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"Schule muss neu definiert werden"

Letztendlich geht es um sie, wenn von Ganztagsschulen die Rede ist: die Schülerinnen und Schüler. Stefan Appel, der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, fordert, dass diese im Mittelpunkt der Diskussion stehen sollten. Also: Wollen Schülerinnen und Schüler den ganzen Tag zur Schule gehen? Im Interview erläutern Vertreter des Landesschülerbeirats Baden-Württemberg ihre Vorstellungen von einer besseren Schule.

MITGLIEDER DES LSB BADEN-WÜRTTEMBERG

Online-Redaktion: Wo seht ihr ganz allgemein Defizite und die dringlichsten Verbesserungsmaßnahmen bei Schulen? Welche Schule würdet ihr euch "backen"?

Isabelle-Jasmin Roth: Ich bin der Meinung, dass eine frühzeitige Spezialisierung der Schüler vonnöten ist, um früher Stärken und Schwächen der Einzelnen erkannt werden. Den Lehrern muss es möglich sein, frühzeitig auf die Schüler einzugehen und sie kennen zu lernen, um optimale Lernvoraussetzungen zu schaffen und optimale Ergebnisse zu erzielen.

Roland Schotte: Für mich ist die Gleichberechtigung aller an der Schule beteiligten Gruppen am wichtigsten. In der Schulkonferenz sollten die Meinungen der Schüler, der Lehrer und der Eltern gleich gewichtet werden.

Online-Redaktion: Bisher wird also zu viel über eure Köpfe hinweg entschieden?

Roland Schotte: Wir können zwar an den Konferenzen teilnehmen und unsere Meinung einbringen, aber im Grunde ist das schon alles.

Oliver Skopec: Wenn wir uns eine Schule backen wollen, dann brauchen wir erst mal neue Zutaten, wie zum Beispiel das Einbinden von Externen wie Vereinen, den Eltern oder kommunalen Einrichtungen. Bis wir da die richtige Backmischung gefunden haben, müssen wir ein wenig herumexperimentieren. Wenn man Schule im großen Stil verändern will, gehören Erfahrungswerte dazu. Ich denke, dass sich grundlegend etwas ändern muss: Der Lehrerberuf oder die Funktion einer Schule müssen neu definiert werden.

Online-Redaktion: Bedeutet das, dass du dir einen Unterricht wünscht, der über die reine Wissensvermittlung hinausgeht?

Oliver Skopec: Wenn wir Schule verlängern, muss sie auch als Lebensraum und als soziales Forum eingerichtet werden. Die Wissensvermittlung, die weiterhin Priorität sein sollte, könnte man hier gut mit sozialen Elementen verknüpfen und zeigen, dass man auf verschiedenen Ebenen lernen kann. Die Schule muss einfach umfangreicher werden.

Christopher Paar: Wichtig ist hierbei, dass die Qualität im Vordergrund steht, und dass solche neuen Schulen für jeden zugänglich sind. Die PISA-Studie hat gezeigt, dass der Zugang von Bildung vom Geldbeutel abhängt, und das darf hier nicht sein.

Oliver Skopec: Dazu noch eine Anmerkung: Im Zusammenhang mit den IZBB-Geldern wäre es schade, wenn mancherorts die Einrichtung von Ganztagsschulen am Zehn-Prozent-Beitrag, den die Kommunen beisteuern müssen, scheitern würde. Die Mittel sind da, das ist auch gut, und wir sind dankbar dafür - aber letztlich müssen sie auch wirklich zum Ausbau von Ganztagsschulen führen.

Online-Redaktion: Führen denn eure Wünsche und Forderungen notwendigerweise in Richtung Ganztagsschule? Oder lassen die sich nicht auch an Halbtagsschulen verwirklichen?

Christopher Paar: Bei uns in Baden-Württemberg wird es durch die Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre zwangsläufig zu Ganztagsschulen kommen, da die Schüler dann täglich länger in der Schule sind. Auch unser Gymnasium hat sich um IZBB-Mittel bemüht, denn wir brauchen Ruheräume, eine Kantine, Arbeitsräume und eine Bibliothek, um eine Lebensraumschule zu schaffen. Das 6 x 45 Minuten-Absitzen mit anschließender Flucht aus der Schule kann so nicht weitergehen, es muss über den Unterricht hinaus etwas angeboten werden.

Isabelle-Jasmin Roth: Wir befinden uns sowieso schon im Prozess in Richtung Ganztagsschule mit dem Arbeitspensum, was wir haben. Schüler zu sein ist ein Ganztagsjob - auch wenn die Hausaufgaben ja offiziell nicht dazu gezählt werden. Die Ganztagsschule würde den Rahmen bieten, innerhalb dessen man ohne Stress und Nachhilfe diese Arbeiten erledigen könnte.

Roland Schotte: Die Ganztagsschule würde dabei auch gerade Schüler aus ökonomisch benachteiligten Familien die Chance geben, die gleichen Möglichkeiten zu nutzen wie Schüler reicherer Eltern. Momentan kann sich nicht jede Familie Internet oder Nachhilfe leisten. Darüber hinaus ist für ein ganzheitliches Lernen ein differenziertes Angebot nötig, und viele Schulen sind zurzeit nicht in der Lage, dies zu leisten. Da sind Ganztagsschulen interessant, die auch außerschulische Mitarbeiter einbeziehen können.

Online-Redaktion: Aber wärt ihr denn auch bereit, täglich länger in der Schule zu bleiben?

Roland Schotte: Wenn man den Schülern einfach was vor die Nase setzt, wird das wohl nicht angenommen. Da wäre es wichtig, dass Schüler und Lehrer gemeinsam ein Konzept erarbeiten.

Isabelle-Jasmin Roth: Es darf nicht mehr so laufen wie bisher: Einer referiert und 20 Leute sitzen rum. Wichtig ist, dass viel mehr projektbezogene Arbeit geleistet wird, bei der Schüler maßgeblichen Anteil an der Organisation haben. Dadurch wird mehr Eigeninteresse und Motivation geweckt. Wenn Gemeinschaftssinn aufkommt, sieht das natürlich ganz anders aus als beim Frontalunterricht.

Online-Redaktion: Welche externen Partner haltet ihr für besonders wichtig bei der Gestaltung einer Ganztagsschule?

Roland Schotte: Das kommt auf die Schulart an. Bei Hauptschulen halte ich praxisorientierte Sachen für unheimlich wichtig, zum Beispiel mit Firmen zusammenzuarbeiten als eine Art Berufsvorbereitung. Bei Gymnasien wäre der Kontakt zu Universitäten wichtig, damit Schüler herausfinden, wie sie sich beruflich mal orientieren möchten und welches Studium dazu nötig ist. Momentan gibt es ja häufig das Problem, dass Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn keine Ahnung haben, was sie eigentlich machen wollen. Das führt dann zu der hohen Studienabbrecherquote.

Bei Fächern wie Physik und Mathematik müsste dringend mehr Praxisbezug hergestellt werden, denn zu viele Schüler fragen sich noch: "Warum und wozu?" Eine Erfahrung, die meine Klassenkameraden und ich oft gemacht haben, ist, dass wenn man einen Anwendungsbereich findet und sich innerhalb eines Projekts mit dem Unterrichtsstoff beschäftigt, man nicht nur für den nächsten Test lernt.

Isabelle-Jasmin Roth: Aber auch Gymnasiasten sollten die Möglichkeit bekommen, Praktika zu machen und in Richtungen zu gehen, auf die sie sonst nie kommen würden. Ich denke da auch an die Arbeit in Altersheimen, um Teamarbeit und die sozialen Kompetenzen zu stärken. Auf diese wird in Zukunft im Beruf immer mehr Wert gelegt werden, und diese müssen bereits in der Schule erlernt werden.

Oliver Skopec: Wichtig wäre die Einbeziehung der Kommunalpolitik in den Unterricht, um einfach besser über das informiert zu werden, was einen in seinem Umfeld wirklich betrifft.

Online-Redaktion: Sollen denn alle Schülerinnen und Schüler die Ganztagsschule besuchen oder nur die, die möchten oder bei denen es für nötig gehalten wird? In Baden-Württemberg liegt der Schwerpunkt des Ganztagsschulausbaus bisher ja auf Hauptschulen.

Oliver Skopec: Grundsätzlich halte ich die Ganztagsschule sinnvoll für jede Schulform. Auch Gymnasiasten haben Probleme, die durch Ganztagsschule behoben werden können.

Isabelle-Jasmin Roth: In den so genannten sozialen Brennpunkten, wo es oft keine sinnvolle Freizeitbeschäftigung für Jugendliche gibt, halte ich Ganztagsschulen für besonders erforderlich. Das schließt aber nicht aus, dass es auch für andere Schüler und Schulformen sinnvoll ist. Es geht letztlich darum, allen jungen Menschen die gleichen Möglichkeiten zu bieten, ihre Talente zu entdecken und ihre Persönlichkeiten zu entwickeln.

Oliver Skopec: Deshalb sind wir auch der Meinung, dass alle Schulen im Rahmen der IZBB-Bezuschussung gleichbehandelt werden müssen. Die Schulen können selbst am besten einschätzen, ob sie die Mittel benötigen. Es darf daher keine Vorentscheidung getroffen werden, welche Schulen man fördert und welche nicht.

Online-Redaktion: Ist dieses ganze Thema eigentlich weit weg von euch? Nehmt ihr es nur aus Zeitungen wahr?

Isabelle-Jasmin Roth: Wir haben eine Rhythmisierungsgruppe im Zuge des achtjährigen Gymnasiums ab dem kommenden Schuljahr, wo sich Lehrer auf freiwilliger Basis bereit erklärt haben, an Treffen teilzunehmen, wo Überlegungen zu einem besseren Schulalltag stattfinden. Ich muss den überwiegend jüngeren Lehrern auch Respekt für ihr Engagement zollen. Ihnen liegt das wirklich am Herzen, die älteren Lehrer schotten sich da eher ab.

Roland Schotte: Bei uns ist eine Kantine geplant und auch ansonsten wird darüber diskutiert, den Unterricht ganztägig zu gestalten.

Oliver Skopec: Wir sehen den Bedarf für eine Schülerbibliothek. Wenn wir demnächst länger in der Schule sind, muss gewährleistet sein, dass der Arbeitsplatz so gut oder besser ausgestattet ist als der zu Hause. Wir sind froh, dass an unserer Schule hier die Meinung der Schüler erwünscht ist und mit integriert wird.

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