Fächerübergreifende Lernangebote im Ganztag

Carolin Duda, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Vechta, untersuchte unter Leitung von Professorin Dr. Martina Flath in ihrer Studie "Wird das Potenzial der Ganztagsschule wirklich genutzt?", wie ergänzende Lernangebote am Nachmittag das Lernverhalten von Schülern an Ganztagsschulen beeinflussen.

Nachmittagsangebote an Ganztagsschulen werden häufig nicht zielgerichtet nach fachlichen und pädagogischen Überlegungen zusammengestellt, sondern eher zufällig an die Schulen gebracht. Es fehlt an inhaltlichen Leitlinien und didaktisch-methodisch ausgereiften Konzepten für Nachmittagsangebote. Die in der Ganztagsschule zusätzlich zur Verfügung stehende Schulzeit wird dann nicht ausreichend genutzt, um schulische Vermittlungsprozesse auszuweiten und so die Ergebnisse schulischer Arbeit zu optimieren. Bislang gibt es noch nicht ausreichend Beispiele für unterrichtsbezogene Ganztagsangebote, die sich förderlich auf die kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten der Jugendlichen auswirken können.

Aus geografiedidaktischer Sicht besteht die Notwendigkeit, Module zu entwickeln und zu evaluieren, die das Konzept des Regionalen Lernens im Rahmen der Ganztagsbildung umsetzen. Die Module sollen die geografischen bzw. fachübergreifenden Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler erweitern und vertiefen sowie sinnvoll und fächerübergreifend in den Ganztagsschulbetrieb integriert werden.

Verknüpfung von Unterricht und Angeboten

Um das Potenzial der Ganztagsschule effektiver nutzen zu können, sind unterschiedliche Faktoren zu bedenken. Es ist beispielsweise erforderlich, dass die schuleigenen Lehrkräfte mit dem weiteren pädagogischen Personal intensiver kooperieren, um die Qualität der Ganztagsangebote zu gewährleisten. Schlüsselt man die eingesetzten Personen im Ganztagsunterricht nach ihren Berufsgruppen auf, sind in Bezug auf die Sekundarstufe Übungsleiter im Sport am häufigsten vertreten, gefolgt von sonstigen Personen ohne Hochschulabschluss und am dritthäufigsten Pädagogen, Psychologen und Sozialpädagogen (Tabelle). 

                                                                                                 

Des Weiteren ergab die StEG (Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen), dass 60 Prozent der Angebote auf dem Schulgelände stattfinden. Außerschulische Lernorte wurden bis 2008 im Ganztagsunterricht bei regelmäßigen Angeboten nur mäßig genutzt (Holtappels, Klieme u.a. 2008, S. 100-101). Zwischen 2005 und 2007 wurden fachliche Angebote, Angebote zur Lernförderung und Hausaufgabenhilfe jeweils nur von einem Drittel der Schüler angenommen (Brümmer 2009, Folie 29). Zudem zeigte StEG, dass es einem großen Teil der Ganztagsschulen bisher noch an einer konzeptionellen Verknüpfung zwischen Unterricht und außerunterrichtlichen Angebotsformen fehlt. Es ist jedoch von großer Bedeutung, dass Inhalte und Methoden der Ganztagsangebote sowie Maßnahmen zur (individuellen) Förderung der Schülerinnen und Schüler auf den Unterricht abgestimmt werden und Ganztagsangebote künftig in höherem Maße auf die Bedarfe des Unterrichts reagieren bzw. auch Rückwirkungen auf den Unterricht haben (Fischer u. a. 2011, S. 76).

Entwicklung fächerübergreifender Bildungsangebote für den Nachmittag

Die Studie „Wird das Potenzial der Ganztagsschule wirklich genutzt?“ wurde im Rahmen der Dissertation „Ganztagsbildung und das Konzept des Regionalen Lernens 21+ - Empirische Studie zur Entwicklung fächerübergreifender Bildungsangebote für den Nachmittag“ durchgeführt. Im Rahmen dieser Untersuchungen und Analysen wurde erarbeitet, in welchen Bereichen die Chancen und Probleme der derzeitigen Ganztagsschullandschaft liegen und wie die Rahmenbedingungen der Ganztagsschulen in Deutschland zu beurteilen sind. Des Weiteren wurden Leitfadeninterviews für die sich unmittelbar anschließende qualitative Befragung der niedersächsischen Schulleitungen entwickelt. Befragt wurden Schulleiterinnen und Schulleiter sowohl offener als auch gebundener bzw. teilweise gebundener Schulen. Die Schulen waren alle unterschiedlich lange im Ganztag organisiert. Außerdem handelte es sich bei den Schulen um eine Kooperative Gesamtschule, vier staatliche Haupt- und Realschulen und eine Haupt- und Realschule in kirchlicher Trägerschaft. Des Weiteren ist bei der Wahl der Befragten darauf geachtet worden, dass sowohl Schulen aus dem ländlichen Raum als auch Schulen, die in Städten angesiedelt sind, berücksichtigt wurden.

Im Anschluss daran konzipierten wir die Unterrichtsmodule für die Sekundarstufe I „Die Welt zu Gast in …“ und „Tourismus – unseren Ort erkunden und erleben!“. Inhaltliche Schwerpunkte sind die in vielen Bundesländern für die Schuljahrgänge 7/8 bzw. 9/10 vorgeschlagenen Themenbereiche Globalisierung bzw. Tourismus. Beide Lernmodule umfassen Stundenplanungen, Unterrichtsmaterialien und Zusatzinformationen für die Lehrkräfte für ein Schulhalbjahr und können problemlos und ohne aufwendige Vorbereitungszeit bundeslandunabhängig in den unterschiedlichen Ganztagsschulen zum Einsatz kommen. Des Weiteren sind die Lernmodule so konzipiert, dass sie sowohl in ländlichen als auch in städtischen Räumen problemlos in Ganztagsschulen durchgeführt werden können. Der Anspruch bestand außerdem darin, Lernmodule für den Nachmittag zu entwickeln, die Lehrplaninhalte aufgreifen sowie didaktisch-methodische Ansätze wirksam umsetzen: Verbindung der Lernenden mit ihrer regionalen Lebenswirklichkeit durch außerschulisches Lernen im heimatlichen Umfeld, Handlungsorientierung und fächerübergreifendes Lernen.

Die anschließende Durchführung des Unterrichtsmoduls „Die Welt zu Gast in…“ in der Schulpraxis in einer teilweise gebundenen Ganztagsschule wurde durch eine Befragung der teilnehmenden Schülerinnen und Schüler anhand von Fragebögen in der ersten und letzten Stunde des Halbjahrs begleitet. Unmittelbar nach der Durchführung des Moduls wurde ein Leitfadeninterview mit dem pädagogischen Mitarbeiter der Schule geführt, um seine Meinungen und Erfahrungen mit der Umsetzung des Moduls in der Praxis sowie den dazugehörigen Unterrichtsmaterialien zu klären. Im Anschluss daran erfolgte die Auswertung der Fragebögen, um zu ermitteln, ob durch die Teilnahme an dem Modul auf der Schülerseite positive Effekte erzielt werden konnten.

„Die Welt zu Gast……?!“
Wollt ihr diese Frage lösen? 
Gibt es Facebook eigentlich auch im Kongo?
Was haben wir vor Ort mit der Globalisierung und dem Welthandel zu tun?
Was haben VW, McDonalds, Adidas und Puma mit unserem Shoppingverhalten und dem Welthandel zu tun?
Was können wir tun um einen fairen Welthandel zu ermöglichen?
Made in …… – und dann wohin? 
Mit diesen Fragen sollt ihr euch nachmittags in der AG „Die Welt zu Gast in ……?! Wollt ihr diese Frage lösen?“ beschäftigen. Die AG wird überwiegend außerhalb der Schule stattfinden (Supermärkte, Gemeinde, Geschäfte im Ort, Eine-Welt-Laden, Betriebe in der Region). Am Ende der Veranstaltung findet eine kleine Feier mit einem kulinarischen Buffet statt. Die Teilnehmer der AG sollten in die 9.-10. Klasse der Haupt- oder Realschule gehen. An dem Angebot können bis zu 20 Schüler teilnehmen.
 

 

Ergebnisse und Ausblick

Im Rahmen der Studie konnten positive Effekte festgestellt werden, wenn Schülerinnen und Schüler am Nachmittag die Unterrichtsmodule vertiefend und ergänzend zum Vormittag bearbeiteten. Es hat sich gezeigt, dass das außerschulische Lernen an verschiedenen Lernorten sich hierfür besonders eignet. Die Ergebnisse der Fragebogenstudie belegen dessen Wirksamkeit, alle gemessenen Dimensionen im Rahmen einer Längsschnittstudie weisen signifikante Veränderungen auf. Die Fachkompetenz der Schüler wurde gefördert und sie konnten durch „vernetztes Lernen“ im Sinne einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung verschiedene Aspekte abstrakter Sachverhalte verknüpfen und auf konkrete Situationen transferieren. Der Anspruch, Lernangebote für den Nachmittag zu entwickeln, die Lehrplaninhalte aufgreifen sowie didaktisch-methodische Ansätze wirksam umsetzen, konnte erfüllt werden. Die entwickelten Module können ohne aufwendige Vorbereitungszeit bundeslandunabhängig in den unterschiedlichen Ganztagsschulen zum Einsatz kommen.

 

Abbildung 1: Messzeitpunkt t1  (Vernetzt denken der Variable Gestaltungskompetenz)
Abbildung 2: Messzeitpunkt t2 (Vernetzt denken der Variable Gestaltungskompetenz)

 

Abbildung 3: Messzeitpunkt t1 (Fachkompetenz)   
Abbildung 4: Messzeitpunkt t2 (Fachkompetenz)

Aufgrund des stetig voranschreitenden Ausbaus der Ganztagsschulen ist die Problematik der Schulen, lehrplanbezogene Ganztagsangebote anzubieten, weiterhin aktuell. Daher werden an der Universität Vechta neue Module auch für die jüngeren Jahrgänge konzipiert, die wie gehabt gesteigerten Wert auf Lehrplanbezug und außerschulisches Regionales Lernen legen. In direktem Anschluss ist ein Modul geplant, welches in Kooperation mit den Deutschen Auslandsschulen durchgeführt werden soll.

Literatur
Brümmer, F. (2009): Ganztagsschule aus Schülersicht. Zentrale Ergebnisse aus der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen.
http://daten2.verwaltungsportal.de/dateien/seitengenerator/ea81849eaba55fc452a89a13cd932306_ganztag.pdf (Zugriff am 08.07.2013).
Fischer, N., Holtappels, H. G. u.a. (Hrsg.) (2011): Ganztagsschule: Entwicklung, Qualität, Wirkungen. Längsschnittliche Befunde der Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen (StEG).Weinheim und Basel: Juventa Verlag.
Holtappels, H. G., Klieme, E., Rauschenbach, T. und Stecher, L. (2008): Ganztagsschule in Deutschland. Ergebnisse der Ausgangserhebung der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG). Weinheim und München: Juventa Verlag.

Carolin Duda ist Erdkunde- und Deutschlehrerin für die Sekundarstufe I und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Strukturforschung und Planung in agrarischen Intensivgebieten der Universität Vechta, Abteilung: Lernen in ländlichen Räumen und Umweltbildung.

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