Das Kino als Klassenzimmer

Fernsehen, DVD und Video, Computer, Spielekonsolen, Werbung - Kinder und Jugendliche wachsen in einer wahren Bilderflut auf. Oft ohne die Begleitung von Erwachsenen konsumieren sie Filme, deren Emotionalität sie unreflektiert verarbeiten müssen. Zu einem bewussteren Umgang mit Kino und Film möchte das Kölner Institut für Kino und Filmkultur beitragen. Projekte wie "Lernort Kino" sind bundesweit schon erfolgreich gelaufen.

Logo: Lernort Kino

In vielen Kinderzimmern stehen inzwischen Fernsehgeräte, DVD-Spieler, Videorecorder, Computer oder Spielekonsolen. Kinder und Jugendliche konsumieren ohne die Begleitung Erwachsener stundenlang Fernsehsendungen und Spielfilme. Statistisch gesehen drei Stunden täglich, wobei es am Wochenende oft deutlich mehr sind. Vollgestopft mit Eindrücken kommen sie am nächsten Morgen in die Schule. Der Montagmorgen ist dann auch der von den Lehrerinnen und Lehrern gefürchtetste, was die Hyperaktivität und Unruhe ihrer Klassen betrifft.

In einer Halbtagsschule ist die Zeit, sich über Erlebnisse oder den Bilderkonsum zu unterhalten, nicht vorhanden. Der Lehrstoff muss bewältigt werden, ein Fach Medienerziehung ist nicht vorgesehen. Sehr zum Bedauern von Horst Walther, Leiter des Institut für Kino und Filmkultur (IFK): "Film- und Medienkompetenz ist fast so wichtig wie Lesen und Schreiben und sollte in Schulen auch vermittelt werden."

Das Institut für Kino und Filmkultur wurde im Frühjahr 2000 als eingetragener Verein gegründet. Es möchte als Vermittler zwischen Kino und Publikum sowie als Schnittstelle zwischen Filmbranche und Bildungsbereich wirken. Im zweiten Bereich engagiert sich das Institut mit zunehmenden Maße und auch zunehmend erfolgreich. Das IKF entwickelte Projekte zur Film- und Medienbildung, so 2001 "Kino gegen Gewalt", 2002 und 2003 "Kino für Toleranz" und "Ins Kino zum Nachbarn".

Film als Unterrichtsergänzung

Das Hauptprojekt aber ist "Lernort Kino", das seit 2002 läuft und den Innovationspreis 2002 von Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin erhielt. "Lernort Kino" wurde vom IFK initiiert und in bislang elf Ländern veranstaltet. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die dritte Veranstaltungsrunde in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Thüringen und im Saarland. In Berlin, Brandenburg und Rheinland-Pfalz wird "Lernort Kino" zum zweiten Mal stattfinden.

Die Idee von "Lernort Kino" ist schnell zusammengefasst: Schulklassen und ihre Lehrerinnen und Lehrer sehen sich dort Filme an, wo sie eigentlich hingehören: Im Kino. Bei den so genannten Schul-Film-Wochen werden die Kinos des jeweiligen Bundeslandes eine Woche lang zum Klassenzimmer. Schülerinnen und Schüler von der ersten Grundschulklasse bis zur Abiturstufe können während der Unterrichtszeit vom Institut empfohlene Spiel- und Dokumentarfilme zum ermäßigten Eintrittspreis im Kino sehen. Als Höhepunkte finden an einzelnen Orten Sonderveranstaltungen mit Regisseuren und Schauspielern statt.

Das Gesehene und Gehörte bleibt dann aber nicht unreflektiert, sondern wird im Unterricht nachbearbeitet und diskutiert. Der Film ist dabei als Ergänzung oder Erweiterung eines im Unterricht behandelten Themas gedacht. "Es soll hier nicht nach dem alten Muster verfahren werden, dass ein Roman oder Drama behandelt wurde und der Lehrer dann noch als Zugabe die entsprechende Verfilmung zeigt, über die dann nicht weiter geredet wird", stellt Horst Walther klar.

Bewusster Umgang mit dem Medium

Ziel ist es vielmehr, neben der inhaltlichen Relevanz auch gleichberechtigt die Filmsprache im Unterricht zu erörtern. Denn "die Voraussetzung für einen bewussten Umgang mit dem Medium sind das Wissen über die Filmsprache, Kenntnisse von den Zusammenhängen zwischen Filmproduktion und Entstehungszeit, Wissen um die Filmgeschichte und die nationale Tradition von Bildern. Film ist nicht nur Lehrstoff und Unterrichtsmittel, Film gehört zur Kultur, ist Ausdrucksmittel und prägt unseren Alltag", heißt es auf der Homepage des Instituts.

Doch kaum eine Lehrerin oder ein Lehrer dürfte ein solches Wissen von der Ausbildung her mitbringen. Zur pädagogischen Vor- und Nachbereitung im Unterricht werden den teilnehmenden Lehrerinnen und Lehrern deshalb vom IKF entwickelte didaktische Arbeitsmaterialien zu den Filmen zur Verfügung gestellt. Diese so genannten Film-Hefte haben jeweils einen Umfang von etwa 20 Seiten und stehen als pdf-Dateien auch zum Herunterladen im Internet zur Verfügung.

Neben der Inhaltsangabe schälen die Hefte thematische Kerne des Films heraus, untersuchen die narrative Struktur und die filmischen Gestaltungsmittel. Sequenzübersichten erleichtern den Lehrerinnen und Lehrern die Übersicht über den Film, ausgewählte Sequenzen werden analysiert. Es gibt Verweise auf ähnliche Filme und Literatur. Arbeitsblätter und Fragestellungen für die Vor- und Nachbereitung dienen als pädagogische Anregungen.

"Welle der Begeisterung"

Die Film-Hefte sind von Autoren verfasst, die aus verschiedenen beruflichen Bereichen, auch der Pädagogik, kommen. Die Spanne der Filme ist dabei weit: Neben Werken, die von "Zusammenleben und von Toleranz", von "Fremden Kulturen" und "Migranten und Sesshaften" erzählen, fehlen auch Filme wie der US-Zeichentrickstreifen "Shrek" nicht. "Wir müssen die Kinder auch da abholen, wo sie stehen - und wenn sie solche Filme gerne sehen, erläutert man auch an solchen Beispielen", meint Walther.

Besonders die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Doris Ahnen und der sachsen-anhaltinische Kultusminister Jan-Hendrik Olbertz haben sich seit Beginn für das Projekt in ihren Ländern stark gemacht. Die Verbindung von Unterrichtsstoff und Freizeitort und die Möglichkeit zu fächerübergreifendem Lernen überzeugten die Politiker. Die aus Großbritannien und Frankreich stammende Idee "Lernort Kino" hat sich inzwischen erfolgreich etabliert. Über 40.000 Schülerinnen und Schüler haben die Kinos besucht. Mehr als 50 verschiedene Filme sind gezeigt worden. Die Zahl der Kinos, die nun in der dritten Auflage teilnehmen, hat sich um ein Viertel erhöht. "Es gibt eine Welle der Begeisterung", berichtet Walther. Unterstützt wird "Lernort Kino" unter anderem durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die Filmförderungsanstalt, die Bundeszentrale und die Landeszentralen für politische Bildung sowie die Kultusministerien und Filmförderungseinrichtungen der Länder.

Medienmündigkeit als Ziel

Das IKF führt in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Landesmedienzentren Fortbildungen für Lehrerinnen und Lehrer durch. In Brandenburg, Niedersachsen und Rheinland-Pfalz hat es sie bereits gegeben, in Schleswig-Holstein werden diese regelmäßig angeboten. Die Möglichkeit, jederzeit aktuelle Kinofilme wie "Hotel Ruanda" thematisch vor- und nachzubereiten, bieten den Lehrerinnen und Lehrern die mehrseitigen "Kino & Curriculum"-Arbeitsblätter. Der besondere Service besteht hierbei in der Herstellung des Lehrplanbezuges. "Das ist eine wahnsinnige Arbeit, weil alle 16 Länder ihre eigenen Lehrpläne besitzen", erklärt Walther.

Ausschließlich an Grundschulen wendet sich das IFK-Arbeitsheft "Das Kino", mit dessen Hilfe Schülerinnen und Schüler der 3. und 4. Klasse die Kinowelt ihres Wohnortes erkunden. Es gilt zu suchen, zu beobachten und zu fragen, um herauszufinden, wie ein Kino überhaupt organisiert ist. Wie kommt man am besten zum Kino? Wie erfährt man, was dort wann und wo gespielt wird? Welche Aufgaben hat ein Kinoleiter? Die Antworten tragen die Kinder in das Heft ein und erhalten am Schluss einen "Kinogenie-Ausweis".

Es steht allen Schulen offen, sich in Form dieser Projektwochen mit Film zu befassen. Ganztagsschulen bieten für den Institutsleiter aber die "gigantische Chance, kontinuierlich Filme zu sehen und darüber zu diskutieren". Eine langfristige Arbeit könne man durch Arbeitsgruppen oder Filmclubs gewährleisten. "Was spricht denn dagegen, einen großen Raum, den man abdunkeln kann, einzurichten, um hier mit Hilfe eines Beamers Filme zu zeigen?", fragt Walther. "Solche Umbauten oder Gerätschaften werden auch durch IZBB-Mittel des Bundes gefördert. Wir können die Schulen inhaltlich beraten, und die Landesmedienzentren sind gute Ansprechpartner, wenn eine Schule sich entschließt, einen Filmclub zu gründen."

Ob sich eine Ganztagsschule nun mit regelmäßigen Kinobesuchen oder der Einrichtung eines Filmclubs dem Medium nähert, um es zu analysieren und zu verstehen - das Ziel ist letztendlich die Erlangung von Medienkompetenz und -mündigkeit. Wie in vielen anderen Bereichen gilt auch hier: Wenn nicht in der Schule mit den Kindern darüber gesprochen wird, spricht keiner mit ihnen darüber.

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