Sport und Bewegung trotz(en) verkürzter Schulzeit

Was wäre die Schule ohne den Sport und die allseits beliebten Bewegungsangebote? Hessenweit haben sich Netzwerke gebildet, welche für eine bessere Kooperation von Ganztagsschulen und Sportvereinen sorgen wollen. Ein Beispiel dafür war das 4. Gesprächsforum zum Thema "Kooperation Schule und Sportverein in ganztägig arbeitenden Schulen", das am 7. Oktober 2009 in der Gesamtschule Ebsdorfer Grund unter reger öffentlicher Beteiligung stattfand. Kernfrage war die Perspektive des Sports im Ganztag.

Mit der Einführung des G8-Gymnasiums kommen vielerorts Ängste auf, dass die Paukschule fröhliche Urstände feiern und dabei nicht zuletzt Spiel, Sport und Bewegung auf der Strecke bleiben könnten. Eine gute Ganztagsschule erkennt man allerdings daran, dass sie Spiel, Sport und Bewegung gemäß den Bedürfnissen der Kinder in den Ganztag einbaut und das Schulleben durch die Angebote der Sportvereine bereichert.

Lothar Potthoff an seinem Schreibtisch

Die verkürzte Schulzeit bereitet nicht zuletzt den Sportvereinen Kopfzerbrechen, denn ihre Angebote finden in der Regel am frühen oder späten Nachmittag statt, also genau in jener Zeit, in der sich Schülerinnen und Schüler in den G 8-Gymnasien mit Hausaufgaben, Prüfungsvorbereitungen oder Nachhilfe konfrontiert sehen. Vor diesem Hintergrund haben sich in ganz Hessen lokale Netzwerke und Gesprächskreise gebildet, die dafür Sorge tragen sollen, dass den Sportvereinen nicht der Nachwuchs und den Kindern und Jugendlichen nicht die Sportgelegenheiten ausgehen.

Sport und Bewegung an einer rhythmisierten Ganztagsschule

Wie spannend und aktuell dieser lokale und regionale Austausch ist, verdeutlichte das 4. Gesprächsforum, das im Landkreis Marburg-Biedenkopf unter dem Titel "Kooperation Schule und Sportverein in ganztägig arbeitenden Schulen" veranstaltet wurde. Veranstaltungsort war am 7. Oktober 2009 die Gesamtschule Ebsdorfer Grund. Dabei handelt es sich genau um eine jener Ganztagsschulen, die durch die kluge Integration von Spiel, Sport und Bewegung in den rhythmisierten Ganztag aufgefallen sind - und die deshalb für den Film "Bewegt den ganzen Tag" auserkoren wurde.

Um den Kindern Spiel, Sport und Bewegung anzubieten, hat sich die Ganztagsschule für die längere Schulzeit entschieden, wie Schulleiter Lothar Potthoff während der Begrüßung der rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hervorhob: "Wir haben uns bewusst zu einer G9-Schule entwickelt." Die rhythmisierte Schule bietet zahlreiche Bewegungsangebote am Vormittag wie am Nachmittag an, wofür sie auf die Kooperation mit vielen außerschulischen Partnern sowie Sportvereinen zurückgreift.

Sport und Bewegung in ländlich geprägten Gebieten

Mehr und bessere Bewegungsangebote bedeute, so der Schulleiter, dass mehr und besseres Personal zur Verfügung gestellt werden müssen: "Kooperation unter den Bedingungen von G8 ist deutlich schwieriger." Dass die Einführung des G8-Gymnasiums mit Blick auf die Landkreise, Kommunen und das Land nun flächendeckend gestaltet werden muss, ohne dass negative Auswirkungen eintreten, erklärte der Vorsitzende des Sportkreises Marburg-Biedenkopf, Dr. Frank Nitsch: "Erst die Einführung von G 8 in den Gymnasien hat uns erahnen lassen, was auf Schulen, Eltern und damit auch auf die Sportvereine zukommt."

Zukünftig könnten nur große oder auf die Zielgruppe der G8-Gymnasien spezialisierte Vereine mit ihrem zusätzlich ausgebildeten Personal Kooperationen eingehen. Erschwerend komme hinzu, dass es in einer ländlichen Region wie Marburg-Biedenkopf vorwiegend kleine Vereine gebe: "Schaut man zum Beispiel auf die Vereinsstruktur im Landkreis Marburg-Biedenkopf, dann haben von den 398 Sportvereinen 157 Vereine unter 100 Mitgliedern, das sind 40,4 Prozent aller Sportvereine. 358 Sportvereine haben unter 500 Mitgliedern, was einem Anteil von 92 Prozent entspricht."

Ergo sei nur eine kleine, überschaubare Zahl von Sportvereinen in der Lage, sich mit ihren Angeboten in die Ganztagsschulen einzubringen. "Die Vereine, die das können, sind die 'üblichen Verdächtigen', zumeist größere Mehrspartenvereine, die auch bei anderen sozialpolitischen Projekten im Sport für Maßnahmen zur Verfügung stehen. Unter den Gegebenheiten von Ganztagsschule wird sich demnach mittelfristig die Vereinslandschaft radikal verändern müssen", so Nitsch weiter.   

Hessen: "Partner ist der organisierte Sport"

Das Land Hessen, das bis zum Jahr 2015 alle allgemein bildenden Schulen mit Ganztagsangeboten versorgen möchte, befindet sich gegenwärtig "in einer spannenden Phase der Schulpolitik", hob Thomas Hörold, Sportreferent im Hessischen Kultusministerium hervor. Das Land verfolge gegenwärtig drei bildungspolitische Schwerpunkte: die Entwicklung von Ganztagsschulen, den Ausbau der G8-Gymnasien sowie die Entwicklung zur Selbstständigen Schule. Man wünsche sich für die aktuell 651 Schulen mit Ganztagsangeboten mehr und bessere Kooperationen vor Ort: "Bevorzugter Partner dazu ist der organisierte Sport."

Hessen sei bundesweit an erster Stelle, was die Förderung im Breiten- und Spitzensport anbelange. Es gebe ein Programm zur Talentförderung im Sport sowie ein Programm zur Förderung der Zusammenarbeit von Schule und Sportvereinen ("Sportvereine plus Schule"). Für die benachteiligten Schülerinnen und Schüler wurde das Programm "Sportvereine plus Schule" aufgelegt, das die Sportjugend Hessen bereits im Jahr 2007 initiierte. Es beinhaltet neben der Beratung bei Gründung und Verwirklichung von Kooperationen die Fortbildung von Übungsleitungen sowie von Lehrkräften zum Themenfeld Bewegung und Sport.

Warum gerade Sport?

Die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die ihr außerschulisches Leben aufgrund mangelnder familiärer Mittel oder eines bewegungsarmen Umfelds zunehmend mit Fernsehkonsum oder Computerspielen fristen, ist besorgniserregend hoch. Vor diesem Hintergrund erklärt die Hessische Sportjugend: "Sport und Bewegung müssen ein wesentlicher Bestandteil einer modernen ganztägig arbeitenden Schule sein, besonders für 'sportlich benachteiligte' Schüler. Bewegung und Sport sind unbedingte Voraussetzungen für das schulische Lernen."

Landesweit gibt es mehr als 400 Projekte in Hessen, die unterschiedliche Sport- und Bewegungsangebote unterbreiten. Die Förderanträge dazu sind bei den Schulämtern zu stellen. Für die Ganztagsschulen liege eine hessenweite Rahmenvereinbarung vor, die die Zusammenarbeit von Schulen und Sportvereinen regelt. Zusätzliche finanzielle Möglichkeiten ergeben sich laut Hörold durch die Umwandlung von Lehrerstellen in Geld. Man müsse jetzt die Chancen nutzen und die neuen Formen des Miteinanders von Schule, Sportvereinen und Verbänden erkennen.

Soziale Ungleichheit im Sport

Der Erziehungswissenschaftler Prof. Ralf Laging von der Universität Marburg erinnerte daran, dass die Debatte, die heute um den vermehrten Ausbau der Ganztagsschulen geführt werde, auf das mittelmäßige Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler bei PISA zurückgehe. Seit 2003 habe das IZBB forciert den Ausbau der Ganztagsschulen in Deutschland betrieben. Dabei stellte Laging mit Blick auf die Chancengerechtigkeit im Sport fest: "Es gibt ein hohes Maß an sozialer Ungleichheit auch im Sport."

Darüber hinaus habe die "Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen" (StEG) festgestellt, dass viele Schülerinnen und Schüler aufgrund der Sportangebote im Rahmen des Ganztags aus den Sportvereinen austreten. Da die Vereine häufig mit den Ganztagsschulen um Sportplätze und Hallen konkurrierten, müsste man Schulen und Sportvereine miteinander verzahnen. Die gute Nachricht lautet StEG zufolge: Für 95 Prozent der Grundschüler sowie 90 Prozent der Schüler in der Sekundarstufe I-Schüler gibt es ein Sportangebot: "Sport ist erheblich an der Gestaltung der Ganztagsschule beteiligt."

Wie kooperieren die Schultypen mit den Sportvereinen, um ihre Bewegungsangebote zu unterbreiten? Laut StEG stellen die Grundschulen zur Hälfte das Personal selbst, während die andere Hälfte aus auswärtigem Personal, hauptsächlich aus den Sportvereinen, rekrutiert werde. Ein ganz anderes Bild bietet sich bei den Gymnasien: "Die Gymnasien haben kaum eine Integration ihrer Bewegungsangebote, die sie übrigens meist auf den Nachmittag legen", erklärte Laging.

Der Erziehungswissenschaftler fand heraus, dass so genannte additive Kooperationsformen den Aktionsradius von Bewegung, Spiel und Sport begrenzen, da nach 13 Uhr Schluss sei. Demgegenüber eröffneten integrative Kooperationsformen bessere Perspektiven, da sie über den ganzen Schultag verteilt werden: "Diese Ganztagsangebote verbessern die Chancen für benachteiligte Kinder, die sonst keinen Zugang dazu hätten." Vor diesem Hintergrund setzte sich Laging für bewegungsorientierte Bildungslandschaften ein und machte den Vorschlag für einen Modellversuch.

Eine Studie des Hessischen Sportbundes beleuchtet Effekte des Sports

Der Vizepräsident des Hessischen Sportbundes, Prof. Heinz Zielinsky, widersprach der These von Laging, dass sich die Chancenungleichheit in der Schule, im Sport und den Vereinen verlängere. Allerdings sah er in der Schulleitung eine wichtige Stellschraube, um die Zusammenarbeit zwischen Schule und Sportvereinen zu verbessern.

Eine Totalerhebung des Hessischen Sportbundes, an der Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte, Übungsleiter sowie Schulleiter beteiligt seien, wolle bis 2010 herausfinden, wie sich Schulen mit einem hohen Sport- und Bewegungsangebot von anderen unterscheiden: "Wir erwarten, dass das Schulklima an Ganztagsschulen mit vielen Sportangeboten besser ist."

Fast an jeder Grundschule tägliche Bewegungsangebote

Eine wichtige Rolle für das Gelingen von Nachmittagsangeboten spiele die Schülerwerbung sowie Öffentlichkeitsarbeit, betonte Stefan Schulz-Algie von der Hessischen Sportjugend. Während der Diskussion kam die Kritik auf, dass der Sportunterricht zunehmend von nicht einschlägig qualifizierten Lehrkräften angeboten werde. Ein Diskussionsteilnehmer gab zu bedenken, dass in Deutschland der Sport immer noch als körperliche Ertüchtigung gelte und nicht als Bildung wie in den Nachbarländern.

Thomas Hörold machte darauf aufmerksam, dass in der Grundschule deutliche Entwicklungen stattgefunden hätten: "Es gibt an fast jeder Grundschule tägliche Bewegungszeiten. Wir müssen die Kinder zu lebenslänglichem Sporttreiben motivieren." Lehramtsstudenten in Gymnasien, so ein Diskussionsteilnehmer, müssten ein Praktikum im Verein nachweisen. Viele Studentinnen und Studenten verfügten über zu geringe Fertigkeiten in den traditionellen Sportarten wie im Turnen, Laufen, Springen und Werfen sowie im Bewegungsfeld Wasser.

"Riesige Baustelle der Zukunft"

Hierzu führte der Vorsitzende des Sportkreises Marburg, Frank Nitsch, näher aus: "Heute sind es Sozialarbeiter, die die Schulen benötigen, morgen wird es eine fachspezifische Kompetenz im Rahmen eines Schulprofils sein, das jenseits einer Lehrerqualifikation benötigt wird. Das können dann auch Übungsleiter oder Trainier für sportspezifische Aufgaben sein."

Ein anderes Problem, das angerissen wurde, betraf die Spitzenhonorare von Anbietern wie in den Bereichen Tanz oder Ballett. Diese könnten sich nur finanziell gut gestellte Schulen leisten. Nicht wenige hätten über Sponsoren oder Fördervereine 100.000 Euro oder mehr zur Verfügung. Alles in allem gilt das abschließende Statement von Nitsch: "Die Frage der Kooperation Schule und Sportvereinen ist eine riesige Baustelle der Zukunft."

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