Forschung zur bewegten Schule

Kompensation von Bewegungsdefiziten, Erziehung oder Bildung durch Sport, die Gestaltung einer "Bewegten Schule" - die Motive, Sport, Spiel und Bewegung in Ganztagsschulen zu verankern, sind unterschiedlich. Was genau an Ganztagsschulen in diesem Bereich läuft, soll das vom BMBF geförderte länderübergreifende Forschungsvorhaben "Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule" klären. Prof. Dr. Ralf Laging, Sportwissenschaftler an der Philipps-Universität Marburg und Leiter der Forschungsgruppe, erläutert im Interview Ausgangslage, Methoden und Ziele.

Prof. Dr. Ralf Laging

Online-Redaktion: Prof. Laging, beim mehrtägigen Stromausfall im münsterländischen Ochtrup hat ein Dreijähriger auf die Frage, was er denn am meisten vermisse, geantwortet: Fernsehen. Dass Kinder unter Bewegungsdefiziten leiden, zum Beispiel nicht mehr rückwärts gehen können, liest und hört man immer häufiger. Ist es wissenschaftlich belegt, dass die heutige Kindergeneration sich weniger bewegt als die Kinder und Jugendlichen in vorangegangen Dekaden?

Laging: Die Untersuchungslage ist nicht ganz eindeutig. Es gibt eine ganze Reihe von Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder eine geringere motorische Leistungsfähigkeit besitzen als vor etwa 20 Jahren. Aber es gibt genauso viele Untersuchungen, die das Gegenteil belegen. Dies ist ein wissenschaftliches Dilemma. Man geht davon aus, dass Kinder im Wesentlichen durch ihre Aktivitäten auch ihre konditionellen und koordinativen Fähigkeiten trainieren - und nur diese werden gemessen. Nun kann man aber nicht sagen - und hier besteht der große Widerspruch -, dass sich Kinder weniger bewegen. Daher ist es auch problematisch, von einem Bewegungsmangel zu sprechen. Denn Bewegung ist mehr als die Motorik und die gemessenen konditionellen und koordinativen Fähigkeiten. Eine Vielzahl von Untersuchungen zeigt nämlich, dass noch nie so viele Kinder in Sportvereinen oder selbst organisiert - wie beim Inline-Skaten beispielsweise - bewegungsaktiv gewesen sind wie derzeit.

Online-Redaktion: Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären?

Laging: Dieser Widerspruch lässt sich nur auflösen, wenn man konstatiert, dass nicht die Teilnahme an organisierten Sportaktivitäten das Problem ist, sondern die dramatische Veränderung des Alltags. Daher muss die Frage auch lauten: Wie bringen wir Kinder im Alltag wieder in Bewegung? Zum Beispiel die Treppe zu nehmen, statt den Fahrstuhl zu benutzen, zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule zu kommen, statt sich mit dem Auto bringen zu lassen. Wiesen als Bolzplätze und Büsche als Gelegenheit zum Versteckspielen zu erkennen. Wir müssen den Kindern diese Gelegenheiten, die zur Bewegung auffordern, verstärkt ins Bewusstsein rufen.

Online-Redaktion: Die PISA-Studie hatte nicht Sport und Bewegung zum Untersuchungsgegenstand. Durch die Einführung von Ganztagsschulen hält aber verstärkt der Sport in diesen Schulen Einzug. Welche Ziele werden da verfolgt?

Laging: In der Tat spielten Sport und Bewegung keine Rolle bei der PISA-Studie. In der Sportpädagogik werden allerdings Analogien zwischen Defiziten zum Beispiel in der Mathematik und Defiziten in der Bewegungskompetenz nahe gelegt. Daher möchte man auch mehr Bewegung in die Schulen bringen. Bei der Ganztagsschule hofft man durch die zusätzliche Zeit auf mehr Gelegenheiten zu Bewegung, Sport und Spiel. Derzeit geschieht dies - wir haben es ja in der Mehrzahl mit offenen Ganztagsschulen zu tun - im Rahmen der Nachmittagsbetreuung. Hier spielt der Sport überall eine große Rolle. Man hofft, die Bewegungsaktivitäten der Kinder und Jugendlichen zu erhöhen.

Es wäre allerdings eine einseitige Sicht, wenn Sport und Bewegung nur als Anhängsel der erhaltenen Halbtagsschule betrachtet werden und ein Zusammenhang mit dem Vormittag kaum gegeben ist. Die Einbeziehung sportlicher Aktivitäten in den Unterricht findet eigentlich nur in gebundenen Ganztagsschulen statt, wo auch am Vormittag oder in der Mittagspause Bewegungsaktivitäten angeboten werden.

Online-Redaktion: Sind dann die Angebote in offenen Ganztagsschulen sinnlos?

Laging: Nein, aber es gibt ein Dilemma: Auf der einen Seite haben die Sportvereine Sorge, durch die Ganztagsschule Mitglieder zu verlieren. Deshalb versuchen die Vereine und die Verbände vermehrt, in die Ganztagsschulen hineinzukommen. In Hessen fördert das für Sport zuständige Innenministerium beispielsweise ein Sportangebot für die Ganztagsschulen, das in Kooperationen mit den Vereinen stattfindet.

Auf der anderen Seite steht die pädagogische Schulentwicklung. Die Schule muss sich fragen, wie ihre Schülerinnen und Schüler einen Ganztag erleben sollen. Dann stellt sich nicht die Frage, was das Beste für die Vereine ist, sondern wie die Schule verantwortlich mit Körper und Bewegung umgeht. Was kann man als Schule im Laufe eines Schultages den Kindern und Jugendlichen anbieten, damit diese nicht nur sitzen? Wie gelingt ein ausgewogenes Verhältnis aus körperlicher Beanspruchung, bewegungsbezogener Zerstreuung und konzentriertem Lernen? Die Ganztagsschule ist in der Verpflichtung, das zu berücksichtigen. Die Schülerinnen und Schüler kommen mit ihrem ganzen Körper, nicht nur mit ihrem Kopf in die Schule. Man setzt den Akzent dann anders: Wie baue ich Bewegungsaktivitäten in den Schultag ein, und an welcher Stelle können uns dabei die Vereine oder andere Partner der Jugendhilfe unterstützen?

Online-Redaktion: "Bewegte Schule" - ist das die Verbindung von Bewegung und Pädagogik?

Laging: Ja, das heißt Bewegungsaktivitäten in die Schule zu holen und Schule aus der Bewegungsperspektive zu reflektieren. Wie ist das Schulhaus aus dieser Perspektive gestaltet? Welche Bewegung regen die Räume - Stichwort: Dezentralisierung von Lernorten - an? Finden sich im Haus und auf dem Schulgelände Orte, wo Kinder und Jugendliche sich angesprochen fühlen, Bewegungsaktivitäten aufzunehmen? Kann Schule auch Trendsportarten integrieren und diese allen Schülerinnen und Schülern zugänglich machen? Lässt sich Bewegung auch im Fachunterricht, im Mathematikunterricht beispielsweise, unterbringen? Wie kann man etwas im Wortsinne begreiflich machen? Der pädagogische Anspruch eines ganzheitlich orientierten Unterrichts verbindet sich immer mit der Frage, ob die physisch-sinnliche Dimension eine Rolle spielt.

Online-Redaktion: Könnten Sie etwas zur Genese Ihres Forschungsvorhabens "Studie zur Entwicklung von Bewegung, Sport und Spiel in der Ganztagsschule" sagen?

Laging: Über diese Thematik sind bisher überhaupt keine empirischen Forschungen vorhanden. Es gibt lediglich von den Bundesländern geförderte Evaluationsstudien zur Kooperation von Vereinen und Schulen. Ziel unserer Studie ist es also, erst einmal überhaupt Daten über Bewegung in Ganztagsschulen zu erheben und dann festzustellen, wie dieses bisher hauptsächlich auf Kooperationen begrenzte sportliche Engagement an Ganztagsschulen erweitert werden kann.

Online-Redaktion: Wer führt dieses Vorhaben durch?

Laging: Es handelt sich um einen Forschungsverbund der Länder Hessen, Niedersachsen und Thüringen. Zusammen mit mir arbeiten die Kollegen Prof. Reiner Hildebrandt-Stramann von der Universität Braunschweig und Dr. Jürgen Teubner von der Universität Jena daran. Insgesamt arbeiten fünf wissenschaftliche Mitarbeiter auf halben Stellen mit. Wir haben eine Aufteilung in fünf Teilprojekte vorgenommen. Erstens soll der organisatorisch-konzeptionelle Rahmen erfasst werden, zweitens die Kooperationen und Netzwerke, drittens die konkreten Angebote sowie die Nachfrage und die Qualität derselben. In der vierten Teilstudie werden die Perspektiven der Lehrerinnen und Lehrer sowie der Schülerinnen und Schüler untersucht. Das fünfte Teilprojekt hebt auf die bewegte Lern- und Unterrichtskultur ab.

Online-Redaktion: An wie vielen Schulen führen Sie dieses Projekt durch, und wie gehen Sie methodisch vor?

Laging: An acht Schulen pro Bundesland, wobei - außer Berufsschulen - alle Schulformen der einzelnen Länder berücksichtigt werden. Über diese 24 Schulen hinaus werden wir eine repräsentative Befragung zur Situation von Bewegung, Spiel und Sport in Ganztagsschulen in den drei Ländern durchführen. Wir werden außerdem Leitfadeninterviews durchführen, und in einigen Teilbereichen wird es Beobachtungsverfahren im Schultag geben. Parallel dazu laufen schriftliche Befragungen der Schulleitungen. Darüber hinaus werden wir eine Dokumentenanalyse durchführen, also die vorliegenden Schulprogramme und Beschlüsse von Fachkonferenzen und der Schulkonferenz hinsichtlich der Konzeption von Sportangeboten prüfen.

Schließlich werden zur Evaluation der Schulentwicklungsprozesse Gruppengespräche mit Schülern und Lehrern geführt, sodass der gesamte Prozess noch einmal kommuniziert und reflektiert wird. Daraus entstehen Schulportraits, welche die einzelnen Schulen nach Abschluss der Evaluation als so genannte Monographien mit Empfehlungen zur Möglichkeit der Weiterentwicklung erhalten. Aus diesen Einzelfällen gewinnen wir aber auch generalisierbare Daten für andere Ganztagsschulen.

Online-Redaktion: Auf welche Dauer ist dieses Projekt angelegt?

Laging: Das Projekt hat mit dem Schuljahr 2005/2006 begonnen und wird über drei Jahre laufen. Als Ergebnis sollen Empfehlungen für die Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule entstehen, die über die einzelnen untersuchten Schulen hinausreichen. Dieses Material soll dann ebenfalls anderen Ganztagsschulen zu Gute kommen.

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