SV Bildungswerk: "Ganztagsschulen sind der Ort für Beteiligung"

Dilan Aytac und Fabian Wanisch engagieren sich im SV Bildungswerk für eine demokratische Schule mit Mitwirkungsmöglichkeiten und Mitspracherechten – insbesondere an Ganztagsschulen.

Es ist eine Idee, für die es sich offensichtlich einzusetzen lohnt. Dilan Aytac ist keine Schülerin mehr. Seit 2010 studiert die 22jährige an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena Wirtschaftswissenschaften. Dennoch ist sie weiter im Geschäftsführenden Vorstand des SV Bildungswerks in Berlin aktiv. Und wenn es darum geht, die Standpunkte des Vereins - wie zum Beispiel kürzlich auf der Ganztagsschulmesse in Hamm - zu vertreten, dann sitzt Dilan Aytac selbstbewusst und wortgewandt in einer Podiumsdiskussion.

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© SV Bildungswerk

Die Sache einer demokratischen Schule und verstärkter Mitwirkungsmöglichkeiten und Mitspracherechte von Schülerinnen und Schülern braucht auch im Jahr 2013 engagierte Verfechterinnen wie Dilan Aytac. Zwar steht dieses Thema schon lange auf der Agenda – 2008 fand beispielsweise der 5. Ganztagsschulkongress in Berlin unter der Überschrift „Partizipation“ statt. Aber Dilan Aytac ist vorsichtig, wenn sie resümiert, wie weit der Prozess der Schülerbeteiligung vorangekommen ist. „Es ist immer noch von Schule zu Schule sehr unterschiedlich“, berichtet sie. „An manchen Orten werden demokratische Beteiligungsformen richtig gelebt, an anderen tut sich nichts. Und an manchen ist es richtig frustrierend zu erleben, wie alle Ideen abgeblockt werden.“

Dilan Aytac hat so ihre eigenen Erfahrungen als Schülerin bezüglich Beteiligung gesammelt: „Bei uns wurde die Schülerpartizipation auch groß auf die Fahne geschrieben, aber wenn ich als Schülersprecherin einmal im Jahr eine Rede zur Verabschiedung der Abiturienten halten durfte oder einmal im Jahr mit dem Schulleiter auf ein Foto kam, dann war das der Höhepunkt der Beteiligung.“ Um selbst etwas an diesem Zustand zu ändern, trat die Schülerin, die sich bereits seit 2005 als Schülervertreterin auf Kreis- und Landesebene für Schülerinnen und Schüler eingesetzt hatte, 2008 dem SV Bildungswerk bei – erst als SV-Beraterin und Moderatorin verschiedener Seminare, seit Dezember 2010 dann auch im Vorstand.

Beratung vor Ort und auf Augenhöhe

Das Bildungswerk für Schülervertretung und Schülerbeteiligung e.V. (SV-Bildungswerk) wurde 2005 von ehemaligen SV-Aktiven gegründet, die sich lange in ihren Schülervertretungen engagiert hatten. „Wir wollten nicht, dass das Wissen aus den Landesschülervertretungen verloren geht“, erinnert sich Dilan Aytac. „Das Wissen, das die SV-Mitglieder erworben hatten, wollten sie gerne weitergeben. Sonst war es immer mit einer neuen Generation Schülervertretungen verpufft.“ Das SV Bildungswerk bezog ein Büro in Berlin und begann sich bundesweit zu vernetzen, mit dem Ziel, Schülerinnen und Schüler dabei zu unterstützen, echte Mitspracherechte und Mitwirkungsmöglichkeiten in ihren Schulen zu erreichen. „Es ging und geht uns darum, Methodenkenntnisse wie Projektmanagement, Kommunikation, Rhetorik, Moderation und Konfliktbewältigung an die Schülerinnen und Schüler zu vermitteln, denn diese sind Voraussetzung dafür, Schule zu verändern“, erklärt die Studentin.

Fabian Wanisch und Dilan Aytac

Das SV Bildungswerk entwickelte ein entsprechendes Qualifizierungsprogramm für Schülerinnen und Schüler zwischen 14 und 16 Jahren, die mit ihrer Schülervertretung die Schule demokratisieren wollen, und bildet sie in fünf- bis siebentägigen Seminaren zu SV-Beraterinnen und -Beratern aus. Diese SV-Beraterinnen und -Berater diskutieren auf Einladung in der jeweiligen Schule über Probleme vor Ort, helfen, die Arbeitsstruktur zu verbessern, und unterstützen den Prozess der Schulentwicklung. Die SV-Beraterinnen und -Berater informieren auch die Schülersprecherinnen und Schülersprecher über deren Rechte und Gestaltungsmöglichkeiten, vermitteln Wissen, wie sie mit Schulleitungen und in Gremien kommunizieren. Inzwischen tragen über 150 SV-Beraterinnen und Berater ihr Wissen in die Schulen, alle aktive Schülerinnen und Schüler, die selbst noch voll im Geschehen stehen und so „auf Augenhöhe“ den Kindern und Jugendlichen in den jeweiligen Schulen begegnen.

Fabian Wanisch aus Frankfurt am Main, inzwischen auch Student, bleibt der Initiative als „Mann der ersten Stunde“ – er ist seit acht Jahren als stellvertretendes Vorstandsmitglied dabei – als SV-Berater ebenso verbunden wie Dilan Aytac. Und ebenso wie seine Kollegin ist er ein „gebranntes Kind“, was demokratische Strukturen an der Schule betrifft: „An meiner eigenen Schule musste ich sehr für Mitwirkungsmöglichkeiten kämpfen. Starke Eigeninitiative war nötig, denn von der Schulleitung kam wenig, sie wusste auch selbst wenig, welche Rechte wir Schülerinnen und Schüler haben.“

„Unser Lehrer hat gesagt, dass wir dieses und jenes nicht dürfen. Stimmt das?“

Fabian Wanisch erklärt, dass „die Lerninhalte der Seminare von Schülern für Schüler entwickelt“ sind. Die Schulleitungen, die Schülervertretungen oder die Kinder und Jugendlichen selbst fragten zu bestimmten Themen an, und mit entsprechendem Vorlauf – die Nachfrage ist sehr hoch – besuchen die SV-Beraterinnen und -Berater die Schule. „Wenn es dort beispielsweise darum geht, demokratische Strukturen zu etablieren, stellen wir die Methode des Klassenrats vor und üben einen Tag lang mit den Kindern oder Jugendlichen, wie ein Klassenrat funktioniert“, berichtet er.

Schüler unterhalten sich in der Aula
© Britta Hüning

Eine offene Ganztagsgrundschule aus Ibbenbüren (Kreis Steinfurt) in Nordrhein-Westfalen fragte den SV-Berater, ob es möglich sei, mit den Kindern im Nachmittagsbereich einen Klassenrat abzuhalten, denn mit 100 Schülerinnen und Schüler sei die Gruppe dort sehr groß. Er habe empfohlen, mit der „Open-Space-Methode zu arbeiten. „Die Kinder, die zu bestimmten Fragestellungen diskutieren wollen, laden in einen Raum ein, in den alle anderen kommen können, die sich auch für dieses Thema interessieren. Andere gehen entsprechend zu einem Thema in ein anderes Zimmer“.

Dilan Aytac zufolge fragten oft Schülerinnen und Schüler beim SV Bildungswerk an: „Unser Lehrer hat gesagt, dass wir dies und jenes nicht dürfen. Stimmt das?“ Von den Schulen werde bei den SV-Beraterinnen und Beratern zudem häufig das Thema Rhetorik bestellt, „aber dann stellt sich vor Ort heraus, dass eigentlich Kommunikation benötigt wird“. Und beim Thema Kommunikation ist Dilan Aytac dann auch schnell beim Thema Ganztagsschule.

Pädagogen als Bremser, Initiatoren oder Vorbilder

„Die Ganztagsschule ist der ideale Ort für Beteiligung. Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler in der Kommunikation mit wirklich allen Beteiligten, mit Schulleitung, Lehrkräften, Eltern, außerschulische Partnern, Hausmeistern, Kantinenpersonal ihre Schule zu einem demokratischen Lebensraum umbauen“, erklärt sie. „An einer Ganztagsschule ist dies besser möglich, weil hier einfach mehr Zeit und Raum für Begegnungen und Kommunikation sind. Und weil alle den ganzen Tag in der Schule verbringen, ist das Interesse auch größer, die Schule für sich schön zu gestalten.“

Schüler bilden einen Kreis
Auch bei der Ausbildung zum SV-Berater wird Zusammenarbeit vorgelebt.© SV Bildungswerk

Ganztagsschulen werden bei der Buchung der kostenlosen Seminare bevorzugt. Das SV Bildungswerk ist Kooperationspartner der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung, die das Programm „Ideen für mehr! Ganztägig lernen“ organisiert und auch für die jährlichen Ganztagsschulkongresse in Berlin mitverantwortlich ist, bei denen das SV Bildungswerk mit seinen Workshops inzwischen ein fester Bestandteil ist. Wobei Dilan Aytac nicht alles rosarot sieht: „Viele Ganztagsschulen sind so reguliert und durchorganisiert, dass auch dort kein Platz für Partizipation bleibt.“ Zudem sei der Klassenrat manchmal nicht mehr als ein Forum für Bekanntmachungen durch die Lehrerin oder den Lehrer.

Doch die Idee der Partizipation erhält auch durch Organisationen immer mehr Unterstützung. Und da „Beteiligung eine Haltungsfrage ist, die gelernt werden will“, sind Fortschritte in Sachen demokratischer Schule nicht zu verordnen, sondern müssen sich entwickeln und unterstützt werden, durch „viele kleine Dinge, die wir auf die Beine stellen“, findet Dilan Aytac. „Wir müssen weg von diesem Prinzip der Leuchtturmschulen, bei dem wir ein Ideal propagieren, um das sich dann viele andere Schulen versammeln, die sich dann darin einig sind, dass dieses Ideal bei ihnen ja niemals umzusetzen sei.“

Dr. Anna Lena Wagener, Grundschullehrerin und von 2006 bis 2012 wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Siegen stellt in ihrem im September 2013 erscheinenden Buch „Partizipation von Kindern an (Ganztags-)Grundschulen – Ziele, Möglichkeiten und Bedingungen aus Sicht verschiedener Akteure“ die Diskussion vom Kopf auf die Füße: „Die Realität ist, dass der Partizipation durch Vorgaben im Curriculum, durch Noten, Abschlüsse, später das Zentralabitur, aber auch schlicht durch ungleiche Machtverhältnisse Grenzen gesetzt sind. Es kommt sehr auf die einzelnen Pädagogen an, die Initiatoren, Bremser oder Vorbilder in Sachen Partizipation sein können – sie wirken als Schnittstellen dieser Entwicklung.“

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