"Schule muss transparenter werden"

Der Ganztagsschule steht der Zentralrat der Muslime skeptisch gegenüber. Für Asiye Köhler, Leiterin des Pädagogischen Fachausschusses im Zentralrat, muss das Primat der Familie in der Erziehung gewahrt bleiben, auch wenn sie im Interview Zustimmung zu Elementen der Ganztagsschulpädagogik äußert.

Asiye Köhler

Online-Redaktion: Frau Köhler, bevor man dem Patienten eine Therapie verordnet, muss man erst einmal diagnostizieren, woran er erkrankt ist. Woran leidet Ihrer Meinung nach das deutsche Schulwesen?

Köhler: Nach 35 Jahren Berufserfahrung als Lehrerin an verschiedenen Schulen habe ich eine wesentliche Beobachtung gemacht: Migrantenkinder, aber auch deutsche Kinder, haben häufig Sprachprobleme, weil sie im sprachlichen Bereich nicht ausreichend gefördert wurden. Man muss Kinder viel differenzierter fördern, man kann Migrantenkindern nicht das selbe Sprachniveau wie deutschsprachigen Kindern anbieten. Punktuell wurde zwar zusätzlich gefördert, aber es fehlte an einer regelmäßigen Förderung, um die Migrantenkinder auf das gleiche sprachliche Niveau zu bringen. Während meiner aktiven Zeit konnten die Defizite nicht qualifiziert und systematisch genug aufgearbeitet werden - die Lehrer waren dazu nicht ausreichend ausgebildet worden.

Online-Redaktion: Wäre auch eine Änderung der Lehrerausbildung erforderlich, um diesen Anforderungen gerecht zu werden?

Köhler: Auf jeden Fall - sowohl was Sprachdidaktik wie auch das Verständnis von Kultur und Religion betrifft. Je mehr Kulturen in einer Klasse versammelt sind, desto mehr muss man auch über diese Kulturen wissen.

Online-Redaktion: In einer Ganztagsschule wäre für die zusätzliche Förderung Zeit vorhanden. Sollte man diese gezielt zur Sprachförderung einsetzen?

Köhler: Ich muss etwas vorausschicken: Unsere Schulen arbeiten in weiten Teilen schon über den so genannten Halbtag hinaus. An Schulen, an denen ich tätig gewesen bin, fanden häufig Unterricht und Arbeitsgemeinschaften nach 13.30 Uhr statt. Wenn ich einen Raum für die Türkischförderung am Nachmittag benötigte, hatte ich oft Mühe, einen zu finden, der nicht aus den Nebenräumen durch eine Chor- oder Musik-AG beschallt wurde. Kinder verfügen aber auch nur über eine begrenzte Aufnahmefähigkeit. In meinen nachmittäglichen Förderstunden waren die Kinder kaum noch aufnahmefähig. Aus Erfahrung weiß man doch, dass die Konzentrationsfähigkeit bereits in der fünften und sechsten Stunde nachlässt. Förderunterricht sollte daher am Vormittag parallel zum Unterricht stattfinden. Es wäre besser, am Vormittag mehr Personal gleichzeitig einzusetzen, als den Tag so zu strecken.

Online-Redaktion: Wie würden Sie den Nachmittag in einer Ganztagsschule nutzen?

Köhler: Eher für kulturelle oder allgemein bildende Angebote, die aber auch über einen Bildungswert verfügen sollten: Museumsbesuche, Theater und Ökologie oder das Engagement der Musikschulen finde ich zum Beispiel sehr gut. Auch die Einbeziehung der Eltern und des Umfeldes wäre sinnvoll. Die Angebote dürfen nicht, weil sie freiwillig sind, in der Qualität gegenüber außerschulischen Freizeitaktivitäten abfallen. Die Schulen sollen sich da auch ruhig untereinander Konkurrenz mit guten Angeboten machen.

Online-Redaktion: Sollten diese Angebote freiwillig im Rahmen einer offenen Ganztagsschule oder verpflichtend in einer gebundenen Form organisiert sein?

Köhler: Der Zentralrat der Muslime steht den Ganztagsschulen skeptisch gegenüber. Wenn wir uns für ein Modell entscheiden müssten, wäre es daher das freiwillige, offene Modell.

Online-Redaktion: Wenn Sie von kulturellen Angeboten sprechen, bestünde doch in einer Ganztagsschule auch die Möglichkeit, etwas über andere Kulturen und Religionen zu erfahren.

Köhler: Wir haben eine andere Befürchtung - dass durch die Ganztagsschule bewusst oder unbewusst Werte und kulturellen Eigenheiten eingeebnet werden. Der Artikel "Bildung ist die einzige Chance" auf Ihrem Portal hat uns in dieser Befürchtung bestärkt.

Online-Redaktion: Inwiefern?

Köhler: In dem Artikel steht: "Noch vor zehn Jahren gab die Situation Anlass zum Optimismus, man sprach von Multikulti-Gesellschaft und ihren verlockenden Perspektiven in einem Land, dessen Bevölkerung im Durchschnitt immer älter wird. Heutzutage hoffen viele auf eine Verbesserung der Integrationschancen durch Ganztagsschulen." In der Praxis befürchte ich aber mehr - nämlich Assimilation.

Online-Redaktion: Wenn Sie gestatten, glaube ich, dass Sie da einen zu negativen Zungenschlag hereininterpretieren. Integration an einer Grundschule wie der Köllnischen Heide in Berlin ist unserer Beobachtung nach nicht als Gleichmacherei zu verstehen, sondern als das Bemühen, Kinder aus verschiedenen Kulturkreisen die gleichen Chancen an der Teilhabe in unserer Gesellschaft zu eröffnen, was mit dem Erlernen der Landessprache beginnt.

Köhler: Ich kenne diese Schule persönlich nicht. Was mich stutzig macht, sind Formulierungen, die auf viele Vorurteile und Klischees schließen lassen. Die werden auf jeden Fall verallgemeinert, verstärkt und als wahr weiter getragen: Kopftuchzwang mit körperlicher Gewalt, Serienmorde, das undifferenziert dargestellte Klassenfahrtproblem. Zugegebenermaßen gibt es Eltern, die ihre Kinder überbehüten, und Männer, die in ihren Familien Druck ausüben - aber das sind Einzelfälle. Qualifizierte Untersuchungen zeigen eindeutig, dass muslimische Eltern bildungswillig sind und auch ihren Töchtern den Bildungsweg erleichtern.

Online-Redaktion: Die Erfahrungen an der Köllnischen Heide scheinen aber andere zu sein. So äußert sich die Schulleiterin in unserem Artikel, dass das Elternengagement an mangelnden Sprachkenntnissen scheitere und es Eigeninitiative "gar nicht" gebe.

Köhler: Ich kenne in Berlin etliche Elterninitiativen, mit denen Ganztagsschulen zusammenarbeiten könnten. Es braucht von Seiten der Eltern allerdings Engagement und Mut, in die Schulen zu gehen und auch mal auf Mängel hinzuweisen. Von Seiten der Lehrer lässt sich leicht über die mangelnden Deutschkenntnisse von Migrantenkindern klagen und diese Mängel deren Eltern anzulasten. Stattdessen sollten meiner Ansicht nach Schule und Eltern gemeinsam zum Wohle der Kinder an einer Verbesserung der Situation mitwirken. Vor allen Dingen muss das Vertrauensverhältnis zwischen Elternhaus und Schule verbessert werden.

Bislang herrscht oft eine Mentalität vor, dass Kollegium und Schulleitung in Konfliktfällen zusammen halten, und die Eltern wie vor einer Wand stehen. Wir bräuchten Vermittler zwischen Schule und Elternhäuser, die möglichst beide Kulturen kennen und zwischen beiden Seiten einen Dialog ermöglichen.

Online-Redaktion: Sehen Sie die Lage bezüglich des Elternengagements nicht etwas zu rosig? Bei Ihnen klingt das so, als würden Ganztagsschulen agieren. Sind diese nicht eher eine Reaktion der Bildungspolitik gerade auf die gesellschaftliche Fehlentwicklung, dass viele Elternhäuser dem Bildungs- und Erziehungsauftrag nicht mehr nachkommen können oder wollen?

Köhler: Schule ist keine Insel, sondern spiegelt die gesellschaftlichen Probleme. Aber dieses von ihnen angesprochene Problem löst man doch nicht, indem man die Kinder aus den Familien holt und länger in die Schulen gehen lässt. Es wäre vielmehr eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung nötig, Eltern wieder mehr zu befähigen und in die Pflicht zu nehmen, ihre Kinder zu erziehen.

Online-Redaktion: Der Staat hat da aber wenig Möglichkeiten. Man kann Eltern ja nicht zwingen, Kinder liebevoll zu erziehen.

Köhler: Deshalb ist es ja eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, bei der beide Seiten - Schule wie Eltern - mobilisiert werden müssen und die Nachbarschaftshilfe verbessert werden muss. Wenn Eltern wirklich keine Zeit für ihre Kinder am Nachmittag haben, dann sollten die Kinder freien Trägern überantwortet werden. Das wäre besser, als den gesamten Tag zu verschulen.

Online-Redaktion: Halten Sie in diesem Zusammenhang das Engagement der Jugendhilfe in der Ganztagsschule für sinnvoll?

Köhler: Das finde ich sehr gut, denn dadurch kommen frische Kräfte mit neuen Ideen und anderem Hintergrund und Umgangsformen in die Schule, was bereichernd sein kann. Diese Personen sollten aber Fachleute sein. Kinder sind unsere Zukunft, deshalb sollte man sie ernst nehmen und ihnen gutes Personal zur Seite stellen.

Online-Redaktion: Dass sich die Ganztagsschulen mehr nach außen öffnen, findet demnach auch Ihre Zustimmung?

Köhler: Auf jeden Fall. Schule muss transparenter werden.

Online-Redaktion: Trotz dieser von Ihnen befürworteten Ansätze zeigt sich der Zentralrat der Muslime skeptisch gegenüber Ganztagsschulen, wie Sie sagten. Was sind die Gründe?

Köhler: Wir sind der Ansicht, dass die Erziehung der Kinder in erster Linie in der Verantwortung der Familien bleiben und das Elternrecht gestärkt werden sollte

Online-Redaktion: Islam-Kritiker wenden ein, die Muslime fürchteten vielmehr, dass die Kinder und Jugendlichen bei ganztägigem Unterricht und Betreuung nicht mehr den nachmittäglichen Koranschulen besuchen könnten.

Köhler: In meiner Gegend besuchen die Kinder, wenn überhaupt, die Moschee nur am Wochenende. Die Gemeinden organisieren nicht nur den Koranunterricht, sondern bieten unter der Woche auch allerlei Aktivitäten wie Hausaufgabenhilfe, Sport und Chor an. Diese könnten auch in der Ganztagsschulen Angebote machen.

Online-Redaktion: Angenommen, Sie würden Ihr Kind jetzt einschulen lassen. Was erwarten Sie von der Schule, was es dort lernen und erfahren sollte?

Köhler: Neben den selbstverständlichen Kulturtechniken sollte mein Kind zur Selbstbildung befähigt werden und zum mündigen Bürger heranwachsen können. Ich erwarte, dass mein Kind Sozial- und Kulturkompetenzen erlangt. Es sollte lernen, andere Kulturen zu respektieren und mit ihnen in Eintracht zusammen zu leben, ohne die eigene Identität aufzugeben.

Asiye Zilelioglu-Köhler, deutsch-türkische Germanistin und Pädagogin. Nach dem Germanistik- und Lateinstudium an der Universität Ankara ist sie vom deutschen akademischen Austauschdienst zur Universität Köln eingeladen worden, wo sie sich in Philosophie, Pädagogik und Islamwissenschaften weitergebildet hat. Sie war 35 Jahre im Schuldienst tätig. Zuletzt hat sie an einem deutschen Gymnasium Türkisch, Islam und Ethik unterrichtet. Sie ist Vorsitzende des Pädagogischen Fachausschusses des Zentralrates der Muslime in Deutschland. Sie bemüht sich für eine bessere Bildung und bessere Integration der Migrantinnen und Migranten in Europa und für gegenseitiges Verständnis unter den Kulturen.

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