Ganztagsschule Großalmerode: Ein Schiff ist wieder flott

2005 schien die Valentin-Traudt-Schule im nordhessischen Großalmerode von der Schließung zu stehen. Heute freut sich die kooperative Ganztagsgesamtschule für die Jahrgänge 5 bis 10 als einzige im Werra-Meißner-Kreis über steigende Schülerzahlen – und das in einer der von der demografischen Entwicklung am meisten gebeutelten Regionen Deutschlands.

Blick aufs Schulgelände: Bank und Rasen
Schule im Grünen - hier können Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler zwischendurch gemeinsam ausruhen© Ralf Augsburg

Es geht gegen 13 Uhr, als Schulleiter Dr. Jörg Möller auf einem Rundgang durch die Schule einen Blick in das Büro der Schülervertretung wirft. Dort halten sich vier Schülerinnen der 9. Jahrgangsstufe auf. Ein Mädchen steht vor dem mit mathematischen Formeln beschriebenen Whiteboard, die drei anderen sitzen ihr gegenüber. „Was macht ihr denn hier?“ möchte Möller wissen. „Wir haben eine Sache in Mathe noch nicht so gut verstanden, die wollten wir hier noch üben“, antwortet eine Schülerin. „Und dann habt ihr euch gesagt, wir treffen uns hier mal?“ setzt der Rektor nach, ein bisschen belustigt, aber auch mit ein wenig Stolz in der Stimme. Denn wenn dies kein selbstorganisiertes Lernen ist, was sollte es dann sein? Und wenn Schülerinnen und Schüler die besten Botschafter einer Schule sind, kann sich Jörg Möller in diesem Moment keine besseren wünschen.

SOL – Selbst organisiertes Lernen ist der entscheidende Bestandteil der Lernkultur der Valentin-Traudt-Schule im nordhessischen Großalmerode und Symbol für den Neuanfang der kooperativen Gesamtschule, die vor acht Jahren noch von der Schließung bedroht war. Denn die ländliche Idylle, in die das über 6.000 Einwohner zählende Großalmerode im Werra-Meißner-Kreis östlich von Kassel eingebettet ist, hat eine Schattenseite: Die demografische Entwicklung des Kreises gehört zu den schwierigsten in Deutschland. Landwirtschaft und Bergbau bieten nur noch einen Bruchteil der einstigen Arbeitsplätze, was auch für das weiterverarbeitende Gewerbe nicht folgenlos geblieben ist. In der traditionellen Arbeiterregion fehlen die Arbeitsplätze, längst hat die Landflucht eingesetzt, die Bevölkerung ist überaltert.

Schulleiter Dr. Jörg Möller an einem Klassenpult© Ralf Augsburg

Die sinkenden Kinderzahlen brachten besonders die Valentin-Traudt-Schule in Nöten; sie galt als erster Kandidat für eine Schulschließung im Kreis. Verschiedene Erwägungen spielten dabei eine Rolle, aber Lehrerin Heidi Müller gibt auch zu, dass ihre Gesamtschule zum damaligen Zeitpunkt kein gutes Bild abgab: „Wir hatten sicherlich zehn Jahre keine Schulentwicklung mehr betrieben. Die Schule glich einem Schiff, das vor sich hindümpelte.“

Die existenzielle Bedrohung der Schule wurde zur Initialzündung: Die Valentin-Traudt-Schule musste sich neu erfinden, um an Attraktivität bei Schülerschaft, Eltern und den politisch Verantwortlichen zu gewinnen und holte mit einem Schlag nach, was in den Jahren zuvor an Schulentwicklung versäumt wurde. „Wir wollten vor allem unser Kerngeschäft, den Unterricht verändern“, erinnert sich Heidi Müller, die zugleich Beauftrage für das Qualitätsmanagement ist. „Es war klar, dass der reine Frontalunterricht nicht mehr funktionierte. Uns inspirierte das Konzept des ‚Selbst organisierten Lernens’ von Martin Herold und Birgit Landherr, das wir für unsere Bedürfnisse weiterentwickelt haben.“

Das dümpelnde Schulschiff funkte „SOL“

Statt „Wenn alle schlafen und einer spricht, so nennt man das den Unterricht“, wie es auf der Internet-Seite der Valentin-Traudt-Schule heißt, wollten Schulleitung und einige Kolleginnen und Kollegen eine neue Lernkultur verankern, die vom Belehren zum Lernen überging. „Es war schwierig, das ganze Kollegium von diesem Konzept zu überzeugen“, berichtet Heidi Müller, „daher wurde es erstmal als Pilotprojekt in der 7. Jahrgangsstufe gestartet. Die beteiligten Lehrkräfte haben dann regelmäßig in der Gesamtkonferenz Bericht erstattet, und nach und nach übernahmen die anderen Jahrgangsstufen das SOL-Konzept – es breitete sich wie ein Sauerteig aus.“

Blick in den Teamraum
Ein Lehrerzimmer wird es demnächst nicht mehr geben. Stattdessen erhält jedes Jahrgangsteam einen eigenen Raum wie diesen© Ralf Augsburg

Die damit verbundenen Lern- und Unterrichtsformen bilden das Gegenstück zum herkömmlichen Unterricht, bei dem alle Schüler zur gleichen Zeit das Gleiche tun (sollen). Statt Lehrervortrag und fragend-entwickelndem Unterrichtsgespräch stehen hier das selbstständige Erarbeiten des Unterrichtsstoffes durch die Schülerinnen und Schüler im Vordergrund. Die Kinder und Jugendlichen nutzen die in den Klassenräumen vorhandenen Computer- und Internet-Arbeitsplätze sowie vielfältige Lern- und Arbeitsmaterialien, welche mehrheitlich von den Lehrkräften der Schule selbst entwickelt wurden – „das ist am authentischsten“, findet Heidi Müller.

Der hauptsächlich in Doppelstunden organisierte Unterricht zielt nicht nur auf die Vermittlung eines soliden Grundwissens, sondern auch auf den Erwerb überfachlicher Kompetenzen wie das Beschaffen und Auswerten von Informationen, Teamfähigkeit, Präsentation von Lernergebnissen oder überfachliche Verknüpfungen. Die Selbstständigkeit wird durch den systematischen Aufbau von Methoden- und Lernkompetenzen gestärkt. Das zunehmende Eigenengagement der Schüler wirkt sich dabei auch positiv auf die eigene Lernmotivation und das Lernklima innerhalb der Gruppe aus.

Neue Lehr-Lern-Arrangements...

Für die Lehrerinnen und Lehrer an der Valentin-Traudt-Schule setzte dies natürlich auch gravierende Änderungen in ihrer Arbeitsweise voraus, denn mit der steigenden Eigenverantwortung der Schülerinnen und Schüler wandelte sich ihre Rolle vom allwissenden Belehrenden hin zum Berater, Begleiter und Gestalter von Unterrichtsarrangements. Sichtbaren Ausdruck findet dies in den Klassenräumen, in denen die Tische nicht mehr zentral auf ein Pult oder eine Tafel ausgerichtet sind – Pult und klassische Tafel fehlen inzwischen sowieso –, sondern sich der Bistro-ähnliche Tisch des Lernbegleiters unter die variablen Dreieckstische der Klasse mischt. Der „Lehrertisch“ kann mit einem Handgriff vom Stehpult zum normalen Tisch, an dem die Lehrkraft Platz nehmen kann, verändert werden – so flexibel, wie es die Unterrichtssituation gerade erfordert.

Zwei der drei Gebäude der Valentin-Traudt-Schule sind bereits saniert. Die Fassade grüßt nun bunter als zuvor© Ralf Augsburg

Um sich SOL anzueignen, organisierte die Schulleitung viele Fortbildungen. Nicht alle Lehrerinnen und Lehrer konnten sich indes mit dieser neuen Form des Unterrichtens und Lernens und der Arbeit in Jahrgangsteams anfreunden, aber durch die Pensionierungswelle, durch Abgänge und zum Konzept passenden Neueinstellungen meisterte die Schule diese Übergangszeit. „Wir haben bei Neueinstellungen klar kommuniziert, dass wir ein besonderes Engagement, eine Anwesenheit bis 15 Uhr in der Schule und auch die Teilnahme an den unbezahlten Teamstunden erwarten“, erklärt die Qualitätsbeauftragte. „Inzwischen verfügen Absolventinnen und Absolventen aber auch über ein breiteres Methodenspektrum als früher und finden sich so leichter bei uns zurecht.“

... bei offenen Klassentüren

Besonders schwierig erwies sich für manche Kollegin und manchen Kollegen die neue Offenheit, welche die Zusammenarbeit in den Teamstrukturen mit sich brachte. „Die Klassentüren standen nun offen, es wurde mitdiskutiert, man gab mehr von sich preis – und musste vielleicht auch mal das Scheitern einer Stunde eingestehen“, erläutert Schulleiter Möller. Nach wie vor sei es auch eine besondere Herausforderung, den Unterricht binnendifferenziert zu gestalten, gesteht Heidi Müller. Um mehr Sicherheit im Umgang mit den ganz unterschiedlichen Charakteren und Leistungsniveaus zu erreichen, feilt die Schule derzeit an Standards, an denen sich die Lehrkräfte orientieren können. „Wir erproben gerade Kompetenzraster und Checklisten in unserer Förderstufe und wollen diese in den Fächern Deutsch und Mathematik von unten hochwachsen lassen“, so die Lehrerin.

Foto Klassenzimmer
Durchblick: Die neuen Klassenräume sind luftig und hell© Ralf Augsburg

Das Selbst organisierte Lernen erforderte auch neue Räumlichkeiten. „Dieser individualisierte Unterricht kann nicht in den klassischen Schuhkartons stattfinden“, zeigt sich Jörg Möller überzeugt. Da kam es gelegen, dass die drei Bauten aus den 1970er Jahren sowieso saniert werden mussten. Heidi Müller berichtet: „Wir haben beim Schulträger darum gebeten, auf unsere Wünsche Rücksicht zu nehmen und gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen sowie Verantwortlichen aus Politik und Verwaltung eine Reise in das westfälische Herford unternommen, um die dortigen Schulbauten zu studieren, die auf offene Unterrichtsformen ausgerichtet sind. Das hat uns allen unglaublich gut gefallen, vor allem aber überzeugte es auch den Schulbeauftragten beim Kreis, der uns danach unterstützt hat.“

Inzwischen sind zwei der drei Trakte renoviert und umgestaltet: Die Klassenräume haben sich nun in Lernwerkstätten verwandelt, hell und freundlich, mit hohen Fenstern und Verglasungen auch in den Innenraum, die so genannten Jahrgangsflächen, die zur Freiarbeit einladen. Die Bibliothek wird zum Selbstlernzentrum mit Computern umgebaut. „Wir sind dem Kreis dankbar, dass er so viel Geld in die Hand nimmt. Man hat dort erkannt, dass eine gute Bildungslandschaft das entscheidende Argument für Familien ist, hierhin zu ziehen“, freut sich der Rektor.

AG-Teilnahme als Plus bei Bewerbungsgesprächen

Neu und alt - die Kreidetafel und das Whiteboard Seite an Seite in jedem Klassenzimmer© Ralf Augsburg

Acht Jahre nach der „Beinahe-Insolvenz“ hat sich die Lage für die Gesamtschule völlig geändert: Die Mund-zu-Mund-Propaganda hat ihr steigende Schülerzahlen beschert. 540 Schülerinnen und Schüler lernen derzeit an der Valentin-Traudt-Schule. In der 5. Jahrgangsstufe ist sie nun sogar fünfzügig, obwohl man nur mit vier Klassen kalkuliert hatte. Und nun ist es die Schule selbst, die zum Ziel von Hospitationen geworden ist und selbst Fortbildungen ausrichtet.

Zur Attraktivität trägt auch das Ganztagsangebot bei. Die Schule hat die Lehrerstunden kapitalisiert und kann über Honorarkräfte ein breites Spektrum an Arbeitsgemeinschaften anbieten, das von der Bienenwelt über das Bogenschießen bis zum Blasmusik-Orchester "Young Marching Band" reicht. Besonders stolz ist Schulleiter Möller auf das Jugendzupforchester „Chanterelle“, in dem Schülerinnen und Schüler aller Klassenstufen Mandoline, Mandola, Gitarre, Bassgitarre und Kontrabass spielen. „Acht Schülerinnen und Schüler sind Bundessieger bei ‚Jugend musiziert’ geworden“, freut sich der Rektor.

Die Zusammenarbeit mit Vereinen und Verbänden sorgt für die Verzahnung mit der Außenwelt. Etwa 250 Schülerinnen und Schüler nehmen das AG-Angebot wahr; sie können sich für eine einzige Arbeitsgemeinschaft entscheiden oder an jedem Wochentag teilnehmen. Die Teilnahme wird – in differenzierten Formulierungen – im Zeugnis vermerkt und mit Zertifikaten belohnt. Diese werden in der Plus-Mappe gesammelt und bilden bei Bewerbungsgesprächen gute Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten und Neigungen darzustellen.

„Das Bild wird viel runder“

Computerecke mit zwei Rechnern im Klassenzimmer
Jedes Klassenzimmer ist mit einem Computer- und Internet-Arbeitsplatz ausgestattet© Ralf Augsburg

Allen Kindern und Jugendlichen stehen um die Mittagszeit die Spielothek und das Schulrestaurant offen. „Einmal in der Woche gehen die Klassenlehrer mit ihren Schülerinnen und Schülern für das Klassenessen in das Restaurant. Dies fördert die Sozialkompetenz, denn viele der Jugendlichen kennen ein gemeinsames warmes Essen in der Familie nicht mehr“, so Jörg Möller. „Wir verstehen das als Stärkung der sozialen Kompetenzen – das Ein- und Abdecken, das Auftun aus den Schüsseln und Aufräumen ist wie ein Sozialtraining.“ Eine Schule ohne Ganztagsangebot ist für den Schulleiter überhaupt nicht mehr vorstellbar: „Die Gesellschaft verlangt danach. Und wir lernen die Schülerinnen und Schüler anders kennen, durch das Mehr an Zeit wird das Bild viel runder. Ich bin mir auch sicher, dass wir ohne dieses Angebot viel mehr Schulabbrecher hätten.“

Mit der räumlichen Veränderung hat die Valentin-Traudt-Schule ein Pfund, mit dem sie wuchern kann. Schülerinnen und Schüler führen interessierte Eltern durch die Gebäude und erklären ihnen SOL. „Unsere Schülerinnen und Schüler sind sowieso unsere besten Botschafter“, weiß Schulleiter Möller. „Wann immer wir etwas nach außen kommunizieren möchten, versuchen wir, Schülerstimmen zu sammeln, weil dies den größten Eindruck in der Öffentlichkeit hinterlässt. Wenn ich mich hinstelle und von meiner Schule schwärme, ist das eine Sache. Aber wenn die Kinder und Jugendlichen ihre Meinungen äußern, ist das etwas ganz Anderes.“

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