Ganztagshäppchen für zwischendurch

Das Jahrbuch Ganztagschule 2021/22 in neuer Herausgeberschaft widmet sich im Schwerpunkt den Übergängen im Bildungssystem. Es beinhaltet Grundlagenbeiträge, Forschungsergebnisse und Beispiele aus der Praxis.

© debus Pädagogik Verlag

Bevor wir uns die Inhalte des Jahrbuchs Ganztagsschule 2021/22 „Ganztagsschule und Übergänge im Bildungssystem“ genauer unter die Lupe nehmen, soll in dieser Rezension eine kurze Passage dem ausgeschiedenen Herausgeberteam gewidmet werden. Sabine Maschke, Gunhild Schulz-Gade und Ludwig Stecher ist es in den vergangenen Jahren gelungen, dieses Werk nachhaltig weiterzuentwickeln. Sie haben stets spannende neue Themen gefunden und wissenschaftlich, aber auch unterhaltsam transportiert. Nun haben sie die Verantwortung an die neuen Herausgeber Falk Radisch, Uwe Schulz und Ivo Züchner übergeben. 

Falk Radisch, Professor für Schulpädagogik an der Universität Rostock, beschäftigt sich seit 2001 mit der Ganztagsschulforschung und war maßgeblich an der Planung der „Studie zur Entwicklung von Ganztagsschulen“ (StEG) beteiligt. Uwe Schulz ist seit dem Jahr 2003 mit dem Thema Ganztagschule in Nordrhein-Westfalen befasst, wo er u.a. federführend am „Bund-Länder-Programm „Lernen für den GanzTag“ beteiligt war; er leitet seit 2011 das Referat „Ganztagsbildung“ im Ministerium für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Ivo Züchner war über 12 Jahre in unterschiedlichen Instituten und Rollen an der „Studie zur Entwicklung von Ganztagschulen“ beteiligt und ist Professor für außerschulische Jugendbildung an der Philipps-Universität Marburg.

Schwerpunkt Übergänge

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Vor uns liegt nun also das erste Ergebnis dieses Herausgebertrios. Das Jahrbuch Ganztagsschule soll künftig alle zwei Jahre erscheinen. So soll Zeit gewonnen werden, jeweils einen inhaltlichen Schwerpunkt von ausgewiesenen Expertinnen und Experten beleuchten zu lassen. Eine gute Idee, zumal die Darstellung aktueller Veränderungen auch künftig nicht zu kurz kommen soll. Sicher ein kluger Schachzug – gäbe es nur einen inhaltlichen Schwerpunkt, drohte der Kreis derjenigen, die sich die rund 260 Seiten zu Gemüte führen, kleiner ausfallen. Wie es ohnehin ein sinnvolles Konzept zu sein scheint, die einzelnen Beiträge so aufzubauen, dass sie auch kapitelweise und nicht an einem Stück gelesen werden können. Ganztagshäppchen für zwischendurch.

Das aktuelle Buch beschäftigt sich im Schwerpunkt mit Übergängen im deutschen Schulsystem. Was kann die Ganztagsschule zum Gelingen der Wechsel beitragen? Tut sie es oder könnten Potenziale intensiver genutzt werden? Die beim Deutschen Jugendinstitut im Projekt „DJI-Kinderbetreuungsstudie (KiBS)“ tätige Diplom-Psychologin Katrin Hüsken blickt in ihrem Beitrag auf die Schnittstelle Kindergarten/Grundschule. Dazu nutzt sie Daten der Studie von 2019. Spannend: Vier von fünf Eltern (78 Prozent in Westdeutschland und 95 Prozent in Ostdeutschland) möchten in der Grundschule weiterhin auf institutionelle Betreuungsangebote zurückgreifen. Hüsken: „Der Ausbau von Betreuungsangeboten muss also weitergehen, um den Bedarf der Eltern decken zu können.“ Man möge ergänzen: Ist den östlichen Bundesländern, dem Saarland und in Hamburg nähert sich die Ausbauquote teilweise 100 Prozent.

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Dass in der DJI-Studie als häufigste Gründe für eine Anmeldung im Ganztag die „verlässliche Betreuung“ und „die Aufnahme/Ausweitung der beruflichen Tätigkeit“ genannt werden, ist sicher keine Überraschung. Dass aber die „Förderung der Selbstständigkeit des Kindes“, die „Beaufsichtigung/Unterstützung bei Hausaufgaben“ sowie „Bessere Leistungen in Schulfächern“ deutlich dahinter rangieren, ist bedauerlich. Ganztag soll ja gerade auch dazu beitragen, durch ein Mehr an Zeit ein Mehr als Bildung jedweder Art zu ermöglichen.

Motive für den Ganztagsplatz

Ein Mehr an Bildung beeinflusst stark den Wechsel von der Grundschule zur weiterführenden Schule. Das machen die Pädagogin und Soziologin Susanne Gerleigner und der Soziologe Alexander Kanamüller, ebenfalls vom Deutschen Jugendinstitut München, in ihrem Beitrag fürs Jahrbuch deutlich. Sie haben diesen Übergang anhand zahlreicher Studien der Bildungsforschung analysiert. 

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Sie berufen sich unter anderem auf eine Studie ihrer Kollegin Irene Hofmann-Lun von 2020, wenn sie feststellen: „Und tatsächlich konnte eine aktuelle qualitative Studie mithilfe von Familieninterviews in Nordrhein-Westfalen herausarbeiten, dass sich die Motivik der Ganztagsschulnutzung zwischen der Grundschule und der Sekundarstufe I entsprechend zu unterscheiden scheint. War die Ganztagsschulnutzung in den befragten Familien in der Grundschulzeit eher pragmatischer Natur, da für die Kinder eine Betreuung am Nachmittag gewünscht bzw. benötigt wurde, traten bei den Überlegungen zur weiterführenden Schule andere Aspekte in den Vordergrund.“ 

Gemeint ist die stärkere Unterstützung der Kinder durch stärkere individuelle Förderung. Hier gilt es vielleicht öffentlichkeitswirksam anzusetzen: Stärker als bisher könnten Eltern dafür sensibilisiert werden, dass eben in den jungen Jahren, sprich in Kita und Grundschule, die Weichen für eine erfolgreiche Bildungsbiografie gestellt werden. 

Fazit des Autors: Ein lesenswertes Kapitel, da manch eine „Vermutung“ über Elternvorstellungen und Wechselmotive, aber auch die Bedeutung der sozialen Herkunft einer Familie durch eine Fülle in Studien gewonnenen Erkenntnissen bestätigt und analysiert werden.

Gemeinsame Leistung

Christine Steiner, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsschwerpunkt „Übergänge im Jugendalter“ am Deutschen Jugendinstitut, wirft ihren Blick auf das, was nach der Schule folgt, bzw. welchen Beitrag Ganztagsschulen bei der Entscheidungsfindung leisten (können). Schnell wird deutlich, dass es hier noch Hürden zu meistern gibt. Sie bestätigt den Eindruck so mancher Eltern und Lehrkräfte, wenn sie schreibt: „Neben einem Mangel an Untersuchungen über die Wirksamkeit der schulischen Berufsorientierung wird insbesondere auch die durch zahlreiche Förderprogramme und Projekte entstandene Vielzahl von Angebotsformaten und Praxismodulen als wenig förderlich angesehen.“ Sie fügt hinzu: „Als Teil des Unterrichts ist die Berufsorientierung für Schüler/innen obligatorisch; gleiches gilt für einen Teil der Angebote. Nicht zuletzt aus diesem Grund gelten vor allem die gebundenen Formen der Ganztagsschule als vielversprechender Rahmen für die berufliche Orientierung von Schüler/innen und die Unterstützung von Übergangsprozessen.“ 

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Schließlich noch ein optimistisch stimmender Aspekt: „Damit zeichnet sich eine gewisse Arbeitsteilung bei der Übergangsunterstützung zwischen dem Ganztagsangebot und der schulischen Berufsorientierung ab. Anders ausgedrückt: Gemeinsam leisten sie das, was inzwischen von einer Übergangsbegleitung erwartet wird, nämlich auch mittelfristige Bildungsziele und nicht nur unmittelbar berufs(ausbildungs)bezogene Themen in den Blick zu nehmen“, hält Christine Steiner fest.

Aktuelles, Wissenschaft, Praxis

Dass in dieser Besprechung das Hauptaugenmerk auf die Betrachtung der Übergänge gelegt wird, ist weniger der Tatsache geschuldet, dass sie den Schwerpunkt des Buches bilden, sondern würdigt vielmehr, dass eine solch komprimierte Analyse der Schnittstellen in Veröffentlichungen zur Ganztagsschule gelungen ist.

Zum Lesewert des Jahrbuchs tragen die weiteren Abhandlungen zu anderen Themen bei. Spannend ist – auch für die Leserinnen und Leser des Ganztagsschulportals – besonders die Bilanz aus 15 Jahren StEG-Ganztagschulforschung, die Stephan Kielbock, wissenschaftlicher Koordinator am DIPF, Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, erstellt hat. 

Unterricht
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Und weil es hilfreich ist, auch jene zu hören, über die man spricht und schreibt, sind auch die Gedanken über „Kinderperspektiven auf Ganztag im Grundschulalter“ empfehlenswert. Hingewiesen sei auch auf ein besonderes Kapitel: Dass Schulleiter Christian Eberhard (OGS Gottfried Kinkel in Bonn) auf die Erfahrungen seiner Schule im Umgang mit Corona blicken darf, beschert dem Jahrbuch einen gelungenen praxisbezogenen Abschluss. Erfreulicherweise verweist Eberhard im Text auf sein Kollegium, das bekanntermaßen den wesentlichen Beitrag zur erfolgreichen Begleitung der Grundschülerinnen und -schüler leistet.

 

Inhaltsverzeichnis

Falk Radisch, Uwe Schulz, Ivo Züchner
Vorwort

Inhaltlicher Hauptteil zum Thema Ganztagsschule und Übergänge im Bildungssystem 

Gabriele Bellenberg, Grit im Brahm u.a.
Übergänge im deutschen Schulsystem – Institutionelle Rahmung und organisationale Ausgestaltung zwischen Selektion und Passung 

Katrin Hüsken
Bildung, Betreuung – was suchen Eltern am Schuleintritt? 

Susanne Gerleigner, Alexander Kanamüller     
Der Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe und die Rolle der Ganztagsschule 

Christine Steiner
Übergänge im Anschluss an die Schule: (K)Ein Thema im schulischen Ganztagsangebot? 

Aktuelle Themen und Allgemeines 

Petra Strähle, Andrea Preußker
Ganztagsschulen im Deutschen Schulpreis: Potenziale für gute Qualität aus der Sicht von Preisträgern 

Stephan Maykus
Inklusive Ganztagsschule: Erweiterte Pädagogik und Organisation als herausfordernde Bedingungen einer veränderten Schule 

Wissenschaft 

Stephan Kielblock
Fünfzehn Jahre StEG-Ganztagsschulforschung – Bilanz und anzugehende Handlungsfelder 

Klaus Klemm, Dirk Zorn
Ausgaben für Ganztagsschulen: eine unendliche Geschichte 

Iris Nentwig-Gesemann, Bastian Walther
Kinderperspektiven auf Ganztag im Grundschulalter 

Aus dem In- und Ausland 

Frank Brückel, Susanna Larcher u.a.
Transformation eines öffentlichen Schulsystems in der Schweiz: Das Projekt „Tagesschule 2025“ der Stadt Zürich 

Dieter Eckert, AWO Bundesverband
Chronologie der Expert*innen-Runde „Rechtsanspruch guter Ganztag“ – auf der Suche nach den Gelingensbedingungen für einen guten Ganztag 

Uwe Schulz
Gemeinsame Empfehlungen der Jugend- und Familien- sowie der Kultusministerkonferenz der Länder zu „Entwicklung und Ausbau einer kooperativen Ganztagsbildung in der Sekundarstufe I“ 

Aus der Praxis

Christian Eberhard
Corona hits Ganztagsschule – Welche Chancen können wir aus dieser herausfordernden Zeit ziehen, um ein beziehungsreiches und inklusives Lernen weiter zu fördern?

Falk Radisch, Uwe Schulz, Ivo Züchner (Hrsg.) (2021): Jahrbuch Ganztagsschule 2021/22: „Ganztagsschule und Übergänge zum Bildungssystem“. Frankfurt am Main: Debus Pädagogik.
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