Ganztag braucht viel mehr Zeit

Die Studie "Gute (Ganztags-)Schule?" von Silvia Dollinger nimmt sich der Gelingensbedingungen des gebundenen Ganztags an.

Die Autorin Dr. Silvia Dollinger von der Universität Passau, heute Professorin für Pädagogik in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, zitiert zum Einstieg in das Fazit ihrer Arbeit einige Sätze von Eva Luise Köhler, bis 2010 Vorsitzende der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Diese Worte sprach die Frau des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler zur Eröffnung des 4. Ganztagsschulkongresses 2007:  „Das zarte Pflänzchen Ganztagsschule, das manche auch für Unkraut hielten, hat inzwischen weit verzweigte Wurzeln geschlagen und bunte Blüten entwickelt. Die Ganztagschule ist der Schlüssel beim Zusammenwachsen der Bildungsinstitutionen.“

Bunte Blüten – diese sind es wohl, die einer Erfassung des schulischen Phänomens Ganztag immer wieder Grenzen setzen. Dafür spricht auch, dass die Autorin, obwohl ihr Untersuchungsgegenstand sich nur auf gebundene Ganztagsschulen in Bayern bezieht, festhält: „Vorliegende Untersuchung hat (…) bestätigt, dass es die Ganztagsschule und den allein richtigen Weg zu einem ‚gelungenen‘ Ganztagskonzept nicht gibt“ (S. 324).

Innovation braucht Verlässlichkeit

Somit könnte man empfehlen, die Studie zur Seite zu legen mit der lapidaren Bemerkung: Nichts Neues. Doch das wäre zu kurz gegriffen, viel zu kurz. Silvia Dollinger gelingt es, die Ambivalenzen, in denen sich alle Akteure von Ganztagsschulen notgedrungen bewegen, gründlich zu analysieren und zu beschreiben. Einige, die über Bayern hinaus relevant sein könnten, seien hier herausgegriffen:

Cover des Buches „Gute (Ganztags-)Schule? – Die Frage nach Gelingensfaktoren für die Implementierung von Ganztagsschule“
© Verlag Julius Klinkhardt

„Ganztagsschulen sind per se als Innovation zu verstehen und stellen daher für Schulen und Lehrerkollegien (und deren oftmals tradierte Rollenvorstellungen) meist Neuland und eine Herausforderung dar“ (S. 323). „Ganztagsschulen eröffnen Reformfenster“, heißt es an anderer Stelle (S. 324). Neuland, Reformfenster? Nun, nach dieser Studie stellt sich die Frage, ob Ganztagsschulen in der breiten öffentlichen Wahrnehmung oder auch in der Fachöffentlichkeit möglicherweise viel zu sehr als selbstverständliche Weiterentwicklung von Schule gesehen werden, sodass ihnen kaum noch zugestanden wird, sich mit Zeit und externer Unterstützung auf den Weg zu machen und sich dabei stets aufs Neue zu vergewissern, wo die Reise eigentlich hingehen soll und an welchem „Rastplatz“ man sich gerade befindet.  

Gerade weil Ganztagsschulen viel mehr unter dem Blickwinkel Innovation mit allen dazugehörigen Herausforderungen verstanden werden sollten, bedürfen sie – so arbeitet die Studie heraus – einer besonderen Verlässlichkeit und Verbindlichkeit in den politischen Rahmenbedingungen; einer Grenzsetzung, die es ihnen ermöglicht, nachhaltige Qualität zu entwickeln. Zu diesen Rahmenbedingungen gehören nach Silvia Dollinger etwa bildungspolitische Rahmen- und Zielvorgaben, die mehr als eine Wahlperiode überdauern. Ganztagsschulen bedürften zudem einer Evaluation von außen sowie einer schulartspezifischen Interpretation des Bildungs- und Erziehungsauftrages. Dies umso mehr, weil, so die Autorin, Ganztagsschulen gleichzeitig davor geschützt werden müssen, sich zu überfordern.

Hinweise, Empfehlungen, Fazit

Schüler mit Rechenschieber
© Britta Hüning

Die Studie setzt sich also einerseits auf schulpädagogischer Ebene konzeptionell mit Ganztagsschule auseinander bzw. mit der gebundenen Form in Bayern und leistet damit einen Beitrag zur pädagogischen Theorie der Ganztagsschule. Andererseits erhalten Schulen auf schulpraktischer Ebene konkrete Hinweise sowie Gestaltungs- und Handlungsempfehlungen. Letztere sind vielleicht der Grund, warum mancher zu dieser Lektüre greifen möchte, und so seien einige Empfehlungen hier herausgestellt:
Explizit wird auf die Rolle der Eltern und deren Partizipation am Ganztag abgehoben. Gerade durch den Vergleich verschiedener Schulen, die in der Studie porträtiert werden, folgert die Autorin, dass eine „Verankerung des Ganztagskonzeptes im Schulprofil dann leichter gelingt, wenn Schüler und Eltern am Ganztagskonzept partizipieren (…) und das Ganztagsangebot gezielt auf die lokalen Bedürfnisse von Eltern und Schülern sowie das vorhandene Schulprofil abgestimmt wird, …“ (S. 310). Ganz konkret macht sie deutlich, dass Schulleitung und insbesondere Ganztagslehrkräfte der Verbesserung der Informations- und Kontaktpflege eine besondere Bedeutung beimessen und regelmäßig für die Transparenz sowohl der schulischen Entwicklung als auch der Lernprozesse des jeweiligen Schülers sorgen müssen.

Ein weiteres Fazit, das eine Handlungsempfehlung impliziert, weist darauf hin, dass ein Ganztag ohne ein nachhaltiges pädagogisches Gesamtkonzept keinen pädagogischen Mehrwert im Vergleich zu Halbtagsschulen erzielt. 

Ganztagsschule – eine lernende Organisation ...

Auf Seite 314 zieht Silvia Dollinger die Grafik eines Qualitätszyklus heran, um die Stellschrauben zur nachhaltigen Weiterentwicklung gebundener Ganztagsschulen zu illustrieren. Damit wirbt sie – als weitere Handlungsempfehlung – dafür, dass Ganztagsschulen bereits frühzeitig und unmittelbar nach ihrer Implementierung eine Kultur der Evaluation etablieren und pflegen sollen. „Ganztagsschule muss zu einer lernenden Organisation werden, welche sich beständig verändert und bestehende Gestaltungsspielräume nutzt und erweitert“ (S. 314). Dies alles kostet Zeit, doch genau das ist es, worauf die Autorin das Augenmerk lenken möchte. Die im Rahmen der Studie befragten Schulleiter beklagen, dass oftmals in der wichtigen Erkundungs- und Planungsphase zu wenig Zeit für die eigentliche pädagogische Konzeptarbeit bleibe; ein bis zwei Jahre Planung seien bis zum Start des Ganztags notwendig.

... mit notwendigerweise lernenden Mitarbeitern

Shülerinnen mit Büchern
© Britta Hüning

Nicht zu kurz kommt die Lehr-, Lern- und Unterrichtskultur an Ganztagsschulen. Kernaufgabe von Schule ist und bleibt der Unterricht. Das ist an Ganztagsschulen nicht anders, wenn auch die öffentliche Wahrnehmung und die Ansprüche, die an Ganztag gestellt werden, dies manchmal zu verschleiern drohen.  Allerdings liest sich die Essenz der Studie hier durchaus anspruchsvoll, wenn man tradierte Vorstellungen von Unterricht als Vergleich heranzieht. „Der Aspekt der Rhythmisierung muss gezielt im Ganztagskonzept verankert werden und sich auch im Stundenplan (…) durch einen Wechsel von Lern-, Arbeits- und Entspannungsphasen sowie Pausen wiederfinden“, schreibt die Autorin (S. 309). Und wenig später: „Stets gilt auch zu hinterfragen, inwieweit die Personalorganisation die Veränderung der Zeiten im Ganztag hindert oder fördert und ob Kooperationen sowie die vorhandene Multiprofessionalität optimal ausgeschöpft werden. Dies fordert nicht nur eine Schule als lernende Organisation, sondern vor allem auch lernende Mitarbeiter“ (S. 309). 

Dezidierter, als hier beschrieben werden kann, geht die Autorin in ihren sehr genauen Schulporträts konkret bis in einzelne Unterrichtsstunden hinein, befasst sich mit der Sozialraumverankerung „ihrer“ Schulen, der Lehrerbesetzung oder Personalfluktuation, Mittagessen, Hausaufgaben, kurzum: Sie taucht tief in den Alltag der Schulen ein.

Wunsch: mehr Lesefreundlichkeit

Wie es sich für eine Dissertation gehört, gibt es einen historischen sowie theoretischen Überblick über den Forschungsgegenstand, werden die verschiedenen Definitionsansätze verglichen und abgewogen. Ebenso nimmt die Autorin die gesellschaftlichen Begründungsansätze für Ganztagsschulen als Teil sozialer Infrastruktur, aber auch als Reaktion auf gewandelte Bildungsanforderungen in den Blick und würdigt vor diesem Hintergrund die Bedeutung des Investitionsprogramms „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) für den Ausbau von Ganztagsschulen.    

Schade nur, dass diese durchweg interessante und aktuell spannende wissenschaftliche Arbeit in Layout und Gestaltung wie eine solche publiziert wurde. Sicher, das ist nicht unüblich, wenn Forschungsarbeiten veröffentlicht werden. Doch könnte eine etwas lesefreundlichere Aufbereitung der Verbreitung der Lektüre außerhalb ihres wissenschaftlichen Radius gute Dienste tun. Hier und da eine Zwischenzeile, das Fazit an den Anfang, eine Zusammenfassung in Kernsätzen oder ein etwas weniger dichtes Schriftbild hätten der Fachlichkeit nicht geschadet und würden die Popularität des Buches befördern. Ihm seien dennoch viele Leserinnen und Leser gewünscht!        

Silvia Dollinger, „Gute (Ganztags-)Schule? – Die Frage nach Gelingensfaktoren für die Implementierung von Ganztagsschule“, Verlag Julius Klinkhardt, 2012, 360 Seiten

Silvia Dollinger, 127 Tipps für die Ganztagsschule. Beltz Verlag, 2013, 96 Seiten

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