Kultur macht Schule

Spannende Kooperationsmöglichkeiten für Ganztagsschulen eröffnen sich im kulturellen Sektor: Über Musikschulen hinaus können Kinder und Jugendliche kreativ im Theater oder mit bildenden Künstlern lernen. Den Schulen steht ein vielfältiges Angebot offen.

In ihrer Rede anlässlich der KMK-Präsidentschaftsübergabe am 14. Januar 2004 widmete sich die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen unter anderem dem Thema Kultur und Ganztagsschulen: "Gerade vor dem Hintergrund eines Ausbaus der Ganztagsschulangebote bietet sich eine Kooperation zwischen kulturellen Einrichtungen, Künstlerinnen und Künstlern und Schulen an", stellte die Ministerin fest.

Wenige Tage später betonte auch Bundespräsident Johannes Rau in seinem Grußwort anlässlich der Eröffnung des Kongresses der Kulturstiftung der Länder "Kinder zum Olymp" die Bedeutung dieser Zusammenarbeit: "Damit Ganztagsschulen ihren neuen Aufgaben gerecht werden können, brauchen sie die tatkräftige Unterstützung der Gesellschaft. Wie diese aussehen kann, zeigen die vielen Projekte in den Bereichen Musik, Theater, Tanz, Literatur, Medien, Kunst und Kulturgeschichte. Ich bin davon beeindruckt, wie viele Einzelne sich in solchen Projekten engagieren, und mich beeindruckt, wie viele Orchester, wie viele Theater, wie viele Literaturhäuser Kinder und Jugendliche an Kunst und Kultur heranführen."

Der Deutsche Kulturrat griff dieses Bekenntnis der Politik zu einer engen Zusammenarbeit zwischen Ganztagsschulen und kulturellen Institutionen auf und forderte, "beim Aufbau der Ganztagsschulen der Kulturellen Bildung einen prominenten Platz zu geben". Gemeinsam mit den Trägern der außerschulischen Bildung, den Kultureinrichtungen und den Lehrerinnen und Lehrern vor Ort müssten Konzepte zur Einbindung gefunden werden. Die Kultureinrichtungen aller künstlerischen Sparten sowie die außerschulischen kulturellen Bildungseinrichtungen sollten sich "offensiv in diesen Prozess einbringen".

Ideengeber für Ganztagsschulen

Schüler an der Werkbank

In der Tat sind im Ganztagsschulbereich bereits vielfältige Kooperationen mit kulturellen Partnern entstanden. So kooperieren in Greifswald die Kunstwerkstätten, eine Jugendkunstschule, mit acht Ganztagsschulen im offenen Bereich. "Wir bieten drei Modelle der Zusammenarbeit an", erklärt Dr. Susanne Prinz. "Wir kommen in die Schulen, die Schülerinnen und Schüler kommen zu uns in die Werkstätten, oder wir vereinbaren mit den Schulen spezielle Projekte, die zeitlich begrenzt sind, beispielsweise die Verschönerung einer Fassade."

Die auf einem zweiseitigen Kooperationsvertrag basierende Zusammenarbeit funktioniert laut der Kunstpädagogin reibungslos: "Wir halten ständigen Kontakt mit den Schulen, die auch Ideengeber sind. Viele Schulen können nicht leisten, was wir anbieten und sehen uns als sinnvolle Ergänzung des Unterrichtangebots." Dabei gehen die Kunstwerkstätten auf die Wünsche der Ganztagsschulen ein und machen jeweils individuelle Angebote. Vier vom Arbeitsamt bezuschusste Vollzeitkräfte und als Honorarkräfte beschäftigte Künstlerinnen und Künstler wie Bühnen- und Kostümbildnerin, Maler, Grafiker, Tänzerin, Keramikerin und Metallgestalter sowie Kunststudenten arbeiten mit den Kindern und Jugendlichen.

Einmal die Woche können die Schülerinnen und Schüler für zwei Stunden in die offenen Werkstätten kommen, um dort zum Beispiel Portraits zu malen, mit Keramik oder Airbrush zu arbeiten, Radierungen herzustellen, Fotoexperimente zu machen oder sich als Holzbildhauer zu versuchen. Die Ergebnisse können sich sehen lassen: "Die Schüler kommen zu anspruchsvollen Ergebnissen", berichtet Dr. Prinz. Beeindruckt war auch Kultusminister Hans-Robert Metelmann bei seinem Besuch der Kunstwerkstätten am 26. März 2004.

Theater spricht den ganzen Menschen an

Für Theaterpädagogen eröffnen die Ganztagsschulen ein interessantes Betätigungsfeld. Auf der Bundestagung des Bundesverbandes Theaterpädagogik im vergangenen Oktober in Krefeld gab es laut Geschäftsführer Raimund Finke bereits "starkes Interesse" an Ganztagsschulen; bei der diesjährigen Tagung in Magdeburg werden sie gar das Schwerpunktthema sein. "Ganztagsschulen sind ein großartiger Bereich", führt Finke aus, "die Theaterpädagogen können mit den Kindern und Jugendlichen Kommunikation, Ausdrucksfähigkeit und Selbsterfahrung durch das Spiel stärken. Ganz wichtig sind auch Improvisationen."

Falls gewünscht, könnten Theaterstücke, die auch selbst von den Schülerinnen und Schülern verfasst worden seien, einstudiert werden. Finke: "Vor vier Jahren haben wir eine Untersuchung über die Wirkung von Theaterspielen auf Jugendliche durchgeführt. Die Befragten gaben an, dass sie durch das Spielen selbstbewusster geworden seien. Durch die Interaktion mit anderen wird auch die Empathie, das Einfühlungsvermögen, trainiert." Theaterpädagogik sei nicht als Mittel gegen Defizite zu verstehen. "Wir machen keine Therapie", erläutert Finke, "sondern uns geht es um Persönlichkeitsaufbau und Gruppenprozesse." Allerdings seien Honorarsätze von acht Euro pro Stunde "ein Witz". Davon könne kein Theaterpädagoge existieren. "Wir müssen da die weitere Entwicklung anschauen", so Finke.

Lieder machen, Bilder malen, Schülerzeitung redigieren

"Über die gestalterische Erarbeitung eine Stärkung des Selbstwert- und Gemeinschaftsgefühls" zu erreichen, ist auch das Ziel des "Wir sind die Schule"-Projekts des Bremer Kulturvereins "Quartier" an der ganztägigen Hauptschule Pestalozzistraße gewesen. Musiker, Künstler und Designer halfen den Schülerinnen und Schülern, ihre Identifikation mit der Schule künstlerisch auszudrücken: Durch Lieder, Bilder, das Erstellen einer Schülerzeitung oder das Basteln von Schulmaskottchen. Alle Kreationen wurden am Ende der Projektwoche ausgestellt und vorgeführt.

Abenteuerprojekt des Quartier-Vereins in Bremen

"Die Zusammenarbeit mit Schulen geht auf eine Initiative der Kulturbehörde und der Kulturreferentin zurück", berichtet Kulturpädagoge Marcel Pouplier, einer von sieben festen "Quartier"-Mitarbeitern, die mit ihren Kulturprojekten hauptsächlich in die Stadtviertel gehen. "Die Zusammenarbeit mit den Schulen funktioniert sehr gut. Wir können ein auf ihre Bedürfnisse abgestimmtes Paket anbieten." Unter dem Titel "Kultur macht Schule - Schule macht Kultur" gibt es zum Beispiel das "Haus der Abenteuer", das Pouplier zusammen mit acht Kolleginnen und Kollegen organisiert. Hier wird ein Museumsbesuch mit Hilfe eines Gespensterschiffes und Piraten zum Erlebnis.

Piratengeschichten im Museum

Ein Künstlerteam von "Quartier" wählt mit Museumspädagoginnen vom Überseemuseum Piratengeschichten aus aller Welt aus. In einer Theaterfortbildung werden unter der Anleitung der Theaterleute, Tänzerinnen, Maskenbildnerin, Stockkämpfer und Musiker von "Quartier" zwei exemplarische Szenen erarbeitet und gegenseitig vorgestellt. Mit diesem Vorlauf wählen die Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam mit ihren Klassen eine Geschichte und ein zentrales Spielmotiv aus. Nach vielen Vorgesprächen und dramaturgischen Abstimmungen zwischen Künstlern und den Klassen werden die Szenen dann in einer Projektwoche einstudiert und schließlich präsentiert.

Neben diesem spielerischen Projekt mit jüngeren Schülerinnen und Schülern organisierte "Quartier" mit "Im Rausch der Sinne" im vergangenen September an der Gesamtschule West auch einen Workshop mit ernstem Hintergrund. Hier beschäftigten sich Jugendliche auf künstlerische Art mit Suchtprävention. Die Schulklassen machten besondere Erfahrungen beim Hören, Riechen, Balancieren, bei Bewegung und Wärme. An einer Station hörte zum Beispiel nicht nur das Ohr, sondern der ganze Mensch - sitzend in einer riesigen Klangschale von einem Meter Durchmesser. An einer anderen Station wurden Klänge auch sichtbar gemacht. Die Teilnehmer erkundeten die Vielfalt der bewussten und unbewussten Sinne und gingen den Möglichkeiten der Sinnestäuschung nach. So sinnlich statt rein kognitiv auf die Thematik eingestimmt, sprach man unmittelbar darauf in jeder Klasse über eigene Rauscherfahrungen und entwickelte unter künstlerischer Anleitung Ideen zur Umsetzung in den Bereichen Musik, Tanz, Theater oder Bildender Kunst.

Mit Masken und Trommeln nach Afrika

In Freiburg unterbreitet die Spielwerkstatt, eine städtische Einrichtung, den Ganztagsschulen Angebote. Derzeit unterstützt sie mit drei Projekten die Vigelius-Hauptschule bei der Erweiterung zum Ganztagsschulbetrieb. Bis Ende Februar 2004 setzen sich drei Klassen der Jahrgangsstufen sechs bis acht mit dem Thema Afrika auseinander. Die Schülerinnen und Schüler bastelten nach dem Besuch des Völkerkundemuseums Masken aus Papier. In einem Rhythmus- und Percussion-Kurs stellten sie eigene Trommeln her. In einem dritten Projekt machten sich die Jugendlichen mit dem HipHop vertraut.

Zum kommenden Schuljahr werden weitere Freiburger Schulen zu Ganztagsschulen umgewandelt. "Wir sind dabei, eine Projektdatenbank zu entwickeln, damit die Schulen sehen können, was für Angebotsmöglichkeiten es gibt und sich nicht an viele verschiedene Einzelpersonen wenden müssen", meint der Leiter des Instituts für Spiel, Theater und Video Christian Schulz. "Bisher lief es so, dass wir der Schule ein Angebot gemacht haben. Nach einem Gespräch mit der Schulleitung trug diese den Themenkatalog ins Kollegium. Dann mussten noch die Kosten geklärt werden."

Schulz stehen zehn freie Mitarbeiter zur Verfügung - freischaffende Künstler, die durch Lehrerfortbildung auch einen pädagogischen Bezug haben. "Wir achten bei der Auswahl unserer Mitarbeiter darauf, dass sie auch einen Praxisanteil in Lehrtätigkeit aufweisen", erläutert der Sonderschulpädagoge. Von den kommenden Ganztagsschulen liegen schon Anfragen bezüglich einer Zusammenarbeit vor. "Nach Pfingsten machen wir diesen Schulen Angebote", kündigt Schulz an.

"Der Ausbau der Ganztagsschulen stellt für uns alle eine große Herausforderung dar", fasst Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, zusammen. "Schulen, Kultureinrichtungen und außerschulische kulturelle Bildungseinrichtungen, die bislang in getrennten Welten lebten, sind gefordert, gemeinsame Konzepte zur Gestaltung der Ganztagsschule vorzulegen. An deren Entwicklung müssen alle Partner gleichberechtigt beteiligt werden und ihre jeweiligen Stärken einbringen können. Wer jetzt die Kulturelle Bildung in den Aufbau der Ganztagsschulen unzureichend einbezieht, verspielt eine große Chance für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen, aber auch für die Zukunft der Theater und Museen sowie der Musikschulen und der Bibliotheken."

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