"Am Anfang unserer Visionen"

Es ist noch nicht lange her, da sollte die heutige Oberschule, damals noch Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe, in Lehnin geschlossen werden. Zu wenig Schüler, lautete die düstere Prognose. Heute, fünf Jahre später, boomt die Schule mit Ganztagsbetrieb. Sie ist zum Zentrum der 3.600-Seelen-Gemeinde in Brandenburg gewachsen.

Schüler beim Mauern

Wer nach Lehnin mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommen möchte, muss ein wenig Geduld mitbringen. Vom Hauptbahnhof in Potsdam kann man den Bus nehmen. Eine Stunde benötigt der Reisende dann noch. Dann hat er Lehnin, das zu den 14 Ortsteilen der Gemeinde Kloster Lehnin mit seinen insgesamt 11.200 Einwohnern zählt, erreicht. Während der Fahrt beschleicht einen fast automatisch die Frage, wie in dieser ländlichen Region tatsächlich eine weiterführende Schule existieren kann.

Die Frage hatte sich vor gut fünf Jahren wohl auch die staatliche Schulbehörde gestellt, sie mit "geht nicht" beantwortet und das Ende der weiterführenden Schule (Sekundarstufe I und II) eingeläutet. Und mit diesen negativen Vorzeichen meldeten sich für Sommer 2007 fast keine Schülerinnen und Schüler mehr an - nur die Grundschule sollte als letztes schulisches Angebot erhalten bleiben. Der Auftrag, die damalige Gesamtschule "abzuwickeln", fiel dem neuen Schulleiter Dr. Hans-Dirk Lenius zu. Der aber mochte sich mit dem angedrohten Szenario ebenso wenig abfinden wie die Gemeinde selbst.

Der Gesamtschule eilte kein guter Ruf voraus. Eltern der von den Grundschulen Lehnin und Damsdorf abgehenden Kinder mieden sie, fürchtend, sie könne ein Sammelbecken jener Schüler sein, die es an anderen Schulen nicht "gepackt" hätten. Ein dramatischer Geburtenknick trug sein Übriges zur Entwicklung bei. Cordula Hummel ist Mutter und gehört der heutigen Schulkonferenz an. Sie erinnert sich: "Die Eltern meldeten ihre Kinder direkt an einer Schule im Umland an, ohne sich überhaupt ein Bild von der Lehniner Schule, heute Heinrich Julius Bruns Ganztagsschule, zu machen."

Ängste auf allen Seiten abgebaut

Zwei Schüler tragen eine Betonplatte

Die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Und manchmal möchten sich Dr. Lenius, aber auch der stellvertretende Bürgermeister Berthold Satzky kneifen und fragen, ob das alles wirklich wahr ist. In Lehnin steht eine blühende Schule mit einem bis ins kleinste Detail durchdachten Gesamtkonzept. Wie konnte das gelingen?

Dafür, dass die Zahl der Geburten wieder stieg, können Schule und Gemeinde wenig. Viel aber können sie für ihr planvolles Handeln. Das Kollegium nahm sich auch der vermeintlich "schwierigen" Schüler an, bemühte sich um deren Berufsorientierung, sprach mit ihnen, gab ihnen eine Perspektive. Zugleich wurde der Plan geschmiedet, Grund- und Oberschule zu einem Schulcampus mit gemeinsamem Lernen von Klasse eins bis zehn als Ganztagsschule zu verschweißen. Dr. Lenius: "Wir haben Ängste auf allen Seiten abgebaut."

Die Verwaltungsspitze, die aus den alten Bundesländern stammt, empfahl den Entscheidungsgremien (Ortsbeiräte und Gemeindevertretung) zu investieren, statt aufzugeben. Zugute kam ihr das Konjunkturpaket des Bundes. Daraus und aus kommunalen Mitteln flossen 5,5 Millionen Euro in die Sanierung und Gestaltung der neuen Schule. Der stellvertretende Bürgermeister erinnert sich an das Forschen nach Geld im Gemeindehaushalt. Man habe alles durchforstet und außerdem andere, durchaus ebenfalls wichtige Projekte - etwa im Straßenbau -  zugunsten der Schule zurückgestellt. "Wir haben erkannt, dass wir erst in das investieren müssen, was die  Menschen hier hält", betont er und fügt hinzu: "Was nutzen uns die bestens ausgebauten Straßen, wenn sie keiner mehr benötigt?" Den Hinweis, dass die Straßen und Gehwege inzwischen dennoch in Ordnung gebracht wurden, mag er nicht unterschlagen.

Ein Lern- und Lebensort

Das Geld ist gut angelegt. Grund- und Oberschule, aber auch die im denkmalgeschützten gut 120 Jahre alten Gebäude der ausgelaufenen Förderschule untergebrachte Tagesbetreuung "strahlen" dem Besucher farbig entgegen. Innen schmücken Bilder die Wände, die Klassenzimmer sind technisch modern und auf die ganztägige Nutzung abgestimmt. Rhythmisierung kann hier gelingen. Schülerinnen und Schüler finden Abwechslung vom Unterricht im mit Sportgeräten ausgestatten Clubraum, im Spielzimmer, im Raum der Sinne, im Forscherraum.

Gruppenfoto vor frisch gefliester Wand

Geräumigkeit, Fröhlichkeit und Offenheit prägen die Atmosphäre, zu der auch das große Außengelände mit Spielmöglichkeiten, Sportplatz, Tartanbahn und Tiergehege beitragen. Man spürt, was über allen Türen stehen könnte: Seid willkommen, Schülerinnen und Schüler, aber auch Eltern. Dass ein Eltern-Kind-Zentrum, in dem sich Eltern über schulische Fragen hinaus beraten lassen können, in den Campus integriert wurde, rundet das Bild dieses Lern- und Lebensortes ab.

Auf rund 520 wird die Zahl der Schülerinnen und Schüler im kommenden Schuljahr wachsen. Alle erwartet ein harmonisches Ganztagsprogramm, das die Interessen der unterschiedlichen Altersklassen berücksichtigt. Hausaufgabenbetreuung als betreute Lernzeit ist ebenso in den Tagesablauf  integriert wie die Teilnahme an Arbeitsgemeinschaften in großer thematischer Vielfalt. An ihnen wirken die heimischen Vereine ganz selbstverständlich mit. Udo Wernitz ist nicht nur Vorsitzender der Schulkonferenz, sondern selbst aktiv im Sportverein Kloster Lehnin. Er weiß: "Für die Vereine ist die Teilnahme an Sport-AGs eine große Chance, Talente zu sichten." Als vorteilhaft sieht Cordula Hummel dabei an, dass die Teilnahme am Vereinstraining am frühen Nachmittag auch als Teilnahme an einem Ganztagsangebot gewertet wird.

Fester Bestandteil dieser Ganztagsschule ist die individuelle Lernhilfe, in der, wenn möglich, ein Pädagoge und eine Erzieherin in den maximal 25 Kinder großen Klassen zusammen arbeiten. Dafür wirken Erzieherinnen und Erzieher jeweils zwei Stunden pro Woche im Unterricht mit. Lehrerinnen und Lehrer tun dies am Nachmittag. Unterstützt werden sie in den Klassen eins bis vier von drei Sonderpädagogen und einer Sozialarbeiterin.

Die Mischung der Professionen ist ein Garant des Erfolges. Davon ist die Leiterin der Primarstufe Kerstin Barz überzeugt. Mit Zufriedenheit hat sie zudem registriert, dass auch die  Kinder immer stärker zusammenwachsen. "In den Pausen stellen wir immer mehr Durchmischung fest", erzählt sie. Zu den neun Leitzielen der Schule zählt das Bestreben, eine Schule für alle Kinder der Region zu sein. Die Integration vieler Kinder, die früher auf eine Förderschule geschickt worden wären, gelingt auch dank der Sonderpädagogen und der Sozialarbeiterin zunehmend.

Praxis, Praxis und noch einmal Praxis

Ein besonderes Augenmerk legt die Oberschule auf die Berufsorientierung. Praxiselemente mit zahlreichen Praktika in Betrieben stehen regelmäßig und verpflichtend ab Klasse sieben auf dem Unterrichtsplan. Sie gehen weit über die vom Land Brandenburg vorgeschriebene Zahl hinaus und bescherten der Schule bereits Auszeichnungen. Wertvoller als diese aber ist für die Pädagogen möglicherweise das Urteil eines Schülers. Stefan besucht derzeit die neunte Klasse. Er hat allerlei Praktika absolviert. "Ich hatte eigentlich wenig Vorstellung davon, was ich einmal beruflich machen könnte. Dadurch, dass ich in vieles hineinschnuppern konnte, weiß ich es jetzt: Ich möchte Tischler werden", verrät er im Gespräch mit www.ganztagsschulen.org. Dass er als "Älterer" schon einmal bei der Betreuung am Nachmittag mitwirkte, empfand er als "interessant", zumal es sich um eine Modellbau-AG handelte, die sein Hobby traf. Für seine letzten anderthalb Schuljahre in Lehnin wünscht er sich "etwas mehr Förderunterricht", ansonsten findet er den Ganztag einfach nur "gut".

Orchester vor Bühne mit Darstellern

Dessen Gelingen hängt nach Ansicht von Ganztagskoordinatorin Ina Stahlberg davon ab, dass "in der dafür gebildeten Arbeitsgruppe alle - angefangen von den Schülern über Eltern, Erzieherinnen und Pädagogen his hin zu den Kooperationspartnern mitwirken und die Bereitschaft zu offener Kommunikation und Transparenz herrscht". Karin Friedrici ergänzt: "Guter Ganztag ermöglicht mehr soziale Kontakte und intensivere Förderung." Sie arbeitet als Lehrerin in Lehnin und ist zugleich in der Lehrerausbildung am Landesinstitut für Schule und Medien tätig.

Wie sehr der Campus zum Mittelpunkt des Ortes gewachsen ist, konnte erst kürzlich beobachtet werden. Zur Premiere des von Schülern, Lehrern und prominenten Opernsängern gemeinsam konzipierten und aufgeführten Musicals "Dementia" strömten rund 600 Zuschauerinnen und Zuschauer und feierten hernach "ihre" Künstlerinnen und Künstler. Angesichts solcher Begeisterung übt sich der Schulleiter in Bescheidenheit: "Noch sind wir am Anfang unserer Visionen."

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