Kooperation mit Ausrufezeichen

Neben den Sportvereinen sind kulturelle Partner einer der Eckpfeiler im Nachmittagsangebot der Ganztagsschulen. Wie es ein Jahr nach Beginn des Programms der offenen Ganztagsgrundschulen in Nordrhein-Westfalen um Erfahrungen und Perspektiven in der Zusammenarbeit bestellt ist, wollte die Fachtagung "Schule und Kultur - eine kreative Allianz?" in Dortmund klären.

Als zum Schuljahr 2003/04 die ersten nordrhein-westfälischen Ganztagsgrundschulen eingeführt wurden, veranstaltete das NRW-Kultursekretariat eine Fachtagung in Dortmund mit dem Titel "Schule, ganz offen für Kultur". Damals waren der Erlass zur Offenen Ganztagsgrundschule neu, der Weg zur Ausgestaltung noch nicht klar konturiert und die Perspektiven offen. Inzwischen sind in den Schulen viele Erfahrungen gesammelt und ausgewertet, weitergehende Programme entwickelt und erprobt worden.

Fast auf den Tag genau ein Jahr danach war es Zeit für eine erste Zwischenbilanz. Am 5. Juli lud das NRW-Kultursekretariat wiederum in Dortmund, um unter dem Titel "Schule und Kultur - eine kreative Allianz?" über die Erfahrungen, Probleme und Aussichten in der Zusammenarbeit zwischen offenen Ganztagsschulen im Primarbereich und kulturellen Kooperationspartnern zu diskutieren.

Rund 180 Interessierte aus Schule, Verwaltung, Politik und Kultur folgten der Einladung. Jörg Stüdemann, Dezernent für Kultur, Sport und Freizeit der Stadt Dortmund, begrüßte das Plenum und stellte gleich klar, dass das Fragezeichen im Titel der Veranstaltung aus seiner Sicht bereits durch ein Ausrufezeichen ersetzt werden könne: "Die kreative Allianz wirkt. Kulturelle Bildung ist ideal, um Kinder zu themenübergreifenden Verstehen und wertenden Urteilen zu befähigen."

"Qualität der Ganztagsschulen fällt sehr unterschiedlich aus"

Als einen "großen Glücksfall" bezeichnete Dr. Christian Esch die offenen Ganztagsgrundschulen in seiner Begrüßung. Bei seinen eigenen Kindern, so der Direktor des NRW-Kultursekretariats, habe er feststellen können, welche Begeisterung die vielfältigen Angebote im Nachmittagsbereich auslösten. Bekannte aus anderen Bundesländern, wo es solche Einrichtungen noch nicht gebe, seien richtig neidisch geworden: "Warum gibt es so was für unsere Kinder hier nicht?" Allerdings sei die Grundschule seiner Kinder im Essener Süden auch eine, an der das Engagement der Schulleitung stimme. Dadurch, dass es wenige Vorgaben vom Land gebe, falle die Qualität der offenen Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen sehr unterschiedlich aus. Neben dem unterschiedlichen Einsatz von Schulleitungen und Kollegien schwankten auch die Honorare, die außerschulischen Partnern wie Künstlern angeboten würden, von Schulträger zu Schulträger beträchtlich - mit oftmals absurd niedrigen Honorarangeboten. "Wir würden schon wollen, wir müssen aber auch können", forderte Esch, mehr Geld in das System offene Ganztagsgrundschule zu leiten, um Qualität zu gewährleisten.

Dass eine bessere finanzielle Ausstattung der Schulen wünschenswert sei, räumten Schulministerin Ute Schäfer und Kultusminister Michael Vesper in ihren Impulsreferaten ein, die angespannte Kassenlage in Nordrhein-Westfalen lasse zurzeit aber nicht mehr zu. Gegen Eschs Einwand der zu starken Dezentralisierung bei der Ausgestaltung der Ganztagsgrundschulen trat Ute Schäfer allerdings entgegen: "Der Erfolg der offenen Ganztagsschulen beruht auf der konkreten Gestaltung vor Ort." Dieser Erfolg zeige sich im großen Interesse der Eltern, ihre Kinder an einer Ganztagsgrundschule anzumelden, und an der Nachahmung des NRW-Modells durch Hessen, das im kommenden Schuljahr ebenfalls Ganztagsschulen im Primarbereich analog dem nordrhein-westfälischem Programm einführe. "Die Verantwortung für die Ausgestaltung des Programms sollte bei den Kommunen belassen werden", folgerte die Ministerin.

Der Anfang des Programms sei für alle Beteiligten wie ein "Sprung ins kalte Wasser" gewesen und man müsse die Ganztagsschulen als "ergebnisoffenen Entwicklungsunterricht" begreifen, so Ute Schäfer. Doch man sei auf dem richtigen Weg, wie die Untersuchung "In der Freizeit für das Leben lernen" des Deutschen Jugendinstituts gezeigt habe: "Öffentlich zugängliche Freizeitangebote können Defizite in Familien und im Wohnumfeld kompensieren." Nichts Anderes leisteten die Offenen Ganztagsgrundschulen mit ihren kulturellen Angeboten am Nachmittag. "Kulturelle Bildung bereichert die Schulen und bringt Professionalität von außen in die Schulen herein", stellte die Schulministerin fest. "Ganztagsschule erfordert aber auch Phantasie auf beiden Seiten und die Beteiligung der Kinder an der Konzeption von Angeboten."

Kultur stärkt Selbstbewusstsein der Kinder

Für Michael Vesper sind die Ganztagsschulen ein "Experimentierlabor", ein "neues Haus des Lebens und Lernens, das durch viele Professionalitäten unterstützt wird". Die außerschulischen Partner sollten keine Angst vor Kooperationen haben, sondern sie als große Chance begreifen. "Es gibt die Sorge bei Musikschulen und Sportvereinen, Mitglieder zu verlieren, aber die positiven Stimmen überwiegen", so der Kultusminister. Beispiele wie das Yehudi Menuhin-Projekt, bei dem Musiker für zwei Stunden in der Woche in die Schule kämen, um mit den Schülerinnen und Schülern zu musizieren, seien positiv: "Die Kinder entwickeln Selbstbewusstsein, und ihre Leistung steigert sich auch in anderen Fächern." Neben Musikschulen böten sich Museen, Theaterprojekte und das inzwischen ausgelaufene Schriftleiterprojekt, in welchem kreatives Schreiben durchgeführt worden sei, als erfolgreiche Kooperationspartner an.

In der anschließenden kurzen Podiumsdiskussion mit den beiden Ministern wehrte sich Ute Schäfer dagegen, das Engagement von Ehrenamtlichen und Müttern in den Schulen abzuwerten. Klar sei aber auch, dass die Basis der Angebote hauptsächlich im Professionellen liegen solle. Sei es denn angedacht, die Angebote auf ihre Qualität untersuchen zu lassen, kam daraufhin eine Frage aus dem Plenum. "Nein, wer sollte das auch machen, das gibt einen zu großen bürokratischen Aufwand", wehrte Vesper ab. Sein Ministerium plane allerdings, Preise für herausragende Projekte auszuloben und Arbeitshilfen über bestehende Kooperationen herauszugeben.

Dennoch: Oftmals sei das, was am Nachmittag in den Schulen ablaufe mehr Betreuung ohne Konzept als Bildung, schilderte ein Vertreter des Freien Theaters Duisburg. "Ein nachvollziehbares pädagogisches Konzept ist die Voraussetzung dafür, um Ganztagsschule zu werden", konterte Ute Schäfer. Bei Honoraren, "von den niemand leben kann", wie Tanzlehrerin Ingrid Brendel aus Mönchengladbach kritisierte, sei es aber schwierig, qualifiziertes Personal in die Schulen zu holen und eine adäquate Bildung zu gewährleisten. Der Schul- und Kulturdezernent der Stadt Bochum Dr. Hans-Georg Küppers wies darauf hin, dass auch seine Kommune sich zwischen niedrigen Honoraren und hohen Elternbeiträgen entscheiden müsse: "Um eine soziale Auslese zu vermeiden, entscheiden wir uns dabei gegen zu hohe Elternbeiträge." Michael Vespers Vorschlag, mehr Geld durch Sponsoren in die Schulen zu holen, führte zu Unruhe im Publikum, und auch Küppers konnte dem nichts abgewinnen: "Das wäre mehr als ein Schritt zurück."

Wo sind die rechtlichen Grenzen?

"Kultursponsoring funktioniert in dieser Breite nicht", meinte Dirk Schneider vom Referat Schule, Jugend und Kultur der Stadt Mühlheim später in der AG "Institutionelle Rahmenbedingungen", einer der fünf Arbeitsgruppen, die sich am Nachmittag trafen. "Man muss es klar sagen: Das System ist hoffnungslos unterfinanziert." Genauso sah das auch Volker Gerland, der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der Musikschulen, dennoch warnte er davor, den "Prozess zur Ganztagsschule zu verschlafen." Als Verband mache man den Musikschulen Mut, auf die Schulen zuzugehen. "Der Zeitkorridor der Kinder wird in jedem Fall schmaler werden, daher ist es besser, in die Schulen zu gehen, wo man mehr Kinder erreichen kann, als es sonst jemals möglich wäre."

In Sachen Verträgen, dem Willen der Zusammenarbeit und der Finanzierung sei das Land ein echter "Flickenteppich" und es sei sehr unterschiedlich, wofür Geld ausgegeben werde. "Der Bildungscharakter darf nicht vom Zufall örtlicher Gegebenheiten abhängen", war sich Gerland mit den Anwesenden einig. Diese Aussage formulierte die Arbeitsgruppe als Forderung an die Politik.

"Die Freiheit vor Ort in allen Ehren", so Dirk Schneider, "aber man muss wissen, wo die rechtlichen Grenzen sind." Eine "Grauzone" ergebe sich zum Beispiel, wenn Kinder, die nicht für den Ganztag angemeldet sind, an einzelnen Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag teilnehmen möchten. "Dürfen sie das, und müssen sie dafür bezahlen?", fragte Gerland. Dass sich diese Frage stelle, zeige die Attraktivität der Angebote an einigen Schulen - und möglicherweise sei es auch eine Möglichkeit für Schulen, an zusätzliche Mittel zu kommen. Dies sollte aber rechtlich geklärt werden.

Die Arbeitsgruppe "Qualifizierung und Fortbildung" kam zu den Ergebnissen: "Qualifizierung ist unabdingbar, braucht Geld und praxisnahe Projekte." Wesentlich sei darüber hinaus, dass sich "Lehrer, Erzieher und Künstler untereinander austauschen". In der AG "Wirksamkeit künstlerischer und kultureller Programme" stellten die Teilnehmer fest: "Kulturarbeit schafft Selbstbewusstsein", die Angebote müssten allen sozialen Schichten zugänglich sein, und es bedürfe einer strukturierten Entwicklungsplanung. "Jeder muss einen Ansprechpartner haben", forderte die AG "Vielfalt der Strukturen". Die angestrebte Vielfalt bedürfe "klarer Strukturen". Zuletzt formulierte die Arbeitsgruppe "Paradigmenwechsel für die ästhetische Erziehung": "Kulturelle Bildung muss die Schule komplett verändern, ihr nicht bloß angehängt werden. Sie braucht Mediatoren, Funktionsräume und einen Etat."

Wie es zu Beginn der Tagung bereits Dezernent Stüdemann getan hatte, regte auch Christian Esch in seinem Resümee eine dritte Tagung zu diesem Thema wieder genau ein Jahr darauf an. "Dort sollten wir dann mehr über Inhalte sprechen. Über das ,wie' haben wir nun ausführlich gesprochen, dann käme es auf das ,was' an."

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