Viel Kultur für wenig Geld

Die Aneignung kultureller Güter in der Schule ist eine bedeutende Zivilisationsleistung, die den ganzen Menschen ein Leben lang formen und prägen kann. Auf dem 4. Workshop "Kultur ist (k)ein Honigschlecken - Kulturelle Bildung in der Ganztagsschule" zur offenen Ganztagsschule in NRW wurden in Düsseldorf am 17. Januar die Voraussetzungen, Rahmenbedingungen und Ziele für eine systematische Kulturförderung erörtert.

Manche Beispiele wirken intensiver als hundert Vorträge. Eines Tages erlebte der Rektor einer Schule, wie ein Schüler Gitarrenriffs und einen Groove spielte, dass "ihm fast die Kinnlade runterfiel". Er sprach eine Lehrerkollegin auf den talentierten Jungen an. "Wegen dem musste ich doch in Therapie gehen", so ihr Kommentar zu dem Problemschüler. Als sie nun begann, den angehenden Musiker mit anderen Augen zu betrachten "war dies der Neubeginn einer Liebe", die beiden etwas gab.

Es sind solche Beispiele, die zeigen, wofür kulturelle Bildung gut sein kann. Die Veranstaltung "Kultur ist (k)ein Honigschlecken" im Düsseldorfer Stadtmuseum verdeutlichte die Chancen und die Grenzen, die der Einzug von kulturellen Bildungsangeboten in die offenen Ganztagsschulen in NRW mit sich bringt. "Eine neue Kultur der Wertschätzung ist möglich, mit der wir viel mehr Kinder erreichen", so Ute Schäfer anlässlich der Eröffnung des 4. Workshop zur offenen Ganztagsgrundschule in NRW. Die Ministerin für Schule, Jugend und Kinder sieht in den offenen Ganztagsschulen einen prädestinierten Ort für kulturelle Bildung: "Durch Ganztagsschulen kann man die kulturelle Bildung besonders pflegen."

Auch wissenschaftliche Studien belegen laut Schäfer die Verbesserung der Lernergebnisse an Schulen, beispielsweise im Musikunterricht. Und nicht nur das: "Kulturelle Bildung überzeugt durch ihren ganzheitlichen Ansatz. Sie ist Persönlichkeitsbildung, trägt zum sozialen Lernen bei, fördert Kreativität und Fantasie und lässt Kinder neue Welten, Perspektiven und Horizonte entdecken", so die Ministerin weiter.

Raum, Zeit und Körper neu erfahren

Eine Schülerin oder ein Schüler, die im mitunter grauen Unterrichtsalltag nicht zeigen kann, was noch in ihr oder in ihm steckt, kann durch Kunst, Musik, Theater, Tanz oder Literatur aus der Reserve gelockt werden. Sie entdecken, dass Schule mehr sein kann als ein Frage-Antwort-Note-Unterricht, und sie entdecken dabei auch sich selbst.

Kulturelle Bildung an Ganztagsschulen ermöglicht neue Erfahrungen von Raum, Zeit und Körper in einer Gesellschaft, die ihren Takt immer mehr beschleunigt: "Sie verlangsamt systematisch die Tempi von Wahrnehmung, Aneignung und Produktion", so Schäfer. Kulturelle Bildung aktiviert und sie fördert die Partizipation: "Hands on! Anfassen erlaubt." Wenn sonst nichts geht, dann spätestens "kann man die Kinder bei ihren produktiven Kräften packen".

Um dauerhafte Partnerschaften und Kooperationen an den offenen Ganztagsschulen ins Leben zu rufen, gibt es Rahmenvereinbarungen zwischen dem nordrhein-westfälischen Kultusministerium und dem LandesMusikRat (LMR), dem Landesverband der Musikschulen (LVdM) sowie der Landesvereinigung kulturelle Jugendarbeit (LKJ). Sie sichern die konzeptionelle und inhaltliche Ausgestaltung der flächendeckenden Kulturangebote. Wenn die Schülerinnen und Schüler also ein Museum besuchen, neue Kulturlandschaften erkunden oder sonstige Kultur- und Kunsteinrichtungen außerhalb der Schule, dann stecken dahinter solche verlässlichen regionalen Abkommen.

Ganztagsschule als kulturelles Entwicklungsprojekt

Stadtmuseum Düsseldorf

Der rasche Ausbau von offenen Ganztagsschulangeboten soll in NRW eingebettet werden in die Kooperation mit erfahrenen und professionellen Anbietern wie der Landesvereinigung kulturelle Jugendbildung (LKJ). Gab es im Schuljahr 2003/04 erst 235 neue Ganztagsangebote, so waren es ein Jahr später bereits 703. Bis 2007 soll es für 25 Prozent aller Schülerinnen und Schüler in NRW einen Platz in der offenen Ganztagsschule geben. Schon jetzt gibt es 60 Kooperationen zwischen der LKJ und den offenen Ganztagsschulen.

Damit eröffnet sich für Ina Bielenberg von der LKJ "ein Kaleidoskop der Möglichkeiten, und jede Schule kann prüfen, was zu ihr passt". Allerdings gibt es auch Stolpersteine. So findet für Bielenberg die Zusammenarbeit zwischen den Schulen und den außerschulischen Kooperationspartnern eben noch nicht auf gleicher Augenhöhe statt: "Das ist Vision, nicht Realität". Ein weiteres Problem sieht die Bildungsreferentin darin, dass Träger von kulturellen Bildungsangeboten oft nur "Subunternehmer von Wohlfahrtsverbänden sind", denen nicht selten die Kompetenz abgehe, auf angemessene Weise mit Menschen aus Künstlerberufen oder aus der Musik-, Theater- und Tanzszene zusammenzuarbeiten.

Zu viel PISA-Druck auf außerschulische Anbieter?

"Durch die PISA-Studie wurde die Schule als reformbedürftig ausgemacht. Aber der Druck lastet auf den außerschulischen Mitarbeitern". Um solche und andere Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, sind Evaluation und Qualitätssicherung von Nutzen, da sie Wegweiser für professionelle kulturpädagogische Bildungsangebote an Ganztagsschulen nicht nur in NRW aufstellen.

So hat die Landesvereinigung kulturelle Jugendbildung in einer Evaluation ihrer Bildungsangebote folgenden Befund erhoben. 1) Es muss verlässliche Kommunikationsstellen zwischen allen Beteiligten geben. 2) Die Partizipation von Kindern an den Bildungsangeboten ist unzureichend. Grund: Für die meisten Lehrerinnen und Lehrer ist Partizipation Neuland. 3) Die räumlichen Bedingungen müssen für kulturelle Bildungsangebote verbessert werden. 4) Auch außerschulische Lernorte wie Museen oder Ausstellungen sollten in den Ganztag eingebunden werden. 5) Theoretische Entwicklungen sollten in die kulturelle Bildung eingebracht werden, beispielsweise das Konzept der Lebenskunst.

Mit wenig Geld viel erreichen

Weitere Themen und Probleme der kulturellen Bildung an offenen Ganztagsschulen konnten in drei parallelen Arbeitsgruppen diskutiert werden. So gab es die AG "Tanz als Kommunikations- und Ausdrucksform", oder die AG "Musik macht Schule" und die AG "Kultur in der Schule". Dass nicht wenigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Schuh drückte, das zeigte sich an den vielen Fragen und Beiträgen, die vom Publikum eingebracht wurden.

Arbeitsgruppe

"Die Workshops sind Teil eines Gesamtsystems zur Qualitätsentwicklung im Ganztag, an dem sich die Schulaufsicht, die Landesjugendämter, das Landesinstitut für Schule, das Institut für soziale Arbeit, die Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung beteiligen", heißt es in einer Pressemitteilung des nordrhein-westfälischen Bildungsministeriums. Sie sind in dieser oder ähnlicher Form übrigens auch anderen Ländern weiter zu empfehlen. Doch sollten sie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer wie beim Berliner Ganztagsschulkongress "Ideen für mehr - Ganztägig lernen" auch stärker einbeziehen.
 
Lehrreich war die Feststellung von Schulministerin Schäfer: "Wenn uns klar ist, dass das Geld nicht mehr wird, dann muss geklärt werden, wofür das Geld verteilt wird." Es geht also darum, mit wenig Ressourcen viel zu erreichen. Eine Ausnahme stellt dabei Düsseldorf dar: Da es der Landeshauptstadt finanziell verhältnismäßig gut geht, gibt sie pro Gruppe und pro Jahr 10 000 Euro für außerschulische Angebote aus.

Kulturelle Bildung ist Ganztagsbildung

Doch kulturelle Bildung ist alles andere als beliebig, sie ist auch nicht in Geld auszudrücken. So gibt es - Bielenberg zufolge - Möglichkeiten der Förderdiagnostik und der Einbeziehung von Kindern, die sonst kaum Zugang zu Kunst und Kultur haben. "Im Mittelpunkt muss immer das Kind mit seinen Erfahrungen stehen", sagt Ina Bielenberg. Wenn man Kinder als Mittelpunkt der Bildungsreformen verstehe, dann müsse man Schule anders denken lernen. Resultat wäre ein erweiterter Bildungsbegriff und mehr Beteiligung der Kinder, denn kulturelle Bildung ist mehr als bloße Betreuung.

Für Volker Gerland, stellvertretender Vorsitzender des Landesverbandes der Musikschulen in NRW, kann die kulturelle Jugendarbeit ein gemeinsames Bildungsverständnis von Schule und außerschulischen Anbietern befördern: "Ganztagschulen sind ein Beitrag zur Verbesserung der Bildungssituation in vielen Bereichen". Gute Chancen für kulturelle Bildung gibt es einem Teilnehmer des Workshops zufolge dort, wo "Schulleiter ihren Wert erkennen".

Eine entscheidende Frage musste aber im Raum stehen bleiben: Was passiert eigentlich mit den Kindern, wenn sie die Ganztagsgrundschule verlassen und in weiterführenden Halbtagsschulen vergeblich nach dem Kaleidoskop der Ganztagsschulbildung Ausschau halten? Vielleicht gibt es ja auf dem Ganztagsschulkongress "Ein Jahr offene Ganztagsschule in Nordrhein-Westfalen" am 11. Februar auch darauf eine Antwort. Die Anmeldezahlen von jetzt 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmern jedenfalls lassen auf interessante Diskussionen und gemeinsame Lernprozesse hoffen.

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