Basketball und Bogenschießen unter einem Dach

Bei der Gestaltung von Ganztagsschulen sind Kompetenzen von außen erwünscht und gefragt. Neben der Kooperation mit Musikschulen sind Sportvereine wichtige Partner. Für beide Seiten eine fruchtbare Zusammenarbeit. An der Thomas-Mann-Orientierungsstufe im niedersächsischen Northeim funktioniert diese besonders gut.

Mit der PISA-Studie verbindet Andreas Lindemeier, Rektor der Thomas-Mann-Orientierungsstufe im niedersächsischen Northeim, gemischte Gefühle: "Die Studie hat eine oft sehr einseitige Suche nach Bildungsstandards, die zu sehr den Kopf betont, ausgelöst. In die Schule kommt aber der gesamte Mensch, dessen Leistungsfähigkeit erst durch die Vernetzung aller Faktoren gesteigert wird."

Schüler beim Bogenschießen

Zum kompletten Lernen gehört für Lindemeier der Körper und damit der Sport zwingend dazu. So wundert es nicht, dass die Thomas-Mann-Orientierungsstufe in ihrem Schulprofil eine eindeutige Sportorientierung aufweist. Diese Orientierung wird durch sieben Kooperationsmaßnahmen mit ortsansässigen Sportvereinen unterstützt. Beteiligt sind ein Bogenschießverein, ein Orientierungslaufverein, ein Volleyballclub, ein Judoclub, ein Handballverein und zwei Basketballclubs. Alle externen Fachkräfte sitzen zusammen mit Lehrkräften und anderen Kooperationspartner an einem Runden Tisch Sport. Der bildet ein anerkanntes Kompetenzgremium, das Informationen austauscht, gegenseitig Probleme löst und Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Lindemeier: "In vielen Schulen kommen die Übungsleiter dann, wenn die Lehrkräfte gegangen sind und wissen nichts voneinander. Bei uns sind sie auch für die Eltern und Schüler anerkannte Partner."

Sport als Sozialisierungsinstanz

Doch auch innerhalb der Schule ist das Sportangebot mannigfaltig: Neben zwei regulären Sportstunden werden fünf Sportarbeitsgemeinschaften angeboten: Zwei Tischentennis-AGs, eine Fußball-AG, eine Tennis-AG und eine Schach-AG. Von 14 Stammlehrern sind sechs ausgebildete und erfahrene Sportlehrkräfte, die alle bereits Wettkampfmannschaften betreut und Veranstaltungen durchgeführt haben. Zusätzlich bieten Sportstudenten im Rahmen eines Präventionsprojekts ein Fußballangebot an, und die Universität Göttingen, das Gesundheitsamt, ein Sportverein und die AOK kooperieren bei einem Projekt für fettleibige Kinder.

Die starke Sportorientierung war die Antwort auf Probleme, die in und an der Schule entstanden, in der sehr viele Kinder aus rund 3000 Aussiedlerfamilien unterrichtet werden. Zwar gab es in Northeim keine offene Gewaltszene, "aber wir müssen es ja so weit auch nicht kommen lassen", antwortete Lindemeier damals Kritikern, die meinten, der Pädagoge würde die Probleme in die Kreisstadt herbeireden. Der Schulsport als "neben der Familie wichtigsten Sozialisierungsinstanz" schien der Schulleitung geeignet, ein besseres Zusammenhaltsgefühl und Sozialverhalten bei den Schülerinnen und Schülern zu erreichen. Schließlich war es wichtig, durch mehr Zeit die Sprachkompetenz bei vielen Kindern zu verbessern. "In der dritten Emigrantengeneration wird teilweise weniger deutsch gesprochen und verstanden als in den vorangegangenen", hat Lindemeier beobachtet. "Manche Kinder lernen erst in der Schule richtig Deutsch, vorher verständigten sie sich eher durch Satzbausteine im Alltag."

Kinder müssen Schule auch als Lebensraum annehmen

Schülerinnen turnen eine spiegelbildliche Figur

So suchte Lindemeier, der zugleich auch Schulsportbeauftragter des LandesSportBundes Niedersachsen ist, 1998 im Rahmen des Aktionsprogramms "Schule und Sportverein" Kooperationspartner für seine Schule, die jeden Nachmittag bis 14 Uhr 30 ein freiwilliges Sportangebot für inzwischen rund ein Drittel der Kinder anbieten. Am Anfang eines Schuljahres verteilt die Gesamtkonferenz zudem verschiedene Veranstaltungen und Wettkämpfe im Sinne eines rhythmisierten Schullebens auf das gesamte Schuljahr. Den rhythmisierten Schultag hält Lindemeier für essentiell, um gut zu lernen: "Die Schule muss von den Kindern auch als Lebensraum wahrgenommen werden." Die Idee, eine "richtige" Ganztagsschule zu werden, lag da nicht mehr fern.

Nach den guten Erfahrungen mit den Arbeitsgemeinschaften - Gewalttätigkeiten ließen nach, die Sprachkompetenz wurde verbessert, und viele, zumeist männliche, Schüler wurden Mitglieder in Sportvereinen - ging die Schule im Sommer 2002 das Projekt Ganztagsschule an. Die Akzeptanz bei den Eltern für die Einrichtung als Ganztagsschule war vorhanden: In einer Umfrage sprachen sich 61 Prozent dafür aus. Der Schulträger hat inzwischen bei der Bezirksregierung den Antrag auf Umwandlung in eine Ganztagsschule gestellt. Die Entscheidung darüber soll spätestens im kommenden Monat fallen.

Unterstützung des Schulträgers mitentscheidend über den Erfolg

Im eingereichten pädagogischen Konzept spielt die Sportorientierung, durch welche die Thomas-Mann-Orientierungsstufe eine hohe öffentliche Akzeptanz in ihrer 30 000 Einwohner-Kreisstadt genießt, eine gewichtige Rolle. Aber man führte auch weitere Kooperationsmaßnahmen ins Feld: Musikalische Frühförderung, die Zusammenarbeit mit einem lokalen Figurentheater, mit Sozialarbeitern und der heimischen Wirtschaft. Dazu sind Fördermittel aus dem Bundesinvestitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" für Baumaßnahmen sportlicher und weiterer Einrichtungen wie einer multifunktionalen Mensa, Bibliothek, Freizeit- und Übungsräume und die Umgestaltung des Schulhofes beantragt worden. "Hierbei hat die Stadt Northeim als Schulträger wirklich vorbildlich gearbeitet", lobt Lindemeier. "Die haben das gesamte Baukonzept eng zwischen Schule und dem Bauamt abgestimmt."

Schülerinnen und Schüler beim Staffellauf

Für das Gelingen einer Ganztagsschule ist der gute Kontakt und die Unterstützung des Schulträgers mitentscheidend, meint der Rektor, der in seiner Eigenschaft als Schulsportbeauftragter viel herumkommt und schon Schulen gesehen hat, an denen es Probleme gibt. "Die Kommune als Schulträger muss deutlich machen, dass sie hinter dem Ganztagsschulkonzept steht. Bei uns in Northeim ging das so weit, dass der Bürgermeister öffentlich herausstellte, zu einer lebenswerten Kommune gehöre nicht nur eine starke heimische Wirtschaft, sondern auch ein gutes schulisches Angebot, das modellhaft und frei nach den jeweiligen Bedürfnissen wählbar sein sollte. Das ist wichtig, denn Hausmeister, Sekretärinnen und Reinigungspersonal sind ja Angestellte des Schulträgers und wenn die nicht mitziehen, hat man schon ein Problem."

"Man muss visionär arbeiten"

Natürlich müssen auch die Lehrer hinter dem Konzept stehen, denn sie werden stärker beansprucht. Nicht nur, dass der Schultag dann nicht mehr um 13 Uhr endet, sondern auch wegen der Veränderung des Lehrens: "Die Lehrer müssen an einer Ganztagsschule viel mehr Partner der Schüler sein", meint Lindemeier. Die Grundlagenarbeit sei wichtig, Schnellschüsse hält der Pädagoge für kontraproduktiv: "Man muss visionär arbeiten, nicht immer nur das betonen, was es an Problemen geben könnte. Jeder Lehrer soll sagen, was er an einer Ganztagsschule hofft, besser machen zu können. Danach kann das in praktische Schritte umgesetzt und überprüft werden. Ganztagsschulen dürfen nicht nur verwaltet, sie müssen pädagogisch sinnvoll gestaltet werden - mit Freiräumen, die über den ganzen Schultag verteilt sind. Dann sind sie eine geeignete Form, um Probleme in und um die Schule zu lösen."

Andreas Lindemeier selbst wird die mögliche Einführung an seiner Schule zum kommenden Schuljahr nur begrenzt mitgestalten können, denn die Thomas-Mann-Orientierungsstufe wird wie alle Orientierungsstufen im Land entsprechend den Plänen der Landesregierung geschlossen. Bei diesen handelt es sich um eine niedersächsische Besonderheit im Schulsystem: Nach der Grundschule besuchen alle Fünft- und Sechsklässler erst diese Orientierungsstufen, bevor sie sich weiter auf das dreigliedrige System verteilen. Die Thomas-Mann-Schule wird als "Zusammengefasste Haupt- und Realschule" mit einem anderen Rektor neu gegründet. In Sachen Ganztagsschule ist die Entwicklung noch offen, das Kultusministerium arbeitet derzeit noch am entsprechenden Entwurf. Zumindest für "seine" Schule hofft Lindemeier aber auf einen positiven Bescheid: "Der Sport hat gute und wichtige Grundlagen für die Schulentwicklung gelegt."

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