Sport als Schub für die Persönlichkeitsentwicklung

Fragt man Schülerinnen und Schüler, was sie sich von ihrer Ganztagsschule erhoffen, steht der Wunsch nach mehr Spiel, Sport und Bewegung ganz oben auf der Liste. Der organisierte Sport ist auch deshalb in Nordrhein-Westfalen der erste Kooperationspartner für die offenen Ganztagsgrundschulen gewesen. Nun wollen auch die Ganztagshauptschulen mit Vereinen verstärkt zusammenarbeiten. Die Tagung "Bewegung, Spiel und Sport in erweiterten Ganztagshauptschulen" am 5. Juni 2007 der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen in Duisburg stellte diesen interessierten Hauptschulen Unterstützungssysteme und gute Beispiele vor.

Die Zahlen des Kinderbarometers 2003 sprechen eine deutliche Sprache: Zwei Drittel aller Kinder bewegen sich täglich weniger als die empfohlenen 60 Minuten. Gleichzeitig wünschen sich Kinder mehr Spiel, Sport und Bewegung in der Schule. Bei Einführung der offenen Ganztagsgrundschulen in Nordrhein-Westfalen 2003 reagierte der Landessportbund als erster Verband und unterzeichnete bereits am 18. Juli 2003 eine Rahmenvereinbarung mit den damaligen Ministerien für Schule, Jugend und Kinder über die Zusammenarbeit an offenen Ganztagsgrundschulen.

Kinder auf der Hüpfburg

Statt über belegte Turnhallen oder ausbleibende Jugendliche beim Nachmittagstraining zu lamentieren, erkannte der Landessportbund laut Wiebke Schandelle damals die Chance: "Entweder wir schaffen die Verknüpfung mit den Schulen, oder die Vereine müssen sich neue Tätigkeiten suchen." Auf diesem Wege sollten Kinder und Jugendliche für Sport begeistert und für die Vereine gewonnen werden.

Für die Pädagogische Leiterin und Breitensportkoordinatorin im Kreissportbund Olpe hat sich das entschlossene Engagement des organisierten Sports bezahlt gemacht: "Die Ganztagsschulen haben dem organisierten Sport viele Chancen gebracht: Wir konnten die Kinder an die Sportvereine binden, Talente sichten, neue Angebotsformen schaffen, neue Mitarbeiter gewinnen und finanzielle Ressourcen erschließen. Insgesamt ist damit auch ein Imagegewinn verbunden."

Kreissportbund wird Träger von Ganztagsschulen

Der Landessportbund setzte 2004 den Kreissportbund Olpe als Koordinierungsstelle im Kreis Olpe ein. Der KSB Olpe unterstützt seitdem Vereine dabei, als Anbieter in den Schulen aufzutreten, organisiert und koordiniert die Angebote in Ganztagsschulen und fungiert als Vertragspartner für die Schulträger. Seit dem Schuljahr 2005/2006 ist der KSB Olpe sogar Gesamtträger von Ganztagsschulen. Im Schuljahr 2007/2008 wird er an fünf Schulen die Trägerschaft ausüben. Dabei stehen 34 feste Mitarbeiter und 16 Kooperationspartner zur Verfügung.

Mit zwei Jahren Erfahrung mit Ganztagsgrundschulen und einer stetigen Weiterentwicklung des Konzepts war der Kreissportbund auch für die Mitarbeit an den neu entstandenen Ganztagshauptschulen gerüstet. Im August 2006 schloss er mit dem Kreis Olpe einen Kooperationsvertrag und engagiert sich seit dem Schuljahr 2006/2007 an zwei Hauptschulen. "Zu Schuljahresbeginn haben wir mit den Schulen Wünsche sondiert und Vereine angesprochen", berichtet Wiebke Schandelle. "Derzeit bieten wir in den Schulen vier Angebote, im kommenden Schuljahr kommen zwei weitere Ganztagshauptschulen hinzu."

Den Ganztagshauptschulen wurden Tanzen, Ballsport - allerdings kein Fußball -, Selbstverteidigung, Schwimmen, American Sports und Erlebnispädagogik angeboten. Zusätzliche, speziell auf die Ganztagshauptschulen zugeschnittene Angebote sind unter anderem Ausbildungen zu Sporthelfern, Spielfestbetreuern und Pausensporthelfern sowie ein Schachschuldiplom. Diese werden von den Übungsleitern der Vereine durchgeführt.

"Das Resümee des ersten Jahres fällt positiv aus", erklärt die Pädagogische Leiterin. "Die Schülerinnen und Schüler und der Kreis Olpe bezeichnen die Partnerschaft als gelungen, und nach Rückmeldung der Schule können wir unser Angebot im nächsten Schuljahr erweitern."

Die Crux: Es darf nichts kosten

Die rund 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung "Bewegung, Spiel und Sport in erweiterten Ganztagshauptschulen" am 5. Juni 2007 in Duisburg hörten mit großem Interesse zu. Die Vertreterinnen und Vertreter der neuen Ganztagshauptschulen machen sich gerade auf den Weg, die zusätzlich gewonnene Zeit mit Angeboten zu füllen und sondieren die Lage. Einen festen Ansprechpartner wie im Kreis Olpe - eine Telefonnummer sozusagen - wünscht sich jede Schule. Die Veranstaltung der Serviceagentur "Ganztägig lernen" Nordrhein-Westfalen sollte helfen, solche "Unterstützungssysteme zu finden", wie Agenturleiterin Sabine Wegener versprach.

Unterstützung von Seiten des Ministeriums für Schule und Weiterbildung bei der Vermittlung von Kontakten versprach auch Hans Georg Uhler-Derigs von der Landesstelle für den Schulsport, wobei er sich der momentanen Grenzen bewusst ist: "Die Crux ist, dass der außerschulische Sport vielfältig ist, aber möglichst nichts an Personal kosten darf." Dennoch bestünden auch schulintern Chancen zur Förderung des Sports in Ganztagshauptschulen: "Statt drei sind vier Schulstunden möglich, die man als Sportförderunterricht nutzen kann. Man kann Bewegungs- und Entspannungszeiten unterbringen und Bewegung, Spiel und Sport auch im überfachlichen Lernen einsetzen."

Nach Möglichkeit solle das Bewegungs- und Sportkonzept im Schulprogramm verankert werden. "Bei der Zusammenarbeit mit Vereinen ist es sinnvoll, die Ziele und Leistungen zu beschreiben und gemeinsam ein pädagogisches Konzept zu entwickeln", führte Uhler-Derigs aus. Die Qualifizierung von Jugendlichen zu Sporthelfern, wie von Wiebke Schandelle erwähnt, begrüßte er ausdrücklich als "Schub für die Persönlichkeitsentwicklung der Jugendlichen".

Stärkung der Persönlichkeit

Die Stärkung der Persönlichkeit, das Ausbilden von Gemeinschaftsgefühl und Gesundheitsbewusstsein steht auch an der Lutherschule in Bielefeld bei der Integration von Sportangeboten in den Ganztagsbereich im Vordergrund. Seit dem Schuljahr 2006/2007 ist die Lutherschule Ganztagshauptschule. Die Jahrgänge 5 und 6 sind in Ganztagsklassen organisiert. 78 Prozent der 320 Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund, und 52 Prozent der Elternhäuser leben von Arbeitslosengeld II.

Lehrer Manfred Grimm stellte mehrere Sportprojekte seiner Schule vor. In Zusammenarbeit mit der von Ehrenamtlichen getragenen Initiative Tabula e.V. bieten Studentinnen und Studenten der Sportfakultät an der Universität Bielefeld den Schülerinnen und Schülern Erlebnissportangebote wie Klettern, Sportspiele und Wassersport. Ein Sportpädagoge des AWO-Kreisverbands Bielefeld organisiert eine Arbeitsgemeinschaft Zirkus für die Schülerinnen und Schüler der Ganztagsklassen. Darüber hinaus führt er an vier Tagen verschiedene Sportangebote während der Mittagspause in der Sporthalle oder dem Sportplatz durch.

Der Schülerclub "Relax" bietet in Zusammenarbeit mit Mitarbeitern der AWO, einer Lehrkraft und den von der Sportjugend ausgebildeten Sporthelfern freitags ab 13.30 Uhr Tischtennis oder Billard in der Aula der Lutherschule an. "Relax" organisiert auch die Freiwillige Schülersportgemeinschaft Fußball, in der sich eine Mädchen- und eine Jungengruppe gebildet haben. Daran können Schülerinnen und Schüler aller Jahrgangsstufen teilnehmen.

Sporthelferausbildung als Beitrag zur demokratischen Erziehung

Fast deckungsgleiche Ausgangsbedingungen wie an der Lutherschule in Bielefeld herrschen an der Ganztagshauptschule an der Neustraße in Herne. 316 Schülerinnen und Schüler besuchen die Schule,. Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund liegt bei 75 Prozent. Hier beziehen 50 Prozent der Eltern Arbeitslosengeld II. Die im Aufbau befindliche Ganztagsschule besuchen 86 Schülerinnen und Schüler. Rektor Rainer Ruth stellte das Modell der Integrierten Sporthelferausbildung und deren Einsatz im Ganztag vor.

"Wir haben Lehrerstunden kapitalisiert und mit diesen Mitteln Kooperationsverträge mit dem Herner Turnclub 1880 e.V., mit Einzelpersonen und mit Sporthelfern abgeschlossen", berichtete Ruth. Im Schulprogramm hielt die Hauptschule an der Neustraße als Ziel fest, pro Jahr regelmäßig zehn bis 15 Schülerinnen und Schüler aus dem 8. Jahrgang zu Sporthelfern für den Bereich Bewegung, Spiel und Sport auszubilden. Diese Ausbildung erfolgt durch die Sportjugend Herne nach der Konzeption der Sportjugend NRW. Inhalte der Ausbildung sind Informationen über außerunterrichtlichen Sport, schulische Mitwirkungsmöglichkeiten, Zielgruppen, Methodik und Organisation, Gesundheits- und Sicherheitsaspekte, Umgang mit Konflikten, Fairness, Spielvariationen, Sportspiele, Individualsport und Trendsportarten.

Die in 35 Unterrichtseinheiten in Arbeitsgemeinschaften und Veranstaltungen ausgebildeten Sporthelfer bieten Aktivitäten während der Pausen und in der Freizeit während der Mittagspause an, führen Schulsportveranstaltungen durch und helfen bei Schulsportwettkämpfen. Sie führen unter Aufsicht Gruppenangebote durch, wofür die Schule Verträge mit ihnen abschließt, und sie arbeiten auch als Gruppenhelfer im Herner Turnclub 1880 e.V. mit.

"Die Sporthelferausbildung an unserer Schule ist ein Beitrag zur demokratischen Erziehung, sie erhöht die Bereitschaft, sich zu engagieren und Verantwortung zu übernehmen, motiviert zum Sporttreiben über die Schulzeit hinaus und verdeutlicht die Eigenverantwortung für die eigene körperliche, geistige und soziale Gesundheit", resümierte Rainer Ruth. "Dazu hilft sie bei Bewerbungen, das Engagement zu verdeutlichen - und ermöglicht ein Aufbessern des Taschengeldes."

Begeisterung führt zu zusätzlicher Hockey-AG

An der Heinrich-Kielhorn-Schule in Marl führte die nachlassende Beteiligung an den nachmittäglichen AGs insbesondere der Jahrgänge 8 bis 10 zu einer Umfrage unter den Schülerinnen und Schülern nach deren AG-Wünschen. Sportliche Aktivitäten abseits des Fußballs wie Judo und Boxen wurden häufig genannt. Also besorgte sich die Schule eine Liste aller in Marl ansässigen Sportvereine und kontaktierte diese. So konnten ein Box- und ein Hockeytrainer gewonnen werden, die aus den Etatmitteln der Schule mit je 25 Euro je Zeitstunde bezahlt werden. Schüler ohne Sportkleidung oder Schwänzer müssen für die versäumte AG je 2,50 Euro zahlen. Die Eltern sind über dieses Disziplinierungsmittel in Kenntnis gesetzt und haben ihr Einverständnis erklärt. Die Begeisterung über das Hockeyspielen ist so groß, dass inzwischen zusätzliche AG-Stunden eingeführt wurden. Viele Schülerinnen und Schüler haben darüber hinaus auch bereits in ihrer Freizeit die Trainingsstunden im Verein aufgesucht.

"Ich bin sehr von dem angetan, was trotz widriger Rahmenbedingungen möglich ist", meinte zum Abschluss der Tagung Prof. Niels Neuber von der Universität Münster. "Für die Schüler besteht hier die Möglichkeit, an Sportarten teilzunehmen, an die sie sonst nie herankämen. Informelle Lernprozesse können eine Schule bewegen, und Personen von außen können dazu den Anstoß geben. Man muss aber die Übungsleiter auch auf unwillige Schüler vorbereiten, hier besteht höchster Fortbildungsbedarf beim Umgang mit Konflikten. Eine Beratung wie beim Kreissportbund in Olpe ist wichtig, damit die passenden Leute ausgesucht werden."

Für Rainer Ruth, der noch einmal das Wort für den Landessportbund NRW ergriff, ist trotz manchmal fehlender Zielabsprachen, mangelnder Qualifikation des Personals und endlicher Ressourcen "kaum eine Zusammenarbeit gelungener als die des Sports mit den offenen Ganztagsgrundschulen". Die Erfahrungen und Erfolge müssten nun auf die Kooperation mit den Ganztagshauptschulen übertragen werden. Die noch ausstehenden Unterschriften unter der Rahmenvereinbarung dürften nur noch Formsache sein.

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