"Widerstand ist positive Energie"

Motivation, sich in Schulentwicklung einzubringen, lieferte der Schweizer Erziehungswissenschaftler Dr. Anton Strittmatter den 500 Teilnehmerinnen und Teilnehmern am Ganztagsschulkongress des Landes Berlin. In seinem mit Begeisterung aufgenommenen Einführungsvortrag zeigte er Wege des Gelingens von Reformen und mögliche "Fallen" auf.

Dr. Anton Strittmatter

Als ein Erfolgskriterium auf dem Weg zur Weiterentwicklung von Schulen stuft der Leiter der pädagogischen Arbeitsstelle des Dachverbandes Schweizer Lehrerinnen und Lehrer die Einbindung von "Widerständlern" ein. "Widerstand ist positive Energie, die Sie nutzen sollten", appellierte er ans Plenum. Schließlich wehrten sich diejenigen, die bei Vorschlägen gerne mit dem Wörtchen "aber" konterten, nicht einfach gegen etwas Neues - sei es der Ganztag oder die Inklusion -, sondern sie kämpften auch für etwas, das sie schätzen gelernt hätten. "Sie kennen den Ist-Zustand und seine Vorzüge und haben durchaus ihre Gründe, daran festzuhalten", argumentierte Strittmatter und fügte hinzu: "Sie sollten diese Menschen nicht diffamieren."

Zugleich verdeutlichte er eine menschliche Komponente, wenn sich eine Kollegin oder ein Kollege gegen Innovationen wehre. Manch einen quäle die Sorge, neuen Anforderungen der Schulentwicklung nicht gerecht werden zu können. "Er hat dann schlichtweg Angst, als veralterter Zombie ausgeschlossen zu werden", warb der Erziehungswissenschaftler für Verständnis.

Zugehörigkeit und Zuversicht

Die Zugehörigkeit möglichst vieler im Kollegium sei ein Eckpunkt im Dreieck des Gelingens. Darüber hinaus sei es entscheidend, den Sinn einer Veränderung zu verdeutlichen und verstehen zu können. Und schließlich könne eine Reform nur dann gelingen, wenn sie von einer guten Portion Zuversicht begleitet werde. "Sie müssen davon überzeugt sein, auch Rückschläge und Misserfolge überstehen und weiter am großen Ziel festhalten zu können", betonte Strittmatter. Er rate daher sehr, gemeinsam Zielverhandlungen zu führen und Ziele klar zu definieren. Viele Schulen in seiner Heimat würden für die Schulentwicklungsarbeit wöchentlich feste Zeiten festlegen. "Das sind geradezu Sperrzeiten, in denen nichts anderes dazwischenkommt", erläuterte er.

In der Schweiz sei es nicht anders als in anderen Nationen, wenn es um die Motivation der Kollegien ginge. Da würden die Schulen offiziell in die Selbstständigkeit entlassen, zugleich aber auch die "Qualitätskontrolle" erhöht. Nicht jedem gefalle die Denkweise, die sie dahinter vermuteten: "Ihr habt schon immer Schule gemacht, künftig sollt ihr aber auch auf Qualität achten". Die, so räumte er ein, lasse sich ohnehin nur steigern, wenn entsprechende Ressourcen zur Verfügung stünden. Er dachte dabei nicht nur an Geld, sondern eben auch an Fort- und Weiterbildung, als er für seine Schweizer Kollegen sprach, die häufig forderten: "Ihr könnt uns gerne aufs Matterhorn schicken, aber bitte nicht in Sandalen."

Grundsätzlich warnte er davor, bei Reformen "in die Tempofalle zu tappen". Ein Kulturwandel brauche Zeit. Der Ausbau der Ganztagsschulen, besonders aber auch die Umsetzung des Inklusionsgedankens erforderten Zeit. Zeit, um alle Beteiligten mitzunehmen, ihre Ängste und Vorbehalte ernst- und  ihre Anregungen aufzunehmen. Häufig werde zudem der Fehler begangen, die Latte zu hoch zu legen und zuviel auf einmal verändern zu wollen. Er empfahl fünf Voraussetzungen auf dem Innovationsweg zu beachten:

  • Würdigung dessen, was da ist, und Defizitbotschaften vermeiden,
  • Sinn und Gewinn für die Zukunft herausstreichen,
  • Verbindlichkeiten klären,
  • Widerständigkeit als gutes Wissen nutzen,
  • ein Vertrauensklima mit Orten der Unterstützung schaffen.

"Ich sehe keine Wallfahrtsorte in der Schweiz"

Strittmatters Vortrag kam bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Berliner Kongresses, der von der Serviceagentur "Ganztägig lernen" in Kooperation mit dem Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM), unterstützt von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft und dem Sozialpädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB), veranstaltet wurde, nicht nur wegen seiner humorvollen Art so gut an. "Man hatte nie das Gefühl, man werde belehrt oder da stehe einer, der überhaupt kein Verständnis für uns hat", bilanzierte eine Schulleiterin.

Dass der Wissenschaftler tatsächlich nichts von der Denkweise ("hier die tolle Schweiz, dort das reformbedürftige Deutschland") hält, machte er gegenüber www.ganztagsschulen.org deutlich. Auf die Frage, was deutsche Schulen von jenen in der Schweiz lernen könnten, reagierte er mit den Worten: "Ich sehe keine Wallfahrtsorte in der Schweiz, wo deutsche Schulen etwas lernen könnten, was sie nicht auch an deutschen Schulen erleben könnten."

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