Was Ganztagsschulen und Sportvereine verbindet

Der Vereinstrainer, Gesundheitsreferent und ehemalige Hochleistungssportler Jens Meischter aus Suhl in Thüringen hat jede Menge Erfahrungen in der Zusammenarbeit zwischen Schulen und Vereinen gesammelt. Seinem Engagement für die Gesundheitsförderung an Schulen verdankt sich auch ein Wirbelsäulenmodell für Kinder und Jugendliche, das spielerisch einfach über den menschlichen Bewegungsapparat aufklärt.

"Ich bin ein großer Verfechter des Lernens mit Spaß und Bewegung", sagt Jens Meischter. Der Mann mit dem Schnurrbart und einer Bassstimme wirkt wie ein Hüne - und er weiß, wovon er spricht. Als Hochleistungssportler und Jugend-Kaderruderer in der ehemaligen DDR leidet er unter Rücken- und Knieproblemen. Drei Zentner hat Meischter nach seiner aktiven Laufbahn einst gewogen, nur noch 96 kg sind davon geblieben. Der Leistungssport hat ihm Erfahrungen für das Leben vermittelt, die er nun an die Kinder und Jugendlichen in den Schulen weitergeben will. Der Trainer eines Volleyballvereins im thüringischen Suhl sowie der Sportfreunde der städtischen Nahverkehrsgesellschaft möchte mit Sportangeboten und Gesundheitsaufklärung an den Schulen etwas in Bewegung bringen. Seit 1999 ist Jens Meischter Referent und Rückenschultrainer von "Bewegte Schule" in Thüringen, ein Projekt, das sich für bewegungsfreundlichere Schulen einsetzt.

"Es gibt viel zu wenig Ganztagsschulen"

Meischter hat eine Vision: "Wir brauchen mehr Ehrlichkeit zwischen den jungen und den älteren Generationen." Dafür muss man erst einmal den Dialog mit jungen Menschen wollen und ihn auch herzustellen wissen. Am besten geht das dort, wo die Kinder und Jugendlichen sich wohlfühlen, und das sind meist der Sport und der Spaß an Bewegung. "Wir vom Verein fordern von den Schülerinnen und Schüler keine Höchstleistung, sondern wir möchten, dass sie Lernerfolge durch Spaß erwerben", sagt der Trainer und Gesundheitsberater. Für Meischter bieten Ganztagsschulen solche Möglichkeiten: "Sie sind eine sehr große Chance für die Vereine". Natürlich kennt der Trainer auch die Ängste der Sportvereine, die mit den Ganztagsangeboten von Schulen einhergehen: den Vereinen laufen die jungen Mitglieder davon, wenn an der Schule praktisch kostenlose Sportangebote entstehen, ist eine vielgehörte Sorge. "Viele Trainer entwickeln Vorbehalte, weil sie glauben, dass Ganztagsschulen ihnen das Wasser abgräbten", bilanziert Meischter das Problem. Das Gegenteil ist aber der Fall: "Es gibt viel zu wenig Ganztagsschulen", so der Rückenschultrainer. "Ganztagsschulen bieten durch Kooperationen mit den Vereinen viele Möglichkeiten, an die Kinder und Jugendlichen heranzukommen." Meischter plädiert deshalb für klare Vereinbarungen zwischen den Sportvereinen und den Ganztagsschulen im Lande. Übungsleiter, die an die Schulen kommen, sollten weder Pausenclowns abgeben, noch als Individualisten auf verlorenem Posten kämpfen.

Menschen suchen, die Kooperationen argumentativ vertreten

Wichtig sei es, "dass in jedem Land Menschen vorhanden sind, die Kooperationen argumentativ bzw. inhaltlich vertreten". Darüber hinaus sollte es auch einen vernünftigen Umgang zwischen Schule, Kindern und Elternhaus geben.

Ein offeneres, partnerschaftlicheres Verhältnis von Erwachsenen zu den Kindern und Jugendlichen in den Schulen ist für den ehemaligen stellvertretenden Landeselternsprecher von Thüringen das Zeichen der Zeit: "Wenn wir uns als Eltern nicht bewegen, verlieren wir den Kontakt zu unseren Kindern", so der Vater zweier Söhne. Dann toben sich viele Kinder vor ihren Computern mit Play-Station, Computerspielen und Ähnlichem aus, ohne körperliche Abwechslung oder einen Energieausgleich erzielt zu haben. Gravierend sind auch die Haltungsschäden, mit denen immer mehr Kinder und Jugendliche zu tun haben. Häufig treten Wirbelsäulenprobleme infolge von Übergewicht und mangelnder Bewegung auf, die typischen und allbekannten Zivilisationsprobleme eben. Deshalb wünscht sich Meischter, dass Kinder und Jugendliche bereits in der Schule zu mehr Bewegung animiert werden.

"Bewegte Schule"

Sitzen und Ranzen tragen, d.h. Schulbücher tragen und Wissen aufnehmen, sind bevorzugte Tätigkeiten von Schülerinnen und Schülern. Es mangelt dabei allerdings an Bewegung - gerade im Unterricht. Wie bringe ich die den Kindern und Jugendlichen nahe? Das ist die Problemstellung des Projektes "Bewegte Schule" in Thüringen. "Die Projektinitiatoren möchten einerseits dem Bewegungsmangel der Schüler und anderseits weiteren belastenden Faktoren, wie starre Möblierung, überbelegte Klassenräume und fehlenden Bewegungsräumen entgegenwirken. Dem natürlichen Bedürfnis der Kinder und Jugendlichen nach Bewegung soll im stärkeren Maße auch das System ,Schule' folgen", heißt es in der Projektbeschreibung. Jens Meischter hat dafür eigens eine Schulung durchlaufen, um die Schulen in Sachen Stütz- und Bewegungsapparat zu beraten. Das bedeutet in erster Linie Primärprävention, also Arbeit mit gesunden Menschen. Sekundärprävention ist bei bereits vorhandenen Rückenschäden gefragt.

Meischters Aufklärungsarbeit an den Schulen richtet sich sowohl an die Schüler wie an die Lehrer. "Ich habe gemerkt, dass Frontalunterricht mit Lehrern nichts bringt", so der Gesundheitsberater und Trainer. Die Fortbildung am Thüringer Institut für Lehrerfortbildung mit Bildmaterial, das er von der Uni Jena bekommen hatte, rief keine nennenswerten Lerneffekte hervor. Auch bei den Kindern und Jugendlichen stieß Meischter mit seinem Latein schnell an Grenzen, wenn er über anatomische Hintergründe des Bewegungsapparates aufklären wollte. "Im herkömmlichen Unterricht erklärt man den Kindern das komplizierte Wirbelsäulenmodell." Oft vergebens. Gerade übergewichtige Kinder zeigten wenig Bewusstsein hinsichtlich der langfristigen Folgen durch Haltungsschäden.

Grund genug für Meischter, ein Wirbelsäulenmodell zu entwickeln, das einfach und zugleich spielerisch in die Grundfunktionen des Bewegungsapparates einführt. So entstand "Wirbelinchen", ein Wirbelsäulenmodell für Jedermann, das aus Stricken, Holzplatten und Schaumstoffelementen besteht. Kinder sollen ja mehr an Modellen lernen, hieß es nach PISA: "Wirbelinchen" war eine Antwort darauf - die eines engagierten Rückenschultrainers.

Rückenschule leicht gemacht

In den Rückenkursen muss das Wirbelsäulenmodell von den Kindern und Jugendlichen bzw. von den Lehrerinnen und Lehrern erst einmal zusammengebaut werden: Das schult das handwerkliche Geschick und auf der anderen Seite das Grundverständnis für die wichtigsten Elemente der menschlichen Wirbelsäule. Am Beispiel des Wirbelsäulenmodells können Aufbau, Bewegung und Belastung als grundlegende Funktionsweisen veranschaulicht werden: "Das reicht, um das Wesentliche zu erklären", sagt Meischter. Der Trainer, der selbst eine Schwäche des Bandscheiben-Bindegewebes hatte, kann mit seinem Modell solche Schäden anschaulich erklären. "Meischter hat großen Anklang mit seinem Modell gefunden", sagt Nina Schulz, Projektkoordinatorin von "Bewegte Schule". Landessportbünde, Lehrerfortbildungsinstitute, Universitäten, Sportschulen und sogar Krankenkassen und Physiotherapeuten wenden das Modell bereits an.

Rückenfreundlicher Sport wie Schwimmen, Rudern, Wandern oder Skilanglauf, der von dem Wechsel von Be- und Entlastung lebt, sollte - so die Empfehlung von Rückenschulen und Rückenschultrainern - regelmäßig betrieben werden. Ein geeigneter Ort, um Kinder- und Jugendliche über Rückenprobleme, Haltungsschäden und Prävention aufzuklären, sind Meischter zufolge Schulen bzw. die Sportvereine, die mit den Ganztagsschulen kooperieren. Gesundheitsförderung ist aber auch außerhalb des Sports hilfreich. Ein Beispiel: Im Suhler Knabenchor sind eine ganze Reihe der jungen Sänger während des Singens zusammengeklappt. Sie hatten - so Meischter - "zu wenig Raum zum Atmen". Auch diese Alltagsgewohnheiten können und sollten Bestandteil einer gezielten Gesundheitsförderung sein, deren Grundlagen frühzeitig an den Schulen gelegt werden sollten.

"Wraps" statt Fast Food

Ein anderer, sehr wichtiger Zweig der Gesundheitsförderung ist die Ernährung der Schülerinnen und Schüler. Im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung hat eine repräsentative Studie des Instituts für sozial-ökologische Forschung sieben verschiedene Ernährungsstile herausgefunden, die von Faktoren wie Einkommen und Bildung abhängen. Mit dem Projekt "Ernährungswende" möchte das Freiburger Öko-Institut eine nachhaltige Ernährung  auch für "desinteressierte Fast Fooder" sowie Billig- und Fleisch-Esser aufzeigen: "Wraps", das sind Weizenfladen mit Salatfüllung, eignen sich sehr gut als Alternative für Fast Food.

Früh übt sich, nicht nur der Meister, sondern auch ein gesunder Körper. Bewegung im Unterricht, Aufklärung über den menschlichen Rücken anhand von Modellen, richtige Ernährung: Eine gesunde Lebensweise braucht nicht zuletzt Ausdauer und glaubwürdige Vorbilder im Elternhaus, der Schule und den Vereinen. Jens Meischter, weiß das wohl am besten: "Erfolg ist kein Ziel, sondern ein Weg". Ein Weg übrigens, der die Generationen zusammen bringt.

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