"Mal eben um die Welt" oder kulturelle Bildung in Hamburg

In dem wachsenden Stadtstaat und der weltoffenen Kulturmetropole Hamburg haben sich neue Horizonte aufgetan: Ein durch Unternehmen, Stiftungen, Mäzene finanziertes Netz von Kulturprojekten, ein regionales Rahmenkonzept der Kinder und Jugendkulturarbeit, behördenübergreifende Netzwerke, die Verzahnung von Schule und außerschulischen Bildungsorten machen aus Hamburg eine Hochburg der kulturellen Bildung in Deutschland.

Szene aus dem Musical "Mal eben um die Welt"

"Mal eben um die Welt". Was als Titel auf Jules Verne hinweist, könnte für ein gesamtes Programm stehen: die lokale und globale Dimension der kulturellen Bildung in Hamburg. "Multi Kuh Bühne", "Die kleine große Welt", "Multiethnisches Rhythmusfestival", "Ich und meine Stadt", so heißen die Themen im Handlungsfeld "Transkulturelle Dynamik". Insgesamt fördert die Hansestadt im Rahmen eines kulturellen Netzwerkes rund 100 Projekte mit rund 3 Mio. Euro - aus einem Topf, in den sowohl öffentliche Gelder der Stadt Hamburg wie Mittel privater Sponsoren eingeflossen sind.

Der Titel "Mal eben um die Welt" geht ursprünglich aus einem Musical der Gesamtschule GS Harburg hervor, das im Rahmen der Hamburger Kulturförderung entstanden ist.

Jules Verne und das Musical der Harburger Ganztagsschule

In Anlehnung an Jules Vernes Klassiker "In 80 Tagen um die Welt" wurde das Stück von den Schülern und Künstlern komponiert, und mit aufwendigen Bühnenbildern, Tänzen und heißen Songs hebt es sich wiederum von Jules Vernes Phantasiewelten ab. Drei Freunde, Mellie, Zwerch und Hannah entdecken die Irrungen und Wirrungen der globalen, in Turbulenzen geratenen Welt.

Nicht nur im Musical, auch für die Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte und nicht zuletzt für die Künstler selbst geht es um bisher unbekannte Horizonte. Die Crew nämlich, die diesen Kosmos im Windschatten Jules Vernes erschaffen hat und bereits über 3.000 Zuschauer mit ihrer Performance begeistert hat, hat neue Welten des Lernens kennen gelernt: "Durch das Musical haben die Schülerinnen und Schüler erfahren, dass es in der Schule nicht nur auf Noten ankommt, sondern auch auf Persönlichkeitsentwicklung, Selbstvertrauen und Teamfähigkeit", erläutert Schulleiterin Heidrun Pfeiffer.

Horizonte der kulturellen Bildung

Per Definition ist der Horizont das, was das menschliche Auge zwischen Erde und Himmel ausmacht (die wörtliche Übersetzung des griechischen Wortes lautet "Gesichtskreis"). Er befindet sich immer dort, wo der menschliche Blickwinkel eine Schnittstelle zwischen Himmel und Erde ausmacht. Die Horizonte der kulturellen Bildung bezeichnen also jene Schnittstellen, wo sich die Funken gelungener Kooperationen par excellence entzünden.

"Die Kinder und Jugendlichen erweitern über die Aneignung von Schlüsselkompetenzen ihren Horizont", so die Schulleiterin der "Pilotschule Kultur". Das Land Hamburg hat drei Ganztagsschulen als Pilotschulen für die Kinder- und Jugendkulturarbeit auserkoren, von denen die GS Harburg überdies Mittel aus dem Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung" (IZBB) bezieht, das den Ausbau der Ganztagsschulen mit vier Milliarden Euro fördert. Aus diesen Mitteln wurde der GS Harburg unter anderem eine Kantine finanziert, die im Mensabereich "eine wunderschöne Atmosphäre mit Dorfcharakter Schule erzeugt hat", so Heidrun Pfeiffer.

In den Augen der Hansestadt Hamburg ist jede Schule im Rahmen des Netzwerkes ihr Kulturpartner und sie bedenkt diese über eine Zeitspanne von drei Jahren mit 10.000 Euro jährlich. Auf diesen Mitteln können die Schulen sich aber nicht ausruhen, da sie einen Eigenanteil von 50 Prozent erwirtschaften müssen. Sofern die Schulen nun das Zertifikat "Pilotschule Kultur" erhalten, haben sie stets die Servicefunktion der Kultur im Auge. Das heißt, sie wählen ihre Kulturinhalte, wie im "richtigen Leben" eines Theaters oder einer Kunstschule, nicht ohne Blick auf das Publikum aus.

Die Fachleute sind sich dabei einig, dass die Ganztagsschulen einen besonderen Beitrag dazu leisten können, die kulturelle Bildung in der Breite zu verwirklichen: "Viele Experten aus dem kulturellen Umfeld sehen die Ganztagsschule als Chance, eine größere Zahl von jungen Leuten zu künstlerischer und kultureller Aktivität zu animieren - es müssen allerdings angemessene Kooperationsmodelle gefunden werden. Die Betonung liegt hierbei auf der Möglichkeit, insbesondere Jugendliche aus ,kulturfernen' Schichten bzw. mit niedriger Schulbildung zu erreichen", schreibt Susanne Keuchel in der jüngst erschienen Publikation "Kulturelle Bildung in der Ganztagsschule" des Zentrums für Kulturforschung.

Schulen werden Kulturpartner der Kultusbehörde

Stetig und zielbewusst hat sich der Stadtstaat Hamburg zu einer Hochburg der kulturellen Bildung in Deutschland entwickelt - "mit neuen Chancen im Kooperationsfeld Schule, Kultur und Jugendhilfe", wie Werner Frömming bekräftigt. Die Potenziale der kulturellen Bildung liegen für den Kulturfachmann in den außerschulischen Orten, etwa für Medienprojekte und Theateraufführungen, sowie in dem Projekt- und Veranstaltungscharakter eines Musicals. Sie liegen aber auch in der Servicefunktion und dem Kommunikationsaspekt der kulturellen Bildung. Die Kulturschulen sollen die Öffentlichkeit stets über ihre Angebote auf dem Laufenden halten.

Dass die kulturelle Bildung nicht zuletzt als Standortfaktor begriffen wird, verdeutlicht das Vorwort von Kultursenatorin Karin von Welck zum Rahmenkonzept der Kinder- und Jugendkulturarbeit in Hamburg: "Ausgehend von der Erkenntnis, dass es zu einer ,wachsenden Stadt' gehört, den Standort gerade auch für Familien mit Kindern besonders attraktiv auszugestalten, wurde die Kulturbehörde im Jahr 2003 beauftragt, in Zusammenarbeit mit der Behörde für Bildung und Sport, der Behörde für Soziales und Familie, der Behörde für Wissenschaft und Gesundheit das vorliegende Rahmenkonzept zu erarbeiten".

Investitionen in die Hamburger Netzwerkkultur

Dem Wirken an den Schnittstellen ist es zu verdanken, dass kulturelle Bildung in Hamburg insbesondere in Netzwerken funktioniert: "Da bündelt sich alles", meint Frömming, "wenn Kulturpartner, Stiftungen, Verbände und Regierungsbehörden an einem Strang ziehen".

So liegt der entscheidende Beitrag zur systemischen Verankerung der Kultur in Hamburg für Frömming nicht zufällig in der Netzwerkkultur des Landes begründet: "Wir haben den strategischen Orientierungsrahmen der kulturellen Bildung nicht alleine in unserer Behörde ausgebrütet, sondern mit allen Beteiligten in Workshops abgestimmt, bis er im Juli 2004 in einen Senatsbeschluss mündete."

Dieser breite Zugang auf Regierungsebene, also die Vernetzung der entscheidenden Ressorts wie Kultur, Bildung und Sport, habe in der Hansestadt eine anhaltende Aufbruchstimmung erzeugt: "Es ging von Anfang an auch um Qualität und Nachhaltigkeit im Diskurs". Allein für das Handlungsfeld "Koordination, Schnittstellen, Netzwerke" oder für das Handlungsfeld "Öffentlichkeitsarbeit" wurden im Rahmen des Netzwerkes kulturelle Bildung im Jahr 2006 jeweils 77.000 Euro beziehungsweise 45.000 Euro für verschiedene Projekte ausgegeben. Dazu gehört beispielsweise der Kommunikationsservice der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur, der 2006 mit 20.000 Euro gefördert wurde.

Auf einen Blick: 300 Kulturangebote

Um den Horizont der Kulturarbeit nicht aus den Augen zu verlieren, schafft eine Datenbank Orientierung über die Angebote der Kultur- und Künstlerszene in Hamburg und deren mögliche Nutzung in Schule und Unterricht. Diese von der Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendkultur, dem Jugendinformationszentrum sowie der Kulturbehörde angelegte Datenbank versammelt insgesamt 300 Angebote von rund 200 Anbietern. Über ein Online-Formular können jederzeit neue Kulturangebote in die Datenbank eingetragen werden.

Konkrete Hilfestellungen zu mehr Autonomie in Sachen Kultur und Finanzen leistet das Landesinstitut für Lehrerbildung, das aktuelle Fortbildungsbausteine zum Thema entwickelt hat. "Schulen werden ihre eigenen Agenturen", heißt ein Baustein. Die Grundlagen des Mittelerwerbs (Fundraising) werden ebenso vermittelt wie die professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Das heißt, Schulen lernen korrekt abrechnen, sie entwickeln ein eigenständiges Profil als Kulturschule und wenden sich damit gezielt an die Öffentlichkeit: "Sie stellen ihr kulturelles Profil als Magnet nach außen dar, um über die dreijährige Projektförderung hinaus Nachhaltigkeit zu erlangen", erläutert Frömming.

Von der Kultur in den Beruf

Funken gelungener Kooperation entzünden sich auch an der Schnittstelle Schule - Berufsorientierung. Das Projekt "Elb-Station - Junge Akademie für Medien und Kultur", das Ende 2005 aus der Taufe gehoben wurde, verdeutlicht neben den Pilotschulen ein weiteres Charakteristikum der kulturellen Bildung in Hamburg. Es wurde von der MPC-Capital Stiftung in Kooperation mit der Bürgerstiftung Hamburg entwickelt und nimmt 25 Schülerinnen und Schüler aus elf Nationen auf: "Eine wilde Mischung", meint Felix H. Kuhn vom Vorstand der MPC-Stiftung. Das Projekt verknüpfe die kulturelle Bildung mit der Migrationssozialarbeit und Mehrsprachigkeit.

Zunächst werben drei Projektleiter, die die Sparten Theater, Radio sowie Foto & Video abdecken, an drei kooperierenden Schulen für künstlerische und medienorientierte Projektarbeit jenseits des Klassenraums. Dann werden die Schülerinnen und Schüler aktiv, sie bewerben sich formal um die begehrten Plätze. An dieser Stelle wird von den Projektleitern auch die Meinung der Lehrerinnen und Lehrer eingeholt, weil sie ja die Stärken und Schwächen ihrer Schüler einzuschätzen wissen. "Die Lehrerinnen und Lehrer finden uns klasse und haben uns von Anfang an unterstützt", sagt Felix H. Kuhn.

Die verlängerte Werkbank "Elb:Station"

Wenn die Jugendlichen zweimal in der Woche freiwillig die "Elb:Station" aufsuchen, essen sie erstmal Obst oder andere Speisen, um ihren Blutzuckerpegel anzuheben. Dann teilen sie sich in drei Gruppen auf - und los geht die Arbeit. Die brasilianische Projektleiterin Elisabeth Nascimento-Bunk, die in ihrer Radiogruppe auch portugiesische und brasilianische Jugendliche hat, führt ihre Eleven in die Techniken des Mediums ein. Ein Realschüler habe seine Stärken in der Moderation entdeckt: "Er hat gelernt, die Sachen besser auf den Punkt zu bringen", so die Brasilianerin.

Ein weiterer Schüler aus der achten Klasse, der großes technisches Verständnis mitbrachte, gibt das Gelernte an die Kollegen weiter. Es werden also keine unnötigen Konkurrenzkämpfe ausgetragen, denn die Gruppe und das Gelingen des Projektes stehen stets im Vordergrund. Das ist praktizierte Jungenförderung. Überhaupt erhalten die Jungendlichen eine Vorstellung davon, wieviel Arbeitsaufwand es kostet, einen fünfminütigen Radiobeitrag zu erstellen. Wenn sie ihre Ergebnisse auch vor den Eltern präsentieren, sind diese leicht davon zu überzeugen, dass Kultur ihren Kindern sehr gut bekommt. Derzeit setzt sich Felix H. Kuhn bei der Schulbehörde dafür ein, dass die Projektergebnisse in die Schulnote eingehen.

So öffnet das Konzept der "Elb:Station" neue Horizonte der Kinder und Jugendkulturarbeit. Wenn Werner Frömming demnächst dem Rat der Kulturen in Berlin das Hamburger Modell der kulturellen Bildung vorstellen wird, bringt er folgende Botschaft mit: "Wir würden uns freuen, wenn auch die anderen Länder von Hamburg lernen". Wenn die Funken des Gelingens also auf andere Länder überspringen.

Literatur zum Thema:
Keuchel, Susanne (2007): Kulturelle Bildung in der Ganztagsschule. Eine aktuelle empirische Bestandsaufnahme. Hrsg: Zentrum für Kulturforschung. Bonn: ARCult Media.

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