Ganztägige Freiräume kunstvoll nutzen

In PISA-Zeiten scheint es die musisch-kulturelle Bildung zunehmend schwerer zu haben, sich in der Schule zu behaupten, denn wie misst man den Gewinn, den Kinder und Jugendliche aus dem Musizieren, dem Theaterspielen oder dem Tanzen ziehen? Das Zentrum für Kulturforschung lud am 11. Juli 2005 nach Bonn zum Expertenhearing "Stärkung der kulturellen Bildung in der Ganztagsschule durch Kooperation mit außerschulischen Trägern der musisch-kulturellen Bildung", um über Wege zu debattieren, kulturelle Bildung in Ganztagsschulen zu verankern.

Gustav-Stresemann-Institut

Musisch-kulturelle Bildung hängt in der Ganztagsschule stark von der Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern ab, seien dies Tanzverbände, Theatergruppen, Orchester, Musiker oder Museen. Der Stellenwert, den diese Bildung genießt, ist vergleichsweise gering. Eltern, die Ganztagsschulen als Nachhilfeunterricht im Schulgebäude verstehen, und eine gesellschaftliche Stimmung, die Bildung als eine messbare Größe mit Punkten und Zensuren begreift, empfinden in PISA-Zeiten andere Kompetenzen als vorrangig.

Die Vorteile der Beschäftigung der Schülerinnen und Schüler mit Musik und Kultur zeigen sich dagegen vermittelter: Durch eine bessere Ausdrucksfähigkeit, ein höheres Selbstvertrauen, Ausgeglichenheit, Phantasie und Kreativität. Faktoren, über die zwar auch Personalchefs klagen, dass sie Schulabsolventen genauso fehlten wie Mathematik- oder Deutschkenntnisse. Zu Forderungen, in Schulen mehr zu tanzen, Pantomime oder Theater zu spielen, führt das allerdings nicht.

So urteilte Thomas Hess am 11. Juli 2005 im Bonner Gustav-Stresemann-Institut auf dem Expertenhearing "Stärkung der kulturellen Bildung in der Ganztagsschule durch Kooperation mit außerschulischen Trägern der musisch-kulturellen Bildung": "In Thüringen gibt es viele Aktivitäten im Bereich Wirtschaft und Schule, die weithin akzeptiert sind. Kulturell sind wir noch nicht so weit und müssen da noch über das Engagement Einzelner hinauskommen. Kultur gehört zur Persönlichkeitsbildung. Wir müssen auch Schulen diesen Mehrwert deutlich machen. Ich hoffe da auf die  und die Ganztagsschulen und die Unterstützung durch die Regionale Serviceagentur 'Ganztägig lernen'."

Linda Müller vom Landesbüro Tanz NRW sieht eine "total schlechte Akzeptanz" kultureller Angebote in der Schule. In den Niederlanden und Großbritannien würde Kultur in der Schule staatlich gefördert, hier zu Lande fehle diese "ideelle Akzeptanz" oft.

Mehr Beachtung für die Kultur

Über 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Kulturverbänden, Forschung und Politik hatten sich auf Einladung des Zentrums für Kulturforschung und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) versammelt, um sich auszutauschen, wie kulturelle Bildung systematischer in Ganztagsschulen verankert werden könnte. "Wir möchten heute über Chancen und Risiken, über gute Praxis und deren Gelingens- und Misslingensbedingungen reden", begrüßte Hermann Budde von der DKJS, der den Tag moderierte, die Runde.

Vor der Tagung waren den Teilnehmerinnen und Teilnehmern - sechs schulischen und sieben außerschulischen Experten - Fragebögen zugegangen. Sie äußerten sich hier zu Chancen und Herausforderungen der kulturellen Bildung. Dr. Susanne Keuchel vom Zentrum für Kulturforschung stellte die Ergebnisse vor.

Die größten Potentiale der Ganztagsschule für die kulturelle Bildung sahen die Befragten in "neuen Schulkonzepten für ästhetische Bildung". Bedingungen für eine gelingende Zusammenarbeit seien eine enge Zusammenarbeit mit den außerschulischen Partnern und die langfristige Sicherung ideeller und materieller Ressourcen. Bei Letzterem fehlt es laut den außerschulischen Partnern besonders an geeigneten Räumen in den Schulen.

Eine Verknüpfung zwischen schulischen und außerschulischen Inhalten erachteten elf der 13 Befragten als notwendig. Diese Verknüpfung solle durch das Erarbeiten neuer Curricula für die Zusammenarbeit erreicht werden. Die Voraussetzungen für eine bessere Zusammenarbeit sahen die meisten Befragten in der intensiven Kommunikation. Die Misslingensbedingungen seien umgekehrt oft fehlende Absprachen. Darüber hinaus müsse Kultur in der Bildungspolitik allgemein stärkere Beachtung finden. Dies solle auch durch das Gewinnen von Sponsoren und mehr Öffentlichkeitsarbeit erreicht werden. Gemeinsame Aktionen müssten aber nachhaltig strukturiert und bildungspolitisch befördert werden.

Gewaltiger Nachholbedarf und viel Optimismus

Beispielgeber für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Ganztagsschule und Kunst war Jens-Uwe Hoffmann, Rektor der Katholischen Grundschule Fährmann-Schule in Duisburg-Beek. Seit zwei Jahren sind in seiner Schule Künstler der "Aktion mit Kultur" (AKI) aus Düsseldorf tätig. In Jahresprojekten erarbeiteten sie mit den Schülerinnen und Schülern zuerst eine "Schulrevue" und im abgelaufenen Schuljahr das Projekt "Kunst und Bewegung". Hoffmann erzählte: "Die Ideen der Kinder werden aufgegriffen, und die Künstler leiten sie professionell an. Am Ende jeder fünfwöchigen Projektphase finden Werkschauen statt, in denen die Schülerinnen und Schüler der ganzen Schule ihre Ergebnisse vorführen: Selbstgemachte Kulissen und Kostüme, eingeübte Tänze und Lieder."

In der Fährmann-Grundschule ist die Verzahnung von Vor- und Nachmittag gegeben, da die sozialpädagogischen Fachkräfte den ganzen Tag anwesend sind und auch an den Lehrerkonferenzen teilnehmen. Darüber hinaus steht die Schule mit dem hiesigen Kindergarten und anderen Schulen im Austausch. Der Schuh drückt - wie fast überall - bei den Finanzen: "Für Materialien fehlt das Geld", berichtete Hoffmann. "Das sind keine optimalen Bedingungen für Ganztagsschulen. Hier gibt es einen gewaltigen Nachholbedarf."

Museen als Kooperationspartner von Ganztagsschulen - diese Variante präsentierte Dr. Michael Imhof vom Staatlichen Schulamt für den Landkreis Fulda. "Museen können Unterrichtsthemen vertiefen, lehrplanorientierte museumspädagogische Unterrichtsmodule entwickeln und fächerübergreifendes Arbeiten ermöglichen", erklärte Imhof. In der Region Fulda hätten sich bereits sechs Museen für die Arbeit mit Ganztagsschulen vorbereitet: "Sämtliche Projekte, welche die Museen anbieten, sind mit Materialien unterlegt", so Imhof. "Lehrer können sich so selbstständig vorbereiten."

Wichtig seien auch die offenen Museumslandschaften - das Begehen von Orten, um einen Zusammenhang zwischen Geschichte und Landschaft herzustellen: "Lernen braucht regionale Identifikation", führte Imhof aus. Die Projekte sollten möglichst auf Schulhalbjahr angelegt sein. Mit der Integration der Museumspädagogik verbindet sich eine neue Lernkultur: "Statt des Schultages mit 45-Minuten-Stunden, bei dem durch Unterbrechung ständig der Faden verloren geht und neu geknüpft werden muss, streben die Museen in Zusammenarbeit mit den Ganztagsschulen Eigentätigkeit und selbstverantwortliches Lernen der Schüler in neuen Zeitrahmen an. Wir sehen dem mit viel Optimismus entgegen."

Curricula lassen viele Freiräume

"Kunst muss etwas Eigenes bleiben und darf nicht nur als Anhang des Unterrichts verstanden werden", warnte allerdings Norbert Döding. An seinem Schulzentrum Bad Pyrmont hat der Rektor bemerkt, dass es gerade in Haupt- und Realschulen "eine Hemmschwelle" gibt, wenn es um Kulturelles geht. Diese Scheu könne die Ganztagsschule überwinden helfen. Doch sei dafür nicht jedes Projekt geeignet. Die Zusammenarbeit mit einem Bildhauer auf Honorarbasis an seiner Schule habe sich zum Beispiel schwierig gestaltet: "Es gab große Spannungen. Das lag vielleicht an den unterschiedlichen Erwartungen der Jugendlichen und der Arbeitsweise des Künstlers. Die Kinder mussten auch erfahren, dass Kunst Arbeit ist. Die Akzeptanz für dieses Projekt war innerhalb der Schule, bei den Eltern und im Ort gering."

Um solche Spannungen zu minimieren, ist in der Kooperation mit außerschulischen Partnern pädagogisches Gespür, aber auch Qualifizierung vonnöten. Die Kooperation muss in ein pädagogisches Gesamtkonzept der Schule eingebettet sein, das über Lehrpläne hinausreicht.

Dr. Brigitta Ritter vom Verband Deutscher Schulmusiker bestätigte dies: "Viele außerschulische Partner äußern ihren Unmut über die Schulen, da sie dort oft keine Akzeptanz im Kollegium finden und viele Vorschläge mit Hinweis auf das eng gestrickte Curriculum abgelehnt werden. Dabei gibt es auch heute schon nutzbare Freiräume." Werner Frömming von der Kulturbehörde Hamburg erwähnte, dass "Lehrer oft das Zeitproblem als Hindernis anführen". Renate Breitig von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport in Berlin ergänzte: "Die Curricula lassen viel zu. Wie dieser Spielraum genutzt wird, ist abhängig vom Engagement der Lehrerinnen und Lehrer."

Linda Müller vom Landesbüro Tanz NRW berichtete von ähnlichen Erfahrungen aus der Kooperation mit Schulen: "Am besten klappt es da, wo der Austausch zwischen Vor- und Nachmittagspersonal gegeben ist." Martin Pfeiffer vom Bund Deutscher Kunsterzieher sieht die Ganztagsschule als "große Chance, die Bildungsreform zu schaffen". Er habe aber Probleme mit der Offenen Ganztagsschule, die den Vormittag unangetastet lasse und zu einer Verdichtung der Angebote am Nachmittag führe, was die Kapazitäten der außerschulischen Partner überfordere.

Georg Fischer vom Landesinstitut für Schule NRW machte den Schulleiter als entscheidenden "Knackpunkt" aus. Eine Verzahnung der Angebote sei möglich. Es müssten aber gründliche Vorarbeiten geleistet werden: "Die Schulkonferenz und die Eltern müssen eingebunden werden. Man muss gemeinsame Konzepte entwickeln. Für Gespräche müssen Zeitdeputate zur Verfügung stehen." Gute Beispiele für kulturelle Kooperationen in Nordrhein-Westfalen ließen ihn resümieren: "Das Glas ist halbvoll."

Schulen und Fördervereine sammeln Geld für Tanz in der Schule

Bei der Frage, wie Kooperationen zu Stande kommen, überwog die Erfahrung, dass die Kooperationspartner auf die Schulen zugehen. "Wir haben Schulen, die Ganztagsschulen werden wollten, angesprochen und unser Angebot für AG-Nachmittage vorgestellt", berichtete Michael Imhof. "Über das Netzwerk Ganztagsschule, das sich bei uns alle zwei Monate trifft, vermitteln wir Museumspartner." In Kommunen seien die Absprachen entscheidend, die die Kultur- mit den Schulvertretern in der Verwaltung treffen können, meinte Monika Strohmeyer aus der Abteilung Kultur der nordrhein-westfälischen Staatskanzlei. Auf kommunaler Ebene könnten Runde Tische und Knotenpunkte gebildet werden.

In Hamburg hat sich bereits ein solches System gebildet. "An der Projektgruppe Kinder- und Jugendkultur sind neben der federführenden Kulturbehörde die Behörde für Bildung und Sport, die Behörde für Soziales und Familie, die Behörde für Wissenschaft und Gesundheit, die Senatskanzlei und Vertreter der Bezirke beteiligt. Wir wollen Kräfte bündeln und Synergien bilden", erklärte Werner Frömming. Neu sei auch, dass alle 440 Schulen jeweils einen Kulturpartner benannt haben, der als "Schaltstelle" diene. Das Projekt "Theater und Schule" werde ausgeweitet, "Orchestermusiker gehen in Schulen" etabliert.

"Theater und Schule" (Tusch) kam als Idee ursprünglich aus Berlin, wo es bereits ins siebte Jahr geht. Renate Breitig von der Senatsverwaltung berichtete darüber wie auch über das Projekt "TanzZeit - Tanz für Zeit an Schulen", das im August starten soll. Auf einer Tagung habe man Lehrerinnen und Lehrern das Projekt vorgestellt. "200 Lehrerinnen und Lehrer wollten den Tanz sofort in den Regelunterricht aufnehmen", erzählte die Senatsvertreterin. "Bis Ende Mai mussten die Schulen aber 1.400 Euro zur Kostendeckung für ein Halbjahr aufbringen. Mit Hilfe von Sponsoren und Fördervereinen haben dies 30 Schulen tatsächlich geschafft. Ende des Halbjahres wollen wir die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorstellen und im zweiten Halbjahr das Projekt auf die Sekundarstufe II ausweiten."

"Qualität setzt sich durch"

Hermann Budde fand es "faszinierend, dass das Engagement von Initiativen, Schulen und Eltern immer wieder Finanzquellen auftun kann". Die Finanzen bleiben der Stolperstein. Dr. Siegfried Gauch vom Kultusministerium Rheinland-Pfalz beschrieb die Situation, dass "gerade auf dem flachen Land für ein paar Euro höchstens selbsternannte Künstler in die Schulen kommen. Darin sehe ich eine Gefahr." Joachim Reiss vom Bundesverband Darstellendes Spiel stellte die kurzfristige Kooperation mit Externen gar ganz in Frage: "Das kann nicht funktionieren. Wir brauchen in der Ganztagsschule feste Strukturen als Garantie kontinuierlicher kultureller Bildung." Hans Konrad Koch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung ermutigte die Beteiligten: "Künstler in die Schule zu holen, ist ein wichtiger Weg, den wir gehen müssen. Wenn er sich als erfolgreich erweist, wird über Strukturen zu reden sein, damit die Basis breiter wird."

Budde erinnerte die Runde daran, dass mit Mitteln aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) des Bundes auch kleinteilige Förderung, beispielsweise für einen Satz Instrumente oder Bühnenrequisiten, möglich sei. "Brandenburg zum Beispiel fasste im Bewusstsein der Bedeutung kultureller Bildung in Schulen den Investitionsbegriff zu Recht weit."

Peter Kamp vom Bundesverband der Jugendkunstschulen resümierte zum Schluss der Veranstaltung: "So viel Anfang war nie." Er sei überzeugt, dass sich bei den kulturellen Angeboten in der Schule letztendlich Qualität durchsetze. Der gemeinsame Austausch, wie er an diesem Tag stattgefunden habe, sei indes sinnvoll, schon um die Wiederholungen von Irrwegen zu vermeiden.

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