Ganztagsschule auf dem Land: geschätzt, zu wenig unterstützt

Studierende, die Hausaufgaben betreuen, Musikschulen, die Instrumentalunterricht anbieten – an städtischen Ganztagsschulen ein häufiges Angebot, auf dem Land eher die Ausnahme. Wie steht es um die Ganztagsschulentwicklung in ländlichen Räumen?

Beim Blättern in der Broschüre „Ländliche Schulen, dörfliche Sozialräume und ganztägige Bildung“ wird recht schnell deutlich, dass der Ganztag in einem ländlich geprägten Umfeld durch Ambivalenzen gekennzeichnet ist. Ist Unterricht bis weit in den Nachmittag für Jugendliche, die in einem Dorf aufwachsen, positiv oder negativ? Beziehen Lehrerinnen und Lehrer die Eigenheiten der jeweiligen Region in den Unterricht mit ein? Tritt die Ganztagsschule in Konkurrenz zu Vereinen und Angeboten der Orte ringsum? Keine dieser Fragen lässt sich einfach beantworten.

Wer integriert die Schule ins das ländliche Umfeld?

Wer also durch die vorliegende Broschüre der Friedrich-Schiller-Universität Jena allgemeine übertragbare Erkenntnisse auf andere Ganztagsschulen im ländlichen Raum erwartet, wird möglicherweise etwas enttäuscht sein, nicht zuletzt, weil es „das Dorf“ nicht gibt und ländliche Räume sich stark voneinander unterscheiden. Wer sich jedoch Anregungen erhofft, was einzelne Personen, die Kommunalpolitik und stellenweise auch die Landespolitik veranlassen können, um Ganztagsschule in eine ländliche Kultur einzubetten, der bekommt detaillierte Anregungen. Ganz grundsätzlich lässt sich zumindest folgendes Fazit ziehen: „Für die Ausgestaltung ganztägiger Bildungsangebote in ländlichen Räumen stellt sich stärker als im Städtischen die Anforderung, neben den an den Kindern und Jugendlichen ausgerichteten Interessen der Schulgestaltung auch sozialraumbezogene, kommunale Interessen mit zu berücksichtigen“ (S. 32).

Cover der Broschüre "Ländliche Schulen, dörfliche Sozialräume und ganztägige Bildung"
© BMBF

Wer könnte dies tun? In der Studie wird unterschieden zwischen schulischen Akteuren, die stärker regionsverbunden sind, und solchen, die sich eher weniger mit der Region identifizieren. Letztere verfügen kaum über Kontakte in den ländlichen Raum, kennen das Freizeitverhalten ihrer Schülerinnen und Schüler nicht und haben „deutlich weniger Ideen, wie regionale Themen in den Unterricht einbezogen werden können“ (S. 30). Sie treffen in der Schule auf Kollegen, die das Leben auf dem Land aus unterschiedlichen Gründen sehr schätzen und häufig ebenfalls in einem Dorf aufgewachsen sind. Sie kennen beispielsweise die Vereinszugehörigkeiten der Kinder.  

Geschätzter Ganztag – befürchtete Konsequenzen für das Dorf

 Zurück zum Stichwort Ambivalenz. Die oben zitierten „sozialraumbezogenen, kommunalen Interessen“ liegen weder immer eindeutig auf der Hand, noch sind sie widerspruchsfrei. Einige Beispiele:

Beispiel 1: Die Vorteile und Potenziale der Ganztagsschulen werden auch von den Akteuren im ländlichen Raum gesehen. Dazu gehören die Vereinbarkeit von Familie und  Beruf, die Mobilitätsentlastung von Eltern, das längere Verbleiben von Kindern und Jugendlichen in einer Gemeinschaft von Gleichaltrigen, gerade wenn es wenige Gleichaltrige in den kleinen Dörfern gibt. Gleichzeitig bestehen Befürchtungen, dass durch eine Fokussierung von Bildung als Ort von Freizeit die Kinder und Jugendlichen für die „Pflege und Entwicklung generationen-übergreifender Sozialkontakte fehlen“.  

Beispiel 2: Befürchtet wird auch, dass durch den Besuch einer Ganztagsschule Schülerinnen und Schülern zu wenig Zeit bleibe, um sich in Vereinen und Ortsverbänden zu engagieren. Dies könnte, so die Sorge in den Dörfern, dazu führen, dass die Identifikation der Jüngeren mit ihrem Dorf nachlässt, was in letzter Konsequenz aus manchen Kommunen reine Schlafdörfer machen könnte. Dennoch sind viele im Rahmen der Studie befragte Erwachsene optimistisch, dass die Verbundenheit von Jugendlichen mit ihrer Region nachhaltig sei und beispielsweise dazu führe, dass sie später wieder in ihren Heimatort zurückkehrten, wenn die berufliche Situation dies erlaube.     

Beispiel 3: Einerseits beobachten Vereine, dass ihnen durch den Ganztag, der in abgelegenen Gegenden zusätzlich mit längeren Fahrtzeiten verbunden ist, Kinder und Jugendliche fehlen, die das Vereinsangebot wahrnehmen können. Andererseits weisen Trainer und Sprecher von Vereinen darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler erst durch die Angebote der Ganztagsschule auf den einen oder anderen Sport oder eine Aktivität aufmerksam geworden und Mitglied im Verein geworden seien.  

Rahmenbedingungen: Ländliche Räume nicht berücksichtigt

Die Broschüre basiert auf einer Untersuchung der sozialräumlichen Auswirkungen der Ganztagsschule in jeweils zwei ländlichen Regionen der Bundesländer Rheinland-Pfalz und Thüringen: in der Eifel, im Hunsrück, in Nordthüringen und im Thüringer Schiefergebirge. Die vier Regionen werden in einem Kapitel kurz vorgestellt, ebenso die landesrechtlichen Rahmenbedingungen zur Ausgestaltung der Ganztagsschule sowie zur Kooperation zwischen Schule und Jugendhilfe. Festgehalten werden kann, dass in beiden Bundesländern „Strukturbedingungen ländlicher Räume keine Berücksichtigung“ finden (S.11). Anders formuliert: Für beide Bundesländer zeigt sich „die bildungspolitische Regelungsbedürftigkeit von spezifisch ländlichen Anspruchsberechtigungen in Bezug auf ganztägige Bildung“ (S. 11).  

Schulhof
© Britta Hüning

An drei Schulporträts lassen die Autorinnen und Autoren die Leser an den besonderen Bedingungen des Ganztags in ländlichen Räumen teilhaben. Da ist zum einen die Regionale Schule Aarhausen in der Eifel. Sie hat ein Einzugsgebiet von ca. 30 Kilometern, ihre Schülerinnen und Schüler kommen aus sehr kleinen Dörfern und Gehöften. Wegen unzureichender Budgetierung wird hier weitgehend auf die Kooperation mit der Jugendarbeit verzichtet. Anders läuft es in der Ferdinand-Lassalle-Hauptschule in Flannstedt im Hunsrück. Dort konnte der Ganztag erst im zweiten Anlauf in teilgebundener Form eingeführt werden, er hat sich aber durch eine besondere schulische Förderung der Kinder und Jugendlichen ausgeweitet und arbeitet im additiven Freizeitbereich mit der kommunalen Jugendarbeit eng zusammen.

„Ich habe kein Personal, was um die Ecke wohnt“

Die Regelschule „Jennweiler“ am Rand des Thüringer Schiefergebirges verdankt den Ganztag der drohenden Schließung. Trotz fehlender schulrechtlicher Rahmenbedingungen wurde im Schuljahr 2003/2004 eine Ganztagsschule in teilgebundener Form gegründet. Die Schulleiterin, die die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern organisiert, äußert sich zu den Schwierigkeiten von Kooperationen unter den gegebenen Strukturbedingungen ganz deutlich: „Wir dürfen denen nur acht Euro bezahlen. Wen sie jetzt von Jandelsfinn kommen, fahren her, machen die Stunde, fahren wieder heim, sind ja doch fast zwei, drei Stunden rum und dann kriegen sie acht Euro“ (S. 16).      

„Akquise von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern“ ist auch ein eigenes Kapitel überschrieben. Ein Zitat einer Schulleiterin aus Rheinland-Pfalz bringt die Problematik auf den Punkt: „Ich habe kein Personal, was um die Ecke wohnt“. Einmal ganz abgesehen von den Möglichkeiten der institutionellen Zusammenarbeit mit Trägern der Jugendarbeit, erweist sich die Gewinnung von pädagogischem Personal als eine besondere Herausforderung. Häufig fehlt es schlicht an Personen, die in der Nähe einer Schule wohnen. 

Lange Wege, zu wenig Geld

Deshalb werde häufig versucht, den Ganztag außerhalb des Unterrichts vorrangig „über das eigene Lehrpersonal abzudecken“ (S. 20). Damit steht ein weiteres Thema im Raum, welches den Schulen das Leben schwer macht: der öffentliche Nahverkehr. In Thüringen etwa dürfen Ganztagsschulen mangels gesetzlicher Regelung nicht mit dem ÖPNV verhandeln, um Busfahrzeiten mit dem Schulbetrieb zu harmonisieren. In Rheinland-Pfalz wiederum berücksichtigen die Zuschüsse für externe Unterrichtsveranstaltungen keine langen Wege. Hier helfen – in einem geschilderten Beispiel –  Eltern aus oder persönliche Kontakte zu Busunternehmen. Ein schönes Beispiel, das anschaulich vor Augen führt, dass der Finanzierungsbedarf von Ganztagsschulen in ländlichen Regionen nicht ausreichend berücksichtigt wird.   

Die Broschüre „Ländliche Schulen, dörfliche Sozialräume und ganztägige Bildung“ ist vierfarbig, umfasst 34 Seiten mit Fotos, Zitaten und ausführlichen Beispielen. Ihr liegen Ergebnisse des Forschungsprojekts „Ganztagsschule in ländlichen Räumen“ zugrunde. Die Broschüre wurde von der Friedrich-Schiller-Universität Jena herausgegeben und vom Bundesministerium für Bildung gefördert.

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