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Eine Verschwörung für die Demokratie

Als Antwort auf Politikverdrossenheit, Demokratieskepsis und politischen Extremismus in der Jugend etablierten der Bund und 13 Bundesländer 2002 das BLK-Programm "Demokratie lernen und leben", das dazu beitragen sollte, in 170 Schulen demokratische Elemente zu verankern. Zum Abschluss des auf fünf Jahre angelegten Programms zogen die Verantwortlichen und Beteiligten am 2. und 3. März 2007 auf einer Konferenz in Berlin Bilanz.

Auf die Frage, ob man die meisten Jugendlichen in Sportvereinen erreiche, entgegnete der Bremer Erziehungswissenschaftler Christian Palentien kürzlich in einem Interview: "Die meisten Jugendlichen erreicht man in der Schule."

Es ist ganz einfach: Die Schule ist der geeignete Ort, wenn man die Verhaltensweisen und Ansichten der Jugend beeinflussen möchte. Oder um es mit den Worten von Prof. Wolfgang Edelstein zu sagen: "Wir haben nur die Schule, um die Herzen und Köpfe der nachwachsenden Generation zu erreichen." Für Edelstein geht es dabei um die Vermittlung von Werten wie Menschenrechte, soziale Integration und Demokratie. Aber der emeritierte Wissenschaftler des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung möchte nicht, dass in Schulen über Demokratie nur geredet, sondern dass sie dort auch gelebt wird. Jugendliche sollen Edelstein zufolge "kritische Loyalität" und "demokratische Handlungskompetenzen" erlernen - auch durch Mitbestimmung in der Schule und Mitwirken in demokratischen Gremien wie Klassenrat oder Schulversammlung.

Edelstein und sein Jenaer Kollege Prof. Peter Fauser veröffentlichten 1999 ein Gutachten mit dem Titel "Demokratie lernen und leben". Darauf aufbauend startete 2002 das gleichnamige BLK-Programm, das durch die Demokratisierung von Unterricht und Schulleben die Bereitschaft junger Menschen zur aktiven Mitwirkung an der Zivilgesellschaft fördern wollte. Es verstand sich als Antwort auf Gewalt, Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen und auf die zunehmende Politikverdrossenheit und Politikdistanz. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und 13 Bundesländer förderten dieses auf fünf Jahre angelegte Programm mit 13 Millionen Euro. Rund 170 Schulen aller Schulformen nahmen daran teil. In den Bundesländern wurden dabei thematisch unterschiedliche Schwerpunkte gewählt.

Ganztagsschulen für den Transfer besonders geeignet

Am 2. und 3. März 2007 zogen Projektverantwortliche, Pädagogen, Wissenschaftler und Schülerinnen und Schüler auf einer Abschlusskonferenz im Umweltforum in der Berliner Auferstehungskirche eine Bilanz der fünfjährigen Arbeit. Dabei betonten etliche Rednerinnen und Redner, dass die vielen guten Ideen und Initiativen auch nach Ablauf des Programms Ende März weiter getragen werden müssten. So befand etwa Hans-Jürgen Pokall von der Berliner Senatsverwaltung zur Eröffnung der Konferenz: "Dieses Programm muss ein wesentliches Element der Schulkultur bleiben. Zwar kann Schule die Gesellschaft nicht total umkrempeln, aber sie darf ihren Einfluss auf die Gesellschaft auch nicht von vornherein aufgeben."

Hans Konrad Koch, Leiter der Unterabteilung "Lebenslanges Lernen, Bildungsforschung, Weiterbildung" im Bundesministerium für Bildung und Forschung, betonte vor rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmern: "Bildung ist mehr als PISA. Es ist genauso wichtig, soziale, demokratische und moralische Kompetenzen zu erwerben. Diese Werte sind aber nicht ex cathedra zu vermitteln." Nun beginne die eigentliche Aufgabe, die entwickelten Module zu transferieren und in die Breite zu tragen. "An dieser Stelle sind wir bei früheren Programmen oft stecken geblieben", so Koch. Doch diesmal seien die Voraussetzungen günstiger, da 50 gut kompatible Praxisbausteine entwickelt worden sind. "Zum Transfer sind besonders die Ganztagsschulen geeignet", führte Koch aus. "Sie verfügen über mehr Zeit, binden Eltern sowie Schülerinnen und Schüler ein und kooperieren mit der Jugendhilfe."

Dieser Sichtweise schloss sich der Fachbeirat des BLK-Programms an. In einem Memorandum, mit dem er zur Fortführung der Initiative aufrief, heißt es: "Eine besondere Herausforderung und zugleich Chance zur Förderung demokratischer Handlungskompetenz bietet die Ganztagsschule, weil sie ihren Bildungs- und Erziehungsauftrag nicht nur auf die Unterrichtsfächer bezieht, sondern weil in ihr auch das Schulleben erweitert und unter aktiver Beteiligung der Schülerinnen und Schüler gestaltet werden soll. Themen- und kinderangemessene Zeiteinteilung und Kommunikationsformen im erweiterten Unterrichts- und Schulalltag bieten Raum für verstärkte Verbindungen von Unterricht, Lernen und praktischer Erprobung und Erfahrung. Sie stehen auch für Demokratiekompetenz fördernde Projekte, Kooperation mit inner- und außerschulischen Partnern sowie für intensive Diskussion, Beteiligung und Mitverantwortung von Schülerinnen und Schülern und Eltern bei der Gestaltung des Schullebens und der Schulenwicklung."

Die Transferphase ist auch für Prof. Gerhard de Haan, Projektleiter des BLK-Programms, die entscheidende Phase. "In 90 Prozent der Fälle scheitern Transfers", berichtete der Erziehungswissenschaftler der Freien Universität Berlin in seinem Vortrag "Gelingender Transfer". Wenn man mit "Demokratie lernen und leben" eine demokratische Gestaltung in Schulen anstrebe, müsse man dort eine "Wagniskultur" etablieren und "Freude auf die demokratische Zukunft" schaffen. "Will man die gelebte Demokratie entwickeln", so de Haan weiter, "wird ein komplexes Wissen benötigt. Das Ziel muss sein, aktiv, eigenverantwortlich und gemeinsam die Zukunft demokratisch zu gestalten."

Fontane-Gymnasium Rangsdorf: Mentalitätswandel bei den Lehrerinnen und Lehrern ist nötig

Was hat sich in den 170 Modellschulen innerhalb der letzten fünf Jahre verändert? Rund 30 dieser Schulen präsentierten auf der Veranstaltung ein breites Spektrum an Möglichkeiten, demokratische Elemente im Schulalltag zu vereinigen. Das Fontane-Gymnasium im brandenburgischen Rangsdorf hat zum Beispiel eine konsequente Feedback-Kultur an der Schule etabliert. Im Schuljahr 2003/2004 schätzten die Schülerinnen und Schüler der 7. bis 9. Klasse die Arbeit ihrer Lehrerinnen und Lehrer und der Schule insgesamt ein. Zugleich beurteilten die Lehrerinnen und Lehrer selbst. In einer vertraulichen Gruppenbesprechung wurden die Schülereinschätzungen und Lehrerselbstbilder nebeneinander gestellt und diskutiert, was zu teilweise überraschenden und für manche Lehrerinnen und Lehrer durchaus auch schwierigen Einsichten führte. "Es war beeindruckend, wie die Kolleginnen und Kollegen mit negativer Kritik umgegangen sind", berichtet Schulleiter Ditmar Friedrich. "Man muss aber auch eine ordentliche Nachsorge durchführen, denn herbe Kritik emotionalisiert natürlich."

Es ging der Schule aber nicht nur um die Berücksichtigung der Schülerperspektive, sondern um den Anstoß zur Diskussion über Unterrichts- und Schulentwicklung. Ergänzt wurde dies durch Fortbildungen im Rahmen des BLK-Programms, die zu einem veränderten Rollenverständnis der Lehrkräfte beitrugen. Dies half, neue Formen des Unterrichts zu initiieren und die bestehende Unterrichtspraxis zu verbessern.

Gleichzeitig bindet das Fontane-Gymnasium die Eltern bei der Gestaltung der pädagogischen Angebote ein. Nach einer Fragebogenaktion, bei der die Eltern Angebote für von ihnen gestaltete Arbeitsgemeinschaften machten, konnte die Schule eine Datenbank mit 260 Einträgen erstellen. Auf diese Datenbank haben auch die Eltern jederzeit Zugriff, um Ergänzungen oder Korrekturen vorzunehmen. Die Lehrerinnen und Lehrer können jetzt bei der Planung ihres Unterrichts in der Datenbank nach inhaltlich passenden AG-Ergänzungen suchen und dann die Eltern gezielt ansprechen.

In den Schulklassen ist der Klassenrat eingeführt worden, ein Mitbestimmungsgremium, das einmal wöchentlich tagt und in dem gleiches Stimmrecht für alle gilt. Hier können Konflikte aufgearbeitet und Einfluss auf Schule und Unterricht genommen werden. Für Wolfgang Edelstein ist der Klassenrat das demokratiepädagogische Element, über das jede Schule verfügen sollte: "Es kostet nichts, ist mit keinem großen Aufwand verbunden, trägt aber zu einer für die Kinder und Jugendlichen unmittelbar erfahrbaren demokratischen Kultur bei."

Schulleitung und Kollegium stellten sich 2006 einem flächendeckenden Feedback durch die Schülerschaft, das Kollegium und die Eltern. Alle Maßnahmen zusammen genommen haben zu einem "sehr angenehmen Schulklima geführt", findet Lehrerin und Projektleiterin Katja Witt. "Es gibt kaum noch Konflikte, weil der Klassenrat und die neu gebildeten Lehrerteams alles regeln." Die Schülerinnen und Schüler seien selbstbewusster geworden und trauten sich eher, den Lehrern etwas zu sagen, so dass sich Probleme und Frust gar nicht erst anstauen.

Um den Weg in Richtung einer demokratischen Schulkultur zu wagen, ist laut Schulleiter Friedrich ein Mentalitätswandel in der Lehrerschaft nötig: "Die Haltung gegenüber den Kindern muss sich verändern. Dazu sind viele kleine Schritte nötig. An unserer Schule hat sich vieles durch die einzelnen Persönlichkeiten entschieden. Man muss sich aber auch andere Schulen ansehen, mit den Kolleginnen und Kollegen reden und einfach etwas ausprobieren." Als Schulleiter müsse man seine Rolle wesentlich kommunikativer wahrnehmen.

Salzmannschule Magdeburg: Eigenverantwortung und Streitkultur entwickeln

Die Salzmannschule in Magdeburg, eine Förderschule für Lernbehinderte, hat im Rahmen des BLK-Programms einen Schülerrat und eine Schülervollversammlung etabliert. Die Sitzungen des Schülerrates finden regelmäßig einmal im Monat statt und werden von einer Vertrauenslehrerin und einer pädagogischen Mitarbeiterin vorbereitet und geleitet. Die Schülervertreter aus den Jahrgangsstufen 5 bis 10 informieren sich hier über Neuigkeiten des Schulgeschehens und außerschulische Angelegenheiten. Danach haben alle Schülerinnen und Schüler Gelegenheit, ihre Meinung und die ihrer Klassenkameraden zu äußern und zu diskutieren.

Ebenfalls einmal monatlich tagt die Schülervollversammlung. Der vorangegangene Monat wird ausgewertet, Positives besonders hervorgehoben und Negatives analysiert. Die Entwicklung des Schülerforums wird im Unterricht durch die Förderung von Gesprächs- und Diskussionskompetenzen vorbereitet und begleitet. Zentral ist dabei das Vermitteln von Kommunikationsregeln, insbesondere durch Rollenspiel- und Moderationsübungen und das Trainieren von Kurzvorträgen. Die dafür angestellten Trainer wurden über das BLK-Projekt bezahlt.

"Unsere Schülerinnen und Schüler sind selbstbewusster und redegewandter geworden. Seit Januar 2006 sind sie im Stande, die Schülervollversammlung selbstständig und ohne Anleitung durch uns Lehrer durchzuführen. Es ist eine Augenweide, wie sie sich entwickelt haben", zieht Lehrerin Sylvia Mäde eine positive Bilanz. Schülersprecher Florian Kollodzeyski bestätigt diese Entwicklung auch für seine Person: "Am Anfang hatte ich sogar Gänsehaut auf dem Kopf, wenn ich in der Versammlung reden sollte, jetzt fällt es mir nicht mehr schwer."

An der Salzmannschule soll das Mitspracherecht der Schülerinnen und Schüler zukünftig auf Organisationsfragen des Schulalltags, der Unterrichtsplanung und der Freizeit ausgeweitet werden. Analog dazu erhofft sich die Schule die Weiterentwicklung von Eigenverantwortung und Streitkultur.

Grundschule Obervorschütz: Jedem Kind ein Stück Eigenverantwortung übertragen

Die hessische Grundschule Obervorschütz beweist, dass Demokratiepädagogik auch im Grundschulbereich funktioniert. Die Schule in der Nähe von Kassel befindet sich derzeit auf dem Weg zur offenen Ganztagsschule. Bereits 1997 hat sich die "Schule der Achtsamkeit" das Leitziel "Demokratie lernen - verantwortlich handeln" gegeben. Die Grundschule gehört zu 18 Projektschulen, die durch das hessische BLK-Projekt "Mediation und Partizipation" unterstützt wurden. "Wir versuchen, wo immer es eine Situation zulässt, jedem Kind ein Stück Eigenverantwortung zu übertragen", beschreibt Schulleiterin Bärbel Reinhardt die Schulphilosophie. Jede Schülerin und jeder Schüler nimmt in seiner Lerngruppe Aufgaben wahr wie Fegen, das Versorgen der Mäuse oder Blumen gießen. Manche Kinder versehen auch Ämter für die ganze Schule und sind beispielsweise als "Energiewächter" unterwegs, die kontrollieren, ob nicht unnötig Licht brennt, Wasser läuft oder bei geöffneten Fenstern die Heizung aufgedreht ist.

Der Unterricht richtet sich an den Fragen der Kinder aus, die gesammelt werden. Auch die Leistungsbewertung liegt teilweise in ihrer Hand. Ferner hat die Schule Morgenkreis und Klassenrat installiert. Seit 1997 gibt es eine Kinderkonferenz, deren Tagesordnung auch von den Schülerinnen und Schülern vorbereitet wird. "Auf diesen Sitzungen erfahren die Kinder Sprache als politisches Instrument", erklärt die Schulleiterin, die zugibt, dass die sechs Lehrerinnen der kleinen Dorfschule, "viel Geduld aufbringen müssen", wenn die Kleinen wieder und wieder diskutieren wollten, wer wann mit dem Fußball spielen dürfe. Zumal laut Bärbel Friedrich ja auch das Lehren im Unterricht ständig schwieriger werde, da die eingeschulten Kinder immer häufiger schwache Lernvoraussetzungen mitbrächten.

"Das BLK-Programm hat uns wertvolle Fortbildung und Mediation gebracht", schildert die Schulleiterin. "Durch Selbstverpflichtungen wurde eine Verbindlichkeit geschaffen, selbst gesteckte Ziele zu erreichen, die sonst schnell im Alltag verloren gegangen wären. Dank dieser Hilfe hat sich eine offenere Kommunikation im Kollegium ausgebildet, und ich trete selbstbewusster als früher auf."

Stärkung sozialer Kompetenzen verhindert extremistische Einstellungen

Doch reichen solche Methoden aus, Kinder und Jugendliche für Demokratie zu begeistern und so weniger anfällig für politischen Extremismus zu machen? Prof. Eckhard Klieme vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main, der das BLK-Programm evaluiert hat, zeigte sich bei der Präsentation erster Ergebnisse "sehr hoffnungsvoll". Es deute sich an, dass die Stärkung sozialer Kompetenzen politisch extremistische Einstellungen verhindere.

"Wir kämpfen gegen die Ungeduld mit der Demokratie", formulierte Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse in seinem mit viel Beifall bedachten Grußwort. "Demokratie ist schwere Arbeit und ein schwieriger Prozess. Schule und Gesellschaft müssen auf das Anwachsen von rassistischen Einstellungen, Fremden- und Minderheitenfeindlichkeit antworten. Schule hat die Aufgabe, in dieser Situation demokratische Kompetenzen, Sozialkompetenz, Umgang mit verschiedenen Menschen und Kulturen zu vermitteln. Dazu gehört auch, die Langsamkeit demokratischer Entscheidungsprozesse zu akzeptieren und mit Geduld an die schwierige Aufgabe der Demokratiepädagogik heranzugehen."

Die Fortführung des BLK-Programms in anderer Form sei notwendig. Thierse lobte daher die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik durch Wolfgang Edelstein und andere als einen Schritt, das Engagement für die Programmziele zu erhalten. Prof. Lothar Krappmann, der Vorsitzende des Fachbeirats, pflichtete ihm bei: "Das Programm muss weitergehen, weil die Arbeit erfolgreich gewesen ist." Man stehe auch international im Wort, die Schulen weiter zu demokratisieren: "Aber haben schon genügend Schulen Feuer gefangen?", fragte Krappmann rhetorisch. "Wir können die Hände nicht in den Schoß legen, sondern müssen eine gemeinsame Verschwörung für die Demokratie bilden."

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