Raus aus dem Elfenbeinturm

Ganztagsschulen geben Museen die Möglichkeit, Angebote über die traditionellen eintägigen Ausflüge von Schulklassen hinaus zu machen. Von der Sprachförderung bis zur "Eroberung einer Stadt" ist alles möglich. Auf der Jahrestagung des Bundesverbandes Museumspädagogik am 21. und 22. Oktober 2005 in Aachen diskutierten deren Mitglieder mit Schulleitungen über die Möglichkeiten, gemeinsam den "Ganztag zu gestalten".

Das kulturelle Angebot von Eschweiler, einer Kleinstadt östlich von Aachen, ist übersichtlich: Es gibt eine Bücherei, eine Volkshochschule, Sportvereine - und jede Menge Karnevalsvereine. Ein Museum oder eine Kunstschule sind nicht vorhanden, für deren Besuch muss man nach Aachen fahren. Für Schulklassen eine ungünstige Lösung, denn abzüglich der Fahrzeit bleiben pro Ausflug gerade mal 30 Minuten für den Museumsbesuch.

Irmgard Gercke

Doch möglicherweise glänzt Eschweiler schon bald mit kultureller Vielfalt - dank der Don-Bosco-Schule. Sie ist seit Sommer 2005 eine Offene Ganztagsgrundschule. Schulleitung und Lehrerschaft haben sich zum Ziel gesetzt, "die Kreativität der Kinder durch vielseitige Angebote zu fördern", ihr Bildungs- und Erziehungsangebot "durch die Einbeziehung von Unterrichtenden aus anderen Bereichen zu erweitern" und die Schule "durch Kooperation mit örtlichen außerschulischen Partnern für das gesellschaftliche Umfeld zu öffnen". Nun lässt die Ganztagsgrundschule diesen Absichten eine große Tat folgen: Sie bildet in einem Netzwerk mit Museen, Galerien und Künstlern die erste Jugendkunstschule der Stadt.

Rektorin Ursula Norbisrath stellte das Konzept "Museum und Schule erobern eine Stadt" auf der Jahrestagung des Bundesverbandes Museumspädagogik e.V. am 21. und 22. Oktober 2005 im Aachener Museum Ludwig Forum im Rahmen eines Workshops vor. Der Bundesverband widmete seine Jahrestagung mit dem Motto "Den Ganztag gestalten - Schule und Museum: Zwei starke Partner" diesmal gänzlich dem Thema Ganztagsschule. Als gefragter und erfahrener Kooperationspartner von Ganztagsschulen war das Ludwig Forum eine ideale Wahl als Tagungsort. Irmgard Gercke, die Leiterin des Bereiches Museumspädagogik, hatte die Tagung durch ihr Engagement und ihre Ideen überhaupt erst ermöglicht und konzipiert. Das erfolgreiche Konzept, die Workshops sowohl mit Lehrerinnen und Museumspädagogen zu besetzen, stammte dabei von ihr.

Ganztagsschule als kulturelles Zentrum

Die Don-Bosco-Schule in Eschweiler unterbreitet in Zusammenarbeit mit dem Ludwig Forum Kunstförderung zwei Angebote: Zum einen einen Begabtenförderungskurs mit zwei Wochenzeitstunden und zum anderen Kreativangebote mit ebenfalls zwei Wochenzeitstunden. Bei der geplanten Jugendkunstschule wäre das Forum ebenfalls ein wichtiger Partner, der einmal in der Woche für 15 Kinder einen Kurs veranstalten würde. Daneben möchte die Schule andere Kultureinrichtungen in Eschweiler wie Galerien und Ateliers sowie freischaffende Künstlerinnen und Künstler einbinden, um ein umfassendes kulturelles Angebot machen zu können. Die ersten Kontakte sind viel versprechend verlaufen, und die Unterstützung der Schulverwaltung wie auch des Bürgermeisters sind gesichert.

Ursula Norbisrath (l.) und Juliane Petersen

"Wir verstehen uns als Anwälte für kulturelle Bildung in der Schule", erklärte Rektorin Norbisrath in ihrem Workshop. "Unsere Vision ist die Erweiterung des kulturellen Angebots für Kinder und Jugendliche in Eschweiler mit dem Ziel, eine autonome Jugendkunstschule aufzubauen. Dazu müssen noch organisatorische und rechtliche Fragen geklärt werden."

Die Offene Ganztagsschule als Zentrum kultureller Angebote für Kinder und Jugendliche - nicht allen war wohl bei dem Gedanken. Einigen Schulleiterinnen bereitete es Sorge, dass "immer mehr fachfremdes Personal in den Kunstunterricht kommt", während Sabine Buchholz vom Staatlichen Museum Kassel "Bauchschmerzen bekommt, dass Schule diesen ganzen Bereich an sich zieht. Jugendkunstschulen sind ganz eigene Einrichtungen mit anderen Zielsetzungen: Freiwilligkeit, kein Leistungs- und kein Notendruck."

"Ich will etwas verändern"

Doch Ursula Norbisrath forderte von allen Beteiligten, "aufeinander zu zugehen": "Wir können nicht im Elfenbeinturm sitzen bleiben." Auch innerhalb ihres Kollegiums habe sie auf diese Beweglichkeit drängen müssen: "Wenn eine Kollegin anfing, von ihren Überstunden zu sprechen, konnte ich nur entgegnen, dass ich nicht an meine Überstunden denke, sondern dass ich etwas verändern will."

Prof. Tassilo Knauf

Nicht nur der Workshop thematisierte die Gefahr der Entprofessionalisierung des Personals in der Ganztagsschule. Auch die Wissenschaft hat sich dieser Frage bereits im Frühjahr dieses Jahres angenommen. Prof. Tassilo Knauf von der Universität Essen, der sowohl Kunstgeschichte wie auch Erziehungswissenschaften studiert hat, stellte den rund 80 Anwesenden ein gemeinsames Projekt der Universität Duisburg-Essen und des Ludwig Forums vor. Hierbei geht es um einen "Zertifikats-Weiterbildungskursus für sozialpädagogische Fachkräfte, Künstler und Kunstpädagogen für eine Tätigkeit an offenen Ganztagsgrundschulen".

Ab April 2006 sollen für rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer etwa 180 Unterrichtsstunden an Wochenenden erteilt werden. Dozentinnen und Dozenten des Forums Ludwig werden in vier Modulen Themen der Ganztagsschule, der Schul- und der Kunstpädagogik behandeln. Darüber hinaus müssen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einen Praxisteil in einer Offenen Ganztagsgrundschule absolvieren. Am Ende erhalten sie bei erfolgreicher Absolvierung, die aus einem Portfolio über den Ausbildungsgang, einer schriftlichen Hausarbeit und einem Kolloquium besteht, ein staatlich anerkanntes Zertifikat der Universität.

"Die offene Ganztagsgrundschule soll ein Ort der Auseinandersetzung mit Kultur und Kunst werden", erläuterte Knauf die hinter dem Projekt stehenden Ziele. "Die kunst- und kulturpädagogische Praxis an den offenen Ganztagsgrundschulen soll zugleich anspruchsvoll und kindorientiert sein. Wir möchten auch die Chancen für die Professionalisierung in künstlerisch-pädagogischen Handlungsfeldern nutzen. Die in unterschiedlichen Feldern Engagierten und Qualifizierten sollen voneinander lernen und gemeinsame Projekte entwickeln."

Qualität hat ihren Preis

Dass es bereits interessante Konzepte der Zusammenarbeit von Schulen und Museen gibt, machten die weiteren Workshops deutlich. Maria Keller, Leiterin der Katholischen Grundschule Passstraße in Aachen, und Angelika Wuszow vom Ruhrlandmuseum in Essen stellten in "Kreuz und quer durch die Wunderkammer Museum" interdisziplinäre und mobile Angebote für Schulen vor. "Der Lernort Museum muss für alle Kinder zugänglich gemacht werden", forderten sie. "Der Lernort Schule reicht nicht aus."

In "Zink it! - Abzinken und abkupfern erlaubt" berichtete Petra-Grüttemeier-Schlaeger vom Industriemuseum Zinkerhütter Hof in Stolberg von der gerade gestarteten Kooperation mit der Aachener Katholischen Grundschule Bischofstraße. Hier wird das Museum zum Ausgangspunkt von stadt- und industriegeschichtlichen Exkursionen. "Zur erfolgreichen Zusammenarbeit muss man Verbündete suchen, Kontakte knüpfen und die Schnittmengen mit den Schulen klären", so die Museumspädagogin. "Als Museum muss man aber auch selbstbewusst genug sein, um auf seine einzigartigen Angebote ebenso hinzuweisen wie darauf, dass Qualität ihren Preis hat."

Maria Anhut

Um als enthusiastischer Museumspädagoge keinen Praxisschock mit tobenden und störenden Kindern zu erleiden, ist eine "enge Zusammenarbeit zwischen der Schule und den Kursleitungen" erforderlich. Diese Feststellung machte der Workshop "Museumspädagogik im sozialen Brennpunkt". Maria Anhut, Leiterin der Katholischen Grundschule Beeckstraße in Aachen, und Katrin Philipp-Jeiter sowie Petra Helwig vom Ludwig Forum rieten dazu, dass sich Museen vor Beginn einer Kooperation erst einmal über die soziale Situation im Stadtteil der Schule und - auch durch Hospitation im Unterricht - über die Kinder informieren. Nach Aufnahme der Tätigkeit seien verbindliche, kurze Regeln, ein flexibles, aber dennoch strukturiertes Konzept mit Ritualen wichtig. "Auch die Kontinuität durch langfristige Arbeiten und Bezugspersonen sind wesentlich", war sich der Workshop einig.

Ohne Notendruck Fähigkeiten vermitteln

Karin Rottmann vom Museumsdienst Köln stellte Methoden für die "Sprachförderung für Kinder mit Migrationshintergrund in Kölner Museen" vor. Bildbeschreibungen oder rund um Gemälde und Exponate rankende, von den Kindern und Jugendlichen erdachte Geschichten oder Interviews können zum Spracherwerb und zur sozialen Integration genutzt werden. In Zusammenarbeit mit der Universität Köln fanden in diesem Jahr bereits mehrere Kurse in Kölner Museen statt.

Dr. Hannelore Kunz-Ott

"Alle wollen mitmachen" - um "Künstler als potenzielle Dozenten in der offenen Ganztagsschule" drehte sich ein weiterer Workshop. Karl-Heinz Jeiter vom Ludwig Forum und Johannes Menne, Berater "Offene Ganztagsschule" der Stadt Aachen, stellten hier ebenfalls fest, wie wichtig der Austausch zwischen Künstlerinnen und Künstlern und dem Lehrpersonal ist. Durch die begrenzten finanziellen Spielräume, zu große Gruppen, mangelhafte Räumlichkeiten und den auf Grund der oft fehlenden pädagogischen Zusatzqualifikationen und der häufig doch unzureichenden Zusammenarbeit mit den Lehrerinnen und Lehrern sei der Spielraum für die Künstlerinnen und Künstler begrenzt. Dennoch sei das Vermitteln künstlerischer Fähigkeiten ohne Notendruck, die Projektarbeit und die Ausflüge in Museen, Galerien und zu sehenswerter Architektur ein Gewinn für viele Kinder, die noch nie in einem Museum gewesen sind und durch ihre Eltern keine Anregungen erhalten.

Dr. Hannelore Kunz-Ott, Vorsitzende des Bundesverbandes Museumspädagogik, resümierte die Ergebnisse: "Museen können nur erfolgreich mit Ganztagsschulen zusammenarbeiten, wenn die Politik die richtigen Rahmenbedingungen schafft. Aachen ist da vorbildlich mit der Einbeziehung außerschulischer Lernorte. Die Schulen müssen lernen, klein anzufangen, während die Museen ihre Angebote kindgerecht formulieren müssen. Wir Museumspädagogen haben viel zu bieten, sollten das selbstbewusst vertreten und uns jetzt erst recht einbringen."

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