Interkulturelle Elternarbeit per CD

Schulen wie die Schule an der Burgweide in Hamburg-Wilhelmsburg gibt es viele in Deutschland. In der Ganztagsgrundschule haben 85 Prozent der Schülerinnen und Schüler einen Migrationshintergrund, sie sprechen 25 verschiedene Sprachen, und eine Verständigung zwischen Lehrern und Eltern ist wegen mangelnder Sprachkenntnisse schwierig. Entsprechend selten besuchen Eltern die Elternabende. Da sich die Schule nicht mit dieser Situation zufrieden geben wollte, holte man sich Hilfe von außen.

Die Schule an der Burgweide in Hamburg-Wilhelmsburg sah sich im Frühjahr 2007 vor ein Problem gestellt: Zum kommenden Schuljahr sollte die Integrative Grundschule in eine gebundene Ganztagsschule umgewandelt werden, und darüber wollte man die Eltern informieren. Doch wie den Eltern begreiflich machen, dass die Kinder demnächst an vier Tagen in der Woche bis 15.30 Uhr in der Schule sein würden, wenn viele Eltern der deutschen Sprache nicht mächtig sind?

85 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund, mit 25 verschiedene Herkunftssprachen, Dialekte nicht mitgezählt. Zu den Elternabenden kamen nur vier Eltern, die meisten erreichte man schlicht nicht. Es bestanden Schwierigkeiten, den neunköpfigen Elternrat zu besetzen. Nur deutsche Eltern waren darin vertreten, die selbst erkannten, dass sie nicht für die gesamte Elternschaft sprechen konnten. "Es war unmöglich, so weiter zu machen", erinnert sich Schulleiterin Monika Plötzke. Doch wie konnte man die Sprachbarriere überwinden?

Die in einem sozialen Brennpunkt gelegene Schule hatte schon immer mit diesem Problem zu kämpfen, auch viele Kinder aus sozial schwierigen Verhältnissen besuchen die Grundschule. Die gebundene Ganztagsschule sollte allen 304 Kindern eine bessere Förderung und eine gesicherte Betreuung ermöglichen. Die Einführung der Ganztagsschule wurde von der Schulleitung aber auch als Gelegenheit wahrgenommen, in der Elternkommunikation neue Wege zu gehen.

Der Blick von außen ist notwendig

Die Rektorin Monika Plötzke wandte sich an die Serviceagentur "Ganztägig lernen" Hamburg, mit der sie im Rahmen der Vorbereitung der Ganztagsschule bereits zusammen gearbeitet hatte. Agenturleiter Björn Steffen vermittelte den Kontakt zu Latifa Kühn, einer Interkulturellen Trainerin. In Afghanistan geboren, aber seit dem 4. Lebensjahr in Hamburg aufgewachsen, konnte diese sich leicht in die Problematik hineinversetzen.

Die Rektorin hatte ein offenes Ohr für die Ideen der Interkulturellen Trainerin und gewährte ihr freie Hand, kreative Lösungen zu finden. Als erstes schlug Latifa Kühn vor, statt schriftlich mündlich einzuladen, denn viele Eltern haben die Briefe aus der Schule nicht gelesen, weil sie es schlicht nicht konnten. "Wir haben immer gedacht, dass wir unsere Arbeit richtig machen, wenn wir versuchten, mit den Eltern in Kontakt zu treten", berichtet Monika Plötzke, "doch das stimmte nicht. Migranteneltern sind zum Teil ganz anders gepolt, haben andere Denkweisen. Und in manchen Kulturen zählt die mündliche Überlieferung mehr als die schriftliche. Da braucht es diesen anderen Blick von außen, um das zu verstehen."

Latifa Kühns Idee war es, den Elternhäusern CDs zukommen zu lassen, auf denen allgemeine Informationen über die Schule und den Ganztagsbetrieb zu hören waren. Zusammen mit der Schulleiterin schrieb sie einen Text, den sie von Studentinnen und Studenten der Helmut-Schmidt-Bundeswehr-Universität, an der sie einen Lehrauftrag wahrnimmt, in fünf Sprachen übersetzen ließ: Türkisch, Albanisch, Russisch, Farsi und Französisch - viele afrikanische Immigranten verstehen letztere Sprache. Dieser Text erläutert das Schulkonzept, zum Beispiel warum die Schule Wert auf die persönliche Entwicklung des Kindes, auf sein Sozialverhalten und seine Beteiligung an den demokratischen Strukturen der Schule legt. Er wurde jeweils von einem Kind und einem Erwachsenen vorgelesen. Zusätzlich sprach Latifa Kühn den Text auf Deutsch ein. Darüber hinaus enthielt die CD noch von Schulkindern gesprochene Texte, in denen diese ihre Wünsche an die Schule äußerten. Die CD wurde optisch ansprechend mit verschiedenen Nationalflaggen aufgemacht und an die so genannten Kulturmittler verteilt.

Kulturmittler ermöglichen die Kommunikation mit der Schule

Kulturmittler einzusetzen war eine weitere Idee von Latifa Kühn. Als solche wurden jene Migrantenmütter ausgewählt, die Interesse zeigten, sich zu engagieren, und von denen man wusste, dass sie in ihren Stadtvierteln und Häuserblöcken andere Migrantenmütter ansprechen könnten. "Wir haben eine Liste mit 20 Eltern aufgestellt, von denen wir wussten, dass sie gut Deutsch sprechen", erklärt Monika Plötzke. "Die haben wir angerufen und tatsächlich sind auch 15 zu einem Abend mit Frau Kühn gekommen. Die Eltern haben viel gefragt, und zum Schluss hatten wir das gute Gefühl: Die wissen jetzt Bescheid darüber, was wir wollen." Diesen Eltern habe man die CD mitgegeben. "Wir haben sehr auf die Mütter gesetzt", erzählt die Interkulturelle Trainerin, "denn in manchen Kulturen überlassen die Väter die Schulangelegenheiten per se den Frauen."

Die Einladung zum Informationsabend über die Ganztagsschule gestaltete die Schule anders als bisher: Die Sätze wurden kurz gehalten, man verwies darauf, dass an diesem Abend Dolmetscher anwesend sein würden und es ein Essen geben würde. Von Schulkindern gezeichnete Bilder aus dem Schulalltag ergänzten das Schreiben.

Zum Informationsabend im Mai 2007 kamen 85 Elternteile, auch hier überwiegend Mütter - eine bis dahin nicht ansatzweise erreichte Zahl. Auch bei der Organisation des Abends hatte sich Latifa Kühn etwas einfallen lassen: So waren mit Nationalfahnen geschmückte Sprachentische eingerichtet worden. An jedem Tisch saßen eine Lehrerin oder ein Lehrer sowie eine Kulturmittlerin. Letztere informierten die Gäste über die Ganztagsschule. "Es ergab sich ein sehr lebendiger Austausch", erinnert sich Monika Plötzke. "Alle konnten endlich alle Fragen und Ängste loswerden. Die Eltern fanden das toll, und es gab keine Abmeldungen wegen der Umwandlung in eine Ganztagsschule."

Viele Fragen zum Essen

Als besonders wichtigen und richtigen Schritt erwies sich der Punkt, an diesem Abend Essen zu servieren, das mittags auch die Kinder erhalten, denn besonders viele Sorgen und Fragen kreisten um Auswahl, Menge und Qualität des Essens. "Es war wichtig, dass die Eltern sehen konnten, dass das Essen aus einzelnen Komponenten besteht, die in Schüsseln serviert werden. So kann sich jede Schülerin und jeder Schüler das auswählen, was sie oder er möchte. Hilfreich war auch, dass unsere türkischen Küchenfrauen über die Zubereitung des Essens berichteten", so Monika Plötzke.

Der erfolgreiche Verlauf des Informationsabends ist kein Strohfeuer geblieben. Die Elternabende sind in diesem Schuljahr durchweg wesentlich besser besucht als in der Vergangenheit und zum Vorstellungsabend zum Ende des Schulhalbjahres im Januar 2008, als sich die Kurse der Ganztagsschule präsentierten, kamen 200 Personen, sodass "unsere Pausenhalle so voll wie noch nie gewesen ist", erzählt die Schulleiterin. Gleich drei Gruppen von potentiellen Erstklässlereltern wurden an diesem Tag durch die Schule geführt.

Auch in den Elternrat ist Bewegung gekommen - er ist jetzt multinational, unter anderem sind auch türkische und albanische Mütter vertreten. Eine Fortbildungsreihe für Eltern ist in Planung, ein monatlicher Elterntreff läuft langsam an, Elternabende werden im kulturellen Kontext organisiert, es wird nun muttersprachlicher Unterricht angeboten, eine Veranstaltungsreihe soll sich um Fragen der Eltern drehen und ein neuer Schul-Flyer ist in Arbeit, der sich mit wenig Text prägnant an die Migranteneltern wendet. Latifa Kühn ist sowohl beim Entwurf des Flyers wie auch beim Elterncafé und der Konzeption der Veranstaltungsreihe weiter involviert.

Kommunikation in den Stadtteil tragen

"Eine solche Arbeit müsste eigentlich stadtteilweit organisiert werden", findet Monika Plötzke, denn die Sprachlosigkeit zwischen den Ethnien betreffe ja nicht nur die Schule. "Es leben viele Menschen Tür an Tür miteinander, ohne miteinander zu sprechen." Als Stadtteilschule in der Hamburger Bildungsoffensive, die unter anderem die engere Verzahnung aller Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zum Ziel hat, ist die Schule an der Burgweide schon Teil eines solchen über den Schulhof hinausreichenden Netzwerks. Zunächst einmal hat man sich mit den nun eingeleiteten Maßnahmen zur Verbesserung des interkulturellen Kontakts viel vorgenommen und muss erst diese Baustellen erfolgreich bearbeiten, bevor man eventuell noch weiterdenken kann.

Die volle Rhythmisierung des Tages läuft laut der Schulleiterin jedenfalls schon "erstaunlich gut". Die Kinder sind von dem Schultag mit drei AG-Kursen, von denen einer am Vormittag liegt, begeistert, auch viele Eltern melden das zurück. Mit insgesamt 57 AG-Angeboten können die Schülerinnen und Schüler aus einem reichhaltigen Angebot wählen, unter anderem mit Freiarbeit, Hausaufgabenbetreuung und Mittagsangeboten werden sie individuell gefördert. "Wir sind auf dem richtigen Weg", ist sich Monika Plötzke sicher.

Das gilt gerade auch für die interkulturelle Elterneinbindung. Zwar sind die an der Schule an der Burgweide verwirklichten Ideen für Latifa Kühn keine "Pauschallösung", denn an jeder Schule seien die Herausforderungen unterschiedlich und die Eltern verschieden. Aber sicherlich seien Elemente übertragbar. "Schulen können kreativ arbeiten und neue Impulse setzen", meint Latifa Kühn, "aber sie sollten sich dafür auch Hilfe von außen holen. Oft ist man betriebsblind."

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