Vielfalt als Chance für "Change Stories"

Viele Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund haben in dem gegenwärtigen Bildungssystem kaum eine Chance. Das 2. bundesweite Netzwerktreffen des Themenateliers "Ganztagsschulen der Vielfalt", das am 29. und 30. Juni 2009 in Berlin stattfand, reflektierte die Hintergründe und entwickelte praktische Ansätze, um in den regionalen Verbünden Berlin, Schleswig-Holstein sowie Mecklenburg-Vorpommern die Integration in den Ganztagsschulen voranzubringen.

Vielfalt ist überall: zwischen Menschen unterschiedlichen Geschlechts, in Peer-Gruppen, in den Klassenzimmern, zwischen den Kulturen. In Stadtvierteln wie Berlin-Kreuzberg, in dem auch das 2. bundesweite Netzwerktreffen des Themenateliers "Ganztagsschulen der Vielfalt" stattfand, war die kulturelle Vielfalt für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung besonders augenfällig.

Kinder auf dem Schulhof

Berlin ist eine Einwanderungsstadt par excellence: "Die Stadt blickt auf eine Geschichte von großen Einwanderungswellen zurück", erklärte Peter Bleckmann, Leiter des Themenateliers zum Auftakt des Netzwerktreffens. Vielfalt hat hier eine lange Tradition.

Die rund 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Netzwerktreffens, die als Lehrkräfte, Schulleitungen, Koordinatoren, Mitarbeiter von Migrantenorganisationene und Experten im Rahmen des Themenateliers "Ganztagsschulen der Vielfalt" die Verbünde Berlin, Mecklenburg-Vorpommern sowie Schleswig-Holstein vertraten, konnten in Kreuzberg gewissermaßen Feldforschung unternehmen.

Berlin-Kreuzberg als Nagelprobe

Kein Viertel in Berlin beherbergt mehr Nationalitäten und kaum eine andere Stadt in Deutschland verdeutlicht stärker die Ambivalenzen, die mit dem Thema Migration verbunden sind. Die Kinder und Jugendlichen, in deren Herkunftsländern andere Werte, Zeitvorstellungen oder Bildungsziele vorherrschen, stehen wie ihre Eltern mit dem Eintritt in die Schule vor einer großen Herausforderung: Ihre Integration - der Weg dahin ist oft steinig - wird nicht zuletzt am Schulerfolg gemessen.

"Integration ist keine Kuschelparty", meinte dementsprechend Ulf Over, Diplom-Psychologe an der Universität Bremen. Tatsächlich haben Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund deutlich schlechtere Bildungschancen als einheimische Schülerinnen und Schüler ohne Migrationshintergrund. Ein Schlüssel für mehr Bildungsgerechtigkeit liegt daher für Ulf Over bei den Ganztagsschulen.

Zum Auftakt der Veranstaltung konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer im Rahmen einer Ausstellung, die die drei regionalen Verbünde Berlin, Mecklenburg-Vorpommern sowie Schleswig-Holstein konzipiert hatten, einen Eindruck von den Integrationsprojekten der Ganztagsschulen machen.

Arbeit an einem besseren Schüler-Lehrerverhältnis

Ein Blick in den Nordosten Deutschlands, auf die Regionale Schule Ehm-Welk in Rostock-Evershagen: Die Schule mit verbundenem Gymnasium, hat unter ihrem Dach Kinder und Jugendliche aus 15 verschiedenen Ländern. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund ist auf 25 Prozent gestiegen: "Für das Gymnasium, das lange Zeit kaum Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund hatte, bedeutet dies natürlich eine Umstellung", so Birgit Langhoff, Lehrerin für Sport und Geschichte.

Die Lehrkräfte wurden in einem entsprechenden Workshop zum Thema "interkulturelle Handlungskompetenz" ausgebildet, um für die Arbeit mit den Kindern und Eltern gerüstet zu sein. Um die Kluft zu den Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund zu überbrücken und ein besseres Schüler-Lehrer-Verhältnis aufzubauen, erkundeten die Lehrkräfte die Herkunft der Kinder und Jugendlichen im Rahmen eines Multi-Kulti-Tages. Die Schule versteht sich mit dem "Schulcampus Evershagen" als ein Begegnungsraum der Kulturen.

Auf dem "Cup der Vielfalt", den das Ostseegymnasium unter Beteiligung der Regionalen Schule einmal jährlich durchführt, zeigen sich die Schülerinnen und Schüler beider Schulen dann von ihrer sportlichen und teamorientierten Seite. Ein zentrales Instrument interkultureller Arbeit ist die persönliche Ansprache der Eltern, die am Tag der Offenen Tür stattfindet.

Theodor-Storm-Schule Kiel: "Unsere Schule braucht Vielfalt"

Der Elternarbeit gehört auch im Verbund Schleswig-Holstein das Augenmerk. "Sie bekommen eine Schulung mit eingehenden Informationen über das deutsche Schulwesen", erläuterte Tanja Klockmann von Serviceagentur "Ganztägig lernen" Schleswig-Holstein. Um sich für die Elternarbeit zu interessieren, müssten sie das Gefühl bekommen, dass sie ihr Kind unterstützen und dafür, was im Schulsystem bewirken können.

Die Theodor-Storm-Schule hat sich das Motto "Vielfalt nutzen" auf ihre Fahne geschrieben. Monika Grüner, Sozialpädagogin an der Schule, konkretisierte: "Jede Schülerin und jeder Schüler bringt seine eine eigene Kultur mit in die Schule - das ist das, was unsere Schule braucht." Doch nicht nur die Schüler, auch die Eltern sollen angeregt werden, durch eine zweisprachige deutsch-türkische Website, die im Entstehen begriffen ist, sich mit dem Thema Schule anzufreunden. Mit der Website sinkt die Hemmschwelle und nur ein Mausklick trennt sie noch von der Ganztagsschule ihrer Kinder.

"Die sozialen Unterschiede haben manchmal mehr Gewicht als die kulturellen"

Das "World Cafe", das nach dem Besuch der Ausstellung besucht werden konnte, verdankt seine Entstehung der Erkenntnis, dass die wichtigen Dinge auf Tagungen und Kongressen oft während der Kaffeepausen ausgetauscht werden. Um die Themen nicht dem Zufall zu überlassen, erhielten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer drei Fragen: "Wie erleben Sie Multikulturalität an Ihrer Schule?" lautete die erste Frage.

Kinder im Klassenzimmer

Die Antworten gestalteten sich unterschiedlich: "Multikulturalität wird langsam immer selbstverständlicher" hieß es ebenso wie: "Die Kulturen bleiben unter sich". Ein wichtiger Punkt war die Aussage: "Die sozialen Unterschiede fallen manchmal stärker ins Gewicht als die kulturellen".

Während der anschließenden Podiumsdiskussion, an der neben dem Moderator Jürgen Busenius von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) Latifa Kühn, Referentin für interkulturelles Management, die Erziehungswissenschaftler Britta Hawighorst von der Universität Hamburg sowie Ulf Over von der Universität Bremen. "Die Elternbeteiligung ist das Zentrale von Schulen, es ist eine Querschnittsaufgabe", betonte Hawigthorst.

"Die ersten Kontakte zu den Eltern müssen von der Schule ausgehen"

"Selbstverständlich müssen die ersten Schritte von der Schule ausgehen: das geht nicht anders in einem ungleichen Verhältnis", führte sie aus. Unerlässlich sei ein planvolles Entwickeln der Elternarbeit. Zur Verbesserung der Kommunikation mit den Eltern solle die Schule Dolmetscher einsetzen und ferner ein Ohr für die Probleme der Eltern aufbringen.

Auch für die Lehrkräfte hat die Arbeit in einer Schule mit hohem Migrationsanteil praktische Konsequenzen: "Eine Schule, an der ausschließlich einheimische Kinder unterrichtet werden, braucht andere Kompetenzen und Qualifikationen für die Lehrkräfte als eine Schule, die 30 bis 90 unterschiedliche Nationen unter einem Dach hat. "Lehrer haben eine Vorbildfunktion: die Schülerinnen und Schüler nehmen wahr, wie sie mit Vielfalt umgehen", sagte Latifa Kühn.

Schulen mit einem hohen Migrationsanteil sind nicht nur auf interkulturelle Kompetenzen wie eine positive Haltung der Lehrkräfte zur Vielfalt angewiesen, sondern sie brauchen außerschulische Partner wie die Migrantenorganisationen. Diese sind für Latifa Kühn zwar überaus wichtig, aber sie sind kein Allheilmittel, sondern einer unter mehreren Wegen zu mehr Beteiligung. Genauso wichtig sei das Denken in sozialräumlichen Dimensionen und last but not least: die Kommunikation.

Herkunftsbedingte Bildungsvorstellungen

Die zentrale Bedeutung der Verständigung veranschaulichte Britta Hawighorst von der Universität Hamburg. In ihrem Vortrag zum Thema "Mathematische Bildung im Kontext der Familie" zeigte sie, wie sich die Vorstellungen türkischsprachiger, russischsprachiger sowie einheimischer Eltern über mathematische Bildung unterscheiden und unter welchen Rahmenbedingungen sie stattfinden.

Die qualitative, allerdings nicht repräsentative Untersuchung von Hawighorst hat ferner ergeben, dass es kaum zum Austausch von Wahrnehmungen und Unterschieden bezüglich der Bildungsvorstellungen kommt. So monierte Frau Merten, die ursprünglich aus Russland kommt: "An deutschen Schulen fehlt Disziplin von Grund auf. Diese Respektlosigkeit den Lehrern gegenüber gefällt mir nicht." Die Rolle und das Verständnis des Lehrers - kommentierte Hawighorst - sei in Deutschland und Russland grundverschieden. In Russland wissen die Lehrkräfte mehr über die Familien, darüber hinaus hat der Lehrerberuf einen höheren Stellenwert als in Deutschland..

Eltern fühlen sich "unsichtbar und ausgegrenzt"

Warum es den Schulen häufig nicht gelingt, die Eltern einzubeziehen, verdeutlicht das Beispiel von Frau Berger, ebenfalls Aussiedlerin aus Russland: "Wir können die deutsche Sprache nicht. Wir sitzen da, plinkern mit den Augen und gehen wieder weg. Das hat mir bei den Deutschen nicht gefallen." Dazu der Kommentar der Erziehungswissenschaftlerin: "Frau Berger fühlt sich unsichtbar und ausgegrenzt."

Auch bei einer "tollen Schule mit guten Konzepten" lag Hawighorst zufolge die Kommunikation und Kooperation etwa mit einem türkischstämmigen Vater (Herr Yanar) ziemlich im Argen. "Als ich meinen Sohn hier zur Schule geschickt habe, erwartete ich, dass seine Lehrerin irgendetwas über meinen Sohn erzählt: Gutes, Schlechtes, irgendetwas wollte ich hören." Herr Yanar wünschte sich ein informelles Gespräch über seinen Sohn, so wie er es aus der Türkei gewohnt war, doch in der Schule gab es eine deutliche Asymmetrie zu den Eltern, erklärte Hawighorst.

"Sie geben unseren Kindern keine Chance"

Das Gefälle geht so weit, dass ein anderer Vater (Herr Kaner) schließlich am deutschen Bildungssystem verzweifelte: "Warum sagen sie uns nichts von den Problemen? Vielleicht ist das Absicht. Sie geben unseren Kindern keine Chance." Der informelle Austausch und die persönliche Zusammenarbeit werden als unzureichend wahrgenommen, so die Erziehungswissenschaftlerin. "Von Partnerschaft ist man meilenweit entfernt." Viele Eltern hätten die Erfahrungen gemacht, dass ihre Kinder aufgrund dieser Kommunikationsprobleme schließlich eine Empfehlung für die Sonderschule bekommen hätten.
 
Doch Mittel und Wege, der Chancenungerechtigkeit beizukommen, gibt es viele. Eines der bekanntesten Konzepte lautet interkulturelles Lernen. Es vermittelt den Lehrkräften laut Ulf Over sowohl Diversitätskompetenz als auch Integrationskompetenz. "Interkulturelle Kompetenz beinhaltet methodische, fachliche, soziale und personale Teilkompetenzen, die im Umgang mit Heterogenität benötigt werden", so der Erziehungswissenschaftler. Diese erwirbt man allerdings nicht in zweitägigen Fortbildungen, sondern man brauche dafür mindestens sechs Monate.

Von der interkulturellen Kompetenz zu den Mikrokulturen

Möchte man der wirklichen Vielfalt in den Schulen gerecht werden, empfiehlt es sich für Over den Blick auf die "Mikro-Kulturen" zu erweitern. Sie beinhalten mindestens sieben Dimensionen von Heterogenität: Ethnizität, Geschlecht, sozialer Hintergrund, Sprachen, Alter, Religion, Behinderung. "Die Mikro-Kultur beginnt bereits beim Geschlecht", so der Erziehungswissenschaftler.

Es also nicht damit getan, in erster Linie das Moment kultureller Unterschiede zu beleuchten, da soziale, wirtschaftliche oder geschlechterbezogene Problematiken ebenso begriffen und praktisch bearbeitet werden müssen. Der Weg zu mehr Chancengerechtigkeit führt demnach aus Sicht der Einzelschule über kollegiale Kooperation, Elternarbeit, Schulentwicklung, Netzwerkarbeit und  Unterrichtsentwicklung.

Ein Medium, in dem die Schulen ihre Veränderungsprozesse reflektieren können, sind die sogenannten Change Stories. Sie bündeln das Erfahrungswissen einzelner Schulen und beinhalten bestimmte Fragen.

Schulen denken über sich selbst nach: "Change Stories"

Wie war die Situation vorher (Ausgangspunkt)? Was hat sich seither verändert? Welche Verbesserungen hat es in bestimmten Qualitätsbereichen wie Lernen und Lehren, Schulklima gegeben? Welche Rolle spielt die Beteiligung von Eltern bzw. Schülerinnen und Schülern? Welche Probleme gab es und wie wurden sie gelöst? Über das Medium der Change Stories, das als eine Art von Entwicklungsroman verstanden werden kann, möchten ein bis zwei Schulen je Verbund dokumentieren, wie Vielfalt eine bessere Qualität von Lehre und Lernen ermöglicht. 

Gegen Ende des 2. bundesweiten Netzwerktreffens, zogen die jeweiligen Verbünde eine Zwischenbilanz ihrer Arbeit. So möchte der Verbund Schleswig-Holstein andere Unterrichtsmethoden wie offenen Unterricht, Projektarbeit, Tischgruppenarbeit stärker akzentuieren und den Eltern dessen Vorteile vermitteln. Ferner soll über das Elternlotsenprojekt ein Film gemacht werden.

Der Blick nach vorn

Der Verbund Berlin sprach sich dafür aus, die Netzwerkarbeit zu stärken sowie die Arbeit mit den Schulleitungen und Steuergruppen zu vertiefen. Beim Verbund Mecklenburg-Vorpommern steht die Zusammenarbeit von Ganztagsschulen unterschiedlicher Schulformen im Mittelpunkt: ein Netzwerk aus Gymnasium, Regionaler Schule und Gesamtschule soll aufgebaut werden.

Darüber hinaus ist vorgesehen, dass die Sprachförderung an den drei Schulen ausgebaut wird, dass mehr Elternabende organisiert werden und dass es regelmäßige Netzwerktreffen auch nach Auslaufen des Projektes geben soll. Einigkeit bestand auch darüber, dass es einen Transfer des Projektes geben soll. Zum Abschluss der Veranstaltung konnte man einem Teilnehmer nur zustimmen, als er feststellte: "Wir haben in kurzer Zeit viel geschafft."

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