Bewegungsanwälte für die Kinder gesucht

Die Ganztagsschule bietet Kindern die Möglichkeit, ihren Bedürfnissen nach Bewegung nachzugehen. Aber welche Kompetenzen in Sachen Bewegung, Spiel und Sport sollten die an den Ganztagsangeboten beteiligten Professionen mitbringen, und wie könnten diese sinnvoll eingebracht werden? Die BLK-Fachtagung "Bewegung, Spiel und Sport im GanzTag" am 1. Februar 2006 in Soest widmete sich diesen Fragen.

Wenn in einer Ganztagsschule sportliche Angebote gemacht werden, um was handelt es sich dann eigentlich genau: Um Sportunterricht, um außerunterrichtlichen Sport oder um Vereinssport in der Schule? Welche Professionen und Qualifikationen sind wünschenswert, um im Ganztagsbereich Kindern und Jugendlichen anspruchsvolle sportliche Angebote unterbreiten zu können?

"Sport ist das nachgefragteste Angebot in den Ganztagsschulen Nordrhein-Westfalens", konstatierte Rolf-Peter Pack zu Beginn der Fachtagung "Bewegung, Spiel und Sport im GanzTag" am 1. Februar 2006 im Landesinstitut für Schule in Soest. Pack ist im Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen zuständig für den Sport im Ganztagsbereich. "Dem Sport gebührt Dank, denn er hat die Chance genutzt, die sich mit den Ganztagsschulen bietet, nachdem zu Beginn sehr viele Ängste in den Vereinen bestanden", meinte Pack. Die im Juli 2003 geschlossene Rahmenvereinbarung des Landes mit dem Landessportbund Nordrhein-Westfalen habe die Zusammenarbeit klar definiert. Der strukturelle Rahmen sei inzwischen geklärt: Die Sportangebote im Ganztagsbereich seien eine Säule im Haus der bewegten Schule - rein formal könnten sie kein Schulsport sein, so Pack.

In einem zweiten Schritt gelte es nun, eine kluge Vernetzung der verschiedenen Säulen aus Schulsport, außerunterrichtlichem Sport und Sportangeboten im Ganztagsbereich herzustellen. "Alle Beteiligten sollten sich zusammensetzen, um Bezüge herzustellen, die dann Eingang ins Schulprogramm finden", forderte Pack. "Die heutige Veranstaltung wollen wir für diese Entwicklung nutzen und die Fragen beantworten: Welche Qualitätsmerkmale sollen wir aufstellen? Welche Kompetenzen soll das Personal haben? Wie organisieren wir eine besondere Förderung für bewegungsarme Kinder? Wie bündeln wir Beratungssysteme und sprechen mit einer Stimme?"

Ganzheitliche pädagogische Konzepte gestalten

Das Klären solcher Fragen ist das Anliegen des Veranstalters dieser Fachtagung, des BLK-Verbundprojekts "Lernen für den GanzTag", das auf Kooperation und Multiprofessionalität zur Qualitätsentwicklung in Ganztagsschulen angelegt ist. Diesem Verbund gehören seit Herbst 2004 die Bundesländer Berlin, Brandenburg, Bremen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz an. Die Projektleitung teilen sich das Landesinstitut für Schule und das Institut für soziale Arbeit in Münster.

"Lernen für den GanzTag" richtet sich an Multiplikatoren aus Schule, Jugendhilfe und anderen Institutionen, die eine breite Palette an ganztagsbezogenen Fortbildungsmodulen entwickeln und diese dann mit Blick auf die gemeinsame Qualifizierung von pädagogischem Ganztagspersonal an Fortbildungsanbieter vor Ort weitervermitteln. Das Projekt möchte gemeinsame pädagogische Ziele der verschiedenen Professionen entwickeln, eine Lehr- und Lernkultur etablieren, die Kinder und Jugendliche in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt und deren Partizipationskompetenz ernst nimmt und ganzheitliche pädagogische Konzepte gestalten, die den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen in ihren familiären, freizeitlichen und sozialräumlichen Orientierungen gerecht werden.

Die Beschäftigung mit dem Sport ist dabei ein "Baustein, ein wichtiger und unverzichtbarer Schwerpunkt", wie es Eva Adelt, im nordrhein-westfälischen Landesschulministerium für die Ganztagsschulen zuständig, zur Begrüßung der rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer formulierte. "Wir wollen unsere Ergebnisse für alle Schulen nutzbar machen. Sie sollen in die Fortbildungen für Ganztagsschulmultiplikatoren einfließen, und wir präsentieren die Expertisen im Internet."

Alltagsmotorik ist verschwunden

Eine dieser Expertisen stand bei dieser Tagung im Vordergrund und sollte die Basis für die Diskussionen und auch die Arbeit in den drei Workshops am Nachmittag bilden. Prof. Dr. Roland Naul von der Universität Duisburg-Essen präsentierte sein im Januar fertig gestelltes Gutachten "Sozialpädagogische und sportpädagogische Professionen im Ganztag: Qualitätskriterien und Fortbildungsbausteine für Angebote mit Bewegung, Spiel und Sport". Der Sportpädagoge hatte sich die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Rahmenvereinbarungen in den fünf am BLK-Projekt teilnehmenden Bundesländern angesehen und darauf basierend Qualitätsmerkmale für Angebote von Bewegung, Sport und Spiel und Fortbildungsbausteine für Sozial- und Sportpädagogen entwickelt.

Als "vorsichtiges Fazit" seiner Recherchen resümierte Naul: "Es besteht eine geringe Beteiligung von Ganztagsschulkräften an den Nachmittagsangeboten, die als inhaltliche und zuweilen als alternative freizeitpädagogische Ergänzung zum Unterricht gelten. Die additiven Strukturen erschweren die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Professionen." Eine Lösung bestehe im integrativen Konzept für die beiden Angebote Sportunterricht und Bewegung, Sport und Spiel im Ganztag. "Es geht nicht um eine zeitliche Verdoppelung des Sportunterrichts oder eine örtliche Verlagerung des Vereinssports, vielmehr ist ein eigenes Konzept zu entwickeln", forderte Naul. "Wir benötigen einen neuen, ganzheitlichen Bezug, der Bildung, Erziehung und Betreuung in einen fachlichen Kontext bringt."

In der Ganztagsschule müsse ein aktiver Lebensstil vermittelt werden, um der gerade in bildungsfernen Familien grassierende Bewegungsarmut entgegenzuwirken. "Die Alltagsmotorik ist verschwunden", so Naul, "und kann nicht durch zwei mal zwei Stunden Schul- und Vereinssport kompensiert werden." Bewegungsbildung, Gesundheitsbildung, Mitwirkung und Mitbestimmung gehörten ebenso zusammen wie eine umfassende soziale und moralische Werteerziehung. "Der Sport kann dies zum Beispiel unter dem Stichwort ,Fair Play' leisten", erklärte der Wissenschaftler. Die Schule müsse sich dazu auch mit anderen Sozialräumen wie Elternhaus, Kommune, Wohnumfeld und Sportvereinen zu einem Netzwerk zusammenschließen, um diesen "aktiven Lebensstil" zu verwirklichen.

"Kein Verein wird allein gelassen"

"Das bewegungsaktive Lernen kann in vielfältigen Formen auch in anderen Lernkontexten eingesetzt werden, besonders wenn der Schulalltag zeitlich und curricular rhythmisiert wird", sagte Naul. Nicht die Kompetenzen der Anbieter am Nachmittag dürften dabei entscheidend sein, sondern die Zielgruppenorientierung in der einzelnen Schule: "Der Zug fährt dahin, wo die Interessen der Kinder und Jugendlichen liegen."

Fortbildungen im Bereich Bewegung, Spiel und Sport müssten offen für verschiedene Berufsgruppen sein, es dürfe aber keinen Verzicht auf eine Eingangsqualifikation geben. Die Fortbildungsbausteine sollten berufsgruppenabhängige Kernkompetenzen vermitteln. "Eine sozialpädagogische Grundbildung und die Förderung motorischer Grundlagen sind zwei sich gegenseitig ergänzende Kompetenzprofile", erklärte der Sportpädagoge, der für die Zukunft einen entsprechenden Aufbaustudiengang forderte, an dessen Ende zertifizierte Ganztagssporterzieher stehen könnten.

Nach der Vorstellung der Expertise ergriff Bärbel Dittrich, die Vizepräsidentin des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen, das Wort: "In Nordrhein-Westfalen steht ein Verein nie allein, wenn es um die Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen geht. Dafür sorgen unsere örtlichen Koordinierungsstellen, die zwischen Vereinen und Schulen vermitteln." Sie forderte eine Verankerung der Sportpädagogik in den jeweiligen Schulprogrammen und eine Unterstützung durch die Landesregierung. "Die massive Kürzung der Beratungs- und Unterstützungssysteme, die auf eine Politik des ,Alles oder nichts' hinausläuft, muss zurückgenommen werden", kritisierte die Vizepräsidentin.

Verschüttete Verhaltensmuster aufdecken

Um die "Vernetzung von Beratungs- und Unterstützungsstrukturen" drehte sich die Diskussion in einer Arbeitsgruppe am Nachmittag, eine weitere beschäftigte sich mit der "Qualitätsentwicklung von Bewegung, Spiel und Sport im Ganztag". Der von Dr. Klaus Balster und Dr. Heinz Aschebrock moderierte Workshop "Gesundheitsförderung - Kompensatorischer Sport - Psychomotorik" verständigte sich über grundlegende Kompetenzerwerbsmodule für Schülerinnen und Schüler sowie Erziehende. "Die Kinder brauchen auch hier einen Anwalt", so Balster, Vorsitzender der Ressorts Verein und Schule sowie Bewegung, Spiel und Sport in der Sportjugend Nordrhein-Westfalen.

Die Dringlichkeit der Aufgabe machten die verschiedenen Beiträge deutlich: Rolf Pförtner vom Kreissportbund Herford bestätigte, dass "alle Kinder einen Nachholbedarf unter anderem in der Ernährungserziehung haben". Wilhelm Barnhusen, Schulleiter der Paul-Gerhardt-Grundschule in Werl, ergänzte: "Wir stellen fest, dass die Kinder vieles nicht mehr können." Barbara Thiel von der Grundschule Pantringshof berichtete: "Es gibt einen ganz eindeutigen Abstieg in der Leistungskurve der Kinder. Viele können gar nichts mehr: Weder eine Rolle vorwärts noch das Variieren ihres Bewegungstempos." Matthias Hartmann vom Kreissportbund Unna erklärte, dass an einigen Ganztagsschulen ausschließlich Kinder mit Defiziten an den Ganztagssportangeboten teilnähmen: "Die sportlich orientierten Kinder sind alle weg, da sie hier nicht gefördert und gefordert werden." Klaus Balster mahnte daraufhin, nicht nur die Kinder mit Malaisen in den Blick zu nehmen, sondern "bei allen die Lust auf Bewegung zu wecken". Bei manchen Kindern gehe es ganz grundsätzlich darum, "verschüttete Verhaltensmuster" aufzudecken.

Dies gestaltet sich für Ganztagsschulen noch schwierig, wie die Wortmeldung von Gabriele Hahn von der Städtischen Gemeinschaftsgrundschule Windberg deutlich machte: "Die Offene Ganztagsgrundschule Nordrhein-Westfalen ist Ganztagsschule auf sparsamen Weg. Qualifiziertes Personal ist aber nicht für acht Euro zu haben, das ist ein großes Problem. Und die Übungsleiter aus den Vereinen sind mit den Disziplinproblemen oft überfordert."

Beate Lehmann vom Landessportbund NRW berichtete, dass der Landessportbund dies erkannt habe und versuche, "die Übungsleiterinnen und Übungsleiter pädagogisch zu qualifizieren." Dieser Kompetenzerwerb ist eine der großen Aufgaben für die Zukunft, um den Sport pädagogisch sinnvoll in den Ganztagsschulen zu verankern.

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