"Wir haben hier Zeit für alles"

Die Grundschule in der Düsseldorfer Straße liegt in einem problematischen Bremer Stadtteil. Doch die Anmeldezahlen gehen nach oben, gezielt suchen Eltern aus der Mittelschicht, die früher versuchten, ihre Kinder an anderem Schulen unterzubringen, diese Schule aus. Ein Hauptgrund ist die Ganztagsschule: Immer mehr Eltern wählen diese Schulform, sodass ab dem kommenden Schuljahr nur noch Ganztagsklassen im 1. Jahrgang angeboten werden. Auch die Vernetzung mit anderen sozialen Einrichtungen und dem Jugendamt ist vorbildhaft.

Als die Medien ausführlich über den Fall Kevin berichteten und das mögliche Versagen des Jugendamtes unter die Lupe nahmen, griff Hermann Josef Stell zum Telefon, um die örtliche Presse zu kontaktieren. "Ich wollte in der aufgeregten Debatte daran erinnern, dass es auch Projekte gibt, die präventiv arbeiten und die funktionieren - so wie bei uns."

Erika Fritz-Janzon (l.) und Hermann-Josef Stell

Stell ist seit elf Jahren Schulleiter der Grundschule an der Düsseldorfer Straße in Bremen-Blockdiek, einem Ortsteil im Osten des Stadtstaats, der nicht gerade zu den begüterten Vierteln gehört. In den sechziger Jahren auf die grüne Wiese geklotzte Hochhausriegel beherrschen das Ortsbild - seit 1966 ist die Grundschule dabei. Den Sanierungsbedarf nach 40 Jahren sieht man den Gebäudeteilen an, entscheidender ist aber, was sich hinter Fenstern und Türen abspielt und woran der Schulleiter keinen geringen Anteil hat.

Trotz ihres vermeintlichen "Standortnachteils" in einem von hoher Arbeitslosigkeit und hohem Migrantenanteil geprägten Stadtteil hat sich die Grundschule an der Düsseldorfer Straße einen guten Ruf erworben. Während früher Eltern aus einem benachbarten Viertel mit Einfamilienhäusern versuchten, ihre Kinder möglichst an eine andere Grundschule zu schicken, haben es Stell und sein Kollegium inzwischen geschafft, diese Bewegung zu stoppen. Dass im kommenden Schuljahr 2008/2009 bei gestiegenen Schülerzahlen sämtliche Klassen als Ganztagsklassen starten werden und es noch nie so viele Anmeldungen für die Ganztagsklassen gegeben hat, ist für den Schulleiter ein "Vertrauensbeweis".

Immer mehr Eltern wählen die Ganztagsklasse

Denn immer mehr Eltern melden ihre Kinder bewusst an dieser Grundschule an, weil sie das Ganztagsangebot überzeugt. So hat Ralf Jordemann - Mitglied des fünfköpfigen Elternbeirats - mehrere Schulen in seiner Wohnumgebung angesehen, die für seine Tochter in Frage kamen. Während ihm die Schulen in seinem Stadtteil "nicht gefielen", hat ihn die Grundschule an der Düsseldorfer Straße "komplett überzeugt": "Das fing schon mit der sympathischen Sekretärin an, die Werbung für ihre Schule gemacht hat. Meiner Frau und mir gefällt, das unsere Tochter den ganzen Tag sinnvoll beschäftigt ist und man an dieser Schule als Elternteil mitwirken kann."

Während die Ganztagsschule Jordemann und seiner Frau auch die Arbeitstätigkeit ermöglicht, rührte die "ganz bewusste Entscheidung" von Gabriele Müller, ihre Tochter an einer Ganztagsschule lernen zu lassen, aus einer anderen Motivation: "Wir haben überhaupt keine Nachbarskinder - auf andere Kinder trifft meine Tochter nur in der Ganztagsschule. Und für Kinder ist es besser, wenn sie sich gegenseitig helfen können. Sie geben sich spielerisch Nachhilfe und werden selbstständiger." Im Gegensatz zur Befürchtung vieler Eltern verbesserten sich auch die Schulleistungen: "Ich habe den Stand der Ganztagsklasse meiner Tochter mit denen von Halbtagsklassen anderer Schulen verglichen: Die Klasse meiner Tochter ist weiter."

Um Eltern wie Ralf Jordemann und Gabriele Müller von der Ganztagsschule zu überzeugen, muss sich Hermann Josef Stell ins Zeug legen: Der Schulleiter investiert viel Zeit in die Öffentlichkeitsarbeit, macht Zeitungen, Radio und Fernsehen auf seine Schule neugierig, führt viele Gespräche mit Eltern von Schulanfängern und hat Kontakte in die Kindergärten der Umgebung. "Wir rechnen es uns als Erfolg an, dass sich immer mehr Eltern für die Ganztagsklasse entscheiden", meint Stell. Erika Frick-Janzon, Mitglied der Kollegialen Schulleitung, findet den nun initiierten Übergang von der teilgebundenen zur gebundenen Ganztagsschule nur konsequent: "Zu viel Spagat überdehnt die Gelenke."

Tagesablauf kommt den Kindern entgegen

Den Eltern kann Stell ein Kollegium bieten, "das sich weit über das normale Maß hinaus engagiert". Auch dies fängt schon bei der Sekretärin an, die der Schulleiter so manchen Tag ermahnen muss, nun doch endlich Feierabend zu machen. Die rund 300 Schülerinnen und Schüler werden teilweise in Schwerpunktklassen gefördert, in einem Förderband am Nachmittag werden Deutsch als Zweitsprache (DAZ) sowie Mathematik und Angebote für Kinder mit Lese-Rechtschreibschwäche erteilt. Ein besonderer Schwerpunkt im Schulprogramm ist die Förderung der Lesekompetenz. Gemessen am hohen Anteil von rund 75 Prozent von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund kann es sich die Schule als Erfolg anrechnen, Bremenweit in der Lesekompetenz im "guten Mittelfeld" zu liegen, wie es Stell umschreibt. Die Schule verfügt ferner über ein musisch-künstlerisches Profil mit zwei Schulchören, Gitarren-, Samba- und Flötengruppen sowie vielen gemeinsam mit Künstlern realisierten Projekten.

Mensa

Im Schuljahr 2004/2005 starteten die ersten gebundenen Ganztagsklassen, die Montags bis Donnerstags von 8 bis 15 Uhr und Freitags von 8 bis 14 Uhr zusammen lernen. Durch den gebundenen Ganztag ist eine Rhythmisierung des Tages möglich: So kann die von neun Erzieherinnen geleitete Betreuung auch am Vormittag vor dem Mittagessen um 12 Uhr liegen, während am Nachmittag regulärer Unterricht sowie auch von Lehrerinnen und Lehrern geleitete Arbeitsgemeinschaften stattfinden. Dieser Tagesablauf kommt den Kindern entgegen - Ermüdungserscheinungen hat zum Beispiel Ralf Jordemann bei seiner Tochter noch nicht beobachtet.

Seiner Tochter und ihm gefällt das reiche AG-Angebot am Dienstag, das vierteljährlich wechselt: So gibt es zum Beispiel eine Theater-Werkstatt, eine Kunst-AG, Hörexperimente, Trommeln, Flöten, Natur-AG, Weben, Fadenspiele, Ballspiele, Backstube, Denksport und Knobeln. "Ich kann meiner Tochter weder all das bieten, noch bin ich in der Lage, sie so bei den Hausaufgaben zu unterstützen, wie das hier möglich ist", erklärt Gabriele Müller. So kann man in einem Raum die Kinder einen Kuchen backen sehen, in einem anderen Klassenzimmer arbeitet die Bremen-AG: Schülerinnen und Schüler der 4. Klasse sind gerade dabei, die Geschichte Bremens mit Hilfe von Playmobil-Figuren nachzustellen. Eine Rolle Alufolie stellt die Weser dar.

Mehr Zeit, zu wenig Erzieher

"Wir haben hier einfach mehr Zeit für alles", meint Schulleiter Stell. "Die Kinder haben Zeit, sich zu entwickeln. Es gibt mehr Raum für spielerisches und entdeckendes Lernen - das ist ein unglaublich großer Vorteil." Ein weiterer Vorzug der Ganztagsschule sei die "Bereicherung und Erweiterung des Horizonts" durch die Einbeziehung anderer Professionen, durch die man als Lehrer eine andere Sicht auf die Kinder bekomme. Zu Beginn der Ganztagsschule sei es zwar schwierig gewesen, in den pädagogischen Teams, die für jeweils eine Klasse verantwortlich sind, zu arbeiten, aber durch personelle Wechsel, Teambildungstrainings und ein gemeinsames Wochenende habe sich das wesentlich verändert.

Ein Problem hat sich bisher nicht lösen lassen: Es gibt zu wenig vollbeschäftigtes außerschulisches Personal. "Das Konzept der Ganztagsschule ist toll, man muss es aber auch füttern", meint Elke Sender, die als Erzieherin mit einer halben Stelle beschäftigt ist, deren Arbeitsumfang sich aber eher in Richtung Vollzeit bewegt: "Die Überstunden wachsen uns über den Kopf. Das wird die Ganztagsschule über kurz oder lang auslaugen - denn wie lange werden wir alle noch bereit sein, unentgeltlich zu arbeiten?" So lange alles normal laufe, käme sie als Erzieherin mit 22 Schülerinnen und Schülern in einer Gruppe zurecht - bei schwierigen Situationen seien das aber zu viele Kinder. Nur wenige Stunden in der Woche können im 1. und 2. Schuljahr doppelt besetzt werden. Gelegenheit, sich mit Kollegen oder Eltern auszutauschen, bestehe kaum. Die angesetzte Zeit für Vor- und Nachbereitung und für die Teilnahme an Konferenzen sei viel zu knapp bemessen. "Alle Kräfte müssten ganztags eingestellt werden", fordert Elke Sender. Hermann Josef Stell stimmt ihr zu, weiß aber nicht, wie man dieses Problem lösen soll. Im Senat für Bildung sehe man diese Schwierigkeiten, verweise aber auf die leeren Kassen.

Kein Verständnis hat Elke Sender für Eltern, welche die Ganztagsschule als "Spielschule" abtun. "Beim Spielen lernen die Kinder sehr viel. Wir bieten den Kindern unterrichtsergänzendes Lernen, bei dem sie etwas ausprobieren und Erfahrungen machen können. Das Lernen wird lebendig durch das Ausprobieren, und aus den Erfahrungen lernen die Kinder. Dafür braucht es Zeit, und es ist spannender, wenn andere Kinder dabei sind. Das ist eine Vertiefung des Unterrichts auf einer anderen Ebene, bei der die Kinder Spaß haben." Es gehe auch darum, die Kinder zu größerer Selbstständigkeit zu erziehen.Wenn sie nicht weiterkommen, sollen sie wissen, wo man sich Hilfe holen kann.

Eltern und Kinder kennen die Regeln

Vor Beginn der Einführung der Ganztagsschule fanden kontroverse Diskussionen im Kollegium statt. Ein Teil der Lehrerinnen und Lehrer meinte, dass man den Eltern nicht zu viel Verantwortung in der Erziehung abnehmen sollte. "Es waren teilweise bildungsbürgerliche Vorstellungen von den Zuständen in den Elternhäusern vorhanden, die mit der Realität nicht viel zu tun hatten", erinnert sich Hermann Josef Stell.

Seit zwei Jahren bezieht die Grundschule die Eltern frühzeitig in Entscheidungen ein, lädt zu Planungstagen ein und hat einen Runden Tisch Ganztagsschule eingerichtet. Alle zwei Monate finden themenbezogene Elterngespräche statt: Wie viel Zeit vor dem Computer ist gut für mein Kind? Macht Fernsehen dumm? Was kann ich mit meinem Kind spielen, wenn der Fernseher aus bleibt? Diese Themen sind zuvor vom Elternbeirat gesammelt worden und entsprechen der Interessenlage der Eltern.

Im Schuljahr 2005/2006 wurden verbindliche Schulregeln erarbeitet. Alle am Schulleben beteiligten Personen kennen diese Regeln, die ein friedliches Zusammenleben ermöglichen sollen. So heißt es unter anderem: "Wir helfen uns gegenseitig, arbeiten und spielen zusammen. Wir gehen respektvoll, fair und freundlich miteinander um und grüßen einander. Wir gehen vorsichtig mit allen Dingen um. Wir achten fremdes Eigentum." Und: "Unsere gemeinsame Sprache ist Deutsch."

Den Eltern werden die Regeln auf einem Elternabend vorgestellt, anschließend unterschreiben, ihre Kinder und die Vertreterinnen und Vertreter der Schule einen "Vertrag" über die Einhaltung dieser Regeln. Dies und die allgemeine Atmosphäre an der Schule sind für Hermann Josef Stell die Gründe, dass er seit Jahren keine Streitfälle mehr zu schlichten hatte. Auch Gewalt und Vandalismus spielen an der Schule keine Rolle.

Familientreff als Anlaufstelle für Eltern

Zu der vertrauensvollen Atmosphäre trägt sicherlich auch der Familientreff Blockdiek bei, der 2001 als Gemeinschaftsprojekt der Grundschule, der Sozialpädagogischen Familienhilfe der Hans-Wendt-Stiftung, des Schulpsychologischen Dienstes und des Amtes für Soziale Dienste gegründet wurde. Der Familientreff bündelt die für Familien relevanten Beratungsangebote in den Räumen der Grundschule. Die niedrigschwellige, qualifizierte Beratung quasi vor der Haustür erreicht wesentlich mehr Eltern, als es anonyme Ämter in der Stadtmitte mit langen Korridoren und verschlossenen Türen je könnten. "Wir müssen hier nicht den langen Weg über Schriftsätze gehen", schildert Stefan Kunold von der Hans-Wendt-Stiftung die Vorteile der "schnellen Rückmeldungen".

Koordiniert wird die Arbeit ohne öffentliche Zuschüsse durch eine monatlich tagende Projektgruppe, der Vertreterinnen und Vertreter der Gründungseinrichtungen, der Kindertagesstätte und bei Bedarf Vertreter anderer Institutionen angehören. Der Schulpsychologe sitzt für alle Eltern sichtbar in einem offenen Bereich und ist jederzeit ansprechbar. Manche Eltern kommen einfach nur zum Kaffeetrinken vorbei. "Unseren Familientreff zeichnet aus, dass wir nicht als Amtspersonen und Bedrohung wahrgenommen werden", so Stefan Kunold. "Manche Eltern wollen auch nur einfache Fragen klären, wie man zum Beispiel eine Überweisung tätigt." Der Beratungsbedarf nehme ständig zu.

Dass der Stadtteil Blockdiek "stabil geworden ist", wie es Kunold, Stell und Konrektorin Frick-Janzon empfinden, dürfte auch etwas mit ihrer Arbeit zu tun haben. Natürlich gibt es noch viel Vereinzelung in den Hochhäusern, aber auch zunehmend Nachbarn, die sich kümmern und hinsehen, die etwas mit ihrem Viertel verbindet. "Es ziehen auch wieder Menschen hierhin zurück, die früher als Kinder hier gelebt haben", so der Schulleiter.

"In den letzten 20 Jahren ist hier eine sehr aktive Schularbeit geleistet worden", erklärt Erika Frick-Janzon. "Die Schule führte schon immer ein gutes Innenleben, durch das Engagement von Herrn Stell hat sich aber auch die Verbindung nach außen entwickelt." Der Schulleiter sieht die Öffnung seiner Schule als nur folgerichtig an: "Wenn man nicht vernetzt ist, arbeitet man mit einem reduzierten Blick. Daher sind wir in unseren Ortsteil gegangen, um alle Helfer zu aktivieren. Es reicht nicht, ein Kind abzugeben, wenn es Probleme gibt, sondern man muss gemeinsam am Ball bleiben."

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