Tanzend lernen

Bewegungsarmut, die bei manchen Kindern bereits zu mangelndem Körperbewusstsein und motorischen Störungen führt, ist im Sportunterricht an Schulen bereits zum Problem geworden. Mit einem Kooperationsangebot für nordrhein-westfälische Ganztagsschulen möchte das Landesbüro Tanz diese Fehlentwicklungen korrigieren und das Tanzen in den Schulen verankern.

Es sind nicht nur Konzentrationsschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsstörungen, mit denen sich Lehrkräfte vermehrt bei ihren Schülerinnen und Schülern auseinandersetzen müssen und die den Lernbetrieb zusätzlich erschweren. Unter Sportlehrern häufen sich auch die Klagen, dass es den Schülern zunehmend und in steigender Zahl schwer fällt, Bewegungen zu koordinieren und sich harmonisch zu bewegen. Zum Beispiel haben die Kinder Schwierigkeiten damit, rückwärts zu laufen oder auf einem Bein zu stehen.

Tanzende Mädchen

Der Grund dafür ist schnell gefunden: Der eklatante Bewegungsmangel von klein auf - oft einhergehend mit Übergewichtigkeit bis hin zu Altersdiabetes bereits bei Fünfjährigen - ist verantwortlich für den Verlust der Körperwahrnehmung und der Motorik. Zu viele Kinder und Jugendliche sitzen den Großteil ihrer Freizeit vor Fernseher, Computer oder Spielkonsole. Wenn sie dann noch die meisten Wegstrecken im Auto der Eltern zurücklegen, bleibt nur noch der Sportunterricht für Bewegung. Doch ein, zwei Sportstunden in der Woche können das Bewegungsdefizit nicht ausgleichen.

Um diese Probleme anzugehen, bietet sich an Ganztagsschulen neben Sport-AGs eine andere Bewegungsart an: Der Tanz - laut der Gesellschaft für Zeitgenössischen Tanz NRW  e.V. und des NRW Landesbüros Tanz "die ursprünglichste Kommunikations- und Ausdrucksform". In Schulen wird bislang wenig getanzt, diese Freizeitbeschäftigung ist hauptsächlich auf Tanzschulen und Vereine beschränkt. Die Gesellschaft und das Landesbüro wollen das ändern und haben mit dem Projekt "Tanz als Angebot in der offenen Ganztagsgrundschule" die Grundlage dafür geschaffen, Schülerinnen und Schülern das Tanzen nahezubringen und dadurch auch Bewegungsdefizite abzubauen. Das Projekt wird von den beiden nordrhein-westfälischen Ministerien für Schule und für Kultur gefördert. Als Denkanstoß wählte Projektleiterin Linda Müller in der Informationsbroschüre den Satz "Wer nicht rückwärts laufen kann, der kann auch nicht rückwärts rechnen".

Tanzen für gutes Selbstbewusstsein

Durch künstlerische Tanzerziehung sollen die Schülerinnen und Schüler in spielerischer Form an die tänzerische Bewegung herangeführt werden. Beim Tanzen können die Kinder ihr Gefühl für den eigenen Körper verbessern, mit ihren Bewegungsmöglichkeiten experimentieren, neue Bewegungsformen ausprobieren und in ihr Bewegungsrepertoire integrieren. Dies werde sich auf ihr Körperbewusstsein auswirken: "Ein gutes Körperbewusstsein hat nicht nur eine Steigerung der Fitness zur Folge, sondern auch ein gutes Selbstbewusstsein", heißt es in der Broschüre. Dies gelte besonders für Kinder, die der deutschen Sprache noch nicht so mächtig seien, denn Tanz als "elementare Kunstform" überschreite alle Sprachbarrieren.

Den Tanzverbänden zufolge hilft Tanzen bei der sozialen Integration, unterstützt die Persönlichkeitsbildung, fördert die Kreativität, steigert die sozialen Kompetenzen, erweitert die Bewegungserfahrungen, verbessert die Wahrnehmungsfähigkeit und fördert Fitness und Gesundheit. Für den Einsatz in Schulen scheint der Tanz also bestens geeignet.

Die Idee, die neuen Möglichkeiten, welche das Modell der offenen Ganztagsschulen bietet, auszunutzen, kam auf der Mitgliederversammlung der Gesellschaft für Zeitgenössischen Tanz NRW zur Jahreswende 2002/2003 auf. Bislang hatte es in Schulen zumeist nur begrenzte Projektarbeit von Einzelpersonen oder Gruppen wie Mind the Gap aus Köln gegeben. Nun sollte kontinuierliche Tanzpädagogik in die Schulen einziehen - "eine Forderung, die schon seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erhoben wird", wie Projektleiterin Linda Müller erklärt. "Der Tanz gehört einfach in die Schulen."

Nach den Vorstellungen des NRW Tanzbüros Tanz sollten in den Offenen Ganztagsgrundschulen an ein bis zwei Nachmittagen in der Woche für jeweils ein bis zwei Stunden Tanzerziehung geboten werden. Die Gruppen sollten möglichst nicht aus mehr als 15 Kindern bestehen, die in einem geeigneten Raum oder einer Halle mit Schwingboden tanzen würden.

Unterrichtsthemen tanzend darstellen

Mit den geeigneten Räumen ist das aber so eine Sache, wie sich herausgestellt hat: "Die Bedingungen an den Schulen sind äußerst unterschiedlich", berichtet Linda Müller. "Das reicht von erstklassigen Gymnastikhallen bis zu Klassenräumen, die erst mal aufgeräumt und gesäubert werden müssen. Ich weiß von einer Tanzpädagogin, die jedes Mal 45 Minuten früher in ihre Schule kommt, um sauberzumachen. Da ist Eigeninitiative gefragt."

Die Unterrichtenden - Tänzerinnen und Tänzer, Tanzpädagoginnen und Tanzpädagogen, auch Sportpädagoginnen und Sportpädagogen aus dem Fachbereich Spiel, Musik und Tanz - werden den Ganztagsgrundschulen durch das NRW Landesbüro Tanz vermittelt, welches den Pool qualifizierter Dozentinnen und Dozenten aufgebaut hat. "Es gab durch die langjährige Netzwerkarbeit bereits Kontakte zu erfahrenen Personen, die wir an einen Tisch geholt haben", erzählt Linda Müller. "In der Tanzszene breitete sich das Angebot wie ein Lauffeuer aus." Man konnte Dozentinnen und Dozenten gewinnen, die bereits über viel Erfahrung im Umgang mit Kindern verfügten.

Dennoch war es auch für die erfahrensten Pädagogen nicht einfach, nachdem das Projekt nach den Herbstferien richtig startete. "Am Anfang taten sich fast alle im Schulalltag schwer", so die Projektleiterin. "Viele kämpften darum, überhaupt von den Schulkollegien wahrgenommen zu werden." Die schlechten Erfahrungen machte man dann auch an jenen Schulen, an denen der Tanz nicht über den Status einer Nachmittags-AG hinauskam, während die Erfolge besonders dort erzielt werden konnten, wo die Kommunikation mit den Lehrerinnen und Lehrern stimmte und die außerschulischen Partner zum Beispiel mit der Anwesenheit in Lehrerkonferenzen eingebunden wurden. Dies führte dann sogar zur Einbindung des Tanzes in den Vormittagsbereich wie an der Grundschule Antwerpener Straße in Köln. "Wir konnten dort mit den Lehrern besprechen, welche Unterrichtsthemen wir tanzend erarbeiten sollten", so Linda Müller.

Kinder machen auf einmal Hausaufgaben

Mit Beginn des Schuljahres 2003/2004 boten 28 offene Ganztagsgrundschulen in Nordrhein-Westfalen Tanz im außerunterrichtlichen Bereich an. Mehr als 400 Kinder nahmen in zehn Städten daran teil. Neun Schulen finanzierten die Tanzerziehung aus eigenen Mitteln, 15 Schulen erbrachten die Finanzierung mit Hilfe des Kooperationspartners Landesarbeitsgemeinschaft Tanz Nordrhein-Westfalen - eine Förderung, die nun ausgelaufen ist. Weitere vier Schulen waren an einem vom Ministerium für Schule, Jugend und Kinder finanzierten Projekt beteiligt. Hier wurde der Tanz mehrmals wöchentlich und integriert in den schulischen Unterricht angeboten, während sich das Angebot an fast allen anderen Schulen auf eine Stunde in der Woche beschränkte.

Die bisher gemachten Erfahrungen sind positiv. Die Schulen haben der Projektleitung rückmelden können, dass Verbesserungen im Lernverhalten der Kinder stattfinden. "An einer Bonner Schule meldete eine Lehrerin, dass sich Kinder, die langsam beim Diktat gewesen seien, gesteigert hätten. Von einer anderen Schule bekam ich von verblüfften Eltern mit, dass die Kinder auf einmal Hausaufgaben machten." Aber das Wichtigste: Allen Kindern macht es Spaß. Das Modellprojekt soll daher unbedingt fortgesetzt werden. "Ein kleiner Junge meinte zu einer Tanzpädagogin, das sei das Schönste, was er je gemacht habe", erzählt Linda Müller.

In den Tanz-AGs bemühen sich die Dozentinnen und Dozenten um die richtige Mischung aus angeleitetem und freiem Tanz. Die Schülerinnen und Schüler lernen die Technik, sollen aber für Bewegungsaufgaben eigenständige Lösungen finden. Zum Beispiel die verschiedenen Möglichkeiten, die es gibt, aus dem Schneidersitz hochzukommen - ohne die Arme benutzen zu dürfen, in einer bestimmten Zeitvorgabe oder mit einer eingebauten Drehung.

Die Unterrichtenden wiederum werden ständig durch tanzpädagogisch erfahrene Einzelpersonen aus Institutionen wie der Deutschen Sporthochschulen Köln oder dem Tanzhaus nrw in Düsseldorf begleitet. Regelmäßige Seminare zum Thema "Methodik des Kindertanzes" gewährleisten die Fort- und Weiterbildung. Das NRW Landesbüro Tanz lässt derzeit durch ein fünfköpfiges Coaching-Team, das während des letzten Schuljahrs Unterrichtsbesuche unternommen hatte, einen methodisch-didaktischen Leitfaden zur Qualitätssicherung zukünftiger Pädagogen verfassen, in den die Erfahrungen aus der "Ausprobierphase" einfließen.

Theater und bildende Künste als Mitanbieter

Das Institut Bewegungskultur und Gestaltung der Sporthochschule führt eine wissenschaftliche Begleitung durch. Evaluationskriterien sind unter anderem die persönliche Entwicklung der Kinder, ihr kreatives Verhalten, ihre soziale Kompetenz, Auswirkungen auf ihr Verhalten und Lernen in den traditionellen Lernfächern sowie didaktisch-methodische Kriterien. Zwei Promotionsvorhaben, mehrere Diplomarbeiten und ein tanzpädagogisches Fortbildungsseminar befassen sich mit dem Thema. "Wenn der Tanz vorwärts kommen soll, muss er schulisch stärker gefördert und vermittelt werden.", ist Anne Tiedt, Dozentin der Deutschen Sporthochschule, überzeugt. "Die Schule ist schließlich der Ort, an dem die Kinder in jedem Fall anzutreffen sind."

Eine Vernetzung mit anderen Sparten ist möglich. Deshalb hat man vom NRW Landesbüro Tanz aus bereits Kontakt mit dem Landessportbund und dem Landesmusikrat aufgenommen, die, genauso wie die Landesvereinigung Kulturelle Jugendarbeit NRW e.V. bereits Rahmenvereinbarungen über die Zusammenarbeit mit Ganztagsschulen mit dem Land abgeschlossen haben. Auch Theater und bildende Künste kommen als Mitanbieter in Frage. Am 29. September wird im Rahmen der 5. Internationalen Tanzmesse in Düsseldorf eine Fachtagung zum Thema "Tanz in Ganztagsschulen" stattfinden.

Für das demnächst beginnende neue Schuljahr haben sich bisher zwar erst zwölf Schulen gefunden, aber Linda Müller ist sicher, dass es mehr werden: "Es braucht bei den offenen Ganztagsschulen immer eine Vorlaufzeit, weil die Angebote erst mit den Schülern und Eltern abgeklärt werden müssen. Zu den Herbstferien werden wir deutlich mehr Schulen haben."

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