Ganztagsgymnasium Pirmasens: Nachmittags am Ball bleiben

Das Hugo-Ball-Gymnasium Pirmasens, benannt nach dem Dichtersohn der Stadt, zeigt, dass „auch an einem Gymnasium erfolgreich ein pädagogischer Ganztag möglich ist“, der Unterricht und AG-Angebote verknüpft.

HBG Pirmasens
„Ein Gymnasium mit Ganztag ist unentbehrlich.“© HBG Pirmasens

Als das Hugo-Ball-Gymnasium in Pirmasens im Jahr 2015 die Ganztagsschule in Angebotsform einführte, geschah dies auch, um dem Schulstandort zu einem Alleinstellungsmerkmal zu verhelfen. Zwar verfügte die Mittelstadt an der Grenze zu Frankreich über eine gewisse Ganztagstradition – die erste Ganztagsschule in Rheinland-Pfalz war 1975 hier mit der Grundschule Ruhbank/Erlenbrunn entstanden –, aber ein Ganztagsgymnasium gab es eben noch nicht.

Zugleich „hatten wir die Hoffnung, dass der Ganztag mithelfen würde, den Schulerfolg unserer Schülerinnen und Schüler zu stabilisieren“, erinnert sich Schulleiter Ulrich Klein. Die Nachfrage der Eltern war von Anfang an da. Denn auch sie lockte vor allem die Aussicht auf die Unterstützung ihrer Kinder durch Hausaufgaben- und Lernzeiten sowie die Förderangebote in Deutsch, Mathematik, Englisch, Französisch, Latein, Spanisch und Italienisch. 160 der rund 590 Schülerinnen und Schüler nutzen derzeit das Ganztagsangebot. Wer sich für den Ganztag entscheidet, der „bleibt am Nachmittag am Ball“ – bis 15.30 Uhr und bei Bedarf mit weiteren Freizeitangeboten bis 15.55 Uhr. So kann Ulrich Klein heute bilanzieren: „Ein Gymnasium mit Ganztag ist unentbehrlich.“

Ganztag als Perspektivwechsel

58 Lehrerinnen und Lehrer, unterstützt von FSJlern© HBG Pirmasens

Elf sogenannte Hausaufgabengruppen gibt es, in denen alle Unterrichtsfächer vertreten sind. Die Hausaufgabenzeit findet in zwei „Schichten“ statt – von 13.30 bis 14.30 Uhr oder von 14.50 bis 15.30 Uhr. Parallel gibt es Arbeitsgemeinschaften, Förderkurse, Projekte und Freizeitangebote. Der Besuch der Angebote erfolgt „fließend“ und auch nach dem individuellen Förderbedarf. „Ich schicke die Schülerinnen und Schüler zu den jeweiligen 'Fachleuten', also den Kolleginnen und Kollegen, die in der Hausaufgabenzeit im Einsatz sind“, erläutert Lehrer Felix Klein, „oder in die Förderkurse.“

Die Angebote geben ihnen Struktur, „hier finden sie Ruhe und Raum, um sich zu konzentrieren“. Die Jugendlichen nehmen die Angebote gerne an, nach dem Motto: „Ich will auch was vom Nachmittag haben.“ Und so mancher, der in seinen Leistungen „durchhängt“, merkt dann: „Hoppla, es geht ja doch!“ Da die Hausaufgabengruppen klein sind, können die Lehrerinnen und Lehrer die erledigten Aufgaben sogar zumindest auf Vollständigkeit durchsehen.

Chor
Zum breiten Musikangebot gehören auch die Heart Chor Guys.© HBG Pirmasens

Und nicht nur die Schülerinnen und Schüler lernen. Matthias Jann, Studiendirektor, Lehrer für Bildende Kunst und Philosophie, Koordinator der Berufsorientierung und zurzeit auch kommissarischer Leiter des sechsköpfigen Ganztagsteams, schildert seine Erfahrungen und die seiner Kolleginnen und Kollegen wie folgt:

„Ich bekomme ein Gefühl dafür, wie hoch die Gesamtbelastung der Schüler ist, und am nächsten Morgen weiß ich, wo ich im Unterricht ansetzen muss. Man erlebt einen Perspektivwechsel als Lehrer, muss selbst Aufgaben der Kolleginnen und Kollegen verstehen und versuchen, sie den Schülerinnen und Schülern zu erklären und zu helfen. Wir bekommen einen Einblick in die Arbeitsweise der Kinder und Jugendlichen und können dann Tipps zu deren Verbesserung geben. Aber die Schülerinnen und Schüler helfen sich auch gegenseitig. Das stärkt das Miteinander.“

Abgestimmt und abwechslungsreich

Schulleiter Ulrich Klein sieht, dass „manche Schüler auch richtig Ehrgeiz entwickeln“. So besuchen zum Beispiel den Latein-Förderkurs längst nicht nur leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler. „Manche nehmen die Förderkurse wie eine 'Sprechstunde' wahr und gehen ganz gezielt hin.“ Die Jahrgänge mischen sich hier, „und da muss man schauen, wie man was macht, die Gruppe einteilt und so weiter, und ein Gefühl dafür entwickeln, ob ein Schüler noch mal ran sollte.“ Vor Klassenarbeiten ist die Nachfrage am höchsten. Die zusätzlichen Stunden würden Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler regelrecht zusammenschweißen. „Man versteht die Schüler besser, wenn man sie auch außerhalb des Unterrichts kennenlernt.“

Fitnessraum, Aufenthaltsraum und Raum der Stille stehen zur Verfügung.© HBG Pirmasens

Das Ganztags-Team des Hugo-Ball-Gymnasiums, bestehend aus Lehrkräften und unterstützt von zwei FSJlern, funktioniert wie ein „thematischer Kreis“, der intensiv kommuniziert, wo Defizite der Schülerinnen und Schüler bestehen und wie sie sich beheben lassen. Dazu steuern die Fachkonferenzen ebenfalls Konzepte bei. „Bei uns macht keiner was, ohne dass es abgestimmt ist“, erklärt GTS-Koordinator Matthias Jann. „Den Methodenwechsel des Unterrichts übertragen wir auf den Nachmittag – Kinder und Jugendliche brauchen Abwechslung.“

Da auch die meisten Arbeitsgemeinschaften von Lehrkräften angeboten werden, hat das Ganztagsangebot laut Schulleiter Ulrich Klein „nicht so den Ruch des Angehängten“, sondern die AGs können mit Unterrichtsinhalten kombiniert werden. „Bei den AGs zeigt sich die Vielfalt unseres Schullebens.“ Zu den über 30 Angebote gehören zum Beispiel – in jahrzehntelanger Schultradition – Schach in Kooperation mit dem Schachclub Pirmasens, „Argumentieren“ oder die AG Schülerzeitung, ab Klasse 7 die Medienscouts, ab Klasse 9 die AG „Bloggen“ und ebenso „Mathematische Knobeleien“, „Fit in Latein“, „Französische Grammatik“ und „Entspannung“.

„Nachmittags am Ball bleiben“

Schach
Schach in Kooperation mit dem Schachclub Pirmasens© HBG Pirmasens

Es gibt „Kochen und Backen“, Brettspiele oder Dart und sogar Reiten – Letzteres mit dem Reitverein Winzeln und Lehrerin Birgit Hohlweg, die die Trainer-A-Lizenz im Reit- und Voltigiersport besitzt und sehr erfahren in Umgang mit Pferden und in der Anleitung der Reitschülerinnen und ‑-schüler ist. Die Musical-AG sorgt mit ihren Aufführungen – legendär „Mamma Mia“ und „Beauty & the Beast“ – für „Gesamtkunstwerke, die selbst Viertklässler schon für unser Gymnasium begeistert hat‟, freut sich Ulrich Klein. Die von Matthias Jann geleitete AG Medien erstellt dazu die Bühnenbilder.

Musikalisch hat das Ganztagsgymnasium ohnehin viel zu bieten, von der AG Kammermusik bis zur HBG Jazz Rock Combo. Auch der Namensgeber der Schule, der Dada-Dichter Hugo Ball – „Ausnahmefigur und größter Sohn der Stadt Pirmasens“ – kommt zur Geltung: sei es bei der Schul-Band „Hugo-Noten“ oder dem „Schülermännerchor“ Heart Chor Guys unter Leitung von Kirchenmusikdirektor Maurice Antoine Croissant. Die Guys haben schon mit einem „Dada-Event in der Fußgängerzone“ auf sich aufmerksam gemacht. Schließlich leiten Jugendliche selbst AGs, wie die Manga-AG oder die Tanz-AG.

Nicht nur auf dem Fußballplatz ...© HBG Pirmasens

Das Motto lautet für alle: „Nachmittags am Ball bleiben“. Raum für die Arbeitsgemeinschaften und die Freizeitgestaltung bieten die Außenanlage mit Tischtennisplatten, Fußballplatz, Volleyballfeld und Basketballfeld, der Wald mit dem „Waldklassenzimmer“, aber auch Stadion und Schwimmbad in unmittelbarer Nachbarschaft. Da das Hugo-Ball-Gymnasium ein „Jugend trainiert für Olympia“-Stützpunkt in den Sportarten Handball, Fußball, Tennis, Schwimmen, Turnen, Leichtathletik und Volleyball ist, bildet der Sport natürlich neben dem vielfältigen AG-Angebot noch einen besonderen Schwerpunkt, einschließlich intensiver Talentförderung.

Den Kindern und Jugendlichen stehen am Nachmittag die Turnhalle, ein Fitnessraum, der Aufenthaltsraum und ein „Raum der Stille“ zur Verfügung. Wer mag, kann im „Lernraum“, der von Mitschülerinnen und -schülern beaufsichtigt wird, lernen oder üben. Geschichts- und Lateinlehrer Felix Klug betont: „Der AG-Besuch ist sehr frei. Er hängt auch davon ab, wie hoch der jeweilige Förderbedarf der Schülerin oder des Schülers ist. Wir besitzen von jedem einen individuellen Plan, sehen, wo wann wer am Nachmittag ist und korrigieren gegebenenfalls in Richtung mehr Förderung. Manche Schülerinnen und Schüler brauchen ein stärkeres Geländer.“

Riesige Nachfrage nach bilingualem Unterricht

Tennis
... gilt: „Nachmittags am Ball bleiben“© HBG Pirmasens

Neben den AGs und dem Sport sind die Sprachen ein weiteres Aushängeschild des Hugo-Ball-Gymnasiums. Das Erasmus-Programm ist ein „Herzensanliegen“ von Schulleiter Ulrich Klein. „Der Italien- und der Spanien-Austausch sind das Fruchtbarste überhaupt, wenn die Schülerinnen und Schüler für eine Woche in den Familien leben. Aber auch virtuell sind wir gut zusammengewachsen. Zuletzt haben wir ein Erasmus-Projekt gestartet, bei dem es um europäische Werte geht.“ Folgerichtig wurde das Hugo-Ball-Gymnasium 2016 „Europa-Schule des Landes Rheinland-Pfalz“.

Schon seit dem Schuljahr 2009/2010 gibt es einen bilingualen deutsch-englischen Zug. Englisch ist nicht nur Unterrichtssprache im Sprachunterricht, sondern auch in einigen Sachfächern. In den Jahrgangsstufen 5 und 6 gibt es ein bis zwei zusätzliche Wochenstunden Englisch, von Klasse 7 bis 10 dann Englisch als Unterrichtssprache in zwei gemeinschaftskundlichen Fächern, außerdem ebenfalls zwei zusätzliche Wochenstunden Englischunterricht. „Die Nachfrage nach unserem bilingualen Zug ist riesig“, freut sich Ulrich Klein. „Die Schülerinnen und Schüler profitieren richtig davon.“ Am Ende der Schulzeit bekommen sie das Cambridge C1-Zertifikat. Auch das DELF-Diplom (Diplôme d'études de langue francaise) kann am Hugo-Ball-Gymnasium erworben werden.

Bilingual mit „riesiger Nachfrage“ und „MINT-freundliche Schule“© HBG Pirmasens

Ganz vorne dabei ist die Schule in Sachen Digitalisierung. Die Stadt Pirmasens als Schulträger investiert in ihr Gymnasium. Für die „MINT-freundliche Schule“ und „Medienscout-Schule“ sind bereits 382.000 Euro aus dem Digitalpakt geflossen und haben unter anderem eine Glasfaseranbindung ermöglicht. Die Lernplattform moodle wird zur Online-Zusammenarbeit in Unterricht und Arbeitsgemeinschaften genutzt. „Die digitalen Möglichkeiten werden vom Kollegium begierig aufgenommen. Sie werden dem schülerzentrierten Unterricht nochmal einen Schub geben“, ist Schulleiter Klein überzeugt. „Für das, was die Kolleginnen und Kollegen in der Zeit der Schulschließungen digital bereits auf die Beine gestellt haben, ziehe ich sowieso schon jeden Tag meinen Hut. Es war viel Arbeit, aber unser Fernunterricht ist gut gelaufen.“

Pädagogischer Ganztag

Für Matthias Jann hat sich im letzten Jahr „gezeigt, wie wichtig die Schule ist. Die Ganztagszeiten waren digital zwar nicht zu ersetzen, aber dank des Ganztagspersonals besser zu stemmen. Jetzt müssen wir unsere Didaktik für den Fernunterricht noch weiterentwickeln.“ 58 Lehrerinnen und Lehrer arbeiten am Ganztagsgymnasium. Dass das Hugo-Ball-Gymnasium auch Ausbildungsschule ist, sieht Jann als Verpflichtung: „Da bleibt uns gar nichts Anderes übrig, als an der Bildungsfront ganz vorne mit dabei zu sein.“

AG Medien
Medien-AG mit GTS-Koordinator Matthias Jann© HBG Pirmasens

Und so ist der Willkommensgruß für neue Schülerinnen und Schüler – „Individuelle Entwicklungsmöglichkeiten durch gymnasiale Vielfalt“ und „Lernen und Lehren in einer starken Schulgemeinschaft“ – mit Leben gefüllt, auch aufgrund der Ganztagsschule. Einen schönen Einblick in diese Vielfalt bietet das von den Schülerinnen und Schülern der Medien-AG erstellte Video.

Schulleiter Ulrich Klein bilanziert, dass sich auch das Schulklima insgesamt durch die Ganztagsschule verbessert hat. „Die Zufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen und der Kinder und Jugendlichen sagt alles. Mancher Referendar wäre froh, wenn er bei uns bleiben könnte. Wir zeigen, dass man auch an einem Gymnasium erfolgreich einen pädagogischen Ganztag anbieten kann.“

 

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