Ganztagsschule und Elternengagement

Ein afrikanisches Sprichwort weiß, dass es für die Erziehung eines Kindes eines ganzen Dorfes bedarf. Alexandra Klein, pädagogische Leiterin der Nachmittagsbetreuung an der Erich-Kästner-Grundschule in Bonn, erläutert in einem Gespräch mit der Online-Redaktion, wie Eltern, Schulleitung und Kommune gemeinsam die Offene Ganztagsschule zum Wohle der Kinder und Eltern gestalten.

Online-Redaktion: Welche Rolle spielen die Eltern für die Entwicklung des Ganztages?

Klein: Der Träger unserer Offenen Ganztagsschule ist die Elterninitiative. Diese spielt insofern eine große Rolle, da sie von Anfang an Träger des Ganztagsangebotes war. Das heißt, es gibt eine Nachmittagsbetreuung für Kinder an dieser Schule seit circa zehn Jahren, noch bevor wir Offene Ganztagsschule wurden.

Die Mitarbeit in der Elterninitiative ist freiwillig und unbezahlt. Als Leiterin der Elterninitiative versuche ich zwar viel abzudecken, doch die ganze finanzielle Seite wie den kommunalen Beitrag, Elternbeitrag, Landesmittel etc. übernimmt die Elterninitiative. Die Elterninitiative leistet also Trägerarbeit. Als wir uns vor zwei Jahren als OGS gegründet haben, hatten wir 16 Kinder in der Nachmittagsbetreuung, mittlerweile haben wir 84 Kinder.   

Online-Redaktion: Wie hat sich die Elterninitiative gegründet?

Klein: Aus einem Bedarf heraus. Wir haben eine kleine Schule mit rund 180 Kindern, und da entstand bereits vor zehn Jahren der Bedarf für eine Nachmittagsbetreuung. Wir könnten stetig weiter wachsen, weil der Bedarf einfach vorhanden ist. Der Hintergrund ist die Berufstätigkeit der Eltern. Alle Mütter in der Elterninitiative sind berufstätig, soweit es denn beide Elternteile in der Familie gibt. Ein wichtiger Grund ist auch eine wachsende Zahl allein erziehender Eltern.

Online-Redaktion: In diesem Fall wäre die Ganztagsschule also ein familienpolitisches Instrument?

Klein: Ja. Die Diskussion um die Offene Ganztagsschule geht auch darum. Bei uns geht es im Wesentlichen um den Betreuungsbedarf von Kindern berufstätiger Eltern. Wir sind froh, dass wir eine Elterninitiative sind, denn durch die Elterninitiative entfallen Personalkosten, sodass die ganzen verfügbaren Gelder in die Offene Ganztagsschule fließen.

Online-Redaktion: Dann hängt die Nachmittagsbetreuung doch sehr stark vom Elternengagement ab?

Klein: Auf jeden Fall. Es bedarf großer Überzeugungskunst. Als pädagogische Leiterin bin ich mit 38,5 Stunden freigestellt und deshalb kann ich viel Arbeit schon im Vorfeld leisten, um den Eltern ihr Engagement schmackhafter zu machen.

Unsere Vorstandsvorsitzenden sind übrigens drei Damen. Zwei davon haben ihre Kinder auf dieser Schule. Die dritte, deren Kind gar nicht mehr die Erich-Kästner-Schule besucht, engagiert sich aber weiterhin in der Elterninitiative, weil sie ihre Arbeit sinnvoll findet. Sie ist für die Finanzen zuständig und leistet im Grunde genommen die meiste Arbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen der Elterninitiative.

Online-Redaktion: Welche Kriterien sollte eine gute Zusammenarbeit zwischen Schulleitung und Elterninitiative erfüllen?

Klein: Ein wichtiges Kriterium ist gute Kommunikation und die Offenheit, wirklich diesen Ganztag zu wollen. Die Einführung des Ganztags beginnt ja mit einem Schulkonferenzbeschluss. Erst entscheidet die Schule, ob wir eine OGS werden wollen, und dann fragt man erst, welcher Träger das leisten soll. Deswegen muss von der Schulleitung eine große Offenheit vorhanden sein, um in Kooperation zusammenzuarbeiten.

Dann gibt es den Kooperationsvertrag, der gemeinsam mit der Stadt, der Schule und dem Träger der Maßnahme geschlossen werden muss. Wichtig sind auch regelmäßige Treffen bei uns, um im Rahmen der OGS alle Beteiligten ins Boot zu holen. Das sind aus meiner Sicht die wichtigsten Kriterien für eine gelingende Kooperation.

Online-Redaktion: Gibt es Probleme zwischen Schule und Jugendhilfe?

Klein: Aus meiner Sicht als pädagogische Leiterin muss ich hinzufügen, dass Schule und Jugendhilfe zwei verschiedene Gebiete sind, die zwei unterschiedliche Fachkompetenzen abdecken. Es muss also ein Annäherungsprozess stattfinden. Bei den Schulen ist eine bedingte Bereitschaft vorhanden, auch am Nachmittag zu arbeiten, aber das muss wachsen. Man kann das nicht von heute auf morgen von einer Schule verlangen. Wenn bestimmte Kriterien eingehalten werden und eine Akzeptanz von Seiten der unterschiedlichen Berufsfelder vorhanden ist, kann die Kooperation funktionieren.

Online-Redaktion: Und welche Rolle spielt das OGS-Büro der Stadt Bonn für die Entwicklung der Nachmittagsbetreuung?

Klein: Das spielt deswegen eine große Rolle, weil das OGS-Büro uns bereits anderthalb Jahre bevor wir Ganztagsschule wurden, begleitet hat. Wir haben im Rhythmus von vier bis sechs Wochen zusammen gesessen und uns über das pädagogische Konzept der Schule ausgetauscht: also über Personalstrukturen, Finanzierungsmodelle und pädagogische Schwerpunkte.

Das OGS-Büro, das übrigens aus meiner Sicht in NRW einzigartig ist, wird sehr kompetent von Frau Lukes geleitet, die uns in wichtigen Personalproblemen beraten hat. In der Steuergruppe sitzen verschiedene Personen, angefangen von Eltern, Vertretern der Elterninitiative, schulischem und außerschulischem Personal. Wenn man jemanden hat, der die Ziele vorgibt und dabei den roten Faden behält, ist das eine große Bereicherung. Das Büro ist Ansprechpartner für alle möglichen Fragen, wie zum Beispiel die Öffnung des Schulhofes.

Bonn hat meines Wissens den größten Anteil an OGS-Schulen in Nordrhein-Westfalen. Es gibt aber auch Kritikpunkte. Es fehlen zum Beispiel klare Personalstrukturen, weil jede OGS für sich selbst arbeitet. Jeder Trägerverein kann selber entscheiden, wer und wie viele in der Nachmittagsbetreuung arbeiten sollen. Es gibt keine Vorgaben oder Standards, wie zum Beispiel das außerschulische Personal bezahlt werden soll. Wir haben eine Grauzone, in der wir uns als Träger bewegen. Werden wir bei der Stadt als Teil der Schule behandelt und fallen unter das Schulgesetz oder sind wir freier Träger und fallen unter das Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG).

Das kann man aber nicht als Stadt klären, sondern das sind Landesbestimmungen. Das Land müsste klären: Ist das Schulgelände öffentliches Gelände oder nicht? Die Stadt wiederum müsste klären, ob unbedingt ein Hausmeister drei Schulen gleichzeitig versorgen muss.

Online-Redaktion: Wie funktioniert der Austausch zwischen der Elterninitiative und dem Lehrerkollegium?

Klein: Das pädagogische Profil der Schule teilt sich auf in Vormittag und Nachmittag. Wir haben regelmäßige Treffen mit dem Lehrerkollegium, bei denen es um die Gestaltung des Nachmittags geht. Die Akzeptanz der Eltern durch das Lehrerkollegium ist groß, denn wir haben vier Gruppenleiterinnen, die eine abgeschlossene pädagogische Ausbildung haben. Das heißt, die Elternarbeit liegt in den Händen von Fachleuten, die wirklich kompetent sind. Die Eltern haben ein also ein sehr großes Vertrauen in die Arbeit der Elterninitiative.

Online-Redaktion: Stichwort Zufriedenheit. Haben Sie den Eindruck, dass die Kinder bzw. die Eltern mit dem Nachmittagsangebot zufrieden sind?

Klein: Wenn ein Zufriedenheitskriterium darin besteht, dass wir uns an den Bedürfnissen der Kinder orientieren, dann sind die Kinder sicherlich zufrieden. Die Kinder haben zum Beispiel ein Wahlrecht, welche Kurse es geben soll. Sie haben sich aber auch darüber gefreut, dass wir die Raumsituation durch die Beschaffung eines Containers verbessert haben, weil die Kinder einen Raum zum Toben wollten. Günstig ist auch, dass wir in alterspezifischen Gruppen arbeiten. Die Kinder mäkeln zwar hin und wieder über das Essen, aber mehr nicht. Unser Leitbild besteht darin, dass wir zum Wohl des Kindes agieren. Und das entspricht dem Wunsch der Eltern.

Die Eltern kommen übrigens schon in der ersten Klasse, um einzelne Kinder im Lesen zu fördern. Wir sind eine Anlaufschule für internationale Institutionen und deswegen haben wir eine Betreuung bis um 18 Uhr. Eltern unserer Schule arbeiten bei der Deutschen Welle, bei der UNO oder beim Deutschen Entwicklungsdienst. Manche Eltern waren am Freitag noch in Afrika und am Montag sind sie in Deutschland.

Online-Redaktion: Haben Sie Bundesmittel aus dem Ganztagsschulprogramm des Bundes bekommen, und wenn, dann wofür?

Klein: Wir bekommen Bundesmittel für pädagogisches Material und für Mobiliar sowie für Geschirr und Küchenbedarf. Wir sind eine Schule, die wenig Mittel braucht, weil wir sehr gute räumliche Bedingungen haben. Es gibt aber viele Schulen, die dringend neue Gebäude brauchten, um den Ganztag durchführen zu können. Daran hat sich die Stadt Bonn bei der Mittelvergabe orientiert.

Die Bundesmittel, die wir zusätzlich bekommen haben, hätte die Elterninitiative nicht aufbringen können. Also Stühle, Tische, neue Regale, Spachtelmaterial, all solche Dinge, von denen wir auch abhängig sind und die wir zum Einrichten einer Offenen Ganztagsschule dringend brauchen.

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