Ganztagsschule Kugelberg in Weißenfels: Öko? Logisch!

Über 300 Schülerinnen und Schüler kümmern sich um rund 150 Tiere, trennen ihren Müll, sparen Energie, achten auf ihre Umgebung – ohne dass Unterricht und Leistung zu kurz kommen. Im Gegenteil: Die Ökowegschule Kugelberg im sachsen-anhaltischen Weißenfels bringt als selbst ernannte „Ganztagsschule zum Wohlfühlen“ fast alle Jugendlichen zu einem Schulabschluss.

Außenansicht der Schule
Grün - aber nicht von alleine. Die Bäume und die Pflanzen rund um das Gebäude der Ökowegschule sind von der Schule gepflanzt worden.© Ökowegschule

Damit keine Missverständnisse aufkommen: „Ganztagsschule zum Wohlfühlen“ hat nichts mit „Kuschelpädagogik“ zu tun. Der Schulleiter der Sekundarschule hört sich im Gespräch im Gegenteil schon fast wertkonservativ an. Der Trend, offenen Unterricht und traditionelle Unterrichtsmethoden gegeneinander auszuspielen, ist Falko Schupa eher suspekt: „Ein gut gemachter Frontalunterricht kann mehr bewirken als ein schlecht geplanter offener Unterricht.“ Über eine notenfreie Schule hat der Rektor, der die Sekundarschule im Burgenlandkreis seit 1991 leitet, ebenfalls eine klare Meinung: „Davon halte ich rein gar nichts. Wir entlassen die Schülerinnen und Schüler in eine knallharte Leistungsgesellschaft – und da sollen wir ihnen hier vorgaukeln, dass es keinen Druck gibt?“

„Wohlfühlen“ bezieht sich auf das „Komplettpaket“ der Schule. „Als wir das Leitbild unserer Schule 2005 unter dieses Motto gestellt haben, wollten wir eine Schule machen, in die die Jugendlichen lieber gehen, als wir selbst in unserer Schulzeit das taten. Wir haben damals im Kollegium offen gesagt: Lasst uns ehrlich sein – unsere Schulzeit war nicht toll.“

Kollegium und Schulleitung waren sich einig, zum Wohl der Schülerinnen und Schüler etwas Besonderes zu versuchen – durchaus auch aus eigenem Interesse, wie der Schulleiter einräumt: „Ich habe den Kolleginnen und Kollegen ganz klar kommuniziert, dass die sicherste Möglichkeit, unsere Arbeitsplätze zu erhalten, in der Anstrengung liegen würde, der Schule ein Alleinstellungsmerkmal zu verleihen.“

„Palast der Woche“ oder „Saustall der Woche“?

Sitzecken, Pflanzen und Tiere - eine Schule zum Wohlfühlen.© Ökowegschule

Bereits als Schupa durch die „Wende“-Zeit mit 29 Jahren als damals jüngster Schulleiter Deutschlands an die Spitze der ehemaligen Fritz-Juch-Schule gespült wurde, bemühte er sich im Zusammenspiel mit seinem Vorgänger Winfried König, der dann sein Konrektor wurde, um eine Akzentsetzung, welche die in einem tristen Neubaugebiet der achtziger Jahre gelegene Schule bis heute prägt. „Wir haben Bäume rund um das Schulgebäude gepflanzt, am WWF-Projekt ‚Großer Panda’ teilgenommen und dann 1993 das Siegel ‚Ökowegschule’ beim Bildungsausschuss beantragt und erhalten“, erinnert sich der Rektor. Von der Stadt erhielt die Sekundarschule darüber hinaus noch ein Grundstück, das sie als Schulgarten nutzen konnte – ein Privileg, das sonst Grundschulen vorbehalten war. Hier bauten die Schülerinnen und Schüler mit viel Unterstützung durch die Lehrkräfte Obst und Gemüse an.

Tiergehege in der Schule
Die Schülerinnen und Schüler kümmern sich täglich um über 100 Tiere.© Ökowegschule

Die Sekundarschule Kugelberg verschrieb sich – „das war ein schleichender Prozess“, so Schupa – zunehmend der Umwelterziehung und -bildung. Das Umweltbewusstsein der Schülerinnen und Schüler soll auf lange Sicht gefördert werden, unter anderem durch die in jedem Klassenraum vorgenommene Mülltrennung, Energiesparaktionen, Reinigungstage im Wohngebiet, eine Arbeitsgemeinschaft Ökologie und insbesondere die Tierpflege. Jede Besucherin und jeder Besucher kommt mit Sicherheit ins Staunen, wenn sie den Schulzoo sehen: Über 100 Tiere wie Schildkröten, Wachteln, Mäuse, Fische, Hamster, Meerschweinchen, Tauben oder Schlangen werden täglich von den Mädchen und Jungen gepflegt und gefüttert, Käfigreinigung inbegriffen. Dafür müssen sich die Schülerinnen und Schüler bewerben. „Das ist teilweise ein regelrechter Kampf um die Plätze“, berichtet Falko Schupa. Überall wuseln die Jugendlichen an den Käfigen, Terrarien und Aquarien – oder kreuzen in den Gängen mit den drei farbigen Mülleimern für Papier, Restmüll und Biomüll auf.

Natürlich ist all das nicht nur Selbstzweck oder Zeitvertreib, wie der Schulleiter klarstellt. Die Schülerinnen und Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen – für die Umwelt, für Lebewesen und auch für ihr unmittelbares Umfeld. Die Ökowegschule pflegt deshalb das Klassenraumprinzip. „Bei uns wandern die Lehrerinnen und Lehrer, nicht die Schülerinnen und Schüler“, so Schupa. Und Letztere sind auch verantwortlich für die Gestaltung und Sauberkeit ihres Klassenraumes. Einmal in der Woche besieht sich der Schülerrat die Klassenzimmer und vergibt Punkte in verschiedenen Kategorien. Der Wochensieger darf sich mit der Urkunde „Palast der Woche“ schmücken, die lässlichste Klasse erhält ihren Raum als „Saustall der Woche“ verbrieft. Während der „Palast“ Geld für die Klassenkasse vom Förderverein erhält, muss der Schlusslichtträger gemeinnützige Dienste leisten.

„... einfühlsam, wie man es nicht erwarten würde“

Der Wahlpflichtkurs "Soziale Kontakte" ist ein Standbein des Schulprofils.© Ökowegschule

Bewusstsein für Umwelt und Umfeld sind die eine Seite der Medaille, Empathie ist die andere. Mit dem Beginn der offenen Ganztagsschule 2003 wurde „Soziale Kontakte“ zunächst als AG angeboten, inzwischen als Wahlpflichtkurs. Ines Kunz und Uta Fritzsch leiten jeweils die einmal in der Woche stattfindenden Doppelstunden in den Jahrgangsstufen 7 bis 10. Unter der Überschrift „Service Learning“ begegnen sich hier Jung und Alt. Die Schülerinnen und Schüler kümmern sich um alte Menschen in Seniorenheimen, treffen sterbenskranke Menschen in Hospizen, besuchen Patenklassen in Förderschulen, organisieren Lesenächte für Grundschulkinder, denen sie dann natürlich auch die Schule und die Tiere zeigen.

Für das „Soziale Lernen“ gilt im Besonderen, was für die Ganztagsschule allgemein gilt: „Man erlebt hier die Jugendlichen ganz anders als im Fachunterricht“, berichtet Ines Kunz. „Die größten Rabauken geben sich ganz anders, wenn sie mit einem alten Mann zusammen sitzen, um Geschichten auszutauschen – besonders Jungen sind so einfühlsam, wie man es nicht erwarten würde.“ Für die Lehrerin für Ethik und Geschichte ist dieser Wahlpflichtkurs, für den sie das Curriculum entwickelt hat und ständig bemüht ist, außerschulische Partner zu finden, ein Höhepunkt ihrer Arbeit: „Das macht meiner Kollegin und mir Spaß, das machen wir wirklich gerne.“

Schülerinnen und Schüler mit selbst gebastelten Masken
Der Wahlpflichtkurs "Soziale Kontakte" hilft auch bei der Organisation der Lesenächte, bei der Grundschülerinnen und -schüler eine Nacht in der Sekundarschule verbringen.© Ökowegschule

Auch die Zusammenarbeit im Kollegium, das in Jahrgangsteams von jeweils zwei Klassenlehrkräften und zwei bis drei Fachlehrerinnen und -lehrern organisiert ist, läuft hervorragend. „Bei uns gibt es keine Grüppchenbildungen“, freut sich Falko Schupa. Im Gegenteil hätten aktuell Jahrgangsteams, die ihre 10. Klasse abgeben, darum gebeten, in derselben Zusammensetzung wieder eine neue Klasse übernehmen zu dürfen. Den Zusammenhalt festigen insbesondere die Schulinternen Lehrerfortbildungen (SCHILF), bei denen man intensiv um gute Lösungen ringt, sich aber auch mal etwas gönnt. „Wir suchen die Fortbildungsorte nach Attraktivität aus“, meint Schupa nur halb im Scherz. Die Fortbildungen sind für ihn auch teambildende Maßnahmen.

Curricula kürzen, Übungszeit gewinnen

Der Krankenstand ist so gering, dass Rektor Schupa darauf sogar schon vom Schulamt angesprochen wurde. Wenn das Kollegium so gerne zur Schule geht, wie Ines Kunz es zum Beispiel von sich selbst sagt, liegt das aber auch an den Räumlichkeiten. Der damalige Schulträger, die Kommune Weißenfels, unterstützte seit 2004 die Umgestaltung des Schulgebäudes. 2,4 Millionen Euro kamen aus dem Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB). „Heute ist unsere Schule sicherlich eine der schönsten in Ostdeutschland“, ist der Rektor stolz. Zwar wären Lehrerarbeitsplätze noch wünschenswert, aber ansonsten kann der Ganztagsbereich mit Freizeitraum, Lesestübchen, Cafeteria, Ruheräumen, Küche, Hausaufgabenzimmer, Fitnessraum mit professionellen Bodybuilding-Geräten, Fachkabinetten, AG-Räumen und Computerräumen aufwarten. Mit einem Fahrstuhl ist das Gebäude nun auch barrierefrei. Dank des spendablen Fördervereins kann sich das Außengelände mit Spielplatz, Sportfeld und Basketball-Spielfeld ebenfalls sehen lassen.

Das Gestalten des Schulhauses ist Schülersache und gehört zur Umfelderziehung.© Ökowegschule

Aktuell lernen 322 Schülerinnen und Schüler an der Ökowegschule; nach zwei Schulfusionen arbeiten inzwischen 35 Lehrkräfte hier. Hört man sich in der Nachbarschaft um, dann heißt es: „Ökowegschule – die beste Schule in Weißenfels“, wie Ines Kunz berichtet. Das spiegelt sich in der Nachfrage – die Schule muss Eltern, die ihre Kinder gerne auf den Kugelberg schicken wollen, Absagen erteilen, oft auch wegen der starren Schulbezirksgrenzen. Dass fast alle Schülerinnen und Schüler mit einem Abschluss die Schule verlassen – „wenn es mal zwei nicht schaffen, ist das viel“, so der Schulleiter – trägt sicherlich auch zum guten Ruf der Schule bei. „Wir kämpfen hier um jedes Kind“, stellt Schupa klar.

Doch all dies wäre nicht möglich ohne einen guten Unterricht. Ein Meilenstein der Schulentwicklung war die Umstellung auf 90-Minuten-Blöcke. „Diese längeren Unterrichtseinheiten ermöglichen die flexible Ergänzung des Frontalunterrichts durch Projekte, Stillarbeit, Gruppenarbeit und alles, was den Unterricht abwechslungsreicher, interessanter und praxisnäher macht“, erklärt Schupa. „Mit der Pädagogik von vor 20 Jahren würde ich bei unseren Schülerinnen und Schülern heute keinen Blumentopf gewinnen. Es ist heute schwieriger, die Jugendlichen zu erreichen – wenn die sich abends ins Bett legen, haben sie 1.000 Ablenkungen durch Handy, Computer, Game Boy und Fernsehen hinter sich. Der Schulstoff ist schon wieder so gut wie vergessen.“

Schülerinnen und SChüler im Unterricht
Fußball und Pop! Jede Klasse entscheidet als "Hausherr" selbst, wie sie ihren Klassenraum gestaltet.© Ökowegschule

Für die Pädagoginnen und Pädagogen ist das eine teilweise frustrierende Erfahrung, aber auch eine Herausforderung, die sie annehmen. Auf der letzten SCHILF-Reise haben Schulleitung und Kollegium beschlossen, das Curriculum zu verknappen, um Zeit zum Üben und Vertiefen zu gewinnen. „Die Fachgruppen streichen jetzt ihre Stoffe zusammen, und in jeder Gruppe sitzt ein von mir so genannter ‚fachfremder Kritiker’, der schauen soll, welche Unterrichtsinhalte ihm überflüssig erscheinen“, berichtet Schupa. „Das ist ein langer und kein einfacher Prozess, aber der richtige Weg für unsere Schülerinnen und Schüler.“

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