Optimale Kombination

Museen, Literaturarchive, Kunsthallen, Kino - verschiedene kulturelle Einrichtungen sind prädestiniert, auch zu Lernorten für Ganztagsschulen zu werden. Dass die Bereitschaft der Einrichtungen und Stiftungen zur Kooperation groß ist, zeigte sich auf der Fachtagung "Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen - der ausgefüllte Nachmittag", die der Arbeitskreis selbständiger Kulturinstitute am 25. Februar 2005 in Frankfurt am Main veranstaltete.

Als Schülerin oder Schüler hat wohl jeder schon die Erfahrung eines von der Schule organisierten Museumsbesuches gemacht. Und viele werden sich auch erinnern, dass es oft weder eine spezielle Vor- noch Nachbereitung gab, noch dass der Besuch einen großen Eindruck hinterließ. Der Museumsbesuch ist oft ein Schulausflug im Bildungsgewande, bei dem mancher Lehrer die Kinder in die Ausstellung schickt und sich dann selber in die Cafeteria verflüchtigt.

Goethe-Universität in Frankfurt am Main

Dabei bieten gerade Museen, aber auch andere kulturelle Einrichtungen wie Literaturarchive, Ausstellungen oder Kinos die Möglichkeit, außerschulisches Lernen mit dem Unterricht zu verbinden. "Museen sind prädestinierte Lernorte für komplexe Themen", weiß Jörg Naumann vom Deutschen Hygiene Museum in Dresden. "Schulischer Unterricht findet im Museum eine Ergänzung, wird jedoch nicht ersetzt." Ganztagsschulen bieten dabei die beste Möglichkeit, dieses ergänzende Lernen in der Zusammenarbeit kontinuierlich anzubieten. Doch in der Debatte um außerschulische Partner für Ganztagsschulen spielten die Museen eine bisher unterentwickelte Rolle. "Ich habe an keiner Stelle der Debatte um Ganztagsschulen das Wort Museum gelesen oder gehört", beklagt der Museumspädagoge.

Um dies zu ändern, lud der Arbeitskreis selbständiger Kulturinstitute e.V. am 25. Februar 2005 zu der Fachtagung "Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen - der ausgefüllte Nachmittag" in die Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main. Rund 100 Interessierte folgten den Vorträgen und nahmen an den Workshops teil, um sich über Ganztagsschulen zu informieren und über die Zusammenarbeit mit den von ihnen vertretenden Einrichtungen zu diskutieren.

Kontinuierliche Zusammenarbeit als Herausforderung

Dr. Sabine Jung, Geschäftsführerin des Arbeitskreises, versicherte, dass Ganztagsschulen "von Anbeginn ein wichtiges Thema für uns gewesen sind. Wir haben viele Institute vor Ort, die tätig werden wollen. Qualitätvolle, zuverlässige Angebote sind bei uns vorhanden, wir müssen nicht alles den freien Anbietern überlassen. Ganztagsschulen erfordern ein Aufeinanderzugehen." Auf dieser Tagung wolle man gemeinsame Lösungen finden und Modelle für Kooperation aus der Praxis liefern.

Als Einstieg gab es in rascher Folge zunächst einmal jeweils halbstündige Referate, die aus verschiedenen Blickwinkeln in das Thema einführten. Jörn Koppmann, Ganztagsschulbeauftragter im Hessischen Kultusministerium, stellte das so genannte "Ganztagsprogramm nach Maß" der Landesregierung vor. Hier habe man bewusst einen kooperativen Ansatz gewählt: Die Kooperation mit außerschulischen Trägern sei sogar eine Genehmigungsvoraussetzung für Ganztagsschulen. Die Rahmenvereinbarungen für die Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern seien bewusst vage formuliert, damit die Schulen flexibel vor Ort entscheiden könnten, welche Kooperation sie in welcher Weise gestalteten. "Die Herausforderung besteht darin, eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit kulturellen Einrichtungen zu organisieren, nicht nur tageweise oder für begrenzte Projekte", erklärte Koppmann. In größeren hessischen Städten wie Wiesbaden, Kassel, Darmstadt oder Frankfurt gebe es mit "Schule und Museum" oder dem "Museumsbus" bereits funktionierende Projekte.

Kompetenz von außen als Ergänzung

Petra Wiedemann vom Sozialpädagogischen Institut NRW in Köln stellte Ergebnisse des Projektes QUAST (Qualität für Schulkinder in Tageseinrichtungen) unter der Sichtweise "Was brauchen Kinder im Schulalter?" vor. Das Projekt läuft seit 1999 und befindet sich nun in der zweiten Phase, in welcher die gewonnenen Ergebnisse durch Schulungen in den Einrichtungen implementiert werden sollen. Wichtig war hier der Punkt der "Internen Evaluation": In Schulen müssten Prozesse der Selbsteinschätzung in Gang gesetzt werden. Welche Kompetenzen hat das Personal, und auf welchen Feldern ist es sinnvoll, sich ergänzende Kompetenz von außen in die Schule zu holen oder mit außerschulischen Partnern zusammenzuarbeiten?

In diesem Zusammenhang wies Stephanie Welke von der DKJS bei ihrer Vorstellung des Beleitprogramms "Ideen für mehr! Ganztägig lernen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung darauf hin, dass eine der vier Werkstätten das Thema "Kooperation mit außerschulischen Partnern" behandele. Dort suchten Experten gute Praxisbeispiele, bündelten vorhandenes Wissen und gäben Handreichungen für alle an Ganztagsschule Beteiligten heraus, um die Öffnung von Schule nach außen auch mit kulturellen Einrichtungen zu unterstützen und zu begleiten.

Was man vom Lernen in Museum erwarten kann und was nicht, war Thema des Referats "Schulkinder im Museum" von Dr. Holger Hoege von der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg. Zum einen stützte er seine Ausführungen auf eine Leserumfrage der amerikanischen Wissenszeitschrift "The Scientist" aus dem Jahr 2004, an der 352 Leser teilgenommen hatten. 35 Prozent gaben dort an, dass Museumsbesuche ihre Berufswahl beeinflusst hätten - "das ist die Gruppe, die für uns interessant ist", meinte Hoege, "denn nichts trägt so viel zur Berufswahl bei wie der Freizeitsektor." Die Zeit in einem Museum statt vor dem Fernseher zu verbringen, ist da allemal sinnvoller.

"Schule bleibt abstrakt, Museum wird konkret"

Zweites Standbein des Vortrages des Wissenschaftlers bildeten die Antworten von 117 Befragten einer Ausstellung über "Müll - Facetten von der Steinzeit bis zum Gelben Sack". Obwohl das Niedersächsische Landesmuseum in Oldenburg in guter Innenstadtlage von Schulen umgeben liegt, gaben 33 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler an, zuvor noch nie dagewesen zu sein. Von denjenigen, die schon einmal da waren, bejahten nur 13 Prozent, alleine das Museum besucht zu haben. Ein Museumsbesuch ist ein also eher Gruppenerlebnis, biete "gute Interaktionsmöglichkeiten" und ist daher als Lernort für Schulklassen gut geeignet.

Während nach einem einzelnen Museumsbesuch vom kognitiven Gewinn noch nicht viel zu erwarten sei, hätten sich die Einstellungen der Schülerinnen und Schüler zum Thema Müll bereits verändert, wie die Befragung zeigte. Im Bereich informelles Lernen könne man mit Museumsbesuchen also schon viel erreichen. "Falls Ganztagsschulen allerdings formales Lernen in Museen als verlängerten Schulunterricht erwarten - das wird nicht funktionieren", zeigte sich Hoege überzeugt. "Schule bleibt abstrakt, Museum wird konkret - die Kombination aus den beiden Bildungseinrichtungen ist optimal."

In der anschließenden Diskussion waren sich die Zuhörer sicher, dass "Lernmotivation im Museum vertieft werden kann" und es schon nicht wenig sei, wenn Kinder und Jugendliche generelle Eindrücke vermittelt bekämen. "Es geht nicht um die Auslagerung des Curriculums", erklärte Jörn Koppmann. "Lernen ist nicht nur kognitives Lernen." Dr. Jutta Schuchard vom Museum für Sepulkralkultur in Kassel forderte eine langfristige Zusammenarbeit zwischen Ganztagsschulen und Museen: "Man legt Samen, die langsam aufgehen."

Kleine Experimente mit großen Aha-Effekten

Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn versucht, die Kooperation mit Schulen zu forcieren, indem es den Lehrerinnen und Lehrern Materialien zu bestimmten Themenschwerpunkten zur Vorbereitung eines Besuches zukommen lässt. Diese Materialien sind in Zusammenarbeit mit Pädagogen vom Haus der Geschichte entwickelt worden, berichtete Hans Joachim Westholt in seinem Workshop "Neues Lernen im Museum. Eine Herausforderung für Schule und Museum". Eine Schulklasse macht im Haus der Geschichte gewöhnlich erst einen Überblicksrundgang mit einem Museumspädagogen, dann widmet sich die Klasse mit dem Lehrer einem Schwerpunktthema, bei dem die Materialien hilfreich sein können.

Im Deutschen Hygiene Museum in Dresden gibt es auch noch eine andere Möglichkeit für die Schülerinnen und Schüler, das Museum zu erkunden. Bei "Kinder führen Kinder" leiten Gleichaltrige die Gruppen, was laut Jörg Naumann sehr gut ankommt. "Wir können Unikate einbeziehen, was das Lernen für die Kinder spannender und abwechslungsreicher macht als in der Schule." Mit speziellen Ausstellungen wie zum Thema "Essen und Trinken" spreche man bewusst die Schülerinnen und Schüler an, denn neben der Lebensnähe dieses Themas erziele man hier schon mit kleinen Experimenten große Aha-Effekte: "Lebensmittel essen, ohne sie zu sehen, schult die Sensorik der Kinder, und man kann viele Fragen damit verbinden: Wieso schmeckt etwas salzig, anderes süß, wo sitzen die Geschmacksknospen auf der Zunge und so weiter."

Das Deutsche Hygiene Museum überlegt bereits bei der Konzeption einer Ausstellung, wie man diese möglichst kinder- und jugendgerecht aufbereitet - ein Drittel der Besucher sind im jugendlichen Alter. "Wenn neue Ausstellungen anstehen, laden wir Lehrerinnen und Lehrer ein, damit sie sich ein Bild machen können", erzählt Naumann, "und schicken den Schulen eine DIN A4-Seite als Handreichung, auf der erklärt wird, worum es bei der Ausstellung geht. Wir schreiben die Schulen regelmäßig an, gehen aber nicht selbst in die Schulen."

Persönlichen Kontakt zu Lehrern suchen

Beim Aufrechthalten des Kontaktes mit den Schulen sollte nach den übereinkommenden Erfahrungen vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den Arbeitsgruppen ein möglichst persönlicher Kontakt zu Lehrerinnen und Lehrern gesucht und Anschreiben an die Privatadressen versendet werden. Schreiben, die über Schulämter oder Schulsekretariate laufen sollten, seien dagegen "rausgeschmissenes Geld". Das Deutsche Hygiene Museum legt Kärtchen aus, auf denen Lehrer ihre Adresse hinterlassen können, was Naumann zu Folge gut funktioniert.

Einig waren sich auch alle Beteiligten, dass eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Engagement der Lehrerinnen und Lehrer steht und fällt. "Die Kooperation Lehrer - Museum muss funktionieren. Wir müssen den Lehrern klarmachen, dass es eine große Chance ist, mit den Schülern etwas gemeinsam zu erleben", meinte eine Teilnehmerin. Museen böten Wege des Lernens über Entdecken und Neugier, man dürfe die Kinder nicht mit Wissen bombardieren. Die Mischung aus zentraler Einführung, freiem Ausschwärmen und gemeinsamer Nacharbeit bringe den Erfolg.

Im Deutschen Hygiene Museum hielt sich die elfte Klasse eines Gymnasiums tagelang im Haus auf, um Geschichten und Hintergründe zu einem bestimmten Exponat herauszufinden. "Zur Präsentation der Ergebnisse wurden wir in die Schule eingeladen", erzählt Jörg Naumann, "und waren wirklich überrascht, was die Schülerinnen und Schüler alles erarbeitet hatten."

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