Im Gespräch: Bärbel Schiebold, Grundschule Rudolstadt-West

Schulleiterinnen und Schulleiter der ersten "Ganztagsstunde" ziehen nach zehn Jahren Bilanz. Heute: Grundschule Rudolstadt-West (Thüringen).

Online-Redaktion: Frau Schiebold, als wir uns 2004 mit Ihnen unterhielten, stand für Sie ein Termin im Thüringer Kultusministerium an, bei dem ein Modellversuch „Gebundene Ganztagsschule“ besprochen werden sollte. Was ist daraus geworden?

Bärbel Schiebold: Nicht viel. Thüringen hat ein Entwicklungsprogramm „Weiterentwicklung der Thüringer Grundschulen zu Ganztagsschulen“ auf den Weg gebracht. Hier wird aber die Ganztagsschule in offener Form favorisiert. Unsere Staatliche Grundschule ist als gebundene Ganztagsschule weiterhin ein Exot.

Foto des Kollegiums
Schulleiterin Bärbel Schiebold (vordere Reihe, 2.v.l.) im Kreise ihrer Lehrerinnen.© Staatliche Grundschule Rudolstadt-West

Im Laufe der Jahre hat es viele Schulen gegeben, die Interesse hatten, gebundene Ganztagsschule zu werden, und uns im Rahmen des Programms „Spicken vor Ort“ der Serviceagentur „Ganztägig lernen“ Thüringen besucht haben. Eine Handvoll davon hat sich dann ebenfalls auf dem Weg zur gebundenen Form gemacht.

Online-Redaktion: 2004 mussten Schülerinnen und Schüler, die ihre Schule besuchen wollten, auf Wartelisten gesetzt werden. Kaum vorstellbar, dass das heute auch noch so ist...

Schiebold: Der demografische Wandel hat natürlich auch bei uns zugeschlagen, und die Wartelisten sind Geschichte. Aber wir freuen uns über eine ganz stabile Zweizügigkeit zwischen 150 und 160 Kindern, was perfekt passt.

Online-Redaktion: Vor neun Jahren lobten Sie die Unterstützung durch Ihren Schulträger. Ist das Verhältnis gut geblieben?

Schiebold: Das ist es. Von Vorteil ist dabei, dass für uns kein großer Landkreis als Schulträger zuständig ist, sondern die Stadt Rudolstadt. Es herrschen enge Kontakte, und vieles lässt sich schnell regeln. Leider gilt das nicht für den Schulamtsbereich. Hier sind durch Fusionen sehr große Bereiche entstanden, bei denen der persönliche Kontakt verloren gegangen ist.

Online-Redaktion: Auch die Zufriedenheit im Kollegium schilderten Sie damals als hoch. Gibt es hier ebenfalls keine Veränderung?

Schülerinnen und Schüler vor der Tafel
Wer wird Lesekönig der 3. Klasse?© Staatliche Grundschule Rudolstadt-West

Schiebold: Die Stimmung hat sich sogar noch verbessert. In Thüringen gibt es das Programm „Eigenverantwortliche Schule und externe Evaluation“. Alle Schulen werden hier fremdevaluiert, müssen sich selbst einschätzen, werden über einen gewissen Zeitraum begleitet und erhalten zum Schluss eine Rückmeldung des Expertenteams. An diesen Evaluation haben wir uns 2006 und 2011 beteiligt, und den Expertenbericht kann man auf unserer Homepage nachlesen. Der Bericht hat den Stolz der Kolleginnen und Kollegen auf ihre Arbeit und unsere Schule ganz schön angehoben.

Online-Redaktion: Wie gestaltet sich die von Ihnen damals als „echtes Miteinander“ gelobte Kooperation mit den Pädagogischen Partnern aktuell?

Schiebold: Wie im Leben so üblich, schwankt das immer mal wieder. Aber im Grunde genommen ist die Zusammenarbeit sehr gut. Das wird natürlich auch durch die gebundene Ganztagsschule begünstigt. Bei uns fahren die Lehrkräfte nicht nach Hause, wenn die Erzieherinnen am Nachmittag kommen, sondern durch die ganztägige Rhythmisierung gibt es den ganzen Tag über Berührungspunkte.

Online-Redaktion: Das Elternengagement hielten Sie 2004 dagegen für ausbaufähig. Wie hat es sich in den neun Jahren entwickelt?

Sommerferienplan
Auch in den Sommerferien bietet die Ganztagsgrundschule ein volles Programm© Staatliche Grundschule Rudolstadt-West

Schiebold: Das Mitwirken der Eltern hat sich auf einem guten Level eingependelt. Viele unserer Eltern sind berufstätig, was das Engagement einfach auch nur begrenzt möglich macht. Wir haben in diesem Zusammenhang von 2007 bis 2011 am Forschungsprojekt „Familie als Akteure in der Ganztagsgrundschule“ der Universität Bielefeld teilgenommen. Mit den Ergebnissen, die unsere Schule betrafen, sind wir sehr zufrieden gewesen.

Online-Redaktion: Besuchsschule, Evaluationen, Teilnahme am Forschungsprojekt, auch bei den Erhebungen der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) war Ihre Schule dabei – Sie scheinen recht rege zu sein...

Schiebold: Ich halte diese Studien für sehr wichtig, weil sie Fakten aus vielen Schulen bündeln und anderen zugänglich machen. Wenn andere Schulen den Weg zur Ganztagsschule beschreiten wollen, benötigen Sie solches Material und Hintergrundwissen. Und in der Politik haben Studien ein ganz anderes Gewicht, als wenn ein einzelner Schulleiter etwas fordert.

Online-Redaktion: Wenn Sie gerade das letzte Jahrzehnt Revue passieren lassen – wie nachhaltig konnten Sie Ihre Schule gestalten?

Schülerinnen und Schüler auf dem Fußballfeld
Turnier auf dem Fußballfeld, das die Schule zur WM 2006 vom DFB erhielt© Staatliche Grundschule Rudolstadt-West

Schiebold: Ich habe gemerkt, dass es mehr Arbeit kostet, ein einmal erreichtes Niveau auch zu halten. Es ist auch nicht gut, wenn man immer noch neue Ideen und Projekte aufeinander türmt, da überfordert man die Kolleginnen und Kollegen irgendwann. Ich bin mit dem derzeit Erreichten zufrieden und möchte diesen Standard bewahren. Wobei es mir durch die ständig zunehmende Bürokratisierung und den wachsenden Papierkram nicht unbedingt einfacher gemacht wird.

Online-Redaktion: Welches Ereignis hat Ihre Schule besonders geprägt?

Schiebold: Eines unserer zwei Schulgebäude ist mit IZBB-Mitteln umgebaut und modernisiert worden. Jetzt haben wir dort traumhafte Arbeitsbedingungen, das ganze Haus ist zum Beispiel mit Computern vernetzt. Leider hat es nicht für das zweite Gebäude gereicht, weil dem Schulträger dazu dann die Mittel fehlten. Im Nachgang der Fußballweltmeisterschaft 2006 haben wir daneben noch ein Mini-Fußballfeld bekommen, das wirklich spitze ist.

Online-Redaktion: Woran erinnern Sie sich noch gerne zurück?

Schiebold: 2005 gehörten wir zu den nominierten Schulen beim ersten Ganztagsschulwettbewerb „Zeigt her eure Schule“ des BMBF und der DKJS. Damals sind wir zur Preisverleihung nach Berlin eingeladen worden, worauf wir sehr stolz waren. Und 2011 konnten wir in Zusammenarbeit mit der Serviceagentur unsere Schule auf dem Berliner Ganztagsschulkongress präsentieren.

Online-Redaktion: Zum Schluss ein Blick voraus: Was steht im kommenden Schuljahr an?

Schiebold: Ich muss im kommenden Schuljahr nach 46 Dienstjahren meine Nachfolge organisieren. Ganz einfach wird es nicht, weil es aus dem Kollegium keiner machen möchte.

 

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