"Die Schüler in die Lebenswirklichkeit einbeziehen"

Schon früh äußerte sich die Bischofskonferenz der Katholischen Kirche zum Aufbau von Ganztagsschulen. Der Münchener Weihbischof Engelbert Siebler, Vorsitzender der Kommission für Erziehung und Schule der Deutschen Bischofskonferenz, erläutert die Stellungnahme. Er plädiert für einen ganzheitlichen Erziehungsansatz, in dem alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens unserer Republik präsent sein können, und eine Erziehungsgemeinschaft aus Schülern, Lehrern und Eltern.

Weihbischof Siebler

Online Redaktion: Weihbischof Siebler, hat die Katholische Kirche in der Gesellschaft Veränderungen bemerkt, aus denen man schlussfolgern kann, dass sich in der Bildung etwas ändern muss?

Siebler: Ja, natürlich. In der Bildung muss sich sogar massiv etwas ändern, und zwar aus zwei Gründen. Erstens: Die Schulqualität ist schlecht, wie internationale Vergleichsstudien wie PISA gezeigt haben. Sie kommt den Anforderungen der modernen Informationsgesellschaft nur noch mäßig nach. Das ehemals vorbildliche deutsche Schulsystem ist deshalb in den letzten Jahren in erhebliche Kritik geraten.

Zweitens: Die soziale Situation vieler Familien hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert - Stichwort Ehescheidungen. Es gibt immer mehr Kinder aus sozial schwierigen Milieus, für die das Angebot der Schulen nur begrenzt geeignet ist.

Daraus ergeben sich also zwei Handlungsfelder: Die Verbesserung der Schulqualität und die Verbesserung der Betreuung von Kindern und Jugendlichen im Schulalter. Diese Punkte sind eindeutig, und hier gibt es auch keinen Dissens zwischen politischer, gesellschaftlicher und kirchlicher Wahrnehmung.

Online-Redaktion: Sie nennen gesellschaftliche Probleme wie zerrüttete Elternhäuser als ein und die Schulqualität als ein anderes Handlungsfeld. Kann man diese zwei Pole Erziehung und Bildung denn voneinander trennen?

Siebler: Man muss sie trennen. Trotz aller sozialen Probleme müssen wir am Verfassungsauftrag festhalten, dass die Erziehung Aufgabe der Eltern ist. Der Staat hat nicht das Recht, den Eltern diese Aufgabe vorzuenthalten, sondern die Pflicht, den Eltern zu helfen, dieser Aufgabe besser nachkommen zu können. Er muss dafür sorgen, dass wir ein familienfreundlicheres Klima bekommen oder dass Eltern die Aufgabe, ihre Kinder zu erziehen, mit ihren beruflichen Verpflichtungen verbinden können. Da öffnet sich ein weites Handlungsfeld für die politischen Verantwortungsträger. Sie müssen dafür sorgen, dass Eltern in der Wirtschaft und in der Arbeitszeitregelung zeitlich und finanziell so entlastet werden, dass sie ihre Kinder selbst betreuen können.

Der Staat wird aber nicht alles regeln können. Viele Eltern können ihre erzieherische Verantwortung aus unterschiedlichen Gründen nicht realisieren, und in diesen Fällen muss der Staat dann subsidiär eingreifen. Dort ist eine Betreuung, auch eine Ganztagsbetreuung durch den Staat angezeigt.

Es besteht aber die Gefahr, dass die Politik versucht, einen Bedarf an Ganztagsschulen zu wecken. Das ist der falsche Ansatz, der in großen Schwierigkeiten münden wird. Wir müssen statt dessen von der Bedarfsdeckung ausgehen. Dort wo Bedarf besteht, sollten Ganztagsangebote errichtet werden, aber man sollte diese nicht pauschal auf Grund schlechter Schulleistungen und sozialer Probleme einführen. Gerade hinsichtlich der Schulqualität ist es irreführend, als Lösung Ganztagsschulen zu fordern. Die Schule wird nicht besser, wenn wir sie zeitlich verlängern, sondern sie muss anders werden.

Durch eine bloße Verlängerung der Schulzeit wird den Kindern die Verbindung zu ihren Eltern genommen, und die großen Defizite in der Erziehung kann der Staat sowieso nicht ausgleichen, denn die werden ja meistens schon im Vorschulalter verursacht. Ihm fehlen einfach die Möglichkeiten, diese Defizite später auszugleichen.

Online-Redaktion: Was verstehen sie unter den von Ihnen eben genannten Schwierigkeiten, die entstünden, wenn Ganztagsschulen unabhängig vom Bedarf eingeführt würden?

Siebler: Der Staat wird allein schon aus finanziellen Gründen nicht in der Lage sein, flächendeckend Ganztagsschulen zu unterhalten. Es würde jedenfalls zu Schwierigkeiten führen, wenn wir unsere Schülerinnen und Schüler dem allgemeinen gesellschaftlichen Geschehen praktisch entziehen würden. Es entstünde eine eigene Schulwelt, in der Kinder und Jugendliche aufwüchsen. Sie wären zum Beispiel nicht mehr integriert in die kirchliche Jugendarbeit, in Sportvereinen oder Musikvereinen. Das wäre eine Entwicklung, die wir staatspolitisch nicht wünschen dürfen.

Online-Redaktion: Wenn Schule nicht einfach nur länger, sondern anders werden muss - wie definieren Sie "anders"?

Siebler: Das kann ich an einem Beispiel tun: Wir haben in unseren katholischen Schulen ein Projekt namens "Compassion". Dort werden Kinder in die Lebenswirklichkeit einbezogen. Sie machen beispielsweise Praktika in einem Krankenhaus oder Altersheim. Die Erfahrungen, die sie dort machen, werden dann systematisch in den Unterricht eingebaut. Man versucht, das gesellschaftliche Leben intensiver in den Lernbetrieb zu integrieren. Das ist einer der Punkte, über den man hinsichtlich der Verbesserung der Schulqualität nachdenken müsste. Die jungen Leute sollten durch solche Projekt einen bewussteren Kontakt zur gesellschaftlichen Realität bekommen. Das war ja eine der bei PISA festgestellten Schwächen, dass gerade die deutschen Schüler wenig mit der gesellschaftlichen Realität vertraut sind.

Online-Redaktion: Wie sind denn die katholischen Schulen organisiert?

Siebler: Prinzipiell als Halbtagsschulen, aber wir haben wesentlich mehr Nachmittagsbetreuung als an den öffentlichen Schulen. Wir haben also schon seit Jahren große Erfahrung mit der Nachmittagsbetreuung, und das Einbeziehen des gesellschaftlichen Umfeldes ist da eine der wichtigsten Aufgaben.

Online-Redaktion: Fallen denn die Schülerinnen und Schüler durch einen Ganztagsbetrieb wirklich für das gesellschaftliche Leben aus? Sportvereine zum Beispiel nutzen doch als Kooperationspartner von Ganztagsschulen die Möglichkeit, Mitglieder zu gewinnen, die sich sonst vielleicht nie für sie interessiert hätten.

Siebler: Die Entwicklung bei Sportvereinen finden wir sehr positiv, und in einer ähnlichen Weise würden wir auch mit einer Schule im Nachmittagsbereich kooperieren wollen. Hier ist eine enge Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Ganztagsschulen und der katholischen Kirche möglich. Zum Teil engagieren wir uns auch schon: In Rheinland-Pfalz hat die Katholische Kirche beispielsweise eine Rahmenvereinbarung geschlossen, so dass der Kommunionunterricht nachmittags in der Schule stattfindet. Diese Rahmenvereinbarung ist meiner Meinung nach zukunftsweisend. Vielleicht wird es solche Vereinbarungen nicht immer gleich auf Landesebene geben, aber auf kommunaler Ebene sollten diese schon angestrebt werden. Der Ganztagsschule würde es helfen, aus der Verschulung herauszukommen, und dem berechtigten Anliegen der freien Verbände, mit der Jugendarbeit präsent zu sein, Rechnung tragen.

Online-Redaktion: Die Katholische Kirche hat ja schon früh Position zum Ganztagsschulthema bezogen. Die Stellungnahme der Bischofskonferenz vom 12. März 2003 könnte man mit einem "Ja, aber..." umschreiben. Können Sie dies präzisieren?

Siebler: Wir lehnen das Wort "Ganztagsschule" ab - wie sie vielleicht bemerkt haben, spreche ich von "Ganztagsbetreuung". Das was am Nachmittag geschieht, sollte nicht einfach nur die fünfte oder sechste Mathematikstunde sein, sondern den Kindern und Jugendlichen helfen, einen neuen Stil des Lernens zu lernen. Das scheint mir als Pädagoge nämlich das Grundproblem zu sein: Unsere Schüler müssen lernen, dass Lernen schön ist, dass es Spaß macht - auch Mathematik, Physik und Fremdsprachen.

Wie wende ich Französisch konkret an? Zum Beispiel dadurch, dass wir einen französischen Kulturclub in die Nachmittagsbetreuung einladen, französische Tänze und französische Musik üben. Wir müssen aus diesem engen Schulverständnis, das uns viele Untersuchungen wie IGLU vorwerfen, aus der Einengung auf ein relativ uninteressantes Sachwissen entkommen und uns in ein Bildungswissen hineindenken. Junge Leute müssen ein Interesse bekommen zu entdecken, was Französisch bedeutet, was Mathematik und Physik sind. Dies würde bei einer Ganztagsbetreuung möglich, wenn verschiedene gesellschaftliche Gruppen in einer nichtunterrichtlichen Form präsent wären und dem eigentlichen Unterricht dadurch eine neue Qualität geben würden.

Online-Redaktion: Aber wie passt das zu der Forderung in Ihrer Stellungnahme, die Angebote müssten freiwillig bleiben?

Siebler: Es gibt in Großstädten Gebiete mit großen sozialen Problemen, die das Errichten von Ganztagsschulen nötig machen. Es gibt so viele sozial problematische Familien, Kinder, die kein Zuhause mehr haben. Dort wird es nötig sein, diese Kinder ganztägig zu betreuen. In unserem Kirchenjargon nennen wir das "diakonisch", also dort wo man den Menschen helfen muss, wo man einen Dienst anbieten kann, da muss eine Ganztagsschule hin. Als Kirche stehen wir positiv dahinter.

Aus PISA Ganztagsschulen abzuleiten, halte ich dagegen gewagt. Wer die PISA-Studie gelesen hat, kann erst einmal zu dem Schluss kommen, dass eine bessere Schule mit besserem Unterricht nötig ist.

Online-Redaktion: Wie stellen Sie sich denn eine gute Ganztagsschule vor?

Siebler: Der erste Schritt aus unserer Sicht ist das Bilden einer Erziehungsgemeinschaft aus Schülern, Lehrern und Eltern. Das scheint mir die Voraussetzung für ein besseres Gelingen von Schule zu sein. Wir dürfen die Eltern aus ihrer Verantwortung nicht entlassen, sondern sollten sie bei allem, was in der Schule geschieht, einbeziehen. Wir müssen Lehrern beibringen, dass sie mit Eltern mehr zusammenarbeiten, als sie das heute tun, und Schülern beibringen, dass Lehrer und Eltern Kooperationspartner sind. Es muss eine Kooperationsgemeinschaft dieser drei Größen entstehen.

Zweitens - und auch dies hat uns wieder PISA gelehrt - müssen wir auf eine ganzheitliche Bildung setzen. Es darf keine Diskussion nach dem Motto "Die deutsche Industrie braucht dies oder jenes" geben, sondern die deutsche Gesellschaft braucht Frauen und Männer, die fähig sind, sich sicher in dieser Gesellschaft zu bewegen und sie positiv zu gestalten. Wir brauchen also einen ganzheitlichen Bildungsansatz, in dem alle Aspekte des gesellschaftlichen Lebens unserer Republik präsent sein können. Dabei müssen wir aufpassen, dass die Bildungsziele nicht zu Leistungszielen werden - die jungen Leute sollen sich in unserer Gesellschaft souverän bewegen und frei entscheiden können, wie sie sich einmal beruflich engagieren.

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