Kämpfen, Kicken und Surfen für starke Mädchen

Für Mädchen bieten Ganztagsschulen Zeit und Möglichkeit, neben dem Unterricht in Mädchenprojekten Selbstverteidigungstechniken zu lernen, erfolgreich Fußball zu kicken oder am Girls Day 2004 neue Berufe für ihre Lebensplanung kennen zu lernen. Beispielsweise männerdominierte Berufe mit Technik- oder Medienorientierung.

Pardies, 10 Jahre, schlendert nichtsahnend am Nachmittag nach Hause, plötzlich biegt ein Mann um die Ecke und spricht das Mädchen an: "Willst Du mitkommen, ich kauf dir ein Eis?" Das Mädchen ist verwirrt, fragt sich, was es tun oder antworten soll? Solche Vorfälle sind so oder ähnlich praktisch überall möglich, das wissen die Eltern von Mädchen und die Trainer vom "Sicher Stark"-Team in Euskirchen. Deshalb werden solche Schreckenssituationen in einem Gefahrenparcours von geschulten Mimen auf der Straße nachgespielt.

Stark sein, wenn es drauf ankommt

Eine Trainerin zeigt Mädchen Verteidigungstechniken

Das vorbereitende Training zu solchen Szenarien findet in der Halle statt: "Du musst entschlossen ,Nein' sagen, fordert die Trainerin Gudrun Rinker die Mädchen zur Selbstbehauptung auf. An diesem Abend ist die Diplomsozialpädagogin Rinker ziemlich erschöpft: Sie betreut einen Mädchenkurs von Grundschülerinnen gemischt aus Offenen Ganztagsgrundschulen und Halbtagsgrundschulen in Werne bei Dortmund. Das Training findet in der Halle und auf der Straße statt. "Ich trainiere die Mädchen für die unterschiedlichsten Situationen: Prügeleien um einen Sitzplatz, Erpressungen oder wenn jemand versucht, ein Kind ins Auto zu ziehen", sagt Richter.

Die Trainerin arbeitet hauptberuflich für "Sicher Stark". Kinder und Jugendliche sollen in Rollenspielen und in gestellten Realsituationen stark gemacht werden, damit sie Gewalt oder sexuellem Missbrauch nicht wehrlos ausgeliefert sind. "Ich hab gelernt, dass ich mich in Not auch richtig wehren kann", so beschreibt die 10-jährige Pardies ihre Erfahrungen in dem Sicher-Stark-Kurs. Das Team von "Sicher Stark", das die Schulen vor Ort besucht, möchte die Mädchen für das Leben und für die Schule wappnen: "Durch unsere Trainings werden die Mädchen selbstbewusster, sie lernen ihren Gefühlen besser zu vertrauen und fühlen sich geschützter", so Rinker.

Die Trainings für Schülerinnen sind keineswegs ein Luxus: "Absolut gesehen können wir eine deutliche Zunahme der Gewalt auch unter den Mädchen feststellen", sagt Silke Bruhns vom Deutschen Jugendinstitut. Deshalb ist für Bruhns auch eine Gewaltprävention, die nach Geschlecht differenziert, auch am sinnvollsten.

Für Gudrun Rinker wird das Thema Gewalt in den Medien zwar übermäßig aufgepuscht, gleichwohl sieht sie, dass die Gewalt immer früher anfängt: "Ich weiß von einem Jungen aus der ersten Klasse, der seine Mitschüler nach dem Muster erpresst: ,Du musst mir deine Pokemons geben,oder ich lasse dich von meinem älteren Bruder verprügeln.'"

Lautes Schreien, Selbstverteidigung, Befreiungstraining, das lernen die Mädchen in der Halle. Eben die unterschiedlichen Techniken der Selbstbehauptung. Das alles können sie später auf Video nachvollziehen und auf sich wirken lassen.

"Die Feedbacks der Eltern auf unsere Trainings sind sehr positiv und ermutigend", sagt Rinker. Wenn auf Wunsch der Eltern ein Elternabend stattfindet, erfahren sie, wie sie ihre Kinder sinnvoll schützen können, wie man Täter- und Opferprofile unterscheidet und dass es wichtig ist, ihre Kinder zu selbstbewussten und starken Persönlichkeiten zu erziehen, die klare Grenzen ziehen können.

Mädchen kicken bei "Jugend trainiert für Olympia"

Auch im Fußball lernen Mädchen, was es heißt, sich stark zu fühlen. Im Ganztagsgymnasium Johanneum in Homburg haben sie den Fußball entdeckt. Die Schülerinnen in der Mädchen-Fußball AG kicken nach der Hausaufgabenbetreuung am Nachmittag nicht minder ernsthaft und ansehnlich als die Jungen der Schule: "Die Mädchen verstecken sich keineswegs", sagt Schulleiter Oliver Schales. Im Gegenteil. Die 16 Mädchen aus der Oberstufe trainieren nach 16 Uhr für ein nicht alltägliches Ziel: Teilnahme am Bundesfinale von "Jugend trainiert für Olympia".

Einmal bereits haben sie den Landesentscheid des Saarlandes gewonnen und sich für Berlin qualifiziert. Dort reichte es zwar nicht für eine vordere Platzierung, dennoch war dies ein Achtungserfolg für das Gymnasium. Schales sieht zwar einen klaren körperlichen Vorsprung der Jungen vor den Mädchen, aber der ist eben nicht alles, wie der Gewinn des Weltmeisterinnentitel der Frauen im vergangenen Jahr gezeigt hat. Bei der Mädchen-Fußball AG kommt es darauf an, dass die Schülerinnen eine aktive Spiel- und Bewegungskultur erlernen und ein positives Körperbild entwickeln.

Die Erfolge der Mädchen, die auch in England an Fußballturnieren teilnehmen, hat die Anmeldungen der Fußball AG sprunghaft steigen lassen. "Die Mädchen in den AGs erlebe ich als sehr selbstbewusst", ergänzt Schales. Viele Wege in der Schule führen auch nach draußen: "Wir motivieren die Kinder dazu, in die Vereine zu gehen". Am Johanneum tragen 30 Lehrerinnen und Lehrer die Nachmittagsangebote. Extra Angebote für die Mädchen gibt es in Gestalt von Selbstverteidigungskursen, als Pfadfindergruppen oder als PC-Kurse, in denen die Mädchen das Zehn-Finger-System lernen können. Infolge der hohen Zufriedenheit der Eltern mit den Nachmittagsangeboten ist der Anteil der Schülerinnen und Schüler am Nachmittagsangebot auf 80 Prozent gestiegen.

"Girls Online" - Starke Mädchen im Netz

Vier Mädchen im Computerraum

Eine Möglichkeit für Mädchen, in der Informationsgesellschaft Stärke zu zeigen, bietet das Multimediaprojekt "Girls Online" an der HS Nordstadtschule in Pforzheim. Hier lernen sie Kommunikationsstrategien, die über ihre begrenzte körperliche Lebenswelt hinausreichen.

Zusammen mit dem Mädchentreff "Lilith" e.V. lernen die Mädchen die ersten Schritte im World Wide Web, außerdem eine eigene Homepage zu gestalten und den Umgang mit Power Point. "Wir haben hoch motivierte Mädchen in der AG", sagt Konrektor Thomas Klotz. Die Mädchen bauen zunächst E-mail-Kontakte zu anderen Schulen aus Baden-Württemberg auf, um später weltweit kommunizieren zu können. Außerdem bekommen sie ein eigenes Online-Forum auf der Schulhomepage. Im Unterschied zu den Jungen, ergänzt Klotz, "haben die Mädchen mehr Ausdauer und Konzentration, die Jungen wollen immer alles auf einmal". Im Internetkurs bringen die Mädchen ihre Projekte auch besser zum Abschluss als die Jungen.

Junior-Rangerin werden oder Mediengestalterin

Mädchen montieren einen Computer

Doch der Internetkurs ist nicht nur aus Spaß an der Freude da: Vielmehr soll er die Mädchen im Unterricht, der Freizeit und später im Arbeitsleben weiterbringen. Dafür lernen sie Präsentationstechniken, Erstellung elektronischer Mind Maps, digitale Bildbearbeitung und erste Schritte zur Vorbereitung ihres Hauptschulabschlusses in der 9. Klasse. Außerdem geben sie Rückmeldung über ihre Praktikumserfahrungen. So werden die Mädchen auf die Anforderungen in der Informationsgesellschaft vorbereitet.

Im Rahmen des Ganztags-Projektes "Wildpark-Junior" der Nordstadtschule können die Mädchen auch Junior Ranger werden. Dabei lernen sie den Wildpark kennen, die vielen unterschiedlichen Tierarten beobachten und daran anschließend auch die praktische Arbeit im Freien. Wer sich zu dieser Ausbildung entschließt, wird in Theorie und Praxis geprüft und lernt dabei auch einen bewussteren Umgang mit der Natur.

Thomas Klotz, der zugleich zweiter Vorsitzender des Lehrerportals Teach-online ist, möchte mit solchen Aktivitäten eine große Schulgemeinde sowie die Schüler und Eltern informieren und Sponsoren für die Schule gewinnen.

Countdown zum Girls Day 2004

Öffentlichkeit für die Schule schafft auch der Girls Day am 22. April. An diesem Tag gibt es an der Nordstadtschule eine Veranstaltung mit Schulen ans Netz und dem beliebten Mädchenportal "Lizzy Net". Der Girls Day, der bereits zum vierten Mal ausgetragen wird, will das Spektrum der Berufswahl von Mädchen erweitern und das Interesse von Frauen an technischen und naturwissenschaftlichen Ausbildungen und Studiengängen wecken. Das Projekt wird gemeinsam vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert.

In ganz Deutschland können Schülerinnen der Klassen 5 bis 10 an diesem Tag in Büros, Unternehmen, Redaktionen oder Werkstätten den Berufstätigen über die Schulter schauen und erste Eindrücke sammeln für eine ihre Berufs- und Lebensplanung. "Lizzy Net bietet an diesem Tag eine Einführung in das Internet auf der Basis eines hauseigenen Konzeptes an", sagt Konrektor Klotz. Dafür kommt eigens eine geschulte Kursleiterin von Lizzy Net, um die Mädchen zu coachen.

"80 Prozent der Mädchen, die in der Dualen Berufsausbildung einen neuen Ausbildungsvertrag bekommen haben, wählen von insgesamt 340 Berufen nur 25 aus. Darunter ist nur ein Beruf mit Technikausrichtung", sagt Sabine Mellies, Projektleiterin von Girls Day-Mädchen-Zukunftstag. "Bei den Jungen dagegen wählen 59 Prozent einen Beruf unter den Top 25, dabei viele Berufe mit Technikorientierung", fügt Mellies hinzu. Deshalb ist es das Ziel von Girls Day, das Berufswahlspektrum der Mädchen zu erweitern. "Da Technik männlich behaftet ist, wollen wir über die Vielseitigkeit der technischen Berufe und die vielfältigen Kompetenzen, die die Mädchen dort brauchen, aufklären."

Die Mädchen sollen beim Girls Day erkennen, dass es außer Friseurin oder Arzthelferin auch andere Wege für sie in die Zukunft gibt. Wege, die viele Ganztagsschulen mit Engagement ebnen.

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