„Ganz!stark“ – Zehn Jahre Offene Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen

Zehn Jahre Offene Ganztagsschule und fünf Jahre Ganztagsschule in der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen – auf der 6. Ganztagsschulmesse am 26. Juni 2013 in Hamm feierten rund 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Erfolgsgeschichte, ohne kritische Punkte zu verschweigen.

Vor zwölf Jahren wettete Christoph Gilles vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit einem Vertreter der Kirche, dass sich die offene Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen etablieren würde. „Die Wette dürfte ich wohl gewonnen haben. Nur die Flasche Wein habe ich bis jetzt noch nicht bekommen“, meint er. Dass die „Ganztagsschule der richtige Weg ist“, bestreite heute niemand mehr, erklärt der Oberbürgermeister der Stadt Hamm, Thomas Hunsteger-Petermann. Die Ganztagsschule werde auch nicht mehr ideologisch diskutiert wie vor zehn Jahren, ergänzt Sylvia Löhrmann, die nordrhein-westfälische Schulministerin. Und „während vor zehn Jahren kaum eine Lehrkraft am Nachmittag eingesetzt werden wollte“, erzählt ein Schulleiter aus dem Münsterland, „sehen heute viele die Chancen, die darin liegen, die Kinder am Nachmittag auch anders kennenzulernen.“

Schulministerin Sylvia Löhrmann und Familien- und Jugendministerin Ute Schäfer unterzeichneten mit Kurt Eichler, Vorsitzender der Landesvereinigung Kulturelle Jugendarbeit NRW e.V., eine neue Rahmenvereinbarung über außerunterrichtliche kulturelle Bildungsangebote in Ganztagsschulen und Ganztagsangeboten© Bert Butzke

Verschiedene Stimmen mit gleicher Tonlage auf der 6. Ganztagsschulmesse, die am 26. Juni 2013 in den Zentralhallen Hamm unter dem Motto „ganz!stark“ stattfand – und auf der beste Stimmung herrschte. Denn vor zehn Jahren startete Nordrhein-Westfalen das Modell der Offenen Ganztagsschule, und vor fünf Jahren wurde der Ganztag in der Sekundarstufe I eingeführt. Diese beiden Jubiläen boten in den Reden, Vorträgen und Diskussionsforen, die seit jeher die Ganztagsschulmesse prägen, den Anlass zurück-, aber auch in die Zukunft zu blicken.

Ute Schäfer war dabei sicherlich eine der besten „Zeitzeuginnen“. Der heutigen Ministerin für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport kam vor zehn Jahren als Schulministerin des Landes Nordrhein-Westfalen eine zentrale Rolle beim Aufbau der Ganztagsschullandschaft zu. Oder war es eher ein Umbau? Nordrhein-Westfalen besaß schon zu Anfang des Jahrtausends viele verschiedene Programme, die zum Ziel hatten, den Eltern von Grundschülerinnen und -schülern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erleichtern, zum Beispiel das Programm „13plus“, wie Ministerin Schäfer dem Auditorium beim Eröffnungsgespräch in Erinnerung rief. Die Offene Ganztagsgrundschule führte all diese Programme zusammen, schnitt sozusagen den Wildwuchs zurück und veredelte ihn dann entscheidend.

„Für mehr Bildungsgerechtigkeit sorgen“

„Uns war es wichtig, außerschulische Partner – insbesondere aus der Jugendhilfe – in die Schulen zu holen“, so Ute Schäfer. „Es ist einfach etwas Anderes, wenn auch außerschulisches Personal mit den Kindern lernt. Treffen die beiden Welten Schule und Jugendhilfe aufeinander, ist das gut. Ich würde mir wünschen, dass die Verschränkung der Professionen noch besser gelingt. In manchen Ganztagsschulen herrscht leider heute noch das Prinzip, dass die Lehrerinnen und Lehrer am Mittag die Schule verlassen, während die Jugendhilfe-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erst eintreffen.“

Zuschauer in der Arena der Zentralhallen Hamm

Sylvia Löhrmann, die Ministerin für Schule und Weiterbildung, forderte daher mehr Raum und Zeit für Austausch an den Schulen, der institutionalisiert werden sollte: „In einer Schulkonferenz sollten auch selbstverständlich außerschulische Pädagoginnen und Pädagogen ein Stimmrecht haben. Wir sollten nicht mehr von Lehrerkonferenzen, sondern von Pädagogischen Konferenzen sprechen, damit der gleiche Stellenwert aller Beteiligten deutlich wird.“

Um den Anteil außerschulischer Partner in der Sekundarstufe I zu erhöhen, ermögliche man den Schulen nun die Kapitalisierung eines Drittels der zusätzlichen 20-prozentigen Lehrerzuweisung. „Wir entwickeln die Ganztagsschule kontinuierlich weiter“, so die Schulministerin, „und sehen unseren Auftrag insbesondere darin, für mehr Bildungsgerechtigkeit zu sorgen.“

90 Prozent Ganztagsgrundschulen

Erreicht hat Nordrhein-Westfalen bereits viel: Nachdem 2003/2004 die ersten 235 Ganztagsschulen im Primarbereich gestartet waren, arbeiten im Schuljahr 2012/2013 nunmehr 2.977 Grundschulen ganztägig, und somit gebe es „nur noch wenige Grundschulen, die keine Ganztagsschulen sind“, berichtete Sylvia Löhrmann. Genauer gesagt: 90 Prozent der Grundschulen seien schon Ganztagsschulen, die fast 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen. In der Sekundarstufe I halten 1.129 Schulen ein Ganztagsangebot vor: 309 Hauptschulen, 122 Realschulen, 246 Gesamtschulen, 150 Gymnasien und 41 der neu gestarteten Sekundarschulen. Alles in allem haben über 70 Prozent der allgemein bildenden Schulen ein Ganztagsangebot; 31 Prozent der Schülerinnen und Schüler nehmen daran teil – beide Werte liegen über dem Bundesschnitt.

Neben dieser quantitativen Entwicklung ist der Schulministerin die qualitative Dimension wichtig: „Die Ganztagsschule hat das Lernverständnis verändert. Heute denkt man bei Schule nicht mehr an Lernstoffvermittlung im 45-Minuten-Takt, sondern an die Möglichkeit, durch mehr Zeit eine ganzheitliche Bildung, Persönlichkeitsbildung und zusätzliche Fördermöglichkeiten zu verwirklichen.“ Vor allem könne die Ganztagsschule Hausaufgaben zu „Schulaufgaben“ machen, was die Eltern extrem entlaste.

Fortbildung für Lehrkräfte vor zehn Jahren: „Was ist Jugendhilfe?“

Die von den Ministerinnen angesprochenen Punkte wurden im Forum „10 Jahre offene Ganztagsgrundschule“ vertieft, aber auch kritisch bilanziert. Für Uwe Schulz ist das „Trägermodell der Ganztagsschule in gemeinsamer Verantwortung von Schule und Jugendhilfe der entscheidende Meilenstein in der Entwicklung der Offenen Ganztagsgrundschule“ gewesen. Schulz ist heute Referatsleiter für „Ganztagsbildung und Kulturelle Bildung in der Kinder- und Jugendhilfe“ im Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport. Vor einem Jahrzehnt war er als Geschäftsführer im Institut für soziale Arbeit in Münster, das die Serviceagentur „Ganztägig lernen“ beherbergt, am Aufbau der Ganztagsschullandschaft maßgeblich beteiligt. „Damals haben wir eintägige Fortbildungen ‚Was ist Jugendhilfe?’ für Lehrkräfte angeboten“, erinnert er sich. Heute sei die Zusammenarbeit der verschiedenen Professionen selbstverständlich.

Schülerinnen und Schüler aus dem Offenen Ganztag der Elsa-Brandström-Schule
Die Schülerinnen und Schüler aus dem Offenen Ganztag der Elsa-Brandström-Schule aus Hamm begeisterten mit ihrem "Hantiplantiflamingozirkus"© Ralf Augsburg

Unzufriedener zeigte sich Dr. Christiane Zangs, Beigeordnete der Stadt Neuss: „Die offene Ganztagsschule wird propagiert, weil sie ein Billigmodell ist. Nur will das niemand so klar aussprechen. Die Ganztagsschulen funktionieren, weil sich hauptsächlich Frauen sowie Künstlerinnen und Künstler hier herausragend engagieren – und dafür nur minimal entlohnt werden.“ Durch diese Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sei eine Qualität in die Schulen eingezogen, wie man sie bisher nicht gekannt habe. Und die Eltern honorierten dies durch ihr Anmeldeverhalten: „Selbst in unserer so konservativen Stadt liegt die Nachfrage nach Ganztagsplätzen bei 60 Prozent der Schülerschaft“, so Christiane Zangs.

Angemessene Gehälter und auch einen gerechten Ausgleich zwischen den Bildungsregionen – „ärmere Kommunen im Ruhrgebiet haben nicht die Möglichkeit, ihre Ganztagsschulen so auszustatten wie Neuss“ – erhofft sich die Beigeordnete von der gebundenen Ganztagsschule, die eine Neusser Arbeitsgemeinschaft vom Land fordert und die im Forum auch von Lehrkräften als Zukunftsvision gewünscht wurde.

Für Dr. Norbert Reichel, den Leiter des Referats „Ganztag in der Schule“ im Schulministerium, würde man damit aber den zweite Schritt vor dem ersten machen: „Bis 2020 wird es keine flächendeckenden Ausbau von gebundenen Ganztagsschulen geben“, stellte er klar. „Abgesehen davon, dass ich bezweifle, dass die Mehrheit der Eltern dafür zu gewinnen wäre, halte ich es für wichtiger, eine richtige Mischung aus Pflichtteilen, freiwilligen Teilen und offenen, schulfremden Angeboten in hoher Qualität zu verwirklichen.“

„Bildungsbericht“ Ganztagsschule weist auf notwendige Veränderungen hin

Messestände

Welche Entwicklungsbedarfe darüber hinaus in den Ganztagsschulen vorhanden sind, hat der aktuelle dritte „Bildungsbericht Ganztagsschule NRW 2013“ dargestellt. So sehen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Kooperationsverbunds aus dem Institut für soziale Arbeit, dem Deutschen Jugendinstitut und der TU Dortmund kritisch, dass „eine steigende Zahl von Ganztagsschulen die Lernzeiten und Hausaufgabenbetreuung während der Mittagszeit durchführt“, was die Erholungsangebote in dieser Zeit unterlaufe.

Daneben werde in der Sekundarstufe I der Anspruch, dass Ganztagsschulen sich durch multiprofessionelle Teams auszeichnen, „an vielen Schulen nicht erfüllt“. Hier sei ein Einstellungswandel auf Seiten der Schulen notwendig, die bislang gezielt nur an Lehrkräften festhielten und von der Kapitalisierung der Lehrerstunden zu wenig Gebrauch machten. In den Offenen Ganztagsschulen sehen derweil fast 70 Prozent der freien und kommunalen Träger bereits einen Fachkräftemangel. „Die Träger haben Schwierigkeiten, geeignetes Personal für die Offenen Ganztagsgrundschulen zu finden.“ Eine verstärkte Aus- und Weiterbildung sei ebenso angeraten wie attraktivere Vergütungen und das Anbieten von Vollzeitstellen.

Zehn Jahre sind für die Schulentwicklung eine vergleichsweise kurze Zeit. „Ganz!stark“ – das Motto der diesjährigen Ganztagsschulmesse – zeigte daher auch den selbstbewussten Blick des Landes auf das bisher Geleistete und auf die notwendige Weiterentwicklung in den nächsten Jahren, zu der alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf ihre Weise engagiert beitragen – was sich gerade auch auf dieser Messe wieder zeigte.

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