Die Zukunft der kulturellen Bildung hat begonnen

Die Zukunft der kulturellen Bildung hat schon begonnen. Sie wird gemeinsam mit den Ganztagsschulen vor Ort realisiert und in Netzwerken ausgebaut sowie in kommunalen Bildungslandschaften verstetigt. Auf Landes- und Bundesebene wird die kulturelle Bildung durch Förderprogramme und durch das IZBB des Bundes nachhaltig gestärkt. Das dreijährige Modellprojekt "Kultur macht Schule", das die Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) Anfang März offiziell abgeschlossen hat, gibt Zuversicht für den Ausbau der kulturellen Bildung in Deutschland.

Prof. Dr. Max Fuchs

Kultur macht gesund. Oder wie es Prof. Max Fuchs formulierte: "Schulen mit kulturellem Profil machen die Lehrerinnen und Lehrer gesund, weil sie über ein anregungsreicheres Profil verfügen". Mit dieser Erkenntnis, die der Vorsitzende der Bundesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung (BKJ) einer englischen Studie über die Wirkung der Kultur entnahm, zog Max Fuchs eine Bilanz aus dem dreijährigen Modellprojekt "Kultur macht Schule". "Was will man mehr?", so die rhetorische Frage des Kulturrepräsentanten.

Damit nicht genug: Das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) habe sich als "größte Chance zur Verbesserung unseres Bildungssystems" erwiesen. Neueste Forschungsergebnisse belegen die These, dass Ganztagsschulen bundesweit positive Entwicklungen anstoßen, nicht zuletzt in der Kultur. Sie öffnen sich nämlich für vielfältige Kooperationspartner, sie schaffen Freiräume und sie entlasten auch die Familien. Max Fuchs berief sich dabei auf die Ergebnisse aus der "Studie zur Entwicklung der Ganztagsschule" (StEG).

Bündnisse für die Zukunft

Zufriedenheit äußerte der Kulturexperte auch darüber, dass es der BKJ gelungen sei, den Bundeselternrat für Kooperationen und einen gemeinsamen Aktionskatalog in dem Bereich der Kultur zu gewinnen. Rückenwind erfuhr die Kultur auch durch ein Positionspapier der Kultusministerkonferenz (KMK).

Das Modellprojekt "Kultur macht Schule" hat die Chancen ausgelotet, die in einer festen Kooperation zwischen Kultur und Ganztagsschulen enthalten sind. Die Projektergebnisse und der Erfahrungsaustausch am 22. März 2007 vermittelten Zuversicht über die Perspektiven der kulturellen Bildung in den Ganztagsschulen. "Man braucht Mut und darf sich trotzdem nicht überschätzen". Diese Einsicht einer Schülerin in den besonderen Charakter kultureller Angebote, kann stellvertretend für die Kooperationskultur zwischen den Ganztagsschulen und außerschulischen Partnern gelten.

Repräsentanten von Bund, Ländern, Kommunen, Wissenschaft und Praxis verliehen dem Optimismus Ausdruck, dass Kultur und Ganztagsschulen ihren Beitrag zu einer Verbesserung des Bildungssystems leisten. "Es gibt immer mehr Ganztagsschulen und viele gelungene Projekte", so Fuchs.

Die kulturelle Bildung in der Globalisierung

Dennoch müssten Fragen der Bildung und Kultur heutzutage etwas komplexer diskutiert werden als bisher. "Ich sehe eine starke Tendenz zum Ökonomischen nicht nur in der Gesundheit, sondern auch in der Bildung und Kultur". In der gegenwärtigen postmodernen Gesellschaft ist darüber hinaus eine "Entgrenzung der Bildung" festzustellen, die mit einer wachsenden Bedeutung nicht schulischen Lernens einhergeht. Auf diesen Trend machte Dr. Hans-Jürgen Stolz vom Deutschen Jugendinstitut aufmerksam. Dazu gehöre, dass den Jugendlichen eine große Auswahl an Lebensentwürfen zur Wahl stehe. Jugendgerechte, partizipative Angebote auf der einen Seite sowie Angebote, die die Basiskompetenzen und Schlüsselqualifikationen stärken, gehören deshalb in den Kanon der Kooperation zwischen Schule und außerschulischen Partnern.

Kultur in Zeiten der postmodernen Individualisierung

Prof. Dr. Joachim Hofmann-Göttig

Ein weiterer Trend ist für Heinz-Jürgen Stolz die Dezentrierung politischer Steuerung, eine Entwicklung also, die Netzwerke in den Vordergrund rückt. "Die Ganztagsschule kann die Dezentrierung der Lebenslagen nicht stoppen" so der Soziologe. Doch auf der anderen Seite erhöhen lokale Bildungslandschaften mit einer integrierten kommunalen Fachplanung die Chance, dass die Schulen sich gegenseitig öffnen: während eine Schule sich auf Kultur spezialisiere, könne die andere ihren Akzent auf Sport legen.

"Wir müssen weg von einem elitären Kulturverständnis", resümierte Heinz-Jürgen Stolz. Dieser Denkansatz wurde von Anja Durdel von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung gestützt: "Die kulturelle Bildung ist dicht am Individuum, sie vermittelt den Kindern und Jugendlichen Erfahrungen von Selbstwirksamkeit."

Mit Rousseauscher Aufklärungsperspektive kann die Rolle der Kultur auch so auf den Punkt gebracht werden: "Jeder Mensch wird als Kulturmensch geboren". Doch wann werde die eingeborene Kultur den Kindern ausgetrieben? Diese Frage stellte sich einer der dienstältesten Staatssekretäre in Deutschland, Prof. Joachim Hofmann-Göttig vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur des Landes Rheinland-Pfalz. Allzu früh würde die Kultur den Kindern bereits in der Schule verleidet. Rheinland-Pfalz habe die Erfahrung gemacht, dass es darauf ankomme, über punktuelle Projektarbeit hinaus, Verlässlichkeit und Strukturen für die Kooperationen zu entwickeln.

"Kunst- und Kulturprojekte haben Hochkonjunktur"

Eine Chance, die Begeisterung für Kunst, Musik oder Kultur wieder bei den Schülerinnen und Schülern zu wecken, sah der Staatssekretär in den Ganztagsschulen: "Spartenübergreifende Kunst- und Kulturprojekte haben offensichtlich Hochkonjunktur in Ganztagsschulen, vielfältige Vernetzungen mit unterschiedlichen Kooperationspartnern gewinnen an Bedeutung, und ein konsequenter Stadtteilbezug der kulturpädagogischen Arbeit gilt vielerorts als konzeptionelle Voraussetzung." Der Wettbewerb "Mixed up" der BKJ zeige, welches Potenzial in den Kooperationen mit den Trägern der kulturellen Bildung stecke.

Aus dem Wettbewerb "Mixed Up", für den Bundesministerin Ursula von der Leyen die Schirmherrschaft übernommen hat, und der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) weitere zwei Jahre gefördert wird, kommen viele Anregungen für die kulturelle Bildung. Zwei Praxisbeispiele in Berlin und Hamburg verdienen eine besondere Beachtung. Dazu mehr in einem kommenden Artikel.

Zukunftsmusik im Spiel: "Mixed up"

Der Wettbewerb "Mixed up" und "Kultur macht Schule" sind zwei Seiten einer Medaille. So hat das Projekt "Kultur macht Schule" neben der Arbeit an den Schulen vor Ort eine eigene Homepage, eine Projektdatenbank mit vielen Praxisbeispielen. Darüber hinaus wurde eine Ländersynopse von Viola Kelb erarbeitet, die die Kooperationen durch reichhaltige Informationen über kulturelle Kooperationen in den Ländern unterstützt.

Kaum abgeschlossen, wurde das Projekt "Kultur macht Schule" auch schon evaluiert: durch Viola Kelb von der BKJ und durch die Soziologin Dr. Helle Becker. Mit drei Thesen brachte sie die Ergebnisse und das Potenzial der kulturellen Bildung auf einen Nenner. 1) Die kulturelle Bildung hat Bildungsvisionen. 2) Träger der kulturellen Bildung sind anpassungsfähig und flexibel. 3) Die kulturelle Bildung verändert sich in den Kooperationen mit den Ganztagsschulen.

Große Bereitschaft für Veränderungen lockt die kulturelle Bildung an die Schulen, denn rund 80 Prozent der außerschulischen Mitarbeiter hätten sich engagiert, "um in den Schulen Reformen voranzubringen". Positiv sei ferner, dass gut 50 Prozent des Angebotes mit dem Unterricht konzeptionell verbunden sind. Allerdings müssten 74 Prozent der außerschulischen Kulturarbeiter ihr eigenes Material mit in die Schule bringen. Unzufriedenheit gebe es häufig mit der räumlichen Situation.

Elf Qualitätsmerkmale für Kultur und Schule

Die überwiegend positiven Ergebnisse der Evaluation wurden durch Viola Kelb bekräftigt. Kultur und Schule seien zwar ein sehr heterogenes Feld und trotz vieler erfolgreicher Modellprojekte gebe es noch viel zu tun. So brauche die kulturelle Bildung eine nachhaltige Struktursicherung, denn "ohne strukturelle Verankerung bleibt Kooperation punktuell und beliebig".

Prof. Klaus Schäfer

Ein zentrales Anliegen der kulturellen Bildung sei aber die Qualitätsentwicklung, die auf allen Seiten Veränderungen nach sich ziehe: Auf der Ebene der Angebote, der Fachkräfte und der Einrichtungen würden Kooperationen zu strukturellen Veränderungen führen. So hat das Projekt "Kultur macht Schule" insgesamt elf Qualitätsbereiche als Gelingensbedingungen für Kooperationen lokalisiert. Sie reichen vom Qualitätsbereich "Gesamtkonzeption", dem Qualitätsbereich "Zeit", bis hin zum Qualitätsbereich "Finanzen".

In der kulturellen Bildung erkannte Prof. Klaus Schäfer, Abteilungsleiter im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen einen Schub für die Praxis. Die kulturelle Bildung führe zu einer Entlastung der Schule. "Die Schule ist einem umfassenden Bildungsverständnis nicht mehr gewachsen und muss sich auf Partnerschaften einlassen".

Die Kommunen forderte er auf, integrierte Bildungslandschaften aufzubauen. "Die offenen Ganztagsschulen in Nordrhein-Westfalen sind ein Musterbeispiel wie ein Netzwerk gebildet werden kann", sagte Schäfer. Gefordert seien gemeinsame Planung und Steuerung sowie eine gemeinsame Fort- und Weiterbildung des schulischen und außerschulischen Personals. Eine Vernetzung der Ministerien habe in Nordrhein-Westfalen der kulturellen Bildung wesentliche Impulse gegeben.

Wie Landes- und Bundesministerien sich vernetzen

"Gibt es auch eine Vernetzung der Ministerien auf Bundesebene, die die Kultur- und Jugend- und Bildungspolitik zusammen bringt?" fragte Max Fuchs zwei Experten. "Ein Bundesministerium", so Hans Konrad Koch, Unterabeilungsleiter im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), "kann horizontal vernetzen". Und es könne Impulse setzen. Das Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB), das bis Ende 2009 vier Milliarden Euro zur Verfügung stellt, sei nur in enger Abstimmung mit allen am Prozess des Ausbaus von Ganztagsschulen Beteiligten realisierbar gewesen. Das Forum Bildung habe bereits ein Bildungsverständnis erarbeitet, das über PISA hinausreiche. Die kulturelle Bildung sei eine genauso wichtige Kompetenz wie Mathematik oder Lesen.

Mit der Föderalismusreform habe eine neue Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern begonnen. Auf der Ebene der internationalen Vergleichsuntersuchung und der Bildungsberichterstattung hätten Bund und Länder die Möglichkeit, gemeinsame Ziele auszuarbeiten: "Diese Grundlage für eine neue vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern kann weiter reichen als die Modellvorhaben der Bund-Länder-Kommission (BLK) dies vermochten. Deren Vorhaben hätten nicht genügend in die Breite oder in das Regelsystem transferiert werden können: "Ich weine der alten Gemeinschaftsaufgabe überhaupt nicht nach", so Koch weiter.

"Kulturelle Bildung von Anfang an"

Die kulturelle Bildung, daran erinnerte Hans-Peter Bergner, sei im Jugendhilfegesetz verankert. Der Referatsleiter für außerschulische Jugendbildung im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) bedauerte allerdings, dass es auf kommunaler Ebene zu geringe Vernetzungen zwischen den Jugend- und Kulturämtern gebe. Sein Ministerium habe aber sieben Millionen Euro zur Förderung der kulturellen Bildung veranschlagt, um Bildung von Anfang zu fördern.

Günter Winands

In Nordrhein-Westfalen ist die flächendeckende Verallgemeinerung der kulturellen Bildung in vollem Gang: "Ich werde nur dort investieren, wo die Mittel in die Breite gehen", so Staatssekretär Günter Winands vom Ministerium für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen und stellte sein Land als ein "Modell-Land kulturelle Bildung Nordrhein-Westfalen" vor. Vier Ressorts der Landesregierung haben sich - Winands zufolge - zusammengetan: das Schulministerium, das Kinder - und Jugendministerium, das Kulturressort in der Staatskanzlei und das Ressort für Stadtentwicklung. Der Etat für kulturelle Bildung sei verdoppelt worden.

Eine Welle in Bewegung: die kulturelle Bildung in Nordrhein-Westfalen

Aus dieser Initiative gingen das Landesprogramm "Kultur und Schule" hervor, das im Schuljahr 2006/ 2007 über 700 Projekte fördert, mit dem Ziel Künstlerinnen und Künstler sowie Kultureinrichtungen an die Schulen zu holen. Ein anderes Vorhaben ist das Projekt "Jedem Kind ein Instrument", das zunächst 1.000 Grundschulen im Ruhrgebiet aus Mitteln der Bundeskulturstiftung fördern will und als erster Schritt zur systematischen Vernetzung verstanden wird.

In nächster Zukunft wolle die Landesregierung ein Verfahren entwickeln, um gemeinsam nach Wegen zu suchen, auf denen die kulturelle Bildung vor Ort systematisch, nachhaltig gefördert werden könne: "Wir haben einen Stein ins Wasser geworfen. Ausgelöst wurde eine Wellenbewegung, und wir müssen jetzt bald zu konkreten Vereinbarungen kommen".  Die kulturelle Bildung hat in Nordrhein-Westfalen - so Winands - von dem "Modell München" gelernt. Nun liegt es an den Ländern sich von dem Beispiel NRW inspirieren zu lassen. Die Vorzeichen dafür stehen nach dem erfolgreichen Abschluss des Projektes "Kultur macht Schule" mehr als günstig.

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