Schülerzeitung im Ganztag: „Kein Blatt vorm Mund“

Die Jugendpresse Deutschland kürt jedes Jahr bundesweit die besten Schülerzeitungen. Über Medienbildung und politisches Engagement für Pressefreiheit spricht Bundesvorständin Helene Fuchs im Interview.

Helene Fuchs© Jugendpresse Deutschland

Online-Redaktion: Frau Fuchs, welche Angebote macht die Jugendpresse?

Helene Fuchs: Wir sind ein Verein junger Menschen und fühlen uns dem Gedanken verpflichtet, allen jungen Menschen Medienbildung und einen Einstieg in den Journalismus zu bieten und dabei den Peer-to-Peer-Ansatz zu leben. Das fängt ganz klassisch bei der Schülerzeitung an. Da bieten wir unsere „Mobile Medienakademie“ an, ein Workshop-Format, mit dem wir in die Schülerzeitungsredaktionen gehen. Dort kommen wir mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch über die Herstellung einer Schülerzeitung, aber auch über Fragen der Pressefreiheit oder Medienbildung. Die Redaktionen können sich dann natürlich in unserem bundesweiten Schülerzeitungswettbewerb bewerben. Dieser Wettbewerb ist uns sehr wichtig, denn er demonstriert öffentlichkeitswirksam, welche tolle Arbeit die Schülerzeitungsredaktionen leisten.

Und wenn Schülerinnen und Schüler sich dann noch weiterbilden und rausfinden wollen, ob der Journalismus etwas für sie ist, geht es weiter mit unserem Projekt „politikorange“. Das ist unsere Lehr- und Lernredaktion, in der junge Menschen unter Echtzeit-Bedingungen herausfinden, wie es ist, eine Zeitung zu schreiben – mit Zeichenbegrenzung oder mit Interviewterminierung. Die Ausgaben unseres Magazins „politikorange“ werden themen- oder veranstaltungsbezogen erstellt und bieten ein großes Feld zum Ausprobieren.

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© Jugendpresse Deutschland / Kurt Sauer

Dann gibt es noch die Großveranstaltung YouMeCon, die Youth Media Convention, wo sich junge Medienmacherinnen und Medienmacher vernetzen können. Sie können mit Medienmacherinnen und Machern ins Gespräch kommen, die schon etwas etablierter sind und auch im Bildungsbereich oder in der Kreativbranche aktiv. Mit all diesen Angeboten möchten wir Orientierung geben und vielleicht auch einen späteren Berufseinstieg erleichtern. Und nicht zuletzt führen wir Projekte der politischen Bildung durch, so den jährlichen „Jugendmedienworkshop im Deutschen Bundestag“ und die Jugendpolitiktage. Wir finden, dass es junge Stimmen auch in der Politik braucht und die Beschäftigung mit Politik und das Wissen über Politik ein wichtiger Part der Beschäftigung mit Medien sind.

Online-Redaktion: Wie haben Sie das Pandemiejahr durchgestanden?

Fuchs: Nach dem ersten Schock haben wir uns schnell wieder aufgerappelt und in unserer Mobilen Medienakademie eine große Bandbreite an digitalen Workshops angeboten. Die Preisverleihung des Schülerzeitungswettbewerbs im Bundesrat und sogar unseren Schülerzeitungskongress, der ja ein Kern des bundesweiten Wettbewerbs ist, haben wir ebenfalls kurzerhand ins Netz verlegt. In einer digitalen Kongresswoche konnten wir die Schülerzeitungen bestmöglich würdigen. Auch für die Jugendpolitiktage haben wir digitale Formate entwickelt.

Online-Redaktion: Sie gehörten selbst als Schülerin einer Schülerzeitungs-AG an. Über welche Unterstützung durch die Jugendpresse hätten Sie sich damals gefreut?

© Jugendpresse Deutschland / Kurt Sauer

Fuchs: Die Unterstützung in Fragen der Redaktionsorganisation oder in Fragen der Rechte hätte mir sehr geholfen. Zu wissen, was man darf und welche Optionen man in der Schule hat. Es ist wichtig, dass Schülerinnen und Schüler in der Schule ihre Meinung äußern dürfen. Sie sind aber oft unsicher, was sie dürfen. Sie wissen nicht, welche Zugangsrechte und welche Auskunftsrechte sie haben, beispielsweise, dass ein Stadt- oder Gemeindearchiv auch Schülerzeitungsredakteurinnen und -redakteuren offenstehen muss.

Online-Redaktion: Der Schülerzeitungswettbewerb heißt „Kein Blatt vorm Mund“. Wie berührt Sie das Thema Pressefreiheit?

Fuchs: Für uns als Verein und als politisch engagierte junge Menschen ist Pressefreiheit ein Fundament für Demokratie. Wir setzen uns dafür ein, dass die Pressefreiheit die Aufmerksamkeit bekommt, die ihr gebührt. In Kooperation mit „Reporter ohne Grenzen“ haben wir im vergangenen Jahr gemeinsam eine Jugendversion der Weltkarte der Pressefreiheit herausgegeben. Und wir stellen klar heraus, dass auch Schülerzeitungen das Recht der Pressefreiheit zusteht.

Wir können nicht glauben, dass Kinder und Jugendliche zu demokratisch denkenden und engagierten Erwachsenen werden, wenn ihnen gleich auf dem ersten Experimentierfeld, am ersten Berührungspunkt mit Journalismus dieses Recht nicht zugestanden wird. Niemand muss sich aus Prinzip mit der eigenen Schule anlegen, aber wir kämpfen dafür, dass Schülerzeitungen kritische Themen ansprechen können, dass sie nicht ausgebremst werden und nicht mit dem Verweis auf den Schulfrieden Unangenehmes ausklammern müssen. Über unsere Landesverbände bekommen wir noch zahlreiche Zensurfälle mit. Aber insgesamt entwickeln sich die Schülerzeitungen in eine gute Richtung.

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© Jugendpresse Deutschland / Kurt Sauer

Wir bringen ja auch den Jugendpresseausweis heraus, mit dem junge Journalistinnen und Journalisten nachweisen können, dass sie journalistisch aktiv sind. So können sie die Rechte, die ihnen als Teil der Presse zustehen, wahrnehmen. Und obwohl das ein vom Deutschen Journalistenverband anerkannter Nachweis ist, der mit einer Prüfung verbunden ist, haben wir in manchen Situationen, wie bei Demonstrationen oder bei Großveranstaltungen, feststellen müssen, dass dieser Ausweis von Versammlungsleitungen oder der Polizei nicht akzeptiert wird. Mit dieser Einschränkung der Pressefreiheit müssen wir uns auch beschäftigen.

Online-Redaktion: Noch einmal zurück zum bundesweiten Schülerzeitungswettbewerb. Was geschieht auf den Schülerzeitungskongressen?

Fuchs: Der Schülerzeitungskongress ist ein Teil der Preisverleihung des Schülerzeitungswettbewerbs. Den Kongress organisieren wir seit 2012 jährlich in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung in deren Haus in Berlin. Wir wollten die Schülerzeitungen nicht nur mit einer Urkunde und einem Schulterklopfen bei der Preisverleihung im Bundesrat verabschieden, sondern die Gelegenheit der Veranstaltung für Vernetzung und Weiterbildung nutzen. Die Kinder und Jugendlichen sollen sich miteinander austauschen, neue Ideen, Themen und Formate entdecken und neue Erfahrungen machen können – damit ihre Schülerzeitungen noch besser werden.

© Jugendpresse Deutschland / Kurt Sauer

Online-Redaktion: Wie erfolgt die Auswahl beim Schülerzeitungswettbewerb?

Fuchs: Der Schülerzeitungswettbewerb wird von der Kultusministerkonferenz empfohlen und findet zuerst in den Ländern statt. Es gibt also 16 Landeswettbewerbe, in denen sich Schülerzeitungen in vier bis sechs Kategorien nach Schulformen bewerben können. Die Landessieger qualifizieren sich für den Bundeswettbewerb. Dazu kommen Sonderpreise, die bestimmte journalistische Handwerksformen oder Themen fokussieren, die uns wichtig sind. Für die Sonderpreise muss eine Schülerzeitung nicht vorher am Landeswettbewerb teilgenommen haben. Außerdem haben wir seit zwei Jahren eine online-Kategorie. In unserer Jury für den bundesweiten Wettbewerb sitzen junge ebenso wie etablierte Journalistinnen und Journalisten, Schülerzeitungsredakteurinnen und ‑-redakteure sowie Lehrerinnen und Lehrer, die sich zwei Tage lang die gesamten Einsendungen anschauen und dann die Gewinnerzeitungen auswählen.

Online-Redaktion: Was macht eine Schülerzeitung preiswürdig?

Fuchs: An Schulen, die eine große Altersspanne haben, sollte die Schülerzeitung nicht nur das Projekt einer Klasse sein, nicht ein einmaliges Projektergebnis oder nur bestimmte Schülergruppen ansprechen, sondern sie muss eine Zeitung für die ganze Schule sein, von Schülerinnen und Schülern für Schülerinnen und Schüler. In der Schülerzeitung sollten schulinterne Themen verhandelt werden, aber es sollte auch sichtbar sein, dass über den Tellerrand hinausgeschaut wird. Die Schülerinnen und Schüler sollten für sich selbst sprechen und ihre Sichtweisen und Meinungen vertreten. Dazu sollte es möglichst einen Mix an Stilen und Darstellungsformen geben. Auch Fotos, Bilder und grafische Elemente sollten dabei sein und natürlich eine gute Gestaltung.

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© Jugendpresse Deutschland / Claudio Nigrelli

Online-Redaktion: Was beeindruckt Sie persönlich an den Einsendungen?

Fuchs: Ich bin immer wieder überrascht, wie originell Themen aufbereitet werden. Da denke ich an das Thema „Fridays for Future“, wo es ganz interessante Herangehensweisen gab. Da haben Schülerinnen und Schüler gefragt, wie es denn an ihren Schulen aussieht, zum Beispiel wie klimaneutral ihre Schule ist. Im letzten Jahr gab es natürlich viele Einsendungen zum Thema Corona. Da ist mir eine Zeitung in Erinnerung geblieben, die auf dem Titel ein selbstgebautes Modell des Virus hatte und auf einer Fotostrecke zeigte, welche Auswirkungen ein so kleines Virus auf die ganze Welt hat. Für den Sonderpreis der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema „30 Jahre Einheit“ haben sich zwei Zeitungen, eine aus Ost-, eine aus Westdeutschland, dem Thema auf unterschiedliche Weise sensibel genähert und Fluchtgeschichten erzählt – einmal von Ost nach West, einmal von West nach Ost.

Online-Redaktion: Vielen Dank für das Interview!

Zur Person:

Helene Fuchs, Jg. 1999, ist seit 2019 geschäftsführende Bundesvorständin der Jugendpresse und zuständig für den Schülerzeitungswettbewerb der Länder und den Jugendmedienworkshop im Deutschen Bundestag. Außerdem betreut sie das Ressort Inklusion und Diversität. Von 2016 bis 2019 war sie im Vorstand der Jugendpresse Sachsen, 2018 bis 2019 auch in der Jungen Presse Hamburg und dort unter anderem für den Landesschülerzeitungswettbewerb tätig. Aktuell studiert sie Erziehungs- und Politikwissenschaft in Hamburg.

Lesen Sie hier auch unseren Beitrag über die Schülerzeitung „Watch Out!“ / Dorfgeflüster“ der Lindenschule Buer, die den Sonderpreis „Total lokal“ für die beste Lokalberichterstattung gewonnen hat!

 

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