Die "Kulturstrolche"

Ein "Kulturstrolch" ist ein Kind, das ein Museum, eine Musikschule oder ein städtisches Theater von innen erlebt hat. Möglich macht es die Initiative der Stadt Münster (Westfalen), die neun Kultureinrichtungen mit Ganztagsgrundschulen verzahnt hat. Auf dem Kongress "Kinder zum Olymp!" wurde das Projekt im Saarbrücker Staatstheater mit einem Preis ausgezeichnet. Werden die "Kulturstrolche" wie viele andere Projekte im Rahmen des Wettbewerbs Schulen machen? Zeichnen sich kulturelle Bildungslandschaften ab?

"Kulturstrolche sind Menschen, die sich in der Welt umschauen. Es macht Spaß, die Welt zu entdecken. Es ist schön, mit seiner Klasse hinter die Kulissen zu schauen." Mit diesen Worten bringt Miriam das Selbstverständnis der "Kulturstrolche" auf den Punkt - stellvertretend für die 200 Schülerinnen und Schülern des Projektes. Die "Kulturstrolche" besuchen Museen, Theater oder Musikschulen, all das, was vielen Kindern oft ein Leben lang verschlossen bleibt.

Die "Kulturstrolche" im Bürgerfunk der Volkshochschule Münster. Rechts die "Kulturstrolche" in der Stadtbücherei.© Katharina Grosse

"Kulturelle Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", betonte der saarländische Ministerpräsident Peter Müller zum Auftakt des Kongresses KINDER ZUM OLYMP! "Kunst vermitteln: der Bildungsauftrag der Kultur" am 28. Juni 2007 im Saarbrücker Staatstheater. Das Bildungssystem, die Kultureinrichtungen, Künstlerinnen und Künstler sah Müller in der Pflicht. Es gebe ein Recht der Kinder auf Kunst und Kultur, das in der Menschenrechtskonvention der Vereinten Nationen verbrieft sei: "Es liegt an uns, dass dieses Recht den Kindern gewährt wird."

Die Aktivitäten der Kulturstrolche treffen den Nerv von KINDER ZUM OLYMP!, der Jugendinitiative der Kulturstiftung der Länder, die seit 2003 versuchen, den Kontakt zwischen Kindern und Kultur auf verschiedenen Ebenen innovativ zu verstärken. Dazu gehören Kongressveranstaltungen zum Thema sowie auch der KINDER ZUM OLYMP!-Wettbewerb "Schulen kooperieren mit Kultur.

Unter den diesjährigen Preisträgern des Wettbewerbs "Kinder zum Olymp!" haben sich auch wieder Ganztagsschulen hervorgetan, darunter die Paul-Gerhart-Schule in Münster-Hiltrup mit dem Projekt "Kulturstrolche". In der Paul-Gerhart-Schule gibt es viele Kinder aus bildungsfernen Familien. 25 Prozent der Kinder haben einen Migrationshintergrund, erläutert die Schulleiterin Astrid Bühl. Die "Kulturstrolche" sind ein Modellprojekt des Schul- und Kulturdezernates der Stadt Münster. Die Projektleitung liegt beim Amt für Schule und Weiterbildung, während die Westfälische Wilhelms-Universität für die wissenschaftliche Evaluation zuständig ist. Die Einbindung der Kulturaktivitäten in die Curricula und den Schulalltag ist Aufgabe der Schulen.

Die Kinder für die eigene Zukunft sensibilisieren

Durch die Verzahnung von neun Kultureinrichtungen mit vier Ganztagsgrundschulen hat die Stadt Münster einen Weg gebahnt, Kinder und Jugendliche aus bildungsfernen Familien mit Kulturangeboten zu erreichen.

"Diese Kinder besitzen nicht die Möglichkeit, das kulturelle Leben in Münster zu entdecken." Geringe eigene Zukunftsperspektiven machen sie auch für die Zukunftsfragen der globalisierten Welt unempfindlich. Die Teilnahme dieser Kinder an dem Projekt hat Bewegung in die kommunale Bildungslandschaft gebracht: "Nun bringen die Kinder ihre Eltern, die teilweise nicht deutsch sprechen, mit ins Theater oder die Stadtbücherei", sagt Bühl. Das Projekt und die Ganztagsbetreuung erlaubten es, die für Grundschulen unentbehrliche kulturelle Bildung auch am Nachmittag anzubieten.

"Je früher die Kinder mit Kultur vertraut gemacht werden, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie später darauf zurückgreifen", betonte Dr. Gisela Steffens, Leiterin des Referates "Kulturelle Bildung" im Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Kulturelle Bildung aus städtischer Hand

Werkstattpräsentation mit Kindern und Jugendlichen aus Heidelberg und dem Theater und Philharmonischen Orchester der Stadt Heidelberg.

Die Kooperation zwischen den Grundschulen, der Stadt und den Kultureinrichtungen sorgt dafür, dass den städtischen Kulturinstitutionen das Publikum nicht abhanden kommt. "Das Besondere des Projektes sehe ich darin, dass die Initiative zur kulturellen Bildung nicht allein von den Lehrerinnen und Lehrern abhängt und sie ein Angebot erhalten, dass ihrem Unterricht zugute kommt", meint die pädagogische Mitarbeiterin im Amt für Schule und Weiterbildung der Stadt Münster, Katharina Grosse. 

Ihre Vorgesetzte Aud Riegel-Krause habe auch den Namen des Projektes angeregt, den sich die Kinder unverzüglich zu Eigen gemacht haben. Es sei hilfreich, wenn die großen Organisationsfragen durch die zuständigen Behörden in die Hand genommen werden, meint Schulleiterin Bühl über den Impuls, den die Stadt Münster dem Projekt gegeben hat. Durch die Zusammenlegung des Kulturamtes der Stadt mit dem Jugendamt sowie dem Bereich Schule und Familie hat Dr. Andrea Hanke, Dezernentin für Bildung, Familie, Jugend, Kultur und Sport Einfluss auf die Tätigkeiten der städtischen Kultureinrichtungen.

Wie das Schulamt Kultur und Schule verzahnt

Aus eigenen Kräften hätten die vier Schulen, die alle offene Ganztagsgrundschulen sind, nie so schnell mit so vielen Kultureinrichtungen Kontakt aufnehmen können. Die 200 Schülerinnen und Schüler lernen nämlich alle Kultureinrichtungen kennen, die sich an dem Projekt beteiligen - und die Liste der Kooperationspartner ist lang: sie reicht vom Stadtmuseum Münster (Bereich Kunst/ Geschichte), zur Westfälischen Schule für Musik bis hin zur Volkshochschule und dem Begegnungszentrum Meerwiese (Bereich Theater). Insgesamt vernetzt das Amt für Schule und Weiterbildung neun Kultureinrichtungen, die im Laufe der dreijährigen Projektzeit von allen Kindern einmal durchlaufen werden.

Mit dem Projekt haben Aud Riegel-Krause, die Ideen- und Namensgeberin der "Kulturstrolche", und Dr. Andrea Hanke vom Schulamt in Münster neue Horizonte eröffnet. Die Schülerinnen und Schüler erfahren außerschulische Lernorte als Kompetenzfelder, die ihr Selbstvertrauen und die Motivation stärken.

Kunst und Kultur sind kein Luxus

Die "Kulturstrolche" beim Wilsberg-Dreh: "Ecki" alias Oliver Korritke beantwortet Fragen der "Kulturstroche" und gibt Autogramme.

"Sich in der Welt umschauen", bedeutet übrigens mehr, als bloß zu schauen: Hören ist ebenso wichtig wie der Einsatz aller Sinne und des Denkvermögens. Die Notwendigkeit kultureller Bildung brachte der Komponist und Dirigent Hans Zender auf den Punkt. So habe die europäische Musik die Vielstimmigkeit erfunden, sie lehre also das Hören vieler Stimmen gleichzeitig. Während eine Collage in der Literatur oder der bildenden Kunst die Menschen in die multipolare Welt einübe, erlaube die Musik die Wiedergewinnung des seelischen Gleichgewichtes in einer Zeit, in der die Kinder zunehmend unter den Auswirkungen der technischen Vernunft leiden: "Sie ist ein Schatz, der uns helfen wird, unsere Zukunft zu bestehen".

"KINDER ZUM OLYMP!" ist ein jährlicher Wettbewerb, der von der Kulturstiftung der Länder gemeinsam mit der Deutsche Bank Stiftung durchgeführt wird, um Kooperationen von Schulen mit Künstlern und Kultureinrichtungen zu fördern und den Kindern und Jugendlichen dadurch einen eigenständigen Zugang zu Kunst und Kultur zu ermöglichen. Die begehrten Preise, die mit 2.000 Euro dotiert sind, können in sechs Wettbewerbssparten gewonnen werden: Architektur und Kulturgeschichte, Bildende Kunst, Film und neue Medien, Literatur, Musik und Musiktheater, Tanz und Tanztheater.

"Chefsache"

Bereits vier Jahre nach ihrer Gründung ist die Jugendinitiative "KINDER ZUM OLYMP!" der Kulturstiftung der Länder eine bundesweite Instanz geworden, die die kulturellen Leistungen der Schülerinnen und Schüler in Breite und Spitze fördert. Die Ergebnisse des diesjährigen Kongresses sollen über die Region hinaus wirken. Wenn das Saarland Anfang 2008 den Vorsitz der Kultusministerkonferenz übernehme, wird es sich laut Peter Müller dafür einsetzen, dass die Erkenntnisse und handlungsrelevanten Empfehlungen Früchte tragen. Um wirksamer zu werden, solle "kulturelle Bildung Chefsache sein", diesen Standpunkt vertrat Isabel Pfeiffer-Pönsgen, die Generalsekretärin der Kulturstiftung der Länder, stellvertretend für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer auf dem Kongress.

Der Wettbewerb "Kinder zum Olymp!" ist eine Fundgrube jugendkultureller Projekte wie auch die die Datenbank "Praxisbeispiele" veranschaulicht, die Projektideen aller Couleur aus Kunst und Kultur in Verbindung mit Schulen zusammenstellt. Hilfreich ist auch das Netzwerk "KINDER ZUM OLYMP!", das ein Forum überregionaler Projekte und Initiativen anbietet und wie der jährliche Kongress Kontakte und Diskussionsforen eröffnet. Der systemische Netzwerkansatz der "Kulturstrolche" verdankt sich - Katharina Grosse zufolge - auch diesen Kontakten.

Ästhetische Bildung als Kompetenzerwerb

Doch die Kulturvermittlung muss nicht unbedingt in Form eines Wettbewerbs oder eines zeitlich befristeten Projektes ausgetragen werden, um die kulturscheuen Kinder und Jugendlichen an den Olymp eines Theaters oder Museums zu locken. Der ehemalige Direktor des Max Planck-Instituts für Bildungsforschung Prof. Dr, Wolfgang Edelstein formuliert das Problem folgendermaßen: "Würde ein Angebot ästhetischer Bildung am Schicksal der Unterprivilegierten etwas ändern?" Ganztagsschulen, die das Zeitgefängnis öffnen, sind für Edelstein das Gebot der Stunde, insbesondere solche, die das Zeitregime mit "variablen Einheiten für unterschiedliche Bedürfnisse" überwinden.

Auf dem Weg zu den Kulturgütern der Welt hat das Modellprojekt "Kulturstrolche" für Miriam die Stolpersteine aus dem Weg geräumt: Die offene Ganztagsgrundschule eröffnet ihr Zeit für ihre kulturellen Bedürfnisse. "Sich in der Welt umschauen", ist für viele Kinder bislang ein unerfüllbarer Wunsch geblieben. Neue Wege der kulturellen Bildung öffnen die Schätze der Welt aber auch jenen, die sie am dringendsten benötigen.

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