Reichtum, der von außen kommt

"Musik - die Mathematik der Gefühle" titelte ein deutsches Nachrichtenmagazin Ende Juli. Jenseits der Erkenntnis, dass Musik aus einer faszinierenden Mischung aus Mathematik, Physik und Sinneswahrnehmung besteht, ist es unbestritten, dass das Erlernen und Spielen von Instrumenten gerade auch im Verbund mit anderen - sei es in einer Band oder in einem Orchester - die soziale Kompetenz erhöht und Konzentration und Gedächtnisleistungen verbessert. "Es ist die Musik, die den Menschen zum ganzen Menschen macht", erklärte Bundespräsident Johannes Rau in seiner Rede auf dem Kongress "Musik bewegt" am 8. September in Berlin.

Beim Aufbau von Ganztagsschulen sollen kreative Aktivitäten, Schule und Freizeitgestaltung Hand in Hand gehen, Motivation, Gemeinschaftsgefühl und Teamfähigkeit der Schülerinnen und Schüler gestärkt werden. Gemeinsames Musizieren ist dabei neben dem Sport ein geradezu ideales Angebot, um diese Ziele zu erreichen. Das pädagogische Konzept einer Ganztagsschule kann auch die Öffnung der Schule durch Kooperationen mit anderen sozialen und kulturellen Einrichtungen vorsehen: Das bedeutet, dass Schulen enger als bisher mit Musikschulen oder Musikvereinen zusammenarbeiten.

Mädchen an der Harfe

Die Landesregierung Nordrhein-Westfalens unterzeichnete am 18. Juli 2003 eine Rahmenvereinbarung mit dem LandesMusikRat und dem Landesverband der Musikschulen die mit dem im September begonnenen neuen Schuljahr wirksam wurde.

"Die Grundschulen sind sehr interessiert", berichtet Michael Brüning von der Landesarbeitsgemeinschaft Musik Nordrhein-Westfalen (LAG), dem größten Organisationsverbund in der außerschulischen kulturellen Jugendbildung in Nordrhein-Westfalen. Die Landesarbeitsgemeinschaft kooperiert seit Schuljahresbeginn mit acht Offenen Ganztagsgrundschulen, darunter vorwiegend solchen mit hohem Ausländeranteil oder in sozialen Brennpunkten. Michael Brüning legt großen Wert auf interkulturelle Musikprojekte, so zum Beispiel an der Kunterbunt-Gemeinschaftsgrundschule in Duisburg-Marxloh, wo der Percussionist Arnd Dahlbeck mit den Kindern afrikanische Rhythmen trommelt. "Die Kinder stellen sich ihre eigenen Trommeln - zum Beispiel aus Blumentöpfen - her", berichtet Schulleiterin Marlies Pesch-Krebs. "Durch die Trommelkurse schulen sie ihr Rhythmus-Gefühl und ihre Konzentrationsfähigkeit."

Gemeinsames Singen - experimentelles Lernen

Es sind laut Brüning "Musikpädagogen und Top-Musiker", welche die LAG an die Schulen vermittelt. "Die Schulen kommen auf uns zu", erzählt Brüning, "und wir klären in einer Vorab-Recherche die Bedarfslage und erarbeiten ein Konzept: Was stellen sich die Schulen vor? Es macht keinen Sinn, mit Blockflöten in die Schule zu kommen, wenn kein Interesse daran besteht." Die Kooperationen greifen bereits: "Der Vergleich mit dem europäischen Ausland, zum Beispiel Dänemark, zeigt, dass unsere Kinder musikalisch hinterherhinken. Wir brauchen neue Konzepte und müssen experimentelles Lernen weiterentwickeln."

Für Musikschulen haben die vereinbarten Kooperationen einen weiteren Hintergrund: Sie hoffen natürlich auch auf Nachwuchs in den eigenen Reihen. "Das ist unsere subversive Strategie", scherzt Peter Haseley, der Leiter der Clara Schumann-Musikschule in Düsseldorf. Die Schule arbeitet mit vier Düsseldorfer Ganztagsgrundschulen zusammen. Zwei Stunden pro Woche und Schule lehren die Musiklehrer am Nachmittag bis 17 Uhr mit "großer Resonanz": "Unsere Kräfte kommen gut an, den Kindern macht es Spaß, und wir sammeln neue Erfahrungen", zieht Haseley eine erste Zwischenbilanz. Einige Schulen überlegten schon, sogar auf vier Stunden zu erhöhen.

Mit den Schulen habe man abstimmen müssen, was am Nachmittag den Schülerinnen und Schülern beigebracht werden soll, damit der Musikunterricht am Vormittag ideal ergänzt werde. Haseley: "Das Problem ist, dass die Ausstattung an den Schulen sehr unterschiedlich ist, so dass wir in der Anfangsphase ohne instrumentale Voraussetzungen beginnen müssen." Doch das sieht der Musikschulleiter als weniger problematisch an: "Es geht hier erst mal um Grundelemente der Musik wie gemeinsames Singen."

Besorgter ist Haseley, dass das Kooperationsprojekt dazu führen könnte, dass der Vormittagsunterricht lediglich in den Nachmittag verlagert werde. "Aber solange die Finanzierung geklärt ist, sind wir dabei", stellt er klar, "denn das Projekt an sich ist sinnvoll und unterstützenswert."

Alphabetisierung durch Musik

Eine der Schulen, mit der die Clara Schumann-Musikschule zusammenarbeitet, ist die Gemeinschaftsgrundschule Richardstraße in Düsseldorf-Eller. Neben dem von Haseley erwähnten Elementaren wie Liedersingen oder Musizieren mit leichten Instrumenten bringt eine Musikschulmitarbeiterin den Kindern Volkstänze bei. Dabei werden die ersten und zweiten Klassen sowie die dritten und vierten Klassen jeweils zusammen unterrichtet. "Diese Künstler, die von auswärts kommen, bringen einen unheimlichen Reichtum in die Schulen. Von einem Künstler, der beispielsweise sein Leben der Gitarre gewidmet hat, können die Kinder doch viel mehr mitnehmen als von einem Lehrer", ist Direktor Rolf Kessler begeistert.

"Wir befinden uns in einer Findungsphase", beschreibt Volker Gerland, Leiter der Musikschule Dortmund und Vorstandsmitglied des Landesverbandes der Musikschulen NRW, die Situation. "Viele Schulen haben sich erst mal um die Verlässlichkeit des Angebots am Nachmittag gekümmert und klären jetzt ihre qualitativen Ansprüche." Diese völlig neue Angebotsform müsse sowohl von den Schulen wie auch den Musikschulen zunächst mal begriffen werden. "Aber das Interesse ist groß, wir stehen mit zehn Dortmunder Grundschulen im Gespräch", berichtet Gerland.

"Musik ist nur durch Ausprobieren erlernbar, und es braucht Instrumente zur musikalischen Alphabetisierung. Wenn die Nachmittagsangebote nicht nur aus Verwahren und Betreuen bestehen, sondern es wirklich um Musik geht, dann dürfen wir dies nicht verschlafen - sonst ist bald beides bedeutungslos: Der Musikunterricht und die Musikschulen", mahnt der Musikschulleiter. "Die Türen für eine gute Musikerziehung für unsere Kinder stehen im Moment günstig offen. Wenn wir jetzt nicht einsteigen, verpassen wir diese Chance."

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