Ganztagsschule und Familie - die spannende Ambivalenz von Selbständigkeit und Kontrolle

Wie sehen Bildungsprozesse in der Familie aus? Welche Möglichkeiten bietet die Ganztagsschule im Spannungsfeld des Wunsches von mehr Betreuung und angeleiteter sinnvoller Freizeitgestaltung auf der einen und größerer Selbstständigkeit von Jugendlichen auf der anderen Seite? Die Soziologin Regina Soremski vom Deutschen Jugendinstitut untersucht die "Bildungsprozesse zwischen Familie und Ganztagsschule" - ein noch weithin unerforschtes Feld.

Online-Redaktion: Frau Soremski, am Deutschen Jugendinstitut führen Sie das Forschungsprojekt "Bildungsprozesse zwischen Familie und Ganztagsschule" durch. Betreten Sie mit diesem Projekt Neuland?

Regina Soremski: Die Frage, wie sich die Ganztagsschule im Familienalltag widerspiegelt, ist ein recht neues Forschungsfeld. Als Forschungsfrage interessiert sie einerseits vor dem Hintergrund aktueller politischer Debatten, da die Ganztagsschule als Antwort auf veränderte Bedürfnisse von Familie gesehen wird, zum Beispiel hinsichtlich der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Andererseits wird damit ein bildungstheoretisches Interesse formuliert, das auf weitere Erkenntnisse über alltägliche Bildungsprozesse in der Familie abzielt und das mitunter spannungsreiche Verhältnis zwischen Schule und Familie unter den Bedingungen des Ganztages in den Blick nimmt.

Online-Redaktion: Welche "alltagstaugliche" Relevanz hat Ihre Forschung?

Soremski: Von Bedeutung für die Untersuchung ist, was relevant für die Familien aus ihrer lebensweltlichen Perspektive ist:  Wie nehmen die Familien die Ganztagsschule wahr? Inwiefern brauchen Jugendliche eine Ganztagsbetreuung? Wie strukturieren die Familien ihren Alltag um die Ganztagsschule herum?

Damit kann sowohl der alltäglichen Leistungen von Familie Rechnung getragen werden, das Zusammenspiel von Ganztagsschulbetrieb, Familienalltag und der Lebensführungen ihrer Mitglieder zu organisieren, als auch der Bildungsleistung der Familie im Verhältnis zur schulischen Ganztagsbildung.

Ziel des Projektes ist es, Potenziale und Barrieren im Verhältnis zwischen Familie und Ganztagsschule zu identifizieren, um Anregungen für die Zusammenarbeit im Sinne einer Bildungs- und Erziehungspartnerschaft zur Stärkung der Lebensführungskompetenz Jugendlicher zu geben.

Online-Redaktion: Sie haben in Jena Soziologie und Erziehungswissenschaften studiert. Im Osten Deutschlands hat die Ganztagsbetreuung eine stärkere Tradition als im Westen Deutschlands. Wenn Sie von Spannungen zwischen Ganztagsschule und Familien sprechen, reden wir dann Ihrem Empfinden nach hier eigentlich von einem westdeutschen Phänomen?

Soremski: Ich kann nicht belegen, dass sich westdeutsche Familien schwerer mit einer Ganztagsbetreuung ihrer Kinder tun als ostdeutsche. Mir fällt allerdings in den Interviews meiner Studie bei einigen Familienmüttern oder Alleinerziehenden auf, dass diese immer eine gewisse Rechtfertigungshaltung in ihrer Argumentation einnehmen, warum sie ihre Kinder auf eine Ganztagsschule schicken. Dort scheint noch stärker das tradierte Rollenbild einer Mutter durch, die ihr Kind ab mittags versorgt, ihm Essen kocht und mit ihm die Hausaufgaben löst.

Online-Redaktion: Sie arbeiten bei Ihrem Forschungsprojekt also mit Interviews. Wie führen Sie diese durch?

Soremski: Es handelt sich bei meinem Vorgehen um einen explorativen Ansatz: Hypothesen werden im Rahmen der empirischen Forschung generiert. Dabei arbeite ich mit einem Mix aus verschiedenen Erhebungsverfahren: Neben Familieninterviews und Einzelinterviews mit den Jugendlichen, werden Interviews mit den Betreuern sowie Lehrern, teilnehmende Beobachtung und Online-Tagebüchern durchgeführt. So erhofft man sich, umfangreiche Einblicke in die alltägliche Lebensführung der Familien und Jugendlichen zu bekommen.

Online-Redaktion: Wie haben Sie die Schulen und die Familien gefunden?

Soremski: Unser Projekt läuft seit April 2008 und wird im März 2010 enden. Ich verschaffte mir zuerst einen Überblick über die Münchener Ganztagsschullandschaft und musste feststellen, dass dort keine staatliche Ganztagsschule in gebundener Form vorhanden ist - sowohl im Bereich der Realschule als auch Gymnasium, nimmt man die teilgebundenen Angebote für die Unterstufe der 5. bis 8. Klassen aus. Ich bin daraufhin auf ein staatliches Gymnasium in offener Form und ein privates Gymnasium in gebundener Form ausgewichen. Da dieses Privatgymnasium einen Realschulzweig besitzt, habe ich dazu noch eine staatliche Realschule mit offenen Ganztagsangeboten gewählt.

Mir ging es nicht um einen Vergleich, welches der Ganztagsschulsysteme das bessere ist. Ich wollte einfach an eine Vielfalt von Familien herankommen, die solche Angebote nutzen. Das Projektdesign war ursprünglich so angelegt, dass zwölf Mittelschichtsfamilien in München und Umgebung teilnehmen sollten. In diesen Familien sollte ein Jugendlicher von 13 bis 16 Jahren eine Ganztagsschule besuchen. Statt zwölf Familien habe ich dann allerdings 17 Familien befragt, weil ich ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis erreichen wollte.

Online-Redaktion: Wie baute sich die Forschung chronologisch auf?

Soremski: Von Mai bis Juli 2008 erstreckte sich die teilnehmende Beobachtung in den Schulen, um Zugang zum Feld zu erhalten, die organisatorischen Abläufe zu erfassen und außerunterrichtliche Freizeitaktivitäten zu beobachten und zu dokumentieren. Dadurch sollte ein weiterer Zugang zu den episodalen Strukturen informeller Bildungsprozesse geschaffen werden.

Daran schloss sich die Erhebungsphase an. Statt auf die ursprünglich geplanten Telefoninterviews mit den Jugendlichen setzte ich auf von mir entwickelte Online-Tagebücher, in denen sie für zwei Wochen ihre Tagesabläufe beschrieben. Bei den Familieninterviews war es mir wichtig, die kulturelle Praxis der Familien zu erfassen. Deshalb habe ich die Eltern auch nicht, wie zunächst beabsichtigt, ohne ihre Kinder interviewt.

Online-Redaktion: Welche Erkenntnisse kann man aus einer teilnehmenden Unterrichtsbeobachtung mitnehmen?

Soremski: Die Ganztagsschule birgt eine Ambivalenz in sich: Einerseits sollen die Kinder und Jugendlichen selbstständiger und ihre Lebensführungskompetenz gestärkt werden. Andererseits werden sie von Erwachsenen betreut und angeleitet. In einer von mir beobachteten Hausaufgabenbetreuung, in dem diese beiden Pole zur Deckung gebracht wurden, griff der Betreuer Impulse aus der Gruppe auf, interessierte sich auch für andere Themen, welche die Jugendlichen während dieser Zeit einbrachten, so dass es zu wechselseitigen Lernerfahrungen in der Betreuer-Schüler-Interaktion kam.

In dieser Balance zwischen Autonomie und Kontrolle, zwischen formellen und informellen Lernen gelang es, den vielfältigen Interessen der Jugendlichen aber auch ihren unterschiedlichen Kompetenzen im sozialen Miteinander und im eigenverantwortlichen Umgang mit Lernen gerecht zu werden. Diese Hypothese muss durch die weitere Auswertung noch untermauert werden.

Online-Redaktion: Wo steht Ihr Projekt derzeit?

Soremski: Ich werte die Familien- und Einzelinterviews aus. Wie findet Bildung in den Familien statt? Wie sind Bildungsprozesse strukturiert? Darüber weiß man noch wenig, und ich hoffe, hier Forschungsergebnisse generieren zu können.

Nach der Auswertung sind für den Oktober 2009 auch noch Interviews mit dem pädagogischen Personal über deren Handlungspraxis geplant. Ich möchte die Lehrerinnen und Lehrer beziehungsweise das weitere pädagogische Personal mit einzelnen Aussagen aus den Interviews konfrontieren, um diese noch aus einer anderen Perspektive zu beleuchten und um Kooperationsmuster zwischen Elternhaus und Schule aufzudecken: Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit empirisch?

Online-Redaktion: Lassen sich erste Trends aus der Zwischenauswertung herauslesen?

Soremski: Es gibt eine starke Nachfrage nach Ganztagsschulen durch berufstätige Mütter. Hinzu kommt aber auch der Wunsch der Eltern, dass ihre jugendlichen Kinder eine vernünftige Freizeitgestaltung wahrnehmen, statt Fernsehen zu gucken oder Videospiele zu spielen. Bei Einzelkindern nannten die Eltern auch den Wunsch nach sozialen Kontakten für ihr Kind. Eltern, deren Kinder die gebundene Ganztagsschule besuchten, nannten die zusätzliche Lernzeit als Grund - vor dem Hintergrund der Einführung des G8, aber auch als Wunsch nach individueller Förderung.

Online-Redaktion: Gibt es auch Erkenntnisse, welche die Jugendlichen direkt betreffen?

Soremski: Im Sinne der Identitätsentwicklung finden die Jugendlichen Erfahrungsräume in der Ganztagsschule, in denen sie als ganze Persönlichkeit Anerkennung finden. Wenn unser Projekt diesen Trend nachweisen könnte, wäre das etwas Neues, nachdem man bisher nur gehofft oder geahnt hat, das dies durch die Ganztagsschule befördert wird.

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