nordrhein-Westfalen geeignet, die am 10. und 11. Juni 2008 im Luidgerhaus in Münster stattfand. 14 Teilnehmerinnen und Teilnehmer wollten sich informieren, wie sie Kontakt zu Eltern anbahnen, Elternabende organisieren oder mit den Müttern von sehr selbstbewussten türkischen Jungen umgehen sollen.

„Wir haben uns elf weiterführende Ganztagsschulen etwas intensiver angesehen und nach dem Fortbildungsbedarf gefragt”, erklärte Dr. Eva Stuckstätte von der Serviceagentur zu Beginn. „Dabei hörten wir aus vielen Schulen, sie seien bezüglich der Elternarbeit am Ende mit ihrem Latein. Keiner käme zu den Elternabenden, der Frust sei unglaublich groß.”

Gabriela Kreter wundert es beim Stil der Einladungen zu Elternabenden nicht, dass niemand kommt. „Wenn eine Einladung mit dem Satz 'Gemäß Paragraph sowieso sind wir verpflichtet, zu einem Elternabend einzuladen' beginnt und als ersten Tagungsordnungspunkt Wahlen ankündigt, muss man sich nicht wundern, wenn keiner kommt.” Aber in der Tat sei noch kein Patentrezept gefunden worden, wie man Eltern animieren könne, zu diesen Abenden zu erscheinen. „Die Teilnahme geht immer dann in die Höhe, wenn man ankündigt, dass die Kinder an diesem Abend etwas vorführen oder etwas Künstlerisches präsentieren”, gab die Lehrerin einen Tipp.

Die persönliche Ansprache sei wünschenswert, auch die Ansprache durch den Klassenpflegschaftsvorsitzenden habe sich manchmal als hilfreich erwiesen. Am Abend selber sei es wichtig, die Eltern miteinander bekannt zu machen: „Wie sollen die Anwesenden Wahlen durchführen, wenn sie sich untereinander nicht kennen?”

Für Erziehungsverantwortung einstehen

An der Karlschule hat man andere Wege gefunden, den Kontakt zu den Eltern zu halten. Die Eltern unterzeichnen eine Art Kooperationsvertrag mit der Schule, in der unter anderem festgelegt ist, dass ein Kind, das wegen Disziplinproblemen nach Hause geschickt worden ist, die Schule erst wieder in Begleitung eines Elternteils betreten darf. Mit der Mutter oder dem Vater führen die Lehrerinnen und Lehrer oder auch die Rektorin in der Zeit von sieben bis acht Uhr morgens vor dem Unterrichtsbeginn ein Gespräch.

Solche Gespräche finden fast täglich statt. „Wenn man das im Schulprogramm verankert hat und die Eltern den Vertrag unterschrieben haben, dann habe ich als Schulleiterin das Recht, so zu handeln”, erklärte Gabriela Kreter. Die Eltern könnten dann nicht allein auf die Schule verweisen, sondern sie müssten für ihren Teil der Erziehungsverantwortung einstehen.

Die Gründe für das fehlende Engagement von Eltern an der Schule ist durchaus nicht immer mit bloßem Desinteresse zu begründen. „Wenn ich manchmal Eltern zu Gesprächen begrüße, haben die schweißnasse Hände”, erzählte Gabriela Kreter. Es sei auch die Angst, bloßgestellt zu werden, die Unsicherheit, was von einem erwartet werde, die Vorwurfshaltung der Lehrerinnen und Lehrer, mangelnde Sprachkenntnisse oder schlechte Erfahrungen, die Eltern vom Besuch in der Schule abhielten.

Bildungsdiskussion nicht ohne Einbeziehung der Eltern

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer trugen verschiedene Lösungsaspekte von Pädagogenseite für dieses Problem zusammen: Das Vermitteln von Wertschätzung; der Versuch, kontinuierlichen Kontakt zu halten und sich nicht nur bei Problemen im Elternhaus zu melden; das Bestreben, lösungsorientierte Gespräche zu führen. Wie schwierig es ist, ein Gespräch zu führen, ohne dass sich vorwurfsvolle oder bedrängende Töne hineinmischen, erfuhren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei Probegesprächen untereinander selbst.

Matthias Bartscher

Die von Bartscher ausgeteilten Leitfäden für eine „Wertschätzende Kontaktaufnahme zu Eltern im Rahmen von Elternbildung” gaben Beispiele vor, wie solche Gespräche geführt werden können. Letztlich „müssen Sie aber selbst entscheiden, wie Sie diese Kommunikation aufbauen”, meinte der Diplompädagoge.

„Man sollte Lehrerberatung für das Führen guter Elterngespräche wahrnehmen, gemeinsam Fortbildungen besuchen und Einigkeit im Kollegium herstellen”, riet Gabriela Kreter. Dabei sei es nicht unbedingt nötig, unterschiedliche Erziehungskonzepte für „unterschiedliche Herkünfte” zu erarbeiten. Schriftstücke in unterschiedlichen Sprachen hält Kreter für überflüssig. Aus ihrer Sicht sei es nicht zu viel verlangt, dass die Eltern „unsere Sprache beherrschen”. Sicher muss hier jede Schule von Fall zu Fall entscheiden, wie der Zugang zu den Eltern am besten erreicht wird.

Nicht nur Schulen sollten Elternarbeit leisten. In Hamm ist daher mit der Elternschule eine Plattform entwickelt worden, die alle relevanten Institutionen vereinigt, um „neue Strategien des Kompetenzerwerbs für Eltern umzusetzen und differenzierte Angebote für Eltern zu machen”, wie Matthias Bartscher erklärte. „Nicht nur die Schule ist für die Bildung der Kinder verantwortlich, sondern auch die Eltern. Die Bildungsinstitutionen müssen sich fragen, ob sie die Bildungsdiskussion ohne die Einbeziehung der Eltern führen können.” Entscheidend sei immer, wen man sich als Partner für die Elternarbeit ins Boot hole und wie man Gleichgesinnte findet.

Dezentrale und niederschwellige Angebote

Die Elternschule bietet für alle Altersphasen und Lebenslagen Projekte an. Sie wurde 2000 von einer Projektgruppe entwickelt, hinter der neben der Stadt Hamm der Caritasverband, das Diakonische Werk, das Friedrich-Wilhelm-Stift, der Arbeitskreis für Jugendhilfe e.V., die St. Barbara Klinik und das Evangelische Krankenhaus stehen. Ein zentraler Schritt war die Entwicklung eines Erziehungskonsenses aller Beteiligten. Auf 20 Seiten hielt man fest, was man den Eltern bietet und was man andererseits von ihnen erwartet. Die Elternschule startete 2004 mit dezentralen, niederschwelligen Angeboten in Schulen, Kindertagesstätten, der Volkshochschule, Krankenhäusern, Kirchen oder Beratungsstellen.

Über 100 Einrichtungen engagieren sich mittlerweile in der Elternschule. Eine wichtige Rolle spielt die Weiterbildung für Fachkräfte, die mit Eltern arbeiten und sie unterstützen wollen. Es werden Angebote für Lehrerinnen, Erzieher und Sozialpädagogen unterbreitet, die in Schulen, Kindertageseinrichtungen, Hilfeeinrichtungen und Beratungsstellen tätig sind. Zur Unterstützung der Arbeit vor Ort besteht ein Referenten-Pool, auf den alle aktiven Einrichtungen zurückgreifen können.

Gruppenarbeit

Eine Vision der Elternschule ist laut Bartscher die nachhaltige Krisenprävention und die Verbesserung der familiären Förderung und Bildung. Die Stadt Hamm gebe jedes Jahr 23 Millionen Euro für Hilfen zur Erziehung aus, da nähmen sich 2 Millionen Euro für Präventionsarbeit relativ gering aus.

In den vergangenen Jahren sind verschiedene Projekte entwickelt und erprobt worden. Bei „FUN – Familie und Nachbarschaft” zum Beispiel treffen sich bis zu 15 Eltern und ihre Kinder in acht Sitzungen, die von Fachkräften aus Einrichtungen der Jugendhilfe und diversen Partnern aus dem Stadtteil geleitet werden. „Hier geht es um das gemeinsame Erleben”, erläuterte Matthias Bartscher. „Kochen, spielen und das Reden über Erziehung.” Ein großer Teil der Teilnehmerinnen und Teilnehmer treffe sich auch nach den Sitzungen weiter. Das Ziel, Kontakte in der Nachbarschaft herzustellen, wurde also erreicht, nicht zuletzt durch die zahlreichen Kommunikationsübungen, die in den Kursen angeboten worden waren.

Nachfrage nach Multiplikatoren steigt

Bei „Mein Kind wird fit – ich mach mit!” handelt es sich um ein Projekt zur Ausbildung und Begleitung von Migranten als Mittler in Bildungs- und Erziehungsfragen. Stadtteilbüros, Kindertagesstätten und Schulen hatten der Elternschule geeignete Eltern genannt, die an diesem Projekt teilnehmen wollten und als Multiplikatoren für Migranten wirken konnten.

In einer ersten Ausbildungsrunde im Frühling 2007 trafen sich rund 18 Migrantinnen und Migranten an fünf Terminen, um Themen wie Bewegung und Lernen, Sozialverhalten, Verpflegung, Spielen auf Spielplätzen und im Wald konkret zu erfahren. Inzwischen läuft der zweite Ausbildungsgang mit 16 neuen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Insgesamt konnten durch die Multiplikatorinnen und Multiplikatoren schon 112 Eltern mit 240 Kindern erreicht werden. Die Rückmeldungen aus den Kindertagesstätten zu den Aktionen der Multiplikatorinnen und Multiplikatoren sind positiv und die Nachfrage nach deren weiteren Aktionen steigt.

Ein anderes Projekt zum Elterncoaching wendet sich an Eltern, die über keinerlei Autorität in der Erziehung mehr verfügen. An bis zu sechs Abenden trainieren die Eltern, wie Autorität ohne Gewalt ausgeübt werden kann und wie Deeskalationsformen aussehen können. Auch hier stärkt man mit Wertschätzung das Selbstbewusstsein der Eltern. „Die eigentlichen Experten für ihr Kind sind Sie”, zitierte Gabriela Kreter einen Satz aus der Elternarbeit an ihrer gebundenen Ganztagshauptschule.

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