Doing Family - Familienalltag heute

Familien und Familienzeit und deren Auswirkungen auf die Bildungsbiografien von Kindern und Jugendlichen stehen mehr denn je im Interesse der Forschung: Veränderte Geschlechterverhältnisse und Arbeitswelten mit ihren neuen Zeitstrukturen fordern die einzelnen Familien, ihr Beisammensein bewusst zu gestalten. Das Deutsche Jugendinstitut stellte in den Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Fachtagung "Doing Family" am 4. und 5. November 2009 in Berlin die Frage, wie Familien angesichts des dynamischen Wandels Verlässlichkeit gewährleisten und einen funktionierenden Alltag herstellen können.

Seit der Veröffentlichung des 7. Familienberichtes diskutieren die Sozialwissenschaften verstärkt über das Thema Familienzeiten. Fragmentierte Arbeitsverhältnisse, unterschiedliche Arbeitszeiten, Berufstätigkeit beider Elternteile, Patchwork-Familien - Zeit gemeinsam zu verbringen ist nicht nur eine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Ein aktives Familienleben muss geradezu geplant, "Familie muss gemacht werden", wie es Dr. Karin Jurczyk, Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik des Deutschen Jugendinstituts (DJI), formulierte.

Entsprechend lautete der Titel einer wissenschaftlichen Fachtagung des DJI am 4. und 5. November 2009 in Berlin "Doing Family - Familienalltag heute". Hier diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft und Politik über die neuen Sichtweisen auf Familie. Sie versuchten, ein Bild von heutigen Familienleben zu zeichnen, das eine Grundlage für Maßnahmen zur Unterstützung und Förderung durch politische wie zivilgesellschaftliche Akteure bietet.

"Die Empirie konstatiert ein erhebliches Knirschen im Alltagsgefüge der Familien. Wir wollen einen genauen Blick auf diesen Alltag werfen, wie er funktioniert und wer daran teilnimmt. Wir möchten auch zeigen, wie komplex die Lebenswirklichkeit ist", erklärte Dr. Jurczyk zur Eröffnung im Tagungszentrum der Katholischen Akademie. "Das bessere Verständnis des Alltags hat Bedeutung für Politik und Praxis, wobei es in Deutschland schwierig ist, einen unaufgeregten Blick auf dieses Thema zu werfen."

Ambivalenz im Umgang mit dem Familienideal

In diesem Zusammenhang fiele beispielsweise die Ambivalenz des öffentlichen Umgangs mit dem vermeintlichen Ideal Familie auf, die zu wenig diskutiert würde. So würde beispielsweise auf der einen Seite deutscher Familienzusammenhalt gelobt, der von Migrantenfamilien aber häufig dämonisiert und umgekehrt.

Das klassische Familienarrangement ist laut der Soziologin durch die Erosion der Arbeitsteilung von Frauen und Männern - zumindest in Westdeutschland - gesprengt worden, und dadurch sei "Familienzeit zu einem prekären Gut" geworden. Familie, Beruf, Geschlechterbilder und Institutionen passten häufig nicht mehr zusammen und noch sei kein neues gesellschaftliches Bild entstanden. Nun müsse man fragen: "Wie ist Familie als gemeinsamer Zusammenhang trotz der Verwerfungen möglich?"

Karin Jurczyk zeigte sich überzeugt, dass das im 7. Familienbericht aufgezeigte Modernisierungsdefizit in der Familienpolitik nur durch die Arbeit über Ressortgrenzen, Institutionen und Verbände hinweg aufgearbeitet werden könne.

Idealisieren einer Vergangenheit, die es nie gegeben hat

"Die klassische Familie gibt es nicht mehr", erklärte Prof. Dr. Hans Bertram von der Humboldt-Universität zu Berlin, einer der federführenden Autoren des 7. Familienberichts. Allerdings solle man sich nicht täuschen - diese klassische Familie mit einem verheirateten Paar und mehreren Kindern sei während der Geschichte der Bundesrepublik eher die Ausnahme gewesen. Bis in die 1960er Jahre habe es gedauert, bis die durch den Weltkrieg bedingten väterlosen Familien und allein erziehende Mütter nicht mehr signifikant "Familie" in Deutschland bestimmten. "Wir idealisieren eine Vergangenheit, die es nie gegeben hat." Derzeit wiederum entschieden sich immer mehr Männer der Karriere willen gegen Kinder - ein Trend, der zuerst deutlich in den Vereinigten Staaten von Amerika sichtbar geworden sei und längst auch Deutschland erreicht habe. Das öffentliche Bild werde gerade in Großstädten zunehmend von kinderlosen Männern bestimmt. "Für dieses Problem gibt es noch keine Lösung", konstatierte Bertram.

Wie kann Familienpolitik Risiken minimieren und Ungleichheiten beeinflussen? Hans Bertram plädierte für einen Ausbau der Infrastruktur für Kinder und Jugendliche. Schon heute seien manche Schülerinnen und Schüler in Mecklenburg-Vorpommern beispielsweise bis zu 90 Minuten unterwegs, um ihre Schulen zu erreichen. Diese Kinder und Jugendlichen seien denjenigen gegenüber benachteiligt, die zum Beispiel in Sachsen in einem wesentlich dichter besiedelten Gebiet lebten. "Wir müssen auch über diese Ungleichheiten abseits des Schulsystems reden, die oft viel größer sind als die von den Schulen produzierten", mahnte der Familiensoziologe.

Konstant ist Bertram zufolge das Armutsrisiko für Alleinerziehende geblieben, wie Erhebungen seit 1972 zeigten. Ein Viertel der heutigen Alleinerziehenden gilt als arm. Das Armutsrisiko für kleine Kinder nimmt dabei stetig zu. Armen Familien fehle oft der Zugang zu Bildungsangeboten - fehlende Bildung wiederum gilt als eine Ursache für Armut. Dies liege auch an den unterschiedlichen Verdienstmöglichkeiten von Frauen und Männern: "Eine Frau kann nicht doppelt so viel arbeiten, um auf das gleiche Gehalt eines Mannes zu kommen", so der Wissenschaftler.

Kinder aus Armutsfamilien profitieren von außerfamiliärer Betreuung

Familienarmut zieht vielfältige Folgen in unterschiedlichen Entwicklungs- und Lebensbereichen nach sich. Prof. Dr. Sabine Walper von der Ludwig-Maximilians-Universität München stellte eine Langzeitstudie vor: 344 Kinder und Jugendliche im Alter von neun bis 19 Jahren und deren Mütter erklärten, dass ihre ökonomische Deprivation zu schlechten Befindlichkeiten geführt habe: Depressionen, sinkendes Selbstwertgefühl und schlechte Gesundheitszustände waren die Folgen. Nicht zuletzt sorge Armut auch für Stress in den Familienbeziehungen.

Ein Beispiel für Frühprävention im Rahmen der Familie ist das aus den Niederlanden stammende Frühförderprogramm "Opstapje - Schritt für Schritt", das seit 2001 auch in Deutschland an zwei Modellstandorten mit sozial benachteiligten Familien durchgeführt und vom DJI wissenschaftlich begleitet und evaluiert wird. Bei "Opstapje" gehen Laienhelferinnen in die Familien, um mit ihnen Probleme zu besprechen und Lösungen zu finden. "Gerade die Kinder aus Armutsfamilien profitieren von außerfamiliärer Betreuung", resümierte Sabine Walper das von den Familien positiv aufgenommene Programm. In diese Richtung müsse der Staat noch mehr tun, denn es bestehe ein "hoher sozialpolitischer Handlungsbedarf".

Auch für die Wissenschaft bleibt einiges zu tun. Zwar hat sich das Wissen über die Lage der Familien in den vergangenen 15 Jahren stark vermehrt, dennoch gibt es weiterhin blinde Flecken. Zum Beispiel "fehlt es an empirischem Wissen über ,Doing Family' bei Familien mit Migrationshintergrund", einer ja keineswegs mehr kleinen Bevölkerungsgruppe, berichtete Dr. Barbara Thissen von DJI. Es sei klar, dass Migranten nicht gleich Migranten seien, sondern hoch differenziert zu betrachten seien. "Ethnische Differenzen verschwinden aber auch hier hinter der sozialen Lage", so die Referentin. Der Blick auf Familien als "westdeutsche Kernfamilie" verfehle zum Beispiel die Aktivierung großfamiliärer Ressourcen. "Wir müssen hier weiterdenken und brauchen mehr Wissen über ,Doing Family' unter Migrationsbedingungen", forderte Barbara Thissen, "zumal das Einbeziehen von Familien in Integrationsmaßnahmen bisher nicht sehr systematisch abgelaufen ist."

Tücken in der Anerkennung fürsorglicher Arbeit

Generell nimmt Europa Abschied vom "full-time-mothering", wie es Prof. Illona Oster von der Georg-August-Universität in Göttingen formulierte. "Es findet eine Erosion des staatlich gestützten Maternalismus statt." Doch auch wenn sich Paarbeziehungen durch Angleichung der Bildungschancen und die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen verändert haben, so bleibt doch das Problem, dass fürsorgliche Arbeit in der Familie von Gesellschaft und Individuen gering geschätzt werden. Von den "Tücken der Anerkennung für Care Work", sprach daher Dr. Christine Wimbauer vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung.

Prof. Wolfgang Lauterbach, Prof. Maria Rerrich und Prof. Rosemarie Nave-Herz

Mit elf Doppelverdienerpaaren hatte die Soziologin Paar- und Einzelinterviews geführt. "In allen Paaren kristallisierte sich die Erwerbsarbeit als eine zentrale individuelle und intersubjektive Sinn- und Anerkennungsreserve heraus", berichtete Christine Wimbauer. Bei den sechs Frauen, die Kinder bekamen, nahmen nur zwei Väter Elternzeit, obwohl sich dies alle sechs Frauen gewünscht hatten. Die gewünschte Rückkehr auf den Arbeitsplatz gestaltete sich für die Frauen schwierig. Umgekehrt habe ein befragter Mann quasi rund um die Uhr gearbeitet.

Die Dominanz des Mannes als Haupternährer der Familie konnte auch Dr. Michaela Schier vom DJI bestätigen. In einem Kooperationsprojekt mit der TU Chemnitz hatte sie 76 Eltern mit Kindern im Alter von bis zu 16 Jahren in qualitativen Interviews befragt. Zwar sahen die Paare in der Mehrheit Hausarbeit und Kinderbetreuung als eine gemeinschaftliche Aufgabe jenseits von Geschlechterrollen, aber bei beiden Geschlechtern blieb dennoch die traditionelle Einstellung des Mannes als Hauptberufstätigen und der Frau als Mutter und Hausfrau bestehen.

Komplexität des Themas verdeutlichen

Aber auch diese re-traditionellen Muster passen angesichts neuer Belastungen, Fürsorgearbeit "am Limit", der Vereinbarkeitsprobleme von Beruf und Familie und der Einschränkung durch die fremdbestimmte Entgrenzung der Erwerbsverhältnisse nicht mehr und bringen neue Probleme für die Familien. "Familienarbeit muss anerkannt werden", resümierte Michaela Schier, "und es ist notwendig, bei Neukonzeptionen von ,Nur-teilverfügbaren-Personen-Jobs' gemeinsame Familienzeiten zu berücksichtigen."

Zum Abschluss der Tagung resümierten eine der bekanntesten Familiensoziologinnen der Bundesrepublik, Prof. em. Rosemarie Nave-Herz von der Universität Oldenburg, den gegenwärtigen "Diskurs über die Zukunft der Familie". Rosemarie Nave-Herz prognostizierte, dass die Kinderlosigkeit bei Akademikerinnen ebenso wie die soziale Ungleichheit zunehmen werde. Kontraproduktiv für die Bildung der Kinder sei es, wenn der Staat die starken Mutterrollen fördern wolle, die auch zu einer Überbehütung führen könnten.

Es sei notwendig, die Komplexität des Themas deutlich zu machen, und Schnellschüsse der Politik zu vermeiden, darin waren sich die Beteiligten einig. Die Tagung war dazu ein wichtiger Beitrag.

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