Neues und Unbekanntes kennen lernen

Zeit ist ein wertvolles Gut. Da immer mehr Kinder und Jugendliche diese in Ganztagsschulen verbringen, müssen die Träger und Einrichtungen der Kinder- und Jugendbildung darauf reagieren und sich mit ihren Angeboten in die Schulen begeben. Doch verliert die Kinder- und Jugendbildung darüber nicht ihren originären Charakter? Diese und andere Fragen stellten sich Pädagogische Fachkräfte und Lehrerinnen und Lehrer auf der Tagung "Anders lernen - aber wie?" am 21. und 22. Februar 2005 in der Akademie Remscheid.

Das Timing passte perfekt: Am 21. Februar 2005 gaben der Deutsche Kulturrat und die Kultusministerkonferenz eine gemeinsame Pressemitteilung anlässlich des Antrittsbesuches des Vorsitzenden des Kulturrates Prof. Dr. Max Fuchs bei der neuen KMK-Präsidentin Prof. Dr. Johanna Wanka heraus. In dieser heißt es: "Bei einem gemeinsamen Gespräch bestand Übereinstimmung, dass der kulturellen Bildung besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Kunst und Kultur vermitteln mehr als künstlerische Inhalte, es geht um die Entwicklung von Persönlichkeit und den Erwerb von wichtigen Schlüsselkompetenzen."

Das Plenum in der Akademie Remscheid.

Am selben Tag eröffnete Max Fuchs in der Akademie Remscheid die Werkstatttagung "Anders lernen - aber wie?", die das Projekt "Kultur macht Schule" der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung in Kooperation mit der Akademie Remscheid veranstaltete. Der Direktor der Akademie zeigte sich erfreut darüber, dass auch die Kultusministerkonferenz anerkenne, dass "der Diskussion um die kulturelle Daseinsvorsorge höchste Aufmerksamkeit geschenkt werden muss". Fuchs befand: "So viel wurde schon lange nicht mehr über die Schule gesprochen."

Über Schulen sollte auch an diesen zwei Tagen in Remscheid gesprochen werden, genauer: Über die Ganztagsschulen. Etwa 60 Pädagogische Fachkräfte und Lehrerinnen und Lehrer diskutierten über die Möglichkeiten der Zusammenarbeit von außerschulischer Kinder- und Jugendbildung mit Ganztagsschulen. "Das Thema Ganztagsschule motiviert uns, uns mit Schule auseinander zu setzen", erklärte Fuchs in seiner Begrüßungsrede, "aber es ist für uns auch eine Frage des Überlebens." Denn die Zeit werde in den Ganztagsschulen neu verteilt. "Diese tiefgreifende Veränderung zwingt uns, neue Wege der Kooperation zu finden", meinte Fuchs. Diese Kooperation sei aber auch pädagogisch sinnvoll: "Schule kann nicht alles allein bewältigen."

Intensive Diskussionen in den Arbeitsgruppen

Die Ganztagsschule biete mindestens eine Möglichkeit, die soziale Selektion, die gegenwärtig im Schulsystem stattfinde, zu überwinden, so Fuchs. "Was können wir in die Ganztagsschulen einbringen, was die Schulen nicht können?", müsse nun die Fragestellung für die Kinder- und Jugendbildung lauten. Es werde allerdings schwierig, tragende Fundamente der Kinder- und Jugendbildung wie Freiwilligkeit, Fehlerfreundlichkeit, Partizipation und Selbsttätigkeit in Ganztagsschulen einzubringen.

Die entscheidende Frage, die sich durch die Beiträge der Tagung zog, war: Wie weit muss sich die Kinder- und Jugendbildung verändern, um mit Schulen zusammenarbeiten zu können? Geht nicht zu viel der eigenen Identität verloren, wenn man letztendlich nur ein Teil von Schule ist? Beide Professionen - Lehrerinnen und Lehrer sowie außerschulische Pädagogen - verfügen über das Selbstbewusstsein, selbst am besten zu wissen, was gut für die Kinder ist. Aber beide Professionen stehen auch unter Druck: Der Lehrerberuf ist in der Öffentlichkeit schlecht angesehen, während Untersuchungen über die Wirksamkeit außerschulischer Lernangebote noch ausstehen; das Berufsbild selbst ist wenig anerkannt.

In Remscheid zeigten sich die Schwierigkeiten, welche die Lehrerschaft auf der einen und außerschulische Pädagogen auf der anderen Seite haben, aufeinander zuzugehen. In zwei Workshops kam es zu heftigen Diskussionen zwischen den beiden Gruppen. "Es gab sehr unterschiedliche Auffassungen, und bei denen ist es auch geblieben", berichtete Ulrich Baer, Mitarbeiter der Akademie Remscheid, aus seiner Arbeitsgruppe. "Die außerschulischen Vertreter meinten, dass man mit der gegenwärtigen Schule nicht zusammenarbeiten könne, während die Schulvertreter betonten, dass sich Schule gerne nach außen für neue Projekte öffnen wolle. Beim Transfer der vorgestellten Projektmodelle in die Wirklichkeit wurde es also ein wenig kritisch."

Einige außerschulische Pädagogen befürchten, zu billigen Aushilfslehrern abqualifiziert zu werden. Kido Kokoschka, Mitarbeiter einer Jugendeinrichtung in Hamburg-Eimsbüttel, kritisierte, dass Ganztagsschulen nicht aus pädagogischen Gründen, sondern aus Spargründen etwa bei Mitteln der Kinder- und Jugendbildung eingerichtet würden.

Ein neues Schulethos entwickeln

So wie sich auf der Tagung Skepsis und Hoffnungen in den Äußerungen mischten, so unterschiedlich waren auch die Positionen der beiden Gastreferenten Prof. Dr. Klaus Prange und Prof. Dr. Christian Rittelmeyer in ihren Vorträgen. Prange, der Pädagogik an der Universität Oldenburg lehrt, widmete sich der Frage "Wie wir in der Schule lernen - und wie nicht". Er äußerte Bedenken, dass sich Schule ein neues Themen- und Betätigungsfeld aufhalse, während auf ihrem eigentlichen Kerngebiet - dem Unterricht - noch vieles im Argen liege. Schule könne nicht alle sozialen Probleme lösen. Es gehe vielmehr darum, zusammenhängenden Unterricht zu schaffen, statt den Vormittag in lauter unterschiedliche Fächer zu zerstückeln, die ein Einlassen auf Themen von Seiten der Schülerinnen und Schüler verhindere. "Lieber weniger Schule, aber dann richtig, statt mehr Schule, die sich überfordert", forderte Prange. "Das Fachlehrerprinzip, das fatalerweise schon im Studium für die Primarstufe angelegt ist, verhindert, dass die Lehrerinnen und Lehrer neben dem instrumentalen Lernen auch das expressive Lernen vermitteln können, das nicht nur auf Brauchbarkeit, sondern auf Selbstverwirklichung ausgerichtet ist."

Rittelmeyer, Professor für Pädagogik an der Universität Göttingen, mahnte dagegen an, Schülerinnen und Schüler zu einer umfassenden Lektürefähigkeit zu befähigen, die über das bloße Fachwissen hinausgehe und das selbstständige Erkennen und Einschätzen des Alltags ermögliche. "Es muss eine Kultivierung der Schule erreicht werden, es muss sich ein Schulethos entwickeln, den man der Schule von außen nicht aufdrücken kann." In seinem Vortrag "Konkrete Geistigkeit - zur Kultur von Lernräumen" forderte der Wissenschaftler, dass Schularchitektur drei Merkmale aufweisen müsse: "Anregungs- und Abwechslungsreichtum, eine freilassende Baugestaltung sowie Wärme und Weichheit der Farben wie der Formen." Kinder und Jugendliche dürften nicht in "architektonischen Lügen" wie bunt angemalten Betonbunkern lernen.

In Richtung des von Rittelmeyer erwähnten Schulethos gingen auch die Ergebnisse, die Dr. Oehrens am zweiten Tagungstag aus ihrer Arbeitsgruppe "Öffentlichkeitsarbeit und Profile" präsentierte: "Schulen müssen Mut zu einem Profil zeigen und auf einem Weg der kleinen Schritte alle Projekte immer wieder in die Öffentlichkeit tragen. Ganz wesentlich ist dabei auch die Kommunikation nach innen."

Die eigene Stimme finden

Kommunikation stand auch in der Arbeitsgruppe Theater im Vordergrund, in welcher Gitta Martens, Dozentin für Theater an der Akademie Remscheid, ein Dutzend Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Methode des Playback-Theaters bekannt machte. Zunächst wurden in Aufwärmübungen persönliche Befindlichkeiten wie "müde" oder "unternehmungslustig" oder Assoziationen zu Schule und Jugendbildung in Mimik, Gestik und Sprache verwandelt. Dann teilte sich die Gruppe in fünf Darsteller, einen Erzähler und einen Rest als Zuschauer. Der Erzähler berichtete eine kurze Geschichte aus seinem Leben, legte die Rollen der Schauspieler fest, welche seine Erzählung dann nachspielten. Gitta Martens griff als Moderatorin ein, um das Schauspiel zu gliedern und zu erinnern, wenn ein bestimmter Aspekt in Vergessenheit geriet. Nach der Aufführung konnte der Erzähler das Gesehene bewerten und korrigieren. Teile wurden dann nach seiner Regieanweisung noch mal neu gespielt.

Die Theatergruppe

Die Gruppe war von der Playback-Methode begeistert. Neben der Unterhaltsamkeit war es faszinierend zu beobachten, wie eine Erzählung Gestalt annahm und die Darsteller in ihren Rollen eine eigene Dynamik entwickelten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer stimmten in der abschließenden Diskussion überein, dass diese Methode helfen könne, Kindern und Jugendlichen ihre eigene Stimme zu geben und sie lernen zu lassen, eine Sprache zu finden. Innerhalb eines gesetzten Rahmens können sie ihre eigenen Erfahrungen und Empfindungen einbringen und Themen spielen, die sie aus ihrem Leben entwickeln. Man fühlt sich in jemand anders hinein und bleibt doch man selbst.

"Gerade für Ganztagsschulen eignet sich das Playback-Theater hervorragend", erklärte Gitta Martens, "denn dieses funktioniert um so besser, wenn eine feste Gruppe regelmäßig dabei mitmacht. Im Idealfall spielt man 90 Minuten verschiedene Geschichten. Man kann dann beobachten, wie Kinder und Jugendliche aus sich herausgehen, die sonst kaum etwas von sich preisgeben."

Der Diskussion nicht hinterher hinken

Im Schlussresümee der Tagung stellte Ina Bielenberg von der Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung klar: "Wir denken, dass kulturelle Bildung ihren Platz viel mehr noch als bisher in Schule haben sollte, gerade wenn die neue Schule zum Lern- und Lebensort wird, sich mit der Lebenswelt der Kinder vernetzt und ein Ort für ganzheitliches Lernen wird. Wir wollen die Welt der Kinder erweitern, in der sie Neues und Unbekanntes kennen lernen." Kulturelle Bildung könne neue Perspektiven auf Bekanntes eröffnen und die sinnliche Wahrnehmung und Ausdrucksfähigkeit fördern. Davon könnten die Lernkultur und das soziale Klima in einer Schule profitieren.

Während die Theatergruppe ein konkretes Ergebnis mitnehmen konnte, vermissten anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Art Handlungsanweisung für ihre weitere Arbeit. "Was soll ich mit 30 Hauptschülern machen, für die diese Gesellschaft in Zukunft keine Verwendung mehr hat?", fragte ein Lehrer. Ulrich Baer kritisierte, man dürfe der Diskussion nicht hinterher hinken, sondern sich den Herausforderungen der Zusammenarbeit stellen. Der Gesetzgeber schaffen Fakten, mit denen man sich arrangieren müsse. Eine ganz praktische Frage blieb zum Schluss für eine Teilnehmerin offen: "Woher soll das Geld kommen?"

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