Elternnetzwerk NRW - Integration miteinander

Seit 2007 arbeitet das Elternnetzwerk NRW an der Verbesserung der Bildungschancen von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund. Um dies zu erreichen, ermutigt man die Eltern, sich in den Schulen zu engagieren, sich dort einzumischen und die Stimme zu erheben. Überall im Land diskutieren Menschen mit ganz unterschiedlicher Zuwanderungsgeschichte über ein Thema, das alle vereint: Die Bildung ihrer Kinder.

Am 3. April 2008 traf die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Barbara Sommer auf den Vorstand des Elternnetzwerks NRW in Düsseldorf, um sich über die Erfahrungen mit der schulischen Bildung und Erziehung von Kindern mit Migrationshintergrund auszutauschen. Das Elternnetzwerk ist sozusagen ein Spezialist für dieses Thema, ein Zusammenschluss von Vereinen und Personen, die Eltern mit Zuwanderungsgeschichte als Partner gewinnen und ihre Interessen und die ihrer Kinder vertreten wollen. So auch im Gespräch mit der Ministerin, mit der sich der Vorstand künftig zweimal jährlich treffen wird, um weiterhin gemeinsame Anliegen zu besprechen.

Das Elternnetzwerk NRW, das als Slogan "Integration miteinander" gewählt hat, ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Bündelung von Kräften und Interessen sowie die überregionale Vernetzung nicht nur den eigenen Horizont erweitern können, sondern auch hilft, sich mehr Gehör verschaffen. Das Netzwerk hat sich als ein fester Ansprechpartner etabliert, der auch Zugang in die höheren Etagen der Politik erhält, was vielen Einzelgruppen und -personen so einfach wohl nicht möglich wäre.

Gruppenfoto

Die Anfänge des Elternnetzwerkes gehen ins Jahr 2004 zurück. Der Prozess der Annäherung zwischen verschiedenen Verbänden, Institutionen und den Ministerien wurde begleitet und unterstützt durch den damaligen Integrationsbeauftragten der Landesregierung und wird inzwischen durch den jetzigen Integrationsbeauftragten Thomas Kufen fortgeführt, der im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration arbeitet und die Schirmherrschaft für das Netzwerk übernommen hat. Auf seine Einladung schlossen sich am 24. März 2007 in Essen 119 Vereine und Organisationen zu dem landesweiten Netzwerk zusammen. An diesem Treffen beteiligten sich unter anderem die Föderation Türkischer Elternvereine, der Bund spanischer Eltern in der Bundesrepublik, die Fachberatung MigrantInnen Selbsthilfe, die Landesstelle Unna-Massen, kommunale Migrantenorganisationen sowie das Landesinstitut für Schule, die Fachhochschule Düsseldorf und Vertreter der Landesregierung.

Bundesweit einmaliger Zusammenschluss

"Das Netzwerk ist ein loser Zusammenschluss all derjenigen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, zugewanderte Eltern als Partner für die Erziehung und Bildung der Kinder zu gewinnen und sie aktiv in die Verbesserung der Bildungssituation einzubeziehen", erklärt Kufen. "Ein solcher Zusammenschluss ist bundesweit einmalig und verdeutlicht, dass auch Zuwanderereltern ihren Beitrag zur Integration leisten wollen."

Laut Kufen ist es falsch, mangelnde Bildungserfolge von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund mit dem Desinteresse der Eltern zu begründen. Viele Eltern seien gerade deshalb nach Deutschland gekommen, um ihren Kindern eine bessere Bildung und damit auch ein besseres Leben zu ermöglichen. "Die Landesregierung hat dieses landesweite Netzwerk aufgebaut, um die Brückenfunktion der Vereine von Eltern mit Zuwanderungsgeschichte zu verstärken", erklärt der Integrationsbeauftragte.

Das Engagement der Eltern in diesem Netzwerk ist ehrenamtlich. Sie qualifizieren sich selbstständig in ihren Vereinen und Initiativen in verschiedenen Bildungs- und Erziehungsfragen und wirken als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren des erworbenen Wissens. Sie organisieren auch selber Seminare und führen Informationsveranstaltungen für andere Eltern durch. Die Bandbreite des Netzwerks spiegelt sich dabei bereits in der Zusammensetzung des siebenköpfigen Leitungsgremiums, das am 14. Juni 2007 gewählt wurde: Vertreten sind dort spanische, italienische, türkische, ghanaische, eritreische und russlanddeutsche Elternvereine. Die verbindende Sprache des Netzwerks ist deutsch.

Gemeinsame Probleme führten zusammen

Durch das Netzwerk bleibt die Zusammenarbeit von Vereinen und Institutionen nicht mehr dem Zufall überlassen, sondern kann aufeinander abgestimmt und verbindlich festgeschrieben werden. In Nordrhein-Westfalen existieren rund 1.000 Migrantenorganisationen und -vereine, von denen möglichst viele in die Arbeit des Netzwerks einbezogen werden sollen. Antonio Diaz, der Sprecher des Netzwerks, erklärt: "Die Zusammenarbeit, die wir jetzt im Elternnetzwerk haben - vor allem zwischen den großen Verbänden der Türken und der Spanier -, wäre vor zehn Jahren nicht möglich gewesen. Wir Spanier hatten und haben beispielsweise andere Probleme als die türkischen Kollegen, aber entscheidend war, dass wir irgendwann gemerkt haben, dass es auch ähnliche und gemeinsame Probleme gibt. Daraufhin haben wir überlegt, wie man zusammenarbeiten könnte." Natürlich bleibe ein solcher Prozess nicht immer ohne Reibung, aber es lohne sich, betrachte man die Erfolge, zum Beispiel wenn Eltern nach ihrer Teilnahme an Elternseminaren vor Ort selbst aktiv würden.

"Die erfolgreichen Anstrengungen zugewanderter Eltern, den Schulerfolg ihrer Kinder gemeinsam zu verbessern, sind beispielhaft", lobt Armin Laschet, der nordrhein-westfälische Minister für Generationen, Frauen, Familien und Integration das Elternnetzwerk. "Wir meinen, dass die Eigeninitiative und das Engagement zugewanderter Menschen sehr hoch zu bewerten sind. Denn die Zukunft unseres Gemeinwesens erfordert es, ihren Kindern den Zugang zu Bildung zu sichern. Das Elternnetzwerk NRW bietet die Möglichkeit dazu. Es ist das Forum, in dem die Vertreter von Migrantenorganisationen, Weiter- und Familienbildungsstätten, Lehrkräfte und Eltern aus den unterschiedlichen Herkunftsländern die Möglichkeit haben, ihren Dialog zu vertiefen, um ihre bisherigen Erfahrungen möglichst vielen zugute kommen zu lassen."

Diaz beschreibt die Triebkräfte des Engagements: "Uns stellt sich die Frage, ob wir die schwierigere Lösung des Problems der Migration - uns aktiv in den Prozess einbringen, tätig werden, mitgestalten, Entscheidungen treffen - oder aber die scheinbar leichtere wählen wollen - weiter abwarten, passiv bleiben, die Opferrolle beklagen, abgrenzen -, die eigentlich keine Lösung ist und bei der wir tatsächlich Parallelgesellschaften aufbauen." Bei der Zusammenarbeit im Netzwerk lerne man, sich gegenseitig zu respektieren. Man könne durchaus hart, aber ohne Vorurteile miteinander diskutieren. Die Unterschiede würden dabei bewusst, aber auch der Reichtum, den so viele unterschiedliche Kulturen, Religionen und Sprachen mitbringen.

Eltern als aktive Partner unterstützen und fördern

Die Geschäftsführung des Elternetzwerks NRW befindet sich bei der Föderation türkischer Elternvereine in NRW in Wuppertal. Die Arbeit wird von zwei Honorarkräften unterstützt. Antonio Diaz, der im Leitungsgremium auch für den Bund der spanischen Elternvereine spricht, erklärt: "Wir finden, dass es ein Gewinn für die ganze Gesellschaft ist, wenn Eltern mit Zuwanderungsgeschichte ihren Erziehungsauftrag selbstbewusst wahrnehmen und sich für die Verbesserung der Bildungssituation ihrer Kinder einsetzen. Deshalb liegt uns daran, diese Eltern als aktive Partner zu unterstützen und zu fördern. Wir sprechen nicht über sie, sondern mit ihnen." Die Bildungsvereinbarungen, die mit den Eltern im Rahmen des Netzwerks geschlossen würden, seien der Garant einer gleichberechtigten und verbindlichen Zusammenarbeit. Dabei setze das Netzwerk die Beteiligung von Menschen aus unterschiedlichen Herkunftsländern voraus.

Elternseminar

Das Elternnetzwerk bietet Familienberatung und Informationsveranstaltungen für und mit zugewanderten Eltern in verschiedenen Regionen Nordrhein-Westfalens sowie Hilfe bei der Vernetzung der Vereine und der Umsetzung konzeptioneller und methodischer Ansätze. Eine Elternakademie bildet türkische Eltern zu Multiplikatoren in der Elternarbeit aus. Das Netzwerk unterstützt die Aktivitäten der Elternorganisationen durch Öffentlichkeitsarbeit und Eltern, die sich zu bildungspolitischen und pädagogischen Fragen weiterbilden möchten, durch Seminare, Tagungen und Fortbildungen zu entsprechenden Themen.

Die Veranstaltungen werden wissenschaftlich begleitet. Angestrebt ist die Zusammenarbeit mit Organisationen auf Bundesebene und mit kommunalen Netzwerken der Elternmitwirkung und -bildung. Für Vereinsvertreter unterschiedlicher Herkunft gedacht ist die Seminarreihe "Schlaue Kinder starker Eltern" des Bundes der Spanischen Elternvereine. "Wir fordern die Elternvereine und andere Akteure des Netzwerks nachdrücklich dazu auf, sich dafür einzusetzen, dass sich Elternvertretungen an Schulen, Stadtelternräte, Vereine und Einrichtungen der Familienhilfe für die Belange zugewanderter Familien öffnen", meint Antonio Diaz. "Wir bieten im Gegenzug Möglichkeiten der Familienbildung, um Eltern mit Zuwanderungsgeschichte zu ermutigen, ihren Erziehungsauftrag selbstbewusst wahrzunehmen, und Informationen zu pädagogischen Themen, die Eltern suchen und brauchen, um den konkreten Anforderungen einer modernen Erziehung gerecht zu werden."

Zweisprachigkeit als Schlüssel zum Bildungserfolg

Ein wesentliches Ziel der Netzwerkarbeit sieht Diaz in der Lobbyarbeit für ein zweisprachiges Aufwachsen von Migrantenkindern. Die spanischen Zuwanderer hätten die Bedeutung des zweisprachigen Aufwachsens bereits in den 1970er Jahren erkannt und sich dafür eingesetzt - mit dem Erfolg, dass spanische Schülerinnen und Schüler heute teilweise überdurchschnittliche Bildungserfolge erzielten. "Die Förderung der Herkunftskultur und -sprache geben dem Kind in seiner Entwicklung eine Identität, die das Selbstwertgefühl stärkt und es selbstbewusst macht", so Diaz. "Angesichts einer globalisierten Welt erkennt man immer mehr, wie wichtig Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenzen und eine gute Bildung sind. Um von diesen Kompetenzen profitieren zu können, muss man allerdings auch in die Bildungspolitik investieren." Sonst bestehe die Gefahr einer heranwachsenden Jugend, die weder in Deutschland noch im Herkunftsland ihrer Eltern zu Hause sei.

In regelmäßigen Treffen wie den alle fünf bis sechs Wochen im ganzen Land stattfindenden Elternseminaren, an denen rund 60 bis 70 Personen teilnehmen, wird über aktuelle Themen referiert und diskutiert, über Erfahrungen und Erfolge berichtet. Die Eltern werden dadurch gestärkt, weil sie hier erfahren, dass man auch mit relativ wenig Aufwand viel erreichen kann, wenn man sich einsetzt und auf seinem Elternwillen besteht. Sie werden beispielsweise darin gestärkt, Lehrern zu verdeutlichen, dass die Kinder keine "Einheitsdeutschen" sind, sondern verschiedene Herkunftskulturen, Religionen und Sprachen besitzen und man dies nicht als Defizit, sondern als eine Bereicherung ansehen sollte. Dies könne, so Diaz,- wenn man den Prozess geschickt lenke - sehr viel Positives für die Gesellschaft bringen.

Das Netzwerk will die Eltern wie die Schulen auch für Mentalitätsunterschiede sensibilisieren. Man müsse davon ausgehen, dass alle Eltern immer das Beste für ihre Kinder wollten, aber dass sie oft nicht wüssten, was sie dafür tun können oder wie das deutsche Bildungssystem funktioniere, erläutert Diaz. Dass man beispielsweise nicht das Kind mit der Einstellung "Der Lehrer macht das schon" in der Schule abgeben könne, sondern sich in den Schulalltag einbringen müsse.

Elternwillen und Ganztagsschulen in der Diskussion

"In Deutschland ist es so: Wenn ich mich nicht einmische, bin ich nicht sichtbar und damit auch meine Probleme nicht. Man muss immer wieder ,lästig' sein, muss den Lehrern klarmachen, dass sie beispielsweise eine Klasse mit mehrheitlich Kindern mit Migrationshintergrund unterrichten und sich darauf einstellen müssen", meint der Sprecher des Elternnetzwerks. Lehrer müssten verstehen, dass, wenn bei einem Elternabend kaum Eltern mit Migrationshintergrund anwesend seien, nicht die Schlussfolgerung sein könne, dass die Eltern desinteressiert seien, sondern dass diese Eltern anders - nämlich persönlich - angesprochen werden müssten, sodass zunächst ein persönlicher Kontakt entstehe.

Besonders heiß diskutiert das Elternnetzwerk derzeit die Neuregelung des Elternwillens beim Übergang zu den weiterführenden Schulen, der im Schulgesetz stark eingeschränkt worden ist. Die Migranteneltern haben Sorge, dass ihre Kinder aufgrund ihres Status und von Vorurteilen zu häufig und fälschlicherweise die Empfehlung für die Förderschule erhalten. Hier besteht laut Ari Sirin, Mitarbeiter der Geschäftsstelle, "Gesprächsbedarf". Auch die Ganztagsschulen stehen im Fokus des Interesses. Am kommenden Dienstag ist das Elternnetzwerk im Düsseldorfer Landtag zu Gast, um über dieses Thema zu diskutieren. "Ganztagsschulen dürfen nicht nur Aufenthaltsort sein, sondern müssen auch qualitativ gute Angebote für die Kinder machen", betont Sirin - und dürfte damit für alle Eltern Nordrhein-Westfalens sprechen.

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