Im Gespräch: Otmar Winzer, Adolf-Kußmaul-Grundschule Graben

Schulleiterinnen und Schulleiter der ersten "Ganztagsstunde" ziehen nach zehn Jahren Bilanz. Heute: Adolf-Kußmaul-Grundschule Graben-Neudorf (Baden-Württemberg).

Online-Redaktion: Herr Winzer, bevor wir auf Ihre Schule zu sprechen kommen, müssen wir über Sie persönlich reden. Es sind derzeit bewegende Tage für Sie...

Otmar Winzer: Das kann man wohl sagen. Am 12. Juli bin ich im Rahmen einer feierlichen Veranstaltung offiziell in den Ruhestand verabschiedet worden. 40 Jahre bin ich im Schuldienst, 30 Jahre lang habe ich die Schule geleitet, und als die Schülerinnen und Schüler die Musikstücke aufführten, die sie über die letzten Jahre für Schulfeiern einstudiert hatten, war das schon sehr emotional. Mir kamen viele Erinnerungen in den Sinn, und besonders beim „Tabaluga“-Lied musste ich schlucken. Ich weiß auch jetzt schon, dass der letzte Schultag mit dem Abschied von den Kindern ein weiterer emotionaler Höhepunkt für mich sein wird. Eigentlich darf ich gar nicht wissen, was an dem Tag passieren wird, aber einige Kinder haben mir schon ein bisschen verraten.

Otmar Winzer im Publikum sitzend
Otmar Winzer (M.) verlässt seine Schule mit einem guten Gefühl© Adolf-Kußmaul-Schule Graben-Neudorf

Online-Redaktion: Und wenn Sie jetzt gehen – gehen Sie mit dem beruhigten Gefühl eines gut bestellten Feldes, oder ist einiges unerledigt geblieben?

Winzer: Ich habe ein sehr gutes Gefühl, weil meine bisherige Konrektorin Stephanie Bange die Schulleitung übernimmt. Sie ist seit Jahren in alle Vorgänge involviert, war zum Beispiel auch bei allen Gesprächen bezüglich unseres Neubaus dabei. Entscheidend ist für mich auch, dass das Kollegium voll hinter unserem Schulkonzept steht und dieses weitertragen wird.

Online-Redaktion: 2009 hat unsere Redaktion Ihre Schule bei einer Hospitation im Rahmen des Ganztagsschulverbandskongresses kennen gelernt. Damals berichteten Sie der Besuchergruppe, die Adolf-Kußmaul-Grundschule sei die einzige teilgebundene selbstständige Ganztagsschule im Landkreis Karlsruhe. Ist sie das heute auch noch?

Winzer: Es gibt Grundschulen im Verbund mit weiterführenden Schulen, die auch einen gebundenen Ganztagsbetrieb anbieten. Was allerdings reine Grundschulen betrifft, sind wir weiterhin weit und breit die einzige.

Online-Redaktion: Vor vier Jahren lag die Schülerzahl bei 259. Wo stehen Sie heute?

Winzer: In diesem Schuljahr besuchen 280 Schülerinnen und Schüler die Schule. Wir spüren die demographische Entwicklung dennoch – der Schnitt in den Eingangsklassen sinkt von durchschnittlich 24 auf 21. Die Dreizügigkeit können wir aber weiterhin halten.

Online-Redaktion: Sie lobten damals Ihre Lehrerinnen und Lehrer, die den offenen und individualisierten Unterricht sehr gut beherrschten.

Für den kleinen Bewegungsdrang zwischendurch: Das Tobeparadies in der Adolf-Kußmaul-Schule© Adolf-Kußmaul-Schule

Winzer: Das ist auch heute noch so, obwohl die klassische Lehrerausbildung davon weiterhin wenig vermittelt, in den Praxisteilen bleibt das ein Randgebiet. Für Ganztagsschulen ist dieser Bereich der Unterrichtsentwicklung aber essentiell, und wir wünschen uns, dass es Ganztagsschulen möglich gemacht würde, offene Stellen schulscharf auszuschreiben, um Kolleginnen und Kollegen zu gewinnen, die gerne mit offenen und individualisierten Lehr- und Lernformen arbeiten. Wenn ich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Versetzungsweg bekomme, ist es nicht immer ganz einfach, ihnen klar zu machen, was erwartet wird, und manche müssen sich erst bemühen, auf diese Art des Unterrichts einzulassen.

Als wir vor zwei Jahren einmal schulscharf ausschreiben durften, bekamen wir auf diese eine Stellenausschreibung 238 Bewerbungen. Diejenigen, die wir dann zum Bewerbungsgespräch einluden, kannten unsere Schule bereits aus dem Effeff. Die hatten sich die Homepage genau angesehen, teilweise die Schule auch schon vorher besucht.

Online-Redaktion: 2009 haben wir Ihren wunderschönen Neubau bestaunen dürfen. Strahlt der ins Umland aus?

Winzer: Wir sind zu einer Art Wallfahrtsort in Baden-Württemberg geworden: Etwa alle zwei Wochen kommen Besuchergruppen, sodass unser Besucherordner inzwischen zehn Zentimeter dick ist. In den letzten beiden Jahren bin ich überwiegend mit den Führungen unserer Gäste beschäftigt gewesen.

Vor drei Wochen war auch der Kultusminister bei uns. Gerade letzte Woche besuchte uns eine 18-köpfige Gruppe aus dem Schwabenland. Die Stadt Walldorf aus dem Rhein-Neckar-Kreis war insgesamt sogar dreimal da: Die Oberbürgermeisterin kam einmal mit dem Gemeinderat, einmal mit den Schulleitern und einmal mit Eltern. Die haben sich alles genau angeschaut und dann – an unserem Gebäude orientiert – selbst eine neue Schule gebaut.

Online-Redaktion: Hat sich im Lauf der Jahre ein „Hinkefuß“ bei Ihrem Schulhaus gezeigt? Würden Sie heute etwas anders machen, wenn Sie den Bau noch mal planen dürften?

Winzer: Nicht was das Gebäude betrifft. Aber ein Fehler war, nicht das gesamte Schulgelände in unser Ganztagskonzept einzubeziehen. Da gehören Spielflächen, Klettergeräte, Wasserflächen und anderes dazu. Wir haben uns damals bei der Beantragung der Bauvorhaben aber zugegebenermaßen gescheut, auch diesen ganzen Bereich noch aufzunehmen, weil die dann deutlich erhöhte Bausumme der Zustimmung zu unserem Antrag wahrscheinlich eher geschadet hätte.

Online-Redaktion: 2009 sagten Sie, die Vereine würden „langsam aufwachen“ und die Ganztagsschule als Ergänzung ihrer Angebote, nicht nur als Konkurrenz sehen. Hat sich diese Entwicklung fortgesetzt?

Winzer: Ja, heute zählen wir vier bis fünf Vereine zu unserem AG-Angebot. Es könnten natürlich immer gerne mehr sein. Ich muss aber auch die Schwierigkeit einsehen, dass viele Übungsleiter vor 16 Uhr schlichtweg keine Zeit haben, weil sie selbst berufstätig sind.

Online-Redaktion: Welche „Meilensteine“ haben die letzten vier Jahre noch geprägt?

Winzer: Die Meilensteine sind unsere Kinder, die sich entwickeln, und die Atmosphäre, die dadurch entsteht. Jeder bestätigt uns diese besondere Atmosphäre – zum Beispiel nach der Feier zu meiner Verabschiedung. In einer Schule, in der alle von acht bis 16 Uhr füreinander da sind, entstehen mehr Nähe und Wertschätzung. Probleme, die man miteinander hat, klären sich über den Tag. Und all das dient am Ende der Lernförderung. Nur wo sich der Mensch wohlfühlt, ist er leistungsbereit.

Kinder in einem Ruhezimmer mit Sitz- und Liegemöglichkeiten
Wenn es einmal ruhiger zugehen darf: Schülerinnen und Schüler entspannen auf der Ruheinsel© Adolf-Kußmaul-Schule Graben-Neudorf

Die Lehrerinnen und Lehrer fahren bei uns nicht um zwölf Uhr nach Hause, sondern sie sind den ganzen Tag im Haus, sitzen im Lehrerzimmer, arbeiten dort, essen mit den Schülerinnen und Schülern zu Mittag, reden mit den Kindern auch abseits des Unterrichts. Der Grundtenor im Kollegium ist, dass es viel entspannter in der Schule zugeht als vor der Einführung der Ganztagsschule 2007. Das soziale Klima hat sich eindeutig verbessert.

Online-Redaktion: Kann dieses Mehr an Kommunikation eventuell auch Probleme lösen, die sonst eskalieren würden?

Winzer: Natürlich. Ich kann Ihnen ein Beispiel nennen. In einer Nachbargemeinde gab es einen Jungen, der dort die Grundschule besuchte. Er verweigerte schließlich den Schulbesuch. Er wollte morgens nicht mehr aus dem Bett, die Eltern haben ihn zum Auto getragen. Man trat an uns heran, ob wir es mit dem Jungen versuchen wollten. Wir haben ihn und seinen Vater zu einem Gespräch eingeladen. Dabei stellte sich heraus, dass der Bub seit drei Jahren nur Probleme in der Schule hatte. Und zuhause gab es jeden Nachmittag Geschrei wegen der Hausaufgaben.

Wir erklärten uns bereit, den Schüler für acht Tage bei uns probeweise aufzunehmen. Nach diesen acht Tagen haben wir den Jungen dann gefragt, ob er bei uns bleiben wolle. Das wollte er unbedingt. Seine Begründung war: „Bei Euch kann man entscheiden, was man wann macht. Man muss nicht immer nur das machen, was der Lehrer sagt.“ Und die Mutter sagte mir: „Herr Winzer, wir wissen gar nicht, was uns geschieht. Wir haben daheim keine Probleme mehr.“ Der Vater berichtete, dass der Junge morgens freiwillig aufstand, sich selbst anzog und am Frühstückstisch saß. Der Schüler war eineinhalb Jahre bei uns und ist dann auf die Realschule gewechselt. Er kam als auffälliger Schüler, und jetzt macht er seinen Weg.

Online-Redaktion: Was müsste Ihre Schule in der Zukunft noch in Angriff nehmen?

Winzer: Auf alle Fälle die Schulsozialarbeit. Auch bei uns auf dem flachen Land nimmt die Zahl von Kindern mit gravierenden Problemen rapide zu. Zurzeit unterhalten wir eine Kooperation mit der Beratungsstelle des Landkreises, die von einem vier- auf einen zweiwöchigen Rhythmus umgestellt hat, in dem uns ein Schulsozialarbeiter zur Verfügung steht. Das hätten wir gerne festgeschrieben, wobei uns helfen könnte, dass die Schulsozialarbeit inzwischen wieder größere Unterstützung von Seiten des Landes erfährt.

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